Archiv der Kategorie: ADHS Jugendliche

ADHS-Fachpersonen finden

Immer wieder werden wir angefragt nach Adressen von erfahrenen ADHS-Fachpersonen. Dabei geht es um Abklärungs- und Therapiestellen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Wir haben weder den Überblick noch die Zeit, um diese Anfragen seriös bearbeiten zu können.

Was tun?

Auf der Internetseite ADHS.ch versuchen wir nun ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne „Garantie“, eine Liste von erfahrenen ADHS-Fachpersonen (D, CH, A) aufzubauen. Diese stellen sich und ihre Arbeit in einem Kurzporträt persönlich vor. Daraus und aus den verlinkten Informationen geht hervor, welches Grundverständnis die Fachkolleginnen und -kollegen bezüglich der ADHS haben, welche Bedeutung sie der Diagnostik beimessen und wie ihr Therapieverständnis ausschaut.

Wir hoffen, dass es einzelnen Ratsuchenden dadurch etwas einfacher gelingt, sich in ADHS-Fragen eine qualifizierte Unterstützung zu organisieren.

Wir laden Eltern mit ADHS-betroffenen Kindern sowie erwachsene ADHS-Betroffene ein, ihnen bekannte und bewährte Fachpersonen auf diese Liste aufmerksam zu machen.

ADHS-Fachpersonen, welche in diese Liste aufgenommen werden möchten, können sich hier melden.

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Selbstmanagement-Therapien? Teil II

(Selbstmanagement-Therapien? Zurück zu Teil I)


Corrie Neuhaus* schrieb in ihrem Kommentar:

„Tja- mache ja nun schon seit Jahren diese Kommunikations- und Selbstwert- Trainings. Da wirkt am besten , dass man visualisiert gut ” das Hirn” und die andere Funktionssteuerung erklärt und betont, dass jeder Mensch mit ADHS bei allen Strategien bezüglich des Managements der Zeit, Gegenstände, Finanzen und der Kommunikation v.a. selbst bestimmt ,ob das , was ihm da erklärt wird mit Störungsbildteaching für ihn plausibel, nachvollziehbar und Alltags- tauglich erscheint und er in seinem Rhythmus und nur , wenn er will, mal was ausprobiert und schaut, ob es passt…“

Hallo Corrie

Schön, von Dir zu lesen. Danke für dein Feedback!

Störungsbildteaching der Problematik und ein „Ausprobieren und schauen, ob es passt…“: Ja, ich sehe das ähnlich wie Du. Die therapeutischen Schritte müssen halt immer sehr individuell abgestimmt werden. Und ja: Erst, wenn man etwas ausprobiert, merkt man, ob es für einen selbst stimmt oder nicht.

Ein Schwierigkeit dabei liegt meines Erachtens darin, dass viele, ja sehr viele ADHS-Betroffene, die ich kennengelernt habe, keinen oder kaum noch Zugang zu ihren wirklichen Wünschen und Bedürfnissen haben. Wenn ich diesen Patienten früher jeweils offerierte, mit ihnen an ihrem Zeitmanagement zu arbeiten, sagten viele „Ja, bitte, es ist sogar sehr dringend, ich muss unbedingt noch …!“, oder: „Klar, finde ich sehr gut!“. Gleichzeitig stellte ich immer wieder fest, dass ihr Blick, ihre Mimik oder ihre Körperhaltung dann aber etwas ganz anderes signalisierten: Leere etwa, Resignation oder Trauer.

Wenn ich dann nachfragte: „Wollen sie das wirklich“? schwiegen Betroffene oftmals einen Moment. Oder brachen in Tränen aus. Und dann kam heraus, dass viele eben gar nicht wissen, was sie wirklich wollen. Oder sie berichteten mir, dass sie das schon ihr ganzes Leben lang nicht wissen, was sie wollen. Jahrelange Misserfolgserfahrungen, das fortwährende und notgedrungene Ja-Sagen und das gleichzeitige Nein-Denken, das instabile Selbstbild und die chronischen Selbstzweifel machen es für viele ADHS-Betroffene schwierig bis manchmal fast unmöglich, einfach so zu wissen und es sagen zu können, was ihnen gut tut oder was sie wollen und dann auch dazu zu stehen. Das gilt auch dann, wenn beispielsweise eine Selbstmanagement-Technik ausprobiert wurde und nun bewertet werden soll.

Und wenn Betroffene auf die ihnen offerierte ADHS-Selbstmanagement-Therapie mit einem „Nein danke!“ antworten, würden sie einmal mehr in der Zwickmühle sitzen. Sagen sie „Ja“ (was meistens der Fall ist) läuft es nicht selten auf dasselbe hinaus (weil ADHS-Betroffene halt oftmals nur ganz diffus spüren, dass es für sie eigentlich nicht stimmt, oder weil ihnen schlicht nichts anderes übrig bleibt).

Selbstbestimmt entscheiden, ob man in ein Therapieangebot einsteigen will oder nicht, hört sich gut an. Ist aber für viele Menschen mit einer ADHS alles andere als selbstverständlich. Jene, die es schaffen würden, „Nein“ zu sagen bzw. wirklich selbstbestimmt entscheiden können, was sie ausprobieren wollen oder was nicht (und nicht, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt), sind in ihrer Persönlichkeit wohl bereits so gefestigt, dass wir sie in der Psychotherapie-Sprechstunde kaum mehr sehen.

Es dünkt mich daher sehr wichtig, dass wir Fachleute sorgfältig prüfen, was wir unseren ADHS-Patienten an Interventionen offerieren.

Die Arbeit an den inneren Ambivalenzen, das Finden eines Zuganges zu sich selbst und damit verbunden das Lernen, „Nein“ zu sagen, dünken mich in der Therapie von Menschen mit einer ADHS elementar zu sein. Erst wenn die Basics einigermassen ‚sitzen‘, erwiesen sich meiner Erfahrung nach Selbstmanagement-Ansätze gelegentlich als wirksam. Viel öfters aber lief es darauf hinaus, die erwachsene ADHS-Betroffenen darin zu unterstützen, sich und ihre Grenzen zu akzeptieren, die verinnerlichten Grundannahmen zu verstehen und zu überwinden und sich in Sachen Exekutivfunktionen pragmatische Workarounds zu erarbeiten.

Corrie, magst Du Dein Kommunikations- und Selbstwerttraining hier im Blog vielleicht einmal vorstellen? Gerne würden wir Dir im Rahmen eines Gastbeitrages dafür Platz einräumen. Es wäre für Martin und mich, aber auch sicher für viele unserer der drei- bis vierhundert Leser/-innen, die täglich unseren Blog besuchen, sehr interessant, zu lesen, wie Du vorgehst, welches Deine Prämissen sind und was Du als zentral in der Therapie von ADHS-Betroffenen erachtest.

Gruss Piero + Martin

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* Cordula Neuhaus ist die wahrscheinlich erfahrenste ADHS-Spezialistin im deutschsprachigen Raum.  Sie hat zahlreiche und unbedingt lesenswerte ADHS-Ratgeberbücher verfasst, welche in unzählige Sprachen übersetzt wurden. Wer  schon mit Cordula Neuhaus gesprochen hat, ihre Vorträge oder ihre Bücher kennt, merkt sofort, dass sie weiss, wovon sie spricht. Neben Ihrer Arbeit als Psychotherapeutin ist sie seit Jahren in der Weiterbildung tätig.

 

 (Selbstmanagement-Therapien? Zurück zu Teil I)

 

Kinder und Jugendliche über ADHS informieren

Gerne möchte ich an dieser Stellte noch einmal auf das Projekt „Kinder & ADHS“ aufmerksam machen. Worum geht es?

In meiner Praxis stelle ich immer wieder fest, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen (aber auch deren Eltern) auffallend wenig über die ADHS, deren Ursachen und Auswirkungen bei der Alltagsbewältigung wissen. Das erstaunt, denn im Rahmen einer qualifizierten multimodalen Therapie der ADHS sollte auch bei Kindern und Jugendlichen der direkten (und/oder persönlichen) Aufklärung und Informationsvermittlung ein grösserer Stellenwert zukommen. Und schliesslich leben wir im Jahr 2014.

Warum ist das wichtig? Die Betroffenen (und ihre Eltern) sollen die von ihnen persönlich als irritierend, behindernd und ich-fremd erlebten Auswirkungen der Aufmerksamkeits- und Impulskontrollstörungen verstehen und korrekt einordnen können.

Kinder mit einer ADHS benötigen ein stimmiges „Konzept“ über sich und ihr Störungsbild. Sie sollen verstehen, „was die ADHS mit ihnen macht“. Das kann ihnen zum Beispiel dabei helfen, sich nicht mehr als „ganzer Mensch“ als Versager/-in zu fühlen. Also: Nicht „Ich bin nicht normal“, sondern etwa: „Meine innere Bremse“ oder „Meine Sortierstation ‚wichtig-unwichtig‘ funktionieren nur dann korrekt, wenn es interessant oder spannend ist.“

Das Wissen um die ADHS-assoziierten Funktionsstörungen und deren Auswirkungen im Zwischenmenschlichen sowie bei schulischen Anforderungen kann zudem helfen, Schuld- und Schamgefühle zu lindern und dem oftmals schon in der Primarschulzeit beschädigten Selbstbild etwas „Sachliches“ und Entlastendes entgegenzusetzen. Dies wiederum kann die therapeutische Arbeit mit zahlreichen Betroffenen wesentlich verbessern, weil diese entspannter und zugänglicher sind. Die problematischen Reaktions- und Verhaltensweisen der ADHS-Betroffenen sind weniger mit Scham besetzt und können im Behandlungsgespräch etwas einfacher thematisiert werden. Dies wiederum kann uns Fachpersonen entscheidend helfen, die Wirkung der eingeleiteten therapeutischen Interventionen zu evaluieren und bei Bedarf zu optimieren.

Um Kindern ab ca. 11 – 12 Jahren und Jugendlichen Zugang zu Wissen über die ADHS und deren Folgen zu ermöglichen, habe ich vor einiger Zeit das Projekt „Kinder & ADHS“ ins Leben gerufen (www.kinder-und-adhs.ch). Es handelt sich um eine Website mit ADHS-Infos für Kinder und Jugendliche. „Kinder & ADHS“ enthält neben Erfahrungsberichten über und von Betroffenen ein ADHS-Lexikon für Kinder (sowie für Väter betroffener Kinder, welche leider noch zu oft „keine Zeit“ finden, sich über ADHS mittels fachgerechterer Ratgeberliteratur zu informieren).

Gestützt auf bisherige Rückmeldungen von Kindern und Jugendlichen, welche „Kinder & ADHS“ entdeckt haben, werden die Texte gerne gelesen. Selbst von Vätern erhielt ich Rückmeldungen, die sich auf diese Website bezogen. Soviel ich weiss sind es aber einmal mehr vor allem Mütter, welche die Infos auf „Kinder & ADHS“ zur Kenntnis nehmen. Auch die Webstatistik meldet gute Besucherzahlen. Eine Einschränkung besteht wahrscheinlich insofern, dass die Infos auf „Kinder & ADHS“ Betroffene aus bildungsfernen Familien und Kinder/Jugendliche mit einer Lesestörung überfordern könnten. Denkbar wären zum Beispiel Comics, in welchen die Fachinformationen zielgruppengerecht verpackt und kommuniziert werden könnten. Oder möglicherweise der Einbezug etwa von YouTube-Filmchen.

Wer beim Projekt „Kinder & ADHS“ mitwirken möchte, kann sich gerne bei mir melden. Voraussetzung ist, dass keine ADHS-relevanten Interessenskonflikte vorliegen.

Die Texte auf „Kinder & ADHS“ werden von mir (und/oder meinen Kolleginnen) – basierend auf Berichten von real existierenden ADHS-Betroffenen Kindern und Jugendlichen – verfasst oder redaktionell überarbeitet. Dabei wurden und werden alle Angaben zu den Protagonisten und ihren Angehörigen dahingehend abgeändert, dass Rückschlüsse zu den realen, hinter den ADHS-Stories stehenden Personen, ausgeschlossen sind.

Projekt „Kinder & ADHS“

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Für das Internet-Projekt Kinder & ADHS suche ich weitere Autorinnen und Autoren. In erster Linie geht es um den Ausbau und die Optimierung des ADHS-Lexikons. Dieses richtet sich primär an Kinder und Jugendliche, aber auch an andere Interessierte.

Wer beim  Ausbau mitwirken und neue Einträge für das Lexikon vorschlagen, verfassen oder bereits bestehende Einträge überarbeiten möchte, kann sich hier melden. Gerne auch gleich mit einer Kurzvorstellung.

Voraussetzungen sind, dass die Autorin oder der Autor über eigene Erfahrungen mit ADHS-Kindern/Jugendlichen verfügt (z.B. als Mutter oder als Lehrperson) und bereit ist, namentlich in der Mitarbeiter/-innen-Liste aufgeführt zu werden.

Diese Anfrage richtet sich auch, aber nicht in erster Linie an Fachpersonen (wobei Beiträge auch von Kolleginnen und Kollegen sehr willkommen sind).

Neuropsychologische Tests für die Diagnostik bei ADHS II

Es muss wahrscheinlich einmal mehr klar gestellt werden, dass keine neuropsychologischen Tests (oder Testreihen) existieren, welche eine zuverlässige ADHS-Diagnose (oder einen Ausschluss derselben) ermöglichen. Das wird es möglicherweise gar nie geben.

Hauptgrund ist der Umstand, dass diese Tests für viele ADHS-Betroffene schlicht zu interessant sind. Alles was neu, irgendwie „speziell“, interessant oder schwierig ist, lässt das ADHS-Hirn aufwachen und für eine (kurze) Weile normal ticken. Das kann und wird nie und nimmer zu zuverlässigen und wiederholbaren Testresultaten führen.

Wer „ADHS-Tests“ verkauft und vorgibt, damit eine ADHS-spezifische Aufmerksamkeitsstörung und eine ADHS-spezifische Impulsivität erfassen zu können, verspricht etwas, was er nicht einlösen kann.

Eine neuropsychologische Untersuchung bei Verdacht auf ADHS verfolgt nicht das Ziel, „objektive“ Beweise für das Vorliegen dieser Störung zu ermitteln. Dazu bietet der Alltag der Betroffenen und ihre Entwicklungsgeschichte wahrlich mehr als genug Belege.

Bei der neuropsychologischen Untersuchung geht es primär um etwas anderes. Nämlich um a) die Differenzialdiagnosen (was sonst könnte die Ursache der Impulsivität und der Konzentrationsprobleme sein?) und b) das Erfassen von therapierelevanten Komorbiditäten.

Das DSM-IV verlangt im Punkt E zwingend die Berücksichtigung von sogenannten Differenzialdiagnosen. Gemeint ist damit das konsequente Beachten von möglichen anderen Ursachen einer Krankheit, welche zu einem der ADHS ähnlichen Beschwerdebild führen könnten. Dazu zählen bei der ADHS nicht nur psychopathologische und neurologische Erkrankungen, sondern selbstverständlich auch Folgen von anderweitig verursachten zerebralen Funktionsstörungen.

Hier – zwar uralt, aber dennoch über weite Passagen noch  gültig – ein Vortragsmanuskript von 2003 mit dem Titel: (K)ein Fall von ADHS (PDF). Und wenn wir schon beim Thema sind, hier noch ein weiterer Artikel von 2008, in welchem Schritt für Schritt besprochen wird, wie eine zeitgemässe ADHS-Diagnostik ablaufen kann: Zur Diagnostik der ADHS (PDF).

Risikofaktor Erwachsenenwerden: Psychische Störungen bei Heranwachsenden

Im Deutschen Ärzteblatt findet man eine Fortbildung für Ärzte zum Thema psychische Störungen bei Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen. Ganz knapp und recht interessant als Übersicht, wenn man mal über den Tellerrand ADHS hinweg schaut. Wobei die Häufigkeitsangaben zu ADHS eben auch mit Vorsicht zu geniessen sind bzw. die Vermischung mit dissozialen Verhaltensproblemen bei Jugendlichen unscharf bleibt.

So oder so, man erhält einen kleinen Überblick über die Lage der Jugend bzw. Jungerwachsenen aus dem Blickwinkel der Kinder- und Jugendpsychiater.

Schlafmangel bei Kindern und Jugendlichen macht jung

…. Na ja. Eigentlich eher dümmer bzw. kindlicher.

Eine Studie will belegt haben, dass bereits eine Stunde weniger Schlaf bei Schulkindern dazu führt, dass die Leistungen der Schüler quasi 2 Schuljahrgangsstufen „jünger“ entsprechen. Wenn also mein „Grosser“ jetzt auf die neue Schule mit dem Schulbus fahren muss, der sinnfreier Weise um 6.30 abfährt (damit um kurz vor 8h der Unterricht beginnt) trifft es ihn und seine Mitfahrerinnen und Mitfahrer im Bus – und natürlich etliche andere Kinder.

Statt das Leistungsvermögen eines 5. Klässlers wird er also nach dieser Studie sich kognitiv wie ein 3. Klässler benehmen. Schöne Aussichten.
Wenn man jetzt also noch die Entwicklungsverzögerungen der Selbstbeherrschung bei ADHSlern dazu nimmt, dann werden diese Schüler mit entsprechender Disposition also doppelt auffällig.

Schlafmangel hat natürlich jetzt nicht nur was mit dem Busfahren zu tun. Aber eben auch.

Häufigere weitere Schlaf-Killer sind eher Computer, Fernsehen oder auch Smartphones. Die gehören definitiv nicht in Kinderzimmer, da man gerade als ADHSler eben dann doch immer mal wieder schaut, ob nicht doch noch …

Aber auch so treten ja Ein- und Durchschlafstörungen bei ADHS-Konstitution vermehrt auf.

Wäre schön, wenn wir unserem Sohnemann verständlich machen könnten, dass jetzt der Tag eben auch eine Stunde früher „rum“ sein muss. Damit er seinen Schlaf bekommt und sich in der Schule so steuern kann, wie es erwartet wird.

Noch schöner wäre, wenn die Schule bzw. der Schultransport sich mal nach den biologischen Bedürfnissen der Schüler und nicht nach dem Busplan orientieren würden. Aber das ist ja wohl eher Utopie.