Archiv der Kategorie: Konstruktive ADHS-Kritik

ADHS, Homöopathie und Aberglaube

Es ist schon schlicht und ergreifend unglaublich, was sich im Bereich Homöopathie an Abgründen auftut. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere geneigte Leser noch an den angeblichen Wirksamkeitsnachweis der Homöopathie aus Bern (CH). Diese angebliche „Studie“ wurde berechtigterweise von Experten in der Luft zerrissen.

Umso dreister ist jetzt, dass auf einer Tagung eine 10-Jahres-Verlaufsuntersuchung vorgestellt wurde, die es immerhin zu einer Pressemitteilung brachte.

Den damit verbundenen Aberglauben hat Norbert Aust in seinem Blog gebührend gewürdigt. Besser könnte ich es nicht formulieren … Unbedingt lesenswert!

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Warnung vor Sinn-Stiftung und Prof. Hüther von Sektenbeauftragten

Man kann zur katholischen Kirche in Bayern nun sehr unterschiedliche Meinungen haben. Aber ich finde es gut, wenn ein Sektenbeauftragter der Erzdiözese München und Freising mal in diesem Punkt klar Stellung bezieht:

Initiator und wichtiger Ideengeber ist der Präsident und Vorsitzender des Stiftungsbeirates, der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Gerald Hüther, bekannt durch eine Vielzahl populärwissenschaftlicher Veröffentlichungen, die nicht selten von einer
ausgeprägten dualistischen Sichtweise geprägt sind, stark vereinfachen und Allgemeinplätze verabsolutieren. Zudem bleibt kritisch anzufragen, wieweit die neurowissenschaftliche Fundierung belegbar ist.

Es wird eine Kooperation kirchlicher Stellen der Diözese mit der Sinn-Stiftung bzw. Unterorganisationen untersagt. Siehe auch hier.

Nicht zuletzt von anderen sektenähnlich strukturierten Einrichtungen ist die Unterwanderung des Erziehungs- und Schulsystems zur Verbreitung dubioser Sichtweisen im Bereich ADHS mehr als bekannt. Daher ist diese Warnung unbedingt zu unterstützen, da eben völlig unbewiesene Meinungen über eine geschickte Medienpräsenz von Hüther als wissenschaftlicher Stand dargestellt werden.

Es wäre leicht, sich für Kindergärten, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen und nicht zuletzt Journalisten, sich wirklich fundiert über ADS und ADHS zu informieren und nicht einem solchen „Rattenfänger“ auf den Leim zu gehen.

Auch passend in diesem Zusammenhang eine Stellungnahme des Zentralen ADHS-Netzes zu dem unsäglichen „Report“ der Barmer-EKK, die sich letztlich auch mit der stereotypen Wiederholung von Unwahrheiten (bzw. Halbwahrheiten) in der Therapie von ADHS auseinandersetzt.

ADHS-Therapien nützen nichts

Eine vor ein paar Tagen im „Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry“ veröffentlichte Sechs-Jahres-Studie (beginnend im Vorschulalter) ergab unter anderem, dass 90% der ADHS-Kinder mit und ohne Therapien auch nach sechs Jahren noch an ernsten ADHS-Problemen litten. Das gelte auch für jene 2/3, welche medikamentös behandelt wurden. Bei Kindern, welche zusätzlich zur ADHS eine oppositionelle Verhaltensstörung aufwiesen, war das Risiko, nach sechs Jahren immer noch an ADHS-Problemen zu leiden, um 30% höher.

Studienleiter Dr. Mark Riddle zieht die Schlussfolgerung, dass es sich bei ADHS um eine chronische Störung handelt. Er fordert, dass langfristig bessere verhaltenstherapeutische und medikamentöse Behandlungen entwickelt werden müssen. Der Grund, warum auch behandelte ADHS-Kinder immer noch an ADHS-Symptomen leiden, war nicht Thema der Studie. Auch wurde nicht geprüft, wie qualifiziert die Therapien erfolgt sind.

Auch wenn ich die Studie und deren Methodik nicht im Detail kenne und daher auch nicht beurteilen kann, wundern mich diese Resultate nicht wirklich. Mögliche Ursachen für die fortbestehenden ADHS-Probleme könnten unter anderem sein:

  • Nicht alle Kinder, die gegen ADHS behandelt wurden, hatten eine ADHS.
  • Therapierelevante komorbide Störungen wurden übersehen.
  • Therapierelevante psychosoziale Belastungsfaktoren wurden nicht berücksichtigt.
  • Die Therapien wurden nicht konsequent genug durchgeführt (dies ergab auch die letzten Auswertung der MTA-Studie).
  • Fehlende Theapieverlaufskontrollen und Absetzversuche.

Dass viele ADHS-Kindern von den Therapien wenig profitieren, ist bedenklich und traurig. Froh bin ich hingegen, dass dies endlich mal auf den Tisch kommt. Immer häufiger denken Fachpersonen und Eltern, dass mit der Pille gegen Zappligkeit und Ablenkbarkeit und „etwas“ Psychotherapie nunmehr alles automatisch gut läuft.

Ich stelle fest, dass immer weniger Eltern bereit sind, all die Mühen, die mit einer Verhaltenstherapie und einer Erziehungsberatung verbunden sind, auf sich zu nehmen. Heute muss alles schnell gehen und es darf nichts kosten. Auch weisen m.E. zahlreiche ärztliche Kollegen zu wenig nachhaltig darauf hin, dass es zur Behandlung einer ADHS nicht nur einer Pille, sondern nahezu immer einer multimodalen Therapie bedarf. Und wenn doch, dann scheitern immer noch zu viele Familien an der bedenklich schlechten Versorgungssituation. ADHS-erfahrene Psychotherapeutinnen und -therapeuten zu finden, kann sich mehr als nur mühsam gestalten.

Es gibt noch viel zu tun.

Neuromythologie

Wie unter anderem in meiner Kritik an Barkleys ADHS-Modell verdeutlicht, erachte ich eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und dem Zeitgeist, in welchem Probleme wie jene der ADHS evident werden, zum Verständnis derselben für ebenso wichtig, wie das Wissen um die Neurobiologie der ADHS. In diesem Zusammenhang werde ich in lockerer Reihenfolge auf Interviews und Presseberichte hinweisen, welche sich kritisch mit dem gesellschaftlichem Verständnis psychischer Erkrankungen auseinandersetzen.

In diesem Interview erlärt der Pharmakologe und Wissenschaftspublizist Felix Hasler anlässlich seines neuen Buches: «Neuromythologie – Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung» seine Vorbehalte gegenüber den Neurowissenschaften.

ADHS – Medizinethik aus Sicht der ADHS-Kinder

ADHS-Voices ist eine Webseite bzw. eine Studie, die sich u.a. mit ADHS und der Stimulantientherapie bei Kindern beschäftigt.

Ist es moralisch vertretbar, Kinder mit Medikamenten zu behandeln oder ist es unterlassene Hilfeleistung, dies nicht zu tun ?

Da ich mich familiär bedingt gerade mit Asthma-Behandlung beschäftigte, ist dies manchmal auch eine geradezu absurd anmutende Diskussion. Mein Sohn muss derzeit neben Cortison in absteigender Dosierung drei Dosieraerosole nehmen (o.K., eins ist „Notfall“). Budenosid, der Wirkstoff von einem häufig angewandten Spray, wird gerade intensiver angefeindet, dass möglicherweise das Wachstum der Kinder um 1,2 cm kleiner bleibt. Kommt uns aus ADHS-Sicht bekannt vor, oder ?

Aber wenn man erlebt hat, wie die Luftnot meinen Sohn akut beeinflusst, so stellt sich doch gar nicht die Frage, ob man Asthma behandelt, sndern höchstens wie.

ADHS und Asthma haben viel gemeinsam. Nicht nur in der Häufigkeit, dem chronischen Krankheitsverlauf und letztlich auch in den  Auswirkungen und Benachteiligungen, die bei unzureichender Behandlung entstehen können.
Wobei aber eben bei Asthma kaum ein Lehrer oder Eltern sagen würden: Moralisch ist es falsch, Asthma zu behandeln. Weil Asthma nur Ausdruck unserer industrialisierten Welt ist und schliesslich die Häufigkeit mit ca. 10 Prozent bei Jungen heute ja steigend ist und schliesslich so viele Kinder betrifft.

ADHS-Voices befragte nun Kinder selber sowie deren Familien. Macht die Medikation die Kindern zu Robotern, die von der Medikation abhängig werden? Werden sie zu Zombies und zu Erfüllungsgehilfen des gestörten Familien- und Gesellschaftssystems?

Stattdessen geben die Kinder schlaue Antworten, die weit über den Horizont von einigen ewig hinter dem Mond lebenden Schlaubergern hinausgehen, die zwar über ADHS-Kinder, selten aber mit ihnen reden. Das wird in den Studien übrigens auch häufig von den Kindern beklagt. Die Therapeuten reden zwar mit ihren Eltern, selten aber wirklich mit ihnen. Immer über sie, dann aber aus der Sicht der Psychologen oder Ärzte und bezogen auf die Interessen des jeweils Fragenden.

Die Kinder beschreiben übrigens sehr treffend, dass Methylphenidat ihnen gerade in moralisch relevanten Entscheidungen (also Fragen, die Recht und Unrecht betreffen) sehr helfe. Sie könnten die Auswirkungen ihres Verhaltens erfassen und ggf. noch eine impulsive Handlung bremsen. Sie bekommen sowas wie eine moralische Instanz, an die sie sich auch halten bzw. orientieren können.

Es wäre manchmal schön, wenn ADHS-Kritiker diese Fähigkeit auch hätten. Die Webseite und die dazu gehörigen Artikel (auf englisch) finde ich sehr lesenswert und einer Diskussion würdig.

Warum nur?

Eines erstaunt mich immer wieder:

Bisher habe ich keine Publikation gelesen und keinen TV-Beitrag gesehen, welcher sich kritisch mit dem Thema ADHS befasst, ohne dabei gleichzeitig die Existenz der ADHS und der von ihr betroffenen Menschen mit seinen Nöten zu negieren.

Das ist wirklich schade, denn am gegenwärtigen Verständnis der ADHS und der Versorgungspraxis gibt es nämlich viel kritisch zu hinterfragen.

Auch im jüngsten kritischen Medienbericht zu ADHS bleiben Betroffene und ihre Angehörigen auf der Strecke (Interview mit Helmut Bonney in „Gehirn & Geist“ 9/12). Wenn Bonney sagt:

„Man verortet die Ursache des Problems im Individuum statt in der Umwelt.“,

bedeutet das in seinem Entweder-oder-Schema immer auch, dass das betroffene Individuum damit „draussen“ bleibt. Das zeigt sich unter anderem auch darin, dass Bonney gar nicht verstanden hat, was ADHS ist. Für ihn ist ADHS (fälschlicherweise) die Folge von Reizüberflutung:

„Viele Eltern glauben, sie müssten ihren Nachwuchs ständig stimulieren. Oft haben sie das Bedürfnis, schon bei den ersten Unmutsäußerungen des Kindes irgendetwas zu machen, weil sie ihrem Nachwuchs sonst vermeintlich Schaden zufügen. Das führt letztlich zu einer dauernden Überstimulation. Und bei einigen Kindern setzt das eine fatale Rückkopplungsschleife in Gang: Je mehr Stimulation sie bekommen, desto mehr dürsten sie nach neuen Reizen.“

Folgerichtig nur, wenn er dann schreibt:

„Die Therapie zielt dann darauf ab, Kind und Eltern Wege aufzuzeigen, wie man mit weniger Stimulation zurechtkommt.“

ADHS als Folge einer Überstimulation zu konzipieren klingt zwar gut, ist aber einfach nur falsch. Das geht am Problem ADHS total vorbei. ADHS ist nicht ein zu viel, sondern ein zu wenig an Stimulation. Betroffene hungern nach Inputs, weil diejenigen neuronalen Netzwerke, welche die Reizselektion und die Impulskontrolle regulieren, im normalen Alltag unteraktiviert sind. Wenn eine Therapie ADHS-Betroffenen hilft, dann ist es Stimulation und nicht Reizentzug.

Ich will dies exemplarisch am Problem „Einschlafstörungen bei ADHS-Kindern“ aufzeigen:

„Einschlafprobleme treten bei Kindern mit einer ADHS derart häufig auf, dass ich sie mit zu den Kernsymptomen dieses Syndroms zähle. Ich erinnere mich an kein Kind mit einer unbehandelten ADHS, welches problemlos einzuschlafen vermochte. Eigentlich auch verständlich, stellt doch die Einschlafzeit eine sehr reizarme Situation dar: Ruhe (keine akustische Stimulation), kaum Licht (keine visuelle Stimulation), kein Anfassen, kein aktives Bewegen und sich Spüren (keine taktile Stimulation). Da ADHS-Medikamente am Abend nicht mehr wirken, bedeutet das Ausbleiben von visueller, akustischer und taktiler Stimulation zur Einschlafzeit, dass die Kinder über noch weniger Reizschutz verfügen. Folge: Sie spüren alles und werden hypersensibel. Aus jedem noch so schwachen Druck auf die Blase wird ein: „Ich muss sofort aufs WC, sonst mache ich ins Bett!“, aus jedem noch so kleinen Durstgefühlchen wird ein: „Ich muss jetzt sofort etwas trinken!“, aus jedem möglicherweise Sorge erzeugenden Gedanken wird Angst und aus kaum wahrnehmbaren Schatten des Kleiderständers werden Gespenster oder Zombies. All diese Sinneseindrücke und deren Verarbeitung halten die Kinder verständlicherweise lange wach. Um es auf den Punkt zu bringen: Kinder mit einer ADHS können sich auch nicht gut auf den Schlaf konzentrieren. Tatsächlich erfordert ein Einschlafen, dass der Reizfilter aktiv ist, dass alles zurzeit Unwichtige ausgeblendet und abgeschaltet werden kann. Und genau dies können Kinder mit einer ADHS zur Einschlafzeit infolge des Stimulationsmangels sehr schlecht.

Damit Kinder sich auf den Schlaf konzentrieren können, sollte zwei Stunden vor der Einschlafzeit auf TV und Spielkonsolen verzichtet werden. Dann kann versucht werden, das Kind zur Einschlafzeit visuell (zum Beispiel durch ein sanft leuchtendes Mobilé) oder akustisch (zum Beispiel einen plätschernden Zimmerbrunnen) zu stimulieren. Nicht zu stark, aber auch nicht zu schwach. Es fokussiert sich dann auf diese Stimuli, was zu einer Aktivierung der Reizfilterung führt und dem Kind schliesslich ermöglicht, abzuschalten und einzuschlafen. Eltern beichteten uns wiederholt, dass auch eine halbe Tasse mit stimulierendem Milchkaffee Wunder wirken könne, währendem Baldrian und andere beruhigende pflanzliche Mittel entweder gar nicht nutzten oder sogar eine gegenteilige, also aufputschende Wirkung hatten. In ganz hartnäckigen Fällen wird die verantwortliche Ärztin oder der zuständige Arzt eine kleine Dosis Stimulanzien – eingenommen 30 Minuten vor der vorgesehenen Einschlafzeit – verordnen, womit sich das Problem der fehlenden Konzentration auf den Schlaf in den meisten Fällen lösen lässt.“ (Quelle)

Zurück zur eingangs gestellten Frage, wieso es keine kritischen ADHS-Medienberichte gibt, welche sachlich begründet sind und nicht zur Ausgrenzung von ADHS-Betroffenen führt.

Ich vermute, dass die Einseitigkeit in Stellungnahmen, wie der von Herrn Bonney, unter anderem darauf beruhen könnte, dass die Verfasser und Interviewpartner einfach viel zu wenig (oder keinen) Kontakt mit ADHS-Betroffenen und ihren Angehörigen pflegen. Dass es sich bei der ADHS auch um ein ‚handfestes‘ neurobiologisches Problem des betroffenen Individuums handelt, sieht man doch allein schon daran, dass es in einer Familie Kinder mit und ohne ADHS geben kann. Auch die hohe familiäre Häufung der ADHS, welche allen ins Auge fällt, welche mit diesen Patienten arbeiten, weist eindrücklich darauf hin, dass die Ursachenzuschreibung „Umwelt“ viel zu kurz greift. Bonney scheint diese im Alltag unübersehbaren Tatsachen einfach nicht erfahren bzw. erlebt zu haben. Nur so kann er wohl an seiner unrealistischen „Umwelt-Theorie“ der ADHS festhalten.

Übrigens: Unsere Blog-Kollegin Chris hat zum Artikel in „Gehirn & Geist“ eine lesenswerte Stellungnahme verfasst. Danke!