Archiv der Kategorie: ADHS & Gesellschaft

Nicht-medikamentöse ADHS-Behandlung mit Fischöl

Über Ernährung ADHS behandeln ?

Fischöl-Kapseln bei ADHS

Ich muss zugeben, dass sich bei mir fast ALLES innerlich sträubt, erneut eine Diskussion über Nahrungsergänzungsmittel bei ADHS zu starten.

Statt „Essen auf Rädern“ geht es ja bei dem Thema Nahrungsergänzungsmittel darum, dass die Anbieter eine Lücke ausnutzen. Sie suggerieren, dass ihre Präpärate „gesund“, ja gesünder als gut untersuchte und zugelassene Medikamente sind und daher keine Nebenwirkungen hätten. Man könne es ja mal versuchen mit dieser „natürlichen“ Art der ….

Ja, was eigentlich ?
Behandlung ?

Nein. Es kann ja keine Therapie oder Behandlung von ADHS sein, wenn es sich gerade nicht um Medikamente handeln soll.

Essen ?
Nun, warum um alles in der Welt sollten nun Fischöl-Kapseln bzw. irgendwelche Zusammensetzungen besser oder schlechter als Aldi-Tiefkühlkost sein ? Ist das auch nur ansatzweise belegt, dass es einen Mangel an Nährstoffen gibt, der nun im Zusammenhang mit ADHS oder Autismus eine Rolle spielt ?
Ganz zu schweigen, vom Wochenmarktangebot oder den Angeboten eines Fischhändlers ?

Eher dürften wir doch in der heutigen Zeit uns weit vielfältiger ernährern, als noch vor 100 Jahren. ADHS als Zivilisationskrankheit der schlechten Ernährung ? Das passt nicht.

Und doch : Es gibt durchaus seriöse Hinweise darauf, dass man mit Nahrungsergänzungsmitteln, die Omega-Fischöle enthalten, Resultate erzielen kann. Die Hersteller sagen dann natürlich, dass es an IHRER speziellen Mischung liegt, warum die Fischöle in der Anwendung dann wirken. Oder warum auch nicht.

Immerhin muss man ja zugeben, dass es unglaublich viel Literatur und Veröffentlichungen zu diesem Thema gibt.

Eine neue Studie wurde jetzt in Israel auf einem ADHS-Kongress präsentiert. Es geht um Vayarin(R), ein in den USA ziemlich weit beworbenenes Lebensmittel mit gesundheitsfördernder Wirkung.

Diese Kombination von „Lebensmittel“ und beworbendem Gesundheitseffekt wäre bei uns offiziell so nicht erlaubt. Aber wer weiss, welche Kniffe sich die Anbieter da einfallen lassen.

In der retrospektiven Studie wurden über 500 Kinder nachverfolgt, die mal dieses Vayarin erhalten hatten. Bei über 68 wurde eine „Besserung“ angegeben. Für mich Ungläubigen ist dabei unklar, worin die Besserung wirklich bestand und ob es sich auch um einen anderen Wirkeffekt oder aber spontane Schwankungen handeln könnte. Zumal offenbar ein sehr grosser Teil die Kapseln zusammen mit einer Pharmakotherapie von Stimulanzien einnahm. Das waren dann (die gleichen ?) 66 Prozent.

Als Erfolg der Studie wurde u.a. eine Reduktion der Stimulanziendosis bei einem Drittel der Jugendlichen angegeben. Wir wissen aber ja, dass sich die notwendige Stimulanziendosis bei Teenagern eher reduziert und nicht erhöht…

Ihr merkt, so ganz bin ich noch nicht überzeugt.

Aber egal. Ich weiss, dass auch in Deutschland Studien zu Omega-Fettsäuren gemacht werden. Da bin ich sehr dafür.

Ich habe nur die Sorge, dass damit indirekt suggeriert wird, dass die Stimulanzientherapie „schlecht“ und Öl in Kapseln „gut“ ist. Und das ist definitiv so nicht richtig. Aber auseinander setzen muss man sich damit halt schon.

Welche Erfahrungen habt IHR mit Fischöl-Kapseln ?

VAYA Pharma. New Retrospective Study Shows PS-Omega-3 Medical Food Effective In Managing ADHD. 2016. Web. 27 Apr. 2016.

ADHS 2027 (Teil 3/3)

Auch wenn es hoffentlich nicht so schlimm kommen mag, wie in Teil 1 skizziert, so habe ich bezüglich dem zukünftigen Verständnis von Menschen mit einer ADHS und deren Therapie doch einige Bedenken.

Ich hoffe einfach, dass sich noch viel mehr Betroffene und Fachpersonen zusammentun, sich beispielswiese in Selbsthilfegruppen engagieren und gemeinsam versuchen, der künftigen Entwicklung ihren Stempel „von unten“ aufzudrücken. Wer nicht will, dass in Zukunft Computersysteme statt Menschen ADHS- und andere psychiatrische Diagnosen stellen und wer nicht will, dass Psychopharmaka dereinst unser täglich Brot werden, muss die „Sache“ selbst an die Hand nehmen und darf sich nicht nur auf die Spezialisten verlassen.

Mit diesem Beitrag  verabschiede ich mich von den Leserinnen und Lesern. Seit 2011 habe ich für dieses Blog zahlreiche Artikel rund um die ADHS verfasst. Dabei ging es mir nicht primär um theoretische Erläuterungen. Mein Anliegen war, Fachinformationen einzubringen, welche praxisrelevant sind. ADHS-Betroffene und/oder Angehörige sollten einen praktischen Nutzen aus diesen Informationen ziehen können. Andererseits war es mein Anliegen, auch auf die gesellschaftlichen Dimensionen der ADHS aufmerksam zu machen. Ich hoffe, das ist mir mehrheitlich gelungen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Und Danke auch den zahlreichen Kommentatorinnen und Kommentatoren. Die Rückmeldungen und Diskussionen waren auch für mich immer bereichernd.

Und ein dickes Merci schliesslich an Chris G., welche seit Jahren unser Blog-BackOffice managt und uns immer wieder mit guten Inputs und konstruktiver Manöverkritik unterstützt.

Piero Rossi

 

Teil 1 | Teil 2

ADHS 2027 (Teil 2/3)

Zurück auf Null.

Wir schreiben das Jahr 2027.

Echt stark, was sich in den letzten Jahren bezüglich Verständnis von und Umgang mit ADHS-Betroffenen und deren Therapie so alles verbessert hat. Aufzeigen will ich das mit einer unvollständigen Aufzählung von Innovationen in der Behandlung von Kindern mit einer ADHS.

Diagnose: Diagnostische Untersuchungen erfolgen in unklaren Fällen heute EU-weit in multidisziplinären ADHS-Kompetenzzentren. Und dies im Rahmen eines ein- bis dreimonatigen Aufenthaltes. In diesen Fachzentren besuchen die Kinder auch eine Klinikschule. An zwei Tagen pro Woche sind auch die Eltern anwesend. Ein Team von gut ausgebildeten Fachpersonen aus verschiedenen Disziplinen untersucht und beurteilt das verhaltensauffällige Kind und leitet die Behandlung ein. Weil dabei auch Sozialarbeiterinnen mitwirken, können psychosoziale Belastungen, welche zu ADHS-ähnlichen Verhaltensauffälligkeiten führen, besonders gut erfasst werden.
Da immer auch eine neuropsychologische Untersuchung erfolgt, kann zudem gewährleistet werden, dass auch neuropsychologische Störungen, die zu ADHS-ähnlichen Problemen führen können, erfasst werden können. Dazu zählen unter anderem primäre Merkfähigkeits- oder Raumverarbeitungsstörungen.
Auch im ambulanten Bereich verzeichnen wir grosse Fortschritte. So existieren nicht nur bezüglich Diagnosen, sondern auch hinsichtlich des Workflow von Untersuchungen verbindliche, evidenzbasierte Leitlinien. Diese und andere Massnahmen brachten es mit sich, dass in den letzten Jahren trotz gleichbleibender Auftretenshäufigkeit weniger ADHS-Diagnosen gestellt wurden. Multidisziplinäre Teams, Qualitätssicherung etc. führten nämlich dazu, dass mögliche Differenzialdiagnosen besser beachtet werden konnten. Es werden heute viel weniger falsch-positive ADHS-Diagnosen gestellt als früher. Das senkte auch die Behandlungskosten massgeblich.

Therapie: Die Therapieeinleitung erfolgt in den ADHS-Kompetenzzentren oder in deren regionalen Niederlassungen, welch ihrerseits bestens mit den lokalen Kinderärztinnen und Psychologen vernetzt sind. Zum Glück verfügen wir seit drei Jahren über ADHS-Depot-Medikamente, welche eine Wirkdauer von einem Monat gewährleisten. Das macht die Behandlung viel unkomplizierter. Erfreulich auch die Fortschritte in der psychotherapeutischen Versorgung von Kindern mit einer ADHS. Diese ist mittlerweile EU-weit „Pflicht“. Und was noch wichtiger ist: Die Versorgung ist (fast) überall flächendeckend gesichert.

Alternative Therapien: Anbieter von so genannt alternativen ADHS-Therapien erhalten gegen eine tragbare Mitfinanzierung bei einer von der öffentlichen Hand getragenen und unabhängigen Fachstelle die Möglichkeit, ihre Behandlungen auf Wirksamkeit und Risiken überprüfen zu lassen. Ohne die Anerkennung dieser Fachstelle ist es seit zwei Jahren untersagt, Methoden oder Substanzen zur Behandlung der ADHS zu bewerben und zu verkaufen. Diese Massnahme bewirkte schon bald, dass sehr vielen ADHS-betroffenen Kindern und deren Angehörigen ein langer Leidensweg – verursacht durch unwirksame „Therapien“ – erspart bleiben konnte. Das gilt auch für die früher öfters eingesetzte Therapie mit Neurofeedback, Homöopathie, Chiropraktik, Hypnose und diversen Diäten. Es zeigte sich deutlich, dass viel zu wenige Kinder von dieser Behandlung im Schul- und Familienalltag ganz konkret zu profitieren vermochten. Ihr Leidensweg wurde unnötig verlängert.

Schulen: Seit 2020 ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass alle Schulen eine Anlaufstelle für Kinder mit einer Behinderungen haben müssen. Die zuständigen Fachpersonen stellen sicher, dass die Kinder bei Bedarf eine heilpädagogische Unterstützung erfahren und dass – falls erforderlich – ein Nachteilsausgleich gewährt wird. Heute wissen alle Lehrpersonen über die ADHS prima Bescheid. Kein Vergleich zu früher! Dadurch können Kinder mit einer ADHS früher erfasst und behandelt werden. Das führte nicht nur für das betroffene Kind und die Lehrperson, sondern meistens auch für den ganzen Klassenverband zu einer grossen Entlastung.

ADHS-Eltern- und Selbsthilfegruppen: Diese können seit ein paar Jahren auf Antrag vom Gesundheitsamt finanziell unterstützt werden. Damit können die Nebenkosten (Raummiete, Telefon etc.), aber auch Fortbildungen finanziert werden. Voraussetzung sind neben einer Mindestgrösse unter anderem, dass keine finanzielle Unterstützung von der Pharmaindustrie beansprucht wird. Selbsthilfegruppen haben heute einen viel grösseren Stellenwert als früher. Dies unter anderem auch deswegen, weil die Berührungsängste zwischen Eltern betroffener Kinder und Fachpersonen, mit Kindern mit einer ADHS, abgenommen haben. So engagieren sich heute immer mehr Fachpersonen als gleichberechtigte Teilnehmer in den ADHS-Elterngruppen. Übrigens: Wie zu erwarten war, sind die meisten ehemaligen ADHS-Fachverbände eingegangen. Sie haben Tagungen veranstaltet (oder auch nicht) und haben geredet und geredet. Bis alles eingeschlafen ist.

Pharmaindustrie: Seit fünf Jahren ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass die Pharmaindustrie Fachpublikationen und alle Ärzte und Psychologen mögliche Interessenskonflikte öffentlich ausweisen. So können heute Eltern schon vor Behandlungsbeginn klären, ob ihr Arzt etwa durch die Beteiligung an klinischen Studien Geld oder andere Vergünstigungen erhält und dadurch bei der Therapie des Kindes bestimmte Medikamente bevorzugen könnte. Diese Regelung ermöglichte es, dass Eltern dem Arzt gegenüber konsumentenbewusster auftreten konnten und diese Punkte ansprachen. In vielen Fällen führte dies zu einer Verbesserung der Beziehung zum Arzt, was dann auch dem betroffenen Kind zugute kam.

ADHS-Forschung: Seitdem der Staat und nicht mehr primär die Pharmaindustrie die ADHS-Forschung bezahlt (finanziert auch durch Steuererhöhungen bei den Pharmaunternehmungen), können nun endlich auch Gebiete erforscht werden, welche bisher völlig unbeachtet blieben. Es werden auch mehr Mittel bereitgestellt für die Erforschung psychotherapeutischer und neuropsychologischer Therapiemöglichkeiten der ADHS. Beispiel: Seit Jahrzehnten weiss man, dass sich bei vielen Kindern mit einer ADHS die Problematik mit der Adoleszenz teils oder ganz auswächst. Warum dies so ist und ob und wenn ja welche therapeutische Implikationen das hat, wird erst seit zwei Jahren erforscht.

Träumen darf man ja. Und trotzdem. Ich mache ich hier mal einen Punkt.

Und morgen dann Teil 3.

Zurück zu Teil 1

ADHS 2027 (Teil 1/3)

Wir schreiben das Jahr 2027.

Der Anteil an Elektroautos am Privatverkehr stieg zwischenzeitlich auf satte 86 %. Die Kosten für den öffentlichen Verkehr (Bahn, Bus etc.) wurden halbiert. Roboter saugen nicht nur unsere Böden, sondern begleiten unsere Kinder auch beim Erledigen der Hausaufgaben (und anschliessend beim Spielen). Bargeld wurde abgeschafft. Kinder erhalten ab Schuleintritt eine Geld- bzw. Kreditkarte. Alte Smartphones von 2021 sind zwar vereinzelt noch im Umlauf. Und noch dominieren intelligente und rein sprachgesteuerte Armbänder, welche die Smartphones ablösten. Erfolgreiche Versuche am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lassen uns hoffen, dass wir uns in ein, zwei Jahren schmerzlos einen Mikrochip unter die Haut implantieren lassen können. Dieser wird alle Funktionen der früheren Smartphones enthalten  (und noch viel mehr können). Die Steuerung wird über Sprache und Gesten erfolgen sowie dereinst auch mental (also via Gedanken).

Der rasante technologische Wandel macht auch nicht Halt in der Entwicklung der Behandlung von Krankheiten. Begünstigt wird die rasante Entwicklung durch die Privatisierung der meisten Universitäten, welche ab 2020 einsetzte. Die Übernahme einzelner Institute durch die Pharmaindustrie setzte grosse unternehmerische Ressourcen frei. Dies vor allem auch, weil Forschung und Lehre bis heute immer noch zu 75 % vom Staat finanziert werden.

Auch hinsichtlich der Diagnostik und der Therapie von ADHS verzeichnen wir gewaltige Fortschritte. Wegbereitend war die Revision des DSM-5 im Jahr 2019, welche zu einer beeindruckenden Umsatzentwicklung von ADHS-Medikamenten führte.

Die diagnostischen Kriterien im DSM-6 entsprachen zwar weitgehend den Vorgängerversionen von 1994 und 2015. Geändert wurde im DSM-6 vor allem das diagnostische Kriterium „B“: Hiess es im DSM-IV von 1994 noch, die Erstmanifestation der ADHS-Symptome müsse “ … vor dem siebten Lebensjahr“ liegen, wurde dies 2015 (DSM-5) angepasst auf „… vor dem zwölften Lebensjahr“. 2019 schliesslich wurde im DSM-6 das Alter, vor welchem sich die ADHS-Symptome zeigen müssen erneut abgeändert. Und zwar auf das 18. Lebensjahr. Damit trug DSM-6 (endlich) dem Umstand Rechnung, was Feldforschungen und Konsensuskonferenzen schon lange anzeigten, dass nämlich das frühe Erstmanifestationsalter einfach nicht mehr den klinischen Gegebenheiten entsprach. Zu vielen ADHS-Betroffenen seien bisher wirksame Therapien vorenthalten worden, wurde reklamiert.

Mit den bereits 2010 (oder sogar früher?) erstmals beschriebenen und zwischenzeitlich hochdifferenziert erforschten ADHS-Biomarkern ist es mittlerweile mit einer Zuverlässigkeit von 99,4 % möglich geworden, bei einem Individuum festzustellen, ob eine ADHS vorliegt und um welchen Subtyp genau es sich handelt (wir kennen heute bekanntlich acht Subtypen).

ADHS-Biomarker sind messbare und für die ADHS charakteristische biologische Merkmale wie Gene, Hormone oder elektrophysiologische Werte (EEG). Damit wurde es auch möglich, zuverlässig festzustellen, welche Menschen eine genetische Disposition für eine ADHS in sich tragen. Vorbei also die alten Zeiten, als Ärztinnen und Psychologen sich noch auf wacklige aktuelle Befunde und die unsichere Anamnese abstützten mussten. Früher blieben die Patientinnen und Patienten der persönlichen Beurteilung der Fachperson ausgeliefert. Dank Biomarkern und der damit ermöglichten Diagnose des je persönlichen vorliegenden Subtyp der ADHS wurde es auch möglich, individuell massgeschneiderte medikamentöse Therapien einzusetzen. Im Gegensatz zu früher haben wir heute subjektiv unverfälschte biologische Fakten, welche uns computergestützt Diagnosen und Therapiepläne liefern. Ein grosser Fortschritt, denn die Schwachstelle Mensch konnte damit definitiv umgangen werden.

Bereits 2022 wurde aufgrund der schon lange bekannten und nachweislich hohen Erblichkeit der ADHS damit begonnen, sämtliche Geschwister von ADHS-betroffenen Kindern ab dem dritten Lebensjahr vorsorglich mit Stimulanzien behandeln. Diese präventive Behandlung mit Stimulanzien erfolgt seit einem Jahr auch dann, wenn nicht beim Kind selbst, sondern lediglich bei einem Elternteil oder bei einem Verwandten ersten Grades eine klinisch manifeste ADHS oder eine mittels Biomarkern festgestellte genetische ADHS-Disposition vorliegt.

Die präventive medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien gilt offiziell zwar immer noch als freiwillig, wurde de facto aber zur Pflicht. Und zwar weil alle bezahlbaren Krankenkassen bei klinischer Manifestation einer ADHS sonst ihre Leistungen verweigern würden. Zu teuer sind die Folgen einer nicht oder zu spät erkannten und behandelten ADHS, argumentieren die Krankenkassen.

Weil präventive Behandlung mit psychoaktiven Medikamenten bei Kindern nicht nur bei einer ADHS-Disposition, sondern seit einem Jahr auch bei positiven Biomarkern für Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen sowie bei anderen psychischen Erkrankungen zur Anwendung kommen, entwickelte die Pharmaindustrie  – gestützt auf Biomarker  – individualisierte Kombinationspräparate. Der „personalisierten Medizin“ sei an dieser Stelle für ihr grosses Engagement herzlich gedankt.

Neu ist seit ein paar Jahren, dass diese Medikamente gleichzeitig auch Wirkstoffe gegen unerwünschte Arzneimittelwirkungen enthalten. Das hat auch die ADHS-Therapie massgeblich vereinfacht. Zudem wird in klinischen Studien bereits seit einem halben Jahr erprobt, wie sich bei Kindern implantierte ADHS-Medikamentenpumpen bewähren. Die Dosierung kann vom erwachsenen Patienten sowie von Eltern betroffener Kinder via Smartphone-App in einem gewissen Spielraum selbst gesteuert werden. Später soll im Unterricht auch eine Steuerung durch die Lehrpersonen möglich werden.

Erstaunlich wenig umstritten sind die jüngsten Bestrebungen der Krankenkassen, eine mögliche ADHS-Disposition bereits im Rahmen der Pränataldiagnostik zu erfassen. Dies liegt wahrscheinlich am grossen Engagement der seit 2019 in allen medizinischen Zentren durchgeführten humangenetischen Beratungen (obligatorisch für Schwangere). Vielen Eltern konnten die Skrupel genommen werden, nicht nur ihren Kindern mit manifesten Behinderungen, sondern auch jenen mit  potentiellen künftigen Erkrankungen durch einen Abbruch der Schwangerschaft einen lebenslangen Leidensweg zu ersparen. Widerstand gegen die pränatale ADHS-Diagnostik regt sich zurzeit einzig von einigen fundamentalistischen Uralt-68ern sowie von einzelnen Pharmaunternehmungen, welche um ihre Umsätze bangen.

Auch die psychotherapeutische Behandlung der ADHS hat gewaltige Fortschritte gemacht. Der für die Patientinnen und Patienten doch immer mühsame Besuch in der Sprechstunde des Psychotherapeuten oder der Psychiaterin entfällt heute weitgehend. Zum Einsatz kommen vielmehr automatisierte Therapieprogramme, welche die Eltern mit ihren Kindern in virtuellen „in vivo“ Therapieübungen durchführen. Kontrolliert werden sie dabei via Daten, welche in Echtzeit an die Therapeutinnen und Therapeuten übermittelt werden.

Schöne Fortschritte machte auch die apparative ADHS-Therapie. So wurde mittlerweile der therapeutische Einsatz von App-gesteuerten und teils automatisierten und adaptiven Stromimpulsgeräten zur Abgewöhnung unerwünschten Verhaltens (früher übrigens in ähnlicher Form in der Hundeerziehung eingesetzt) zum festen Bestandteil von ADHS-Therapien bei Kindern. Neu ist die Kombination mit der Freisetzung von nicht süchtig machenden euphorisierenden Medikamenten (via implantierter Medikamentenpumpe). Diese arbeitet immer dann (entweder automatisch und/oder von den Eltern oder der Lehrpersonen aktiviert), wenn das Kind die gewünschten Reaktionen zeigt (Belohnung). Musste das zu behandelnde Kind zu diesem Zweck bis 2022 noch ein 24h-Therapiearmband tragen (versehen mit einem Akku und 20 – 30 Edelstahlkontakten zur Stromimpulsübertragung), übernimmt neu ein kleines, implantiertes Gerät diese Funktionen. Für die behandelten Kinder stellt dies ein grosser Fortschritt dar, da sie sich in den meisten Fällen gar nicht mehr so bewusst sind, dass sie behandelt werden. Sie gewöhnen sich so viel schneller an den Schmerz bei unerwünschtem und das Hochgefühl bei erwünschtem Verhalten. Je früher diese Verhaltenstherapie erfolgte, umso wirksamer war sie.

Selbstverständlich haben wir auch im Jahr 2027 mit der Therapie von Menschen mit einer ADHS noch gewisse Probleme. Trotz Widerstand einzelner, um ihre Umsätze bangenden Pharmaunternehmen, wird die ADHS-Prävalenz dank der ADHS-Pränataldiagnostik und deren Auswirkungen ab der kommenden Generation auf einen kleinen Promille-Bereich zurückgehen. Es wird ein medizinhistorisch bedeutsamer Fortschritt darstellen, wenn es uns dadurch dereinst gelingen wird, die Krankheit ADHS endgültig zu besiegen. Dies rechtfertigt es allemal, von Forschungsbemühungen in Sachen ADHS-Therapie mittelfristig ganz abzusehen. Mit anderen Worten: Das Problem wird sich mittel- bis langfristig von selbst lösen.

Ungelöst ist zurzeit eigentlich nur die Frage, wie die Gesellschaft mit jenen ADHS-Betroffenen umgehen will, welche sich unter Beihilfe verhaltensauffälliger und meistens psychisch kranker Eltern allen therapeutischen Bemühungen in der Kindheit entzogen und welche sich standhaft weigern, sich vor Erreichen des 18. Lebensjahres operativ oder chemisch unterbinden zu lassen. Eine gewisse Erleichterung wird das neue Gesundheitsgesetz bringen, welches 2029 in Kraft tritt. Unter anderem verpflichtet dieses die Eltern nicht nur wie bisher, ihre kranken Kinder behandeln zu lassen, sondern neu und unter Strafandrohung auch dafür, dass diese sich vor dem Eintritt ins Erwachsenenalter unterbinden lassen.

Auch wenn 2027 noch nicht alles zum Besten steht: Die Therapie der ADHS machte Fortschritte,  von denen wir vor zehn Jahren nicht zu träumen wagten.

Hier geht es zu Teil 2.

 

ADHS: Auf dem Weg zur Lifestyle-Diagnose?

Hier habe ich mich vor einer Weile zu den diagnostischen Kriterien der ADHS im neuen DSM-5 geäussert. Ich habe neben einigen positiven Neuerungen auch auf mögliche Probleme aufmerksam gemacht. So stellte ich unter anderem fest, dass die Kriterien der ADHS gegenüber der Vorgängerversion (DSM-IV) insgesamt gesehen ‚offener‘ definiert wurden.

In diesem Zusammenhang möchte ich Folgendes ergänzen: Bei meinen bisherigen Vergleichen DSM-IV und DSM-5 habe ich übersehen, dass in der neuen Fassung das ganz zentrale diagnostische Kriterium „D“ komplett anders definiert wurde.

Vorab aber noch Informationen zu den anderen diagnostischen Kriterien der ADHS:

  • A: Definiert werden in den Bereichen Unaufmerksamkeit (A1) und Hyperaktivität/Impulsivität (A2) achtzehn Kriterien, von denen für eine ADHS-Diagnose je sechs erfüllt sein müssen.
  • B: Betrifft das Alter bei Erstmanifestation.
  • C: Probleme müssen situationsübergreifend auftreten.
  • E: Probleme dürfen nicht durch eine andere Erkrankung besser erklärbar bzw. verursacht sein.

Zunächst zum Kriterium „D“ im ‚alten‘ DSM-IV. Es lautet wie folgt:

„D: Es müssen deutliche Hinweise auf klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen vorhanden sein.“

Und so wird das das Kriterium „D“ im neuen DSM-5 formuliert:

„D: Es sind deutliche Hinweise dafür vorhanden, dass sich die Symptome störend auf die Qualität des sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsniveaus auswirken oder dieses reduzieren.“

Während die Symptomatik gemäss DSM-IV zu klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen führen musste, um die Diagnose ADHS stellen zu können, reicht es nunmehr aus, dass sich die Symptomatik störend im Alltag auswirkt.

Auch wenn dieser Unterschied auf den ersten Blick unscheinbar oder unwichtig erscheint, muss festgehalten werden, dass das DSM-5 an diesem Punkt eine 180 Grad-Kehrtwende vollzogen hat.

Um das nachvollziehen zu können, muss man wissen, was Fachpersonen unter „klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen“ genau verstehen. Von „klinisch“ wird in medizinischen und psychiatrischen Fachkreisen dann gesprochen, wenn bei einer Patientin oder bei einem Patienten aktuell Symptome und Beschwerden in Erscheinung treten, die einer vermuteten oder gesicherten Krankheit zugeordnet werden können. Klinisch bedeutsam sind Symptome und Beschwerden dann, wenn sie beim betroffenen Individuum mit Leiden (z.B. Schmerz) verbunden sind, wenn sie zu Freiheitsverlust führen (z.B. wenn Kinder im Unterricht wegen Konzentrationsstörungen anhaltend nicht mithalten können oder etwa bei Stellenverlust wegen chronischer Vergesslichkeit) und wenn sie ein hohes Risiko mit sich bringen, dass sich die Symptome, die damit verbundenen Beeinträchtigungen und die Krankheit an sich verschlimmern könnten. Wenn Ärztinnen oder Psychologen vom „klinischen Bild“ sprechen, meinen sie das gesamte, je aktuelle Beschwerdebild einer Patientin oder eines Patienten.

Zusammengefasst: Wenn von „klinisch bedeutsam“ die Rede ist, betrifft dies ernste Anzeichen / Symptome einer Erkrankung.

Im DSM-5 wird dieser klinische Kontext nicht mehr erwähnt. Zur Erfüllung des Kriteriums „D“ reicht es nunmehr aus,  dass sich die Symptome störend auf die Qualität des (…) Funktionsniveaus auswirken oder dieses reduzieren. Mit dieser neuen Definition wurde die Schwelle zur Erfüllung des Kriteriums „D“ (und damit für die ADHS generell) auf einen Schlag von der Zone der Erkrankung in jene des Alltags herabgestuft. Es reicht nunmehr aus, dass sich eine definierte Anzahl von Konzentrationsproblemen und/oder eine zu hohe Impulsivität im Alltag störend auswirken und die die soziale oder berufliche Anpassung erschweren. Die Symptome müssen also gemäss DSM-5 nicht mehr den Schweregrad einer Erkrankung aufweisen.

Es mag überspitzt klingen. Und ist es vielleicht auch. Aber wenn man gemäss DSM-5 nicht mehr krank sein muss, um eine Diagnose ADHS zu erhalten, wird aus der ADHS bald einmal tatsächlich eine Lifestyle-Diagnose.

Man mag nun einwenden, dass dies doch eine positive Änderung sei. Nun sei es endlich möglich, dass auch Menschen mit leichten Symptomen eine ADHS-Diagnose und eine passende ADHS-Therapie erhalten würden. Dem ist aber nicht so. Wie hier aufgezeigt, können bereits mit dem DSM-IV alle ADHS-Betroffenen erfasst werden (sofern ihre Beschwerden klinisch relevant sind) . Dass immer noch zu wenige Menschen mit einer ADHS erfasst und behandelt werden, liegt nicht an den diagnostischen Kriterien, sondern alleine an der immer noch ungenügenden Versorgungssituation.

Das DSM-5 führt dazu, das mehr Menschen als bisher die Voraussetzungen für die Diagnose ADHS erfüllen. Heikel ist diese ‚Aufweichung‘ der diagnostischen Schwelle für die ADHS-Diagnose deswegen, weil die Anzahl der falsch-positiven Diagnosen weiter zunehmen wird und weil noch mehr Patientinnen und Patienten irrtümlich mit ADHS-Medikamenten behandelt werden dürften. Es handelt sich um einen weiteren Schritt in die falsche Richtung: Immer mehr Lebensbereiche und Befindlichkeiten wegen zugänglich gemacht für psychiatrische Diagnosen und noch mehr Menschen werden so zu guten Kunden von Apotheken.

Ob „klinisch bedeutsam“ oder „störend“ ist nicht doch so wichtig! Sind das nicht akademische Spitzfindigkeiten? Und ist das alles nicht bloss Wortklauberei?

Man muss sich vor Augen halten, dass dem DSM-5 in der Forschung, bei Versicherungen, im klinischen Alltag und auch bei der Rechtssprechung eine hohe Bedeutung zukommt. Ähnlich einem Gesetzestext hat auch im DSM-5 jedes Wort und jede Formulierung Gewicht. Nichts ist einfach nur so nebenbei daher geschrieben. Zudem: Alle grossen ADHS-Studien stützen sich bei der Definition ihrer Ein- und Ausschlusskriterien auf das DSM-5 (wer gehört zu Untersuchungsgruppe der Patienten, wer zu den Gesunden?). Auch für alle neuen ADHS-Tests bilden die diagnostischen Kriterien des DMS-5 der Goldstandard.

„Und was bedeutet das alles für mich als Mutter einer Kindes mit einer (möglichen) ADHS oder für mich als erwachsener ADHS-Betroffener? Heisst das nun, dass die ADHS in Wirklichkeit gar nicht existiert?“

Keine Sorgen. Die ADHS-Problematik ist evident, seit Jahrzehnten bekannt und gut erforscht. Meine obige Kritik betrifft nicht die ADHS als echtes Problem realer Menschen. Sondern den Sachverhalt, dass mit dem neuen DSM-5 die Schwelle für eine ADHS-Diagnose noch tiefer angesetzt wird. Das ist mit möglichen Problemen verbunden. Und nur darum geht es mir bei meinen Ausführungen.

Wer unsicher ist, ob die eigene oder die ADHS-Diagnose seines Kindes korrekt und/oder vollständig ist (etwa bei fortbestehenden Problemen), soll mit dem behandelnden Arzt oder der zuständigen Psychologin Rücksprache halten. Bei Bedarf kann man sich auch eine Zweitmeinung einholen.

 


 

Siehe zu dieser Thematik auch hier: ADHS-Kriterien nach DSM-5: Fluch oder Segen?

 

Selbstmanagement-Therapien?

Ich antworte auf den Beitrag von Martin Winkler vom 23.01.2015: ADHS Kompetenzen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Es geht in Martins Blogbeitrag um eine Aufzählung von relevanten, anzustrebenden Alltagskompetenzen für erwachsene ADHS-Betroffene (gestützt auf Ausführungen der renommierten amerikanischen ADHS-Spezialistin Patricia O. Quinn).

Wer frühere Blog-Beiträge von mir kennt (z.B. hier, aber auch hier, hier oder hier), kann sich möglicherweise vorstellen, dass es mir beim Lesen dieser für ADHS-Betroffene erstrebenswerten Kompetenzen nicht wirklich wohl war.

Vorweg will ich klarstellen, dass auch ich die Workshops von Tokol e.V. sehr begrüsse. Es geht in diesen Kursen um Kochen lernen und andere sehr praktische Alltagskompetenzen, welche gemeinsam eingeübt werden. Auch kann ich zahlreiche der von Martin aufgezählten, anzustrebenden Kompetenzen vollumfänglich gutheissen!

Meine Kritik gilt vielmehr dem Menschenbild, welches den meisten therapeutischen ADHS-Selbstmanagement-Ansätzen (und auch den meisten ADHS-Coaching-Konzepten) zugrunde liegt. Und ich will zeigen, wieso dieses Modell nicht funktioniert. Ich stütze mich dabei in erster Linie auf eigene und jahrelange Erfahrungen in der Psychotherapie von Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen mit einer ADHS.

Im Folgenden verwende ich den Begriff „ADHS-Selbstmanagement-Therapien“ zusammenfassend für jene psychotherapeutischen, psychoedukativen und pädagogischen Konzepte, welche versuchen, auf die ADHS-Patienten dahingehend einzuwirken, dass diese dank erhöhter Selbstbeherrschung gesellschaftlich besser anpassungs- und funktionsfähig werden. Dazu zähle ich auch das ADHS-Coaching.

„ADHS-Selbstmanagement-Therapien“ beruhen im Kern auf Anforderungen und Zielen, welche neoliberale, also aktuelle „gesellschaftliche“ Anforderungen widerspiegeln. Ja, Selbstmanagement ist ein konstitutiver Bestandteil der modernen neoliberalen Gesellschaft. In unserer neoliberalen Gesellschaft werden immer weitere Lebensbereiche ökonomisiert. Das geht bis ins Private. Wie kann man sich das vorstellen?

Als gesund gelten heute jene Menschen, dies sich gut managen und „im Griff“ haben, welche sich auf dem Arbeits- und Beziehungsmarkt gut verkaufen können, welche fit sind, sich beim Essen zügeln, welche effizient mit den eigenen Ressourcen umgehen, sich klare Ziele setzen, diese gut planen und zielstrebig umsetzen. Gesund ist auch, wer ein gutes Zeitgefühl hat, wer seine Gefühle gut beherrschen (und unterdrücken) und sich an die gegebenen Ausbildungs-, Arbeits- und Wohnverhältnisse anpassen kann. Und gesund sind vor allem diejenigen, welche „gut“ mit Geld umgehen können und möglichst früh und „kompetent“ als Kunden auf dem Markt auftreten (Kreditkarten gibt es übrigens schon für Kinder ab sieben Jahren – früh übt sich …). Kein Wunder auch, dass man heute Kinder bereits zu Schulbeginn nötigt, mit Wochenplänen zu arbeiten.

Diese neoliberal gefärbten Anforderungen an den Umgang mit sich selbst finden 1:1 Eingang in die „ADHS-Selbstmanagement-Therapien“ (prominent angeführt von R. Barkley, siehe hier). Es geht somit um therapeutisch anzustrebende Kompetenzen, welche sich nicht primär daran orientierten, was den Betroffenen individuell gut tun könnte. Ausgangspunkt dieser „Therapieansätze“ bilden statt dessen gesellschaftlich definierte Formen, welche ein möglichst optimal neoliberal gestricktes, in unsere Leistungsgesellschaft passendes Subjekt definieren. Dieses wird dem ADHS-Betroffenen als sein Ziel verkauft. Diese „Rechnung“ geht vordergründig deshalb besonders gut auf, weil bei der ADHS die Folgen der Störung der Exekutivfunktionen eben genau jene Kompetenzen betreffen, welche ein gesundes, durchökonomisiertes  Subjekt eigentlich aufweisen müsste. Ja, ADHS-Defizite und das heutige Ideal-Subjekt stehen sich diametral gegenüber. Dies erklärt nebenbei gesagt auch teilweise, wieso in den letzten Jahren Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit einer ADHS mehr auffallen als noch vor 20 oder 30 Jahren.

Historisches Rückgrat der Selbstmanagement-Ideologie bildet die „Protestantische Ethik„, in welcher schon vor Beginn der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft die Anforderungen definiert wurden, was gesellschaftlich nützlich (und somit „gesund“) ist und was weniger. Das daraus resultierende Menschenbild und die dazugehörigen Werte passten ideologisch bestens zur sich entwickelnden Industrialisierung und zum „kapitalistischen Geist“. Es ging schon damals um Fleiss, Tüchtigkeit, Pünktlichkeit und Selbstbeherrschung (Askese).

Die in allen mir bekannten ADHS-Selbstmanagement-Therapien verpackten neoliberalen Ansprüche an den Menschen – schön umformuliert in einen therapeutischem Diskurs –  setzen das fort, worunter viele ADHS-Betroffene schon seit Kindheit leiden. Dabei sind ADHS-Betroffene – bedingt vor allem durch ihre syndromtypische Impulskontrollschwäche – im Vergleich zu Neuronormalen ganz grundlegend viel schlechter in der Lage, sich an diese gesellschaftliche Anforderungen und Normen anzupassen. Nicht unbedingt, weil sie es nicht wollen, sondern vor allem, weil sie es nicht können. Das gilt auch für eine erwartete Anpassung, welche die ADHS-Selbstmanagement-Therapien von ihnen erwarten. ADHS-Selbstmanagement-Therapien bleiben daher vielen ADHS-Betroffenen bis tief in ihre Seele hinein fremd und äusserlich.

Folge ist, dass viele im Kern harmoniebedürftige und kooperative ADHS-Betroffene auf die im Rahmen von ADHS-SelbstmanagementTherapien erfolgten Interventionen mit Irritationen, zunehmenden Schuldgefühlen und Widerständen reagieren. Viele merken, dass etwas für sie nicht stimmt, können es sich aber oftmals nicht leisten, aus der Therapie auszusteigen und als Therapieabbrecher zu fungieren. Viel zu oft schon haben sie erlebt, wegen ihrer Art und ihren Problemen ins Offside und damit kalt gestellt zu werden. Einmal mehr versuchen sie in der Therapie dann, sich mit diesem Dilemma irgendwie zu arrangieren und versuchen, sich mehr schlecht als recht durch die für sie fremden Therapien zu schlängeln. Lernen mussten viele ADHS-Betroffene das Sich-Durchschlängeln ja jahrelang.

ADHS-Selbstmanagement-Therapien und die von ihnen verkörperten Zielsetzungen entsprechen einfach nicht der Welt vieler ADHS-Betroffener. Viele erleben sie als therapeutisch übertünchte Fortsetzung aller seit Kindheit erfahrenen Anforderungen der Eltern, der Grosseltern, der Lehrpersonen, der Vorgesetzten usw., doch nicht wieder so dumm zu tun und doch endlich, endlich einmal zu funktionieren.

Bei Gefängnisinsassen ohne ADHS mag es vielleicht Sinn machen, dass diese sich im Rahmen ihrer Resozialisation Selbstmanagement-Therapien unterziehen. Selbstmanagement-Therapien bei ADHS-Betroffen hingegen sind meistens ungeeignet, da sie die Selbstentfremdung und Irritation der Betroffenen verstärken können. Ja, ich halte die Anwendung von ADHS-Selbstmanagement-Therapien bisweilen sogar für einen therapeutischen Kunstfehler. Folgen sind oftmals zunehmende innere Konflikte und als „Lösungsversuche“ zum Beispiel die Bildung depressiver Symptome oder eine Zunahme von Suchtmitteln.

Unter der „Tyrannei des Solls“, welche ADHS-Betroffene seit Kindheit auf verschiedenen Ebenen erlebten, sind viele mir bekannte ADHS-Betroffene zerbrochen. Wenn dann eine ADHS-Selbstmanagement-Therapie – womöglich nach einem in deutscher Exaktheit aufgebautem Therapiemanual – erfolgt und dabei das Ziel verfolgt wird, dass die Patienten die gesellschaftlichen Anforderungen endlich verinnerlichen, dies aber, weil ichfremd und syndrombedingt nicht funktionieren kann, ja – was bleibt dann? Versagens- und Schuldgefühle, Gefühle des Unverstandenseins und der Ohnmacht (und mit Glück auch Wut). In mir bekannten Berichten heisst es dann zum Beispiel: „Die therapeutischen Möglichkeiten wurden erfolglos ausgeschöpft.“ Oder: „Der Patient konnte sich auf die Therapie nicht einlassen.“ Oder: „Der Patient erwies sich als therapieresistent“.

Auch ADHS-Betroffene ohne Hyperaktivität und mit nur nach innen gerichteter Impulsivität haben kein Vertrauen in sich. Um im Unterricht einigermassen konzentriert zu bleiben, mussten sich viele zusammenreisen, zusammenreissen und nochmals zusammenreisen. Und nun sollen sie sich einer Therapie unterziehen, welche – und darauf laufen alle mir bekannten ADHS-Selbstmanagement-Therapien und ADHS-Coaching hinaus – genau dieses wieder von ihnen verlangt.

Das „Endlich Funktionieren-müssen“, aber auch das „Zusammenreissen“ und „Das Sich-Mühe-geben“ sind aufgrund jahrelanger syndrombedingter Misserfolgserfahrungen und Kränkungen emotional sehr negativ belegt. Es hat sich bei vielen ADHS-Betroffenen in der Seele eingegraben und funktioniert wie ein bedingter Reflex. Kein Wunder also, dass viele ADHS-Patienten den ihnen offerierten ADHS-Selbstmanagement-Therapien mehr als nur ambivalent gegenüberstehen.

Wenn keine ADHS-Selbstmanagement-Therapien – was dann?

Erfolgreiche ADHS-Therapien beruhen meiner Erfahrung nach im Kern auf Interventionen, welche die Betroffenen unterstützen, das Vertrauen in die eigene Spontaneität wiederzugewinnen.

Seit Kindheit erleben Menschen mit einer ADHS ihre Spontaneität – da syndrombedingt vermischt mit der ADHS-Impulsivität – als bedrohlich oder zumindest als ambivalent, da sie syndrombedingt dauernd über’s Ziel hinausgeschossen sind, was dann von den Eltern und Lehrpersonen sanktioniert oder im Klartext bestraft wurde. Ich werde wohl nie vergessen, wie Reto,  einer meiner Mitschüler, bei welchem wahrscheinlich eine ADHS vorlag,  in der 3. oder 4. Grundschulklasse von unserem Lehrer vor versammelter Klasse unkontrolliert verprügelt wurde. Anlass war einmal mehr, dass der Junge im Unterricht (zu) spontan sagte, was er gerade dachte oder dauernd kicherte (ich weiss es nicht mehr ganz genau).

Mit Vertrauen in die eigene Spontaneität aufbauen meine ich natürlich nicht, dass ADHS-Betroffene therapeutisch zu Egozentriker geformt werden sollen. Es geht vielmehr um Handlungsfähigkeit, welche sich halt nicht nur durch Anpassungsfähigkeit und „Funktionieren“ auszeichnet, sondern auch durch die Kompetenz, „Nein“ zu sagen und Widerstand zu leisten, durch Flexibilität und Kreativität, durch das  machen, was man wirklich will, oder einfach auch durch die Fähigkeit, eine Weile einmal gar nichts zu machen. Eine therapeutisch geförderte Handlungsfähigkeit heisst auch bei ADHS-Betroffenen, dass diese durch die Behandlung befähigt werden sollen, ihre eigenen Wege zu gehen. Und diese müssen nicht zwingend in Richtung neoliberales Idealsubjekt weisen.

Die besten Behandlungserfolge in der Therapie von erwachsenen ADHS-Patienten hatte ich dann, wenn die Betroffenen in der Behandlung es beispielsweise lernten, ohne Schuldgefühle verspätet zur Konsultation zu erscheinen. Oder wenn sie es im Verlauf der Therapie auszuhalten lernten, nichts zu tun. Oder wenn sie es schafften,  zu trödeln und trotzdem ohne Selbsthass bei sich zu bleiben und ihre Selbstachtung wahren konnten. Es kamen dabei unter anderem auch verhaltenstherapeutische Interventionen (auch in vivo Expositionenkognitives Umstrukturieren) zum Einsatz. Diese kognitiv-verhaltenstherapeutischen Methoden erwiesen sich  – im Kombination mit einer gut eingestellten medikamentösen Basistherapie – als hochwirksam.

„Ich darf ausrasten!“, „Ich darf verschlafen!“, „Ich darf dazwischenreden!“ oder „Ich darf Nägel kauen!“: Diese und noch viel mehr „positive“ Affirmationen bilden meines Erachtens wichtige Mosaiksteine einer erfolgreichen ADHS-Therapie. Dieser Ansatz – ich nenne ihn fortan Spontaneitätstherapie bei ADHS – bewährte sich auch bei emotionalen Überreaktionen, unter welchen viele ADHS-Betroffene infolge ihrer Impulsivität leiden. Eine medikamentöse und wirksame ADHS-Basistherapie vorausgesetzt, kann das Bejahen und das Trainieren von starken Affekten dazu führen, dass automatisierte Schuldgefühle, welche diese Affekte immer begleiteten, langsam abgebaut werden. ADHS-Patienten lernen also, sauer zu sein und zu schimpfen, ohne dass sie sich und ihre starken Gefühle sofort wieder abwürgen. Folge ist, dass diese starken und nicht „abgewürgten“ Affekte sich Anderen gegenüber grossmehrheitlich als nicht mehr so verletzend (oder als gar nicht mehr verletzend) erwiesen. Die Gefahr also, dass die Spontaneitätstherapie dazu führt, dass alles nur noch schlimmer wird, ist weder praktisch noch theoretisch gegeben. Das gilt beispielswiese auch für die Pünktlichkeit:  Wenn ADHS-Patienten, welche medikamentös gut eingestellt sind, üben, sich ohne Schuldgefühle zu verspäten, kommt es im Alltag viel weniger oft vor, als früher.

Um nicht missverstanden zu werden: Auch ich finde es für die von einer ADHS Betroffenen sehr sinnvoll, wenn sie lernen, den Wäscheberg nicht allzu hoch werden zu lassen, ihr Zimmer bewohnbar halten und nach Möglichkeit mit ihrem Geld vernünftig umzugehen. Und „Protestantische Ethik“ und kapitalistischer Geist hin oder her: Tüchtigkeit, Zuverlässigkeit, ein gesundes Zeitgefühl und Effizienz sind auch für mich erstrebenswerte Verhaltensweisen. Ohne mehr oder weniger intakte Exekutivfunktionen kann man die Welt nicht verändern. Wie sagte M. Gorbatschow es so treffend: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“
Auch Erledigen von Hausaufgaben und das Vorbereiten auf Prüfungen stellen wichtige Kompetenzen dar. Ohne diese kann heute niemand seinen Weg im Leben gehen.

Nur heisst das alles aber nicht, dass diese Fernziele in einer Therapie 1:1 operativ angesteuert werden sollen. Zumal dieser Ansatz bei ADHS-Patienten oftmals eh nicht wirkt.  Wiederholt schon stellte ich fest, dass sich bei Ansprechen auf eine ADHS-Therapie auch die Exekutivfunktionen verbesserten. Und war „automatisch“. Und ohne Zeitmanagement-Übungen.  Man muss sich auch immer vor Augen halten, dass nicht für alle, aber doch für viele ADHS-Betroffene das Problem nicht darin besteht, dass sie etwas nicht können (oder nicht wollen) oder nicht wüssten, wie sie etwas anpacken sollen. Das eigentliche Problem liegt vielmehr darin, dass sie in stimulationsarmen Situationen einen ADHS-typischen „Initial-Stupor“ zeigen, also blockiert sind, den Start-Knopf zu drücken.

Übrigens: Bis heute (Stand Januar 2015) liegen meines Wissens keine evidenzbasierten Studien vor, welche die Wirksamkeit psychoedukativer ADHS-Therapie-Konzepte belegen (zu welchen auch die ADHS-Selbstmanagement-Therapien zählen). Mich wundert es nicht. Dafür gibt es immer mehr selbsternannte ADHS-Coaches, welche auf Anmeldung von neuen ADHS-Patienten warten.

Eingebettet in eine wohlwollende und „ganzheitlich“ ausgerichtete multimodale ADHS-Therapie und gestützt auf eine tragende Beziehung zu einer erfahrenen Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten, können psychoedukative ADHS-Fördermassnahmen oder ein qualifiziertes Coaching durchaus Sinn machen. Diese Massnahmen können genau so wie ein „ADHS-Coaching“ aber in keinem Fall eine Psychotherapie, basierend auf der therapeutischen Beziehung und dem Einsatz überprüfter Psychotherapiemethoden, ersetzen.

Was sich in der Therapie bei ADHS sonst noch alles bewährte, haben wir hier zusammengetragen.

Der TOKOLive Jugendfreizeit 2015 wünsche ich viel Erfolg!

 


Zu Teil II

ADHS Neurofeedback und Stern TV

Ich gebe zu, dass ich mich geärgert habe.
Es geht um die Werbung bei Stern TV bzw. beim Fachkongress DGPPN für eine Firma, die damit wirbt, dass mit Neurofeedback eine Behandlung mit Stimulanzien überflüssig wird bzw. ADHS geheilt werden könne.

Für Mittwoch, 26.11. wurde  in Stern-TV mal wieder ADHS zum Thema gemacht. Und eine Mitarbeiterin der Uni-Tübingen,  die Psychologin Frau PD Dr. Strehl, macht Product Placement bei RTL und der DGPPN für die Firma Neuroconn.

Wäre sie eine Ärztin, wäre dies standesrechtlich verboten. Bei Psychologen scheint es erlaubt oder zumindest toleriert zu werden.

DGPPN ist die Fachgesellschaft der Psychiater und Nervenärzte, wo die Dame vormittags einen Industrie-Workshop zum Thema Neurofeedback gibt. Die Workshop-Ankündigung bei meinen Berufskollegen verlinkt direkt auf die Firma Neuroconn, die freundlicherweise Geräte (und vermutlich auch Euronen für die Tagung bzw. die Referentin ) zur Verfügung stellt. Das hat mehr oder weniger die Seriosität einer Kaffeefahrtverkaufsveranstaltung für Staubsauger oder Rheumadecken. Wenn sich da Psychiater hin verirren, sind sie selbst schuld.

Dann geht es weiter in das Fernsehstudio, wo einmal mehr „eine lang ersehnte Alternative zu Ritalin“ angepriesen wird. So heisst es in der Ankündigung von RTL und so ist auch der Tenor auf der Seite von Neuroconn. Da Frau Dr. Strehl auch an anderer Stelle behauptet, man könne ADHS heilen bzw. das Ziel sei das Absetzen von Ritalin habe ich mich ein wenig auf der Homepage von Neuroconn herum getrieben. Und irgendwie ist mir aufgefallen, dass die Verbindung von Frau Dr. Strehl und dieser Firma bzw. überhaupt des Instituts mit der Industrie freundschaftlich eng verbunden ist.

Damit stellt sich für mich aber auch die Frage, wie unabhängig denn eigentlich die Studienlage bzw. die Arbeit in Sachen EEG-Neurofeedback ist. Weit her ist es damit jedenfalls nicht.

Daher ist es schlicht falsch zu behaupten, dass EEG-Neurofeedback ein Geheim-Tipp wäre. Es hat gute Gründe, dass dieses Verfahren eben gerade nicht in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen wird. Was ich völlig richtig finde.
Es ist auch nicht „neu“.  Und schon gar nicht eine Alternative.

Vielmehr heisst es auch vom Zentralen ADHS-Netz, dass Neurofeedback eben gerade nicht in den Leitlinien bzw. Behandlungsempfehlungen aufgenommen ist, weil widersprüchliche Ergebnisse vorliegen.

Für die AG-ADHS (Kinder- und Jugendärzte mit Spezialisierung auf ADS/ ADHS) hat Dr. Kühle eine interessante Zusammenstellung in Sachen Neurofeedback gemacht.

Neue Studien konnten Wirksamkeit und Spezifität der Wirkung von Neurofeedback bei ADHS zeigen (14-18, 36-38). Aber nur die Hälfte der behandelten Patienten erreichte in Eltern- und Lehrerratings eine Verbesserung von mindestens 25%. Eine abschließende Bewertung ist derzeit noch nicht möglich. Die Datenlage zur Evidenz der Neurofeedbacktherapie ist nicht mit der Datenlage zur Stimulanzientherapie vergleichbar.

Damit ist gemeint, dass es sehr sehr unterschiedliche Anwendungsprotokolle und praktisch keine verblindeten Studien zur Thematik gibt. Probleme sind u.a. dann auch der Transfer in den Alltag bzw. die Generalisierung. Es ist völlig unklar, welche Kinder, Jugendliche oder Erwachsene von der Methode profitieren. Und ob die Methode selber oder aber eine eigene Strategie zur Aufmerksamkeitssteuerung der Probanden selber dann den Effekt ausmacht.

Auf keinen Fall sehen aber ADHS-Experten EEG-Neurofeedback als eine Alternative zur multimodalen Therapie, die nun das Ziel des Absetzen der Medikation oder anderen Behandlungen zum Ziel hat.

Wer damit Werbung macht, stellt sich auf eine Ebene von Versprechungen von Wunderheilern und anderen Quacksalbern im Esoterikbereich.
Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun und ich finde es schlicht eine Frechheit, dass dann mit der Uni-Tätigkeit bzw. Zugehörigkeit etwas vorgegaukelt wird, was sich in Wirklichkeit auf dem Niveau einer Dauerwerbesendung bewegt.

Ich finde das Thema Neurofeedback ja an und für sich durchaus interessant. So gibt es einen aktuellen Artikel der Göttinger Arbeitsgruppe, die sich Gedanken über Modelle der Neuroregulation  bzw. Auswirkungen auf Selbststeuerung und implizites und explizites Lernen machen. Durchaus interessant.