Archiv der Kategorie: ADHS Kinder

ADHS bei Kindern und Jugendlichen. Welche Auswirkungen hat ADHS bzw. das Hyperkinetische Syndrom in der Schule, in der Familie und im Alltag mit Freunden?

Pädagogische Gartenzwerge

Vorweg: Es gibt ganz ganz tolle Erzieherinnen und Lehrer und ich finde es eigentlich müssig, nun über Lehrpersonenin Hinblick auf ADHS und Entwicklungsstörungen zu schelten. Und doch kann ich mich da (syndrombedingt ?) mal wieder nicht so zügeln, wie ich es eigentlich von mir und anderen erwarten würde / müsste.

Worum geht es? Uns allen sind wohl schon Menschen begegnet, die Einfluss auf unsere Kinder bzw. auch auf uns selbst haben, die über den geistigen Horizont mit einem Radius von Null verfügen. Ihr eigener Standpunkt wird als Mass aller Dinge genommen. Sie sind in etwa so flexibel und weitsichtig wie ein Gartenzwerg.

Meinem kleinen Sohn widerfuhr nun beispielsweise vor den Herbstferien ein unschönes Erlebnis mit einer „Sport-Lehrerin“. Diese Dame war bzw. ist der Meinung, das Seilspringen essentiell für Kinder ist. Das mag sein, auch wenn ich als Arzt vielleicht nicht ausreichend die Bedeutung des Seilspringens für die schulische Karriere von Kindern beurteilen kann.
Klar ist nur, dass mein Sohn eine sog. Dyspraxie hat und u.a. deshalb die Klasse eine sog. Integreationsklasse ist. Er hat eine Schulbegleitung, da er eben speziell im Bereich der Koordination und motorischen Entwicklung (aber nicht nur dort) schwere Entwicklungsrückstände aufweist.

Soweit – so schlecht.
Nun schafft es diese Lehrerin aber, meinem Sohn Angst vor dem Sportunterricht zu machen. Das geht soweit, dass er nicht mehr zur Schule gehen wollte bzw. mit psychosomatischen Symptomen reagierte.

Glücklicherweise kamen die Herbstferien. Ich kann es mir glücklicherweise leisten, häufiger als andere Familien in Urlaub mit meiner Familie zu fahren. Und diesmal waren wir in einem Hotel mit einem Kinderclub. Erstaunlicherweise wollten sowohl mein „Grosser“ wie auch der „Kleine“ (12 und 10) da hin. Und dies war für mich umso erstaunlicher, weil dort eigentlich jeden 2. Tag irgendwelche Olympiaden mit körperlichen Übungen (vom Einbeinstehen, Teebeutelweitwurf bis eben Seilspringen) auf dem Programm standen.
Die 17- bzw. 23-jährigen Animateure haben es aus mir völlig unbegreiflichen Gründen geschafft, wie selbstverständlich jedes Kind zu integrieren. Und zwar so, dass ihnen das Programm da Spass gemacht hat und sie jeweils individuellle Fortschritte als Anreiz zurück gemeldet bekommen haben.

Und ganz nebenbei hat mein Sohn dann sogar seine Motorik und Koordination verbessert. Bis die Schule jetzt wieder los geht …

Sicher, das ist Urlaub. Aber es ärgert mich, dass wir immer wieder erst im Urlaub dann Fortschritte erleben. Das war ähnlich beim Schwimmen und anderen angeblich essentiellen Dingen, die letztlich nicht nur mit Bewegung, sondern viel mehr mit Annahme des Anderssein, einem individuellem Lern- und Entwicklungstempo und eben unterschiedliche Fertigkeiten zu tun hat.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder solche pädagogischen Gartenzwerge sofort erkennen und instinktiv nicht mögen.
Das ist dann eine Ablehnung auf Gegenseitigkeit.
Diese LEER-Kräfte beschweren sich dann bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit darüber, dass die Kinder zu laut oder sonstwie störend sind.

Aus meiner bescheidenen Sicht sollte es zum pädpagogischen ABC gehören, dass man als Lehrer RUHE in eine Klasse bekommt. Diesen Gartenzwergen misslingt es in der Regel von der ersten Minute ihres pädagogischen Da-Seins.

Eine weitere Forderung seitens der Schüler an Lehrer sollte sein, dass sie gerecht sind. Auch diese Fähigkeit spielt aus dem Blickwinkel des Gartenzwergs natürlich keine Rolle. Im Gegenteil: Gerechtigkeit bedeutet eher, dass man alle Schüler mit Verachtung und Ablehnung gleich behandelt.

Aber genug von diesem Frust …

Was mir dann auffällt: Genau diese Lehrpersonen tauchen dann bei mir mit dem Ende der Ferien in der medizinischen Reha wegen „Burnout-Syndrom“ auf. Sie könnten mit Anfang 50 keine Kinder mehr ertragen, weil diese zu unmotiviert, zu laut und überhaupt falsch wären. Die Ferien würden nicht ausreichen, sich zu erholen (Wovon ?).

ich bekomme da so einen Hals ….

Leider ist es aber so, dass man die Schulen nicht so einfach von diesen Gartenzwergen befreien kann. Im Gegenteil: Je länger sie auf ihrem Platz verharren, desto mächtiger werden sie.

Wie geht Ihr mit dieser Sorte Lehrer / Erzieher um ?

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Sitzenbleiben

In den ersten Bundesländern geht die Schule wieder los.

Und damit für viele Grundschüler erstmals das Problem, dass das Sitzenbleiben von ihnen erwartet wird. Dabei meine ich natürlich nicht, die Gefährdung der Versetzung. Sondern das ungesund Sitzen und die Einschränkung von Bewegungsmöglichkeiten in der Schulzeit (bzw. auch danach).

Eine Versicherung warnt nun vor den schädlichen Folgen dieser Entwicklung und zeigt damit, dass Schule nun völlig unsinnige und vor allem ungesunde Erwartungen an Kinder stellt. Siehe hier

An anderer Stelle wird ja – weit prominenter und lauter – derzeit propagiert, dass angeblich zu häufig bei früh eingeschulten Kindern ADHS diagnostiziert wird. Ja, alles richtig. Aber es geht eben umgekehrt darum, dass wir immer früher Stillsitzen bzw. Verhaltensweisen von Kindern erwarten, die weder kindgerecht, noch mit Lernen kompatibel sind.

ADHS-Kinder sind hier einmal mehr Indikatorkinder. Sie benötigen Bewegung bzw. auch propriozeptive Anregung (z.B. Kippeln, Spielen mit einem Radiergummi, Zerbrechen von Stiften, Kritzeln oder Zeichnen im Unterricht), um „sich richtig zu machen“. Also, eine ausreichende Selbstaktivierung bzw. Stimulation zu haben.

Sie würden auch mehr Bewegungspausen bzw. überhaupt Bewegung benötigen. Leider werden aber zeitgleich immer mehr Turnhallen geschlossen, weil die Dächer zusammenbrechen bzw. die Gelder für Sport- und Schwimmhallen fehlen. Freibäder und andere Freizeiteinrichtungen mit Bewegungsoptionen werden ebenfalls aus Kostengründen wegfallen.

Wir schaffen also als Gesellschaft eine bewegungsfeindliche Umgebung für die Kinder, beschweren uns dann aber, wenn nun ADHS-Kinder mit Unruhe und Bewegungsdrang auffallen.

Wer ist hier dann krank ? Die Kinder oder die Gesellschaft, die sowas zulässt ?

ADHS-Fachpersonen finden

Immer wieder werden wir angefragt nach Adressen von erfahrenen ADHS-Fachpersonen. Dabei geht es um Abklärungs- und Therapiestellen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Wir haben weder den Überblick noch die Zeit, um diese Anfragen seriös bearbeiten zu können.

Was tun?

Auf der Internetseite ADHS.ch versuchen wir nun ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne „Garantie“, eine Liste von erfahrenen ADHS-Fachpersonen (D, CH, A) aufzubauen. Diese stellen sich und ihre Arbeit in einem Kurzporträt persönlich vor. Daraus und aus den verlinkten Informationen geht hervor, welches Grundverständnis die Fachkolleginnen und -kollegen bezüglich der ADHS haben, welche Bedeutung sie der Diagnostik beimessen und wie ihr Therapieverständnis ausschaut.

Wir hoffen, dass es einzelnen Ratsuchenden dadurch etwas einfacher gelingt, sich in ADHS-Fragen eine qualifizierte Unterstützung zu organisieren.

Wir laden Eltern mit ADHS-betroffenen Kindern sowie erwachsene ADHS-Betroffene ein, ihnen bekannte und bewährte Fachpersonen auf diese Liste aufmerksam zu machen.

ADHS-Fachpersonen, welche in diese Liste aufgenommen werden möchten, können sich hier melden.

Schlau aber ….

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Gerne möchte ich auf ein Buch aufmerksam machen, welches sich einmal sehr vernünftig mit dem Thema der Förderung von Exekutivfunktionen bei Kindern auseinandersetzt.

Schlau, aber …
Kindern helfen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln durch Stärkung der Exekutivfunktionen.
Verlag Hand Huber 2012

Dieses Buch geht von entwicklungspsychologisch begründeten Stadien in der Entwicklung der Exekutivfunktionen aus. Und gibt sehr praktische Tipps, wie Kinder gefördert werden können.

Das Buch eignet sich auch, um den den erzieherischen Umgang mit Kindern, die von einer ADHS betroffen sind, zu optimieren.

Falls jemand eine Buchbesprechung schreiben möchte, kann diese gerne hier als Gastbeitrag veröffentlicht werden (Kontakt).

 

Selbstmanagement-Therapien? Teil II

(Selbstmanagement-Therapien? Zurück zu Teil I)


Corrie Neuhaus* schrieb in ihrem Kommentar:

„Tja- mache ja nun schon seit Jahren diese Kommunikations- und Selbstwert- Trainings. Da wirkt am besten , dass man visualisiert gut ” das Hirn” und die andere Funktionssteuerung erklärt und betont, dass jeder Mensch mit ADHS bei allen Strategien bezüglich des Managements der Zeit, Gegenstände, Finanzen und der Kommunikation v.a. selbst bestimmt ,ob das , was ihm da erklärt wird mit Störungsbildteaching für ihn plausibel, nachvollziehbar und Alltags- tauglich erscheint und er in seinem Rhythmus und nur , wenn er will, mal was ausprobiert und schaut, ob es passt…“

Hallo Corrie

Schön, von Dir zu lesen. Danke für dein Feedback!

Störungsbildteaching der Problematik und ein „Ausprobieren und schauen, ob es passt…“: Ja, ich sehe das ähnlich wie Du. Die therapeutischen Schritte müssen halt immer sehr individuell abgestimmt werden. Und ja: Erst, wenn man etwas ausprobiert, merkt man, ob es für einen selbst stimmt oder nicht.

Ein Schwierigkeit dabei liegt meines Erachtens darin, dass viele, ja sehr viele ADHS-Betroffene, die ich kennengelernt habe, keinen oder kaum noch Zugang zu ihren wirklichen Wünschen und Bedürfnissen haben. Wenn ich diesen Patienten früher jeweils offerierte, mit ihnen an ihrem Zeitmanagement zu arbeiten, sagten viele „Ja, bitte, es ist sogar sehr dringend, ich muss unbedingt noch …!“, oder: „Klar, finde ich sehr gut!“. Gleichzeitig stellte ich immer wieder fest, dass ihr Blick, ihre Mimik oder ihre Körperhaltung dann aber etwas ganz anderes signalisierten: Leere etwa, Resignation oder Trauer.

Wenn ich dann nachfragte: „Wollen sie das wirklich“? schwiegen Betroffene oftmals einen Moment. Oder brachen in Tränen aus. Und dann kam heraus, dass viele eben gar nicht wissen, was sie wirklich wollen. Oder sie berichteten mir, dass sie das schon ihr ganzes Leben lang nicht wissen, was sie wollen. Jahrelange Misserfolgserfahrungen, das fortwährende und notgedrungene Ja-Sagen und das gleichzeitige Nein-Denken, das instabile Selbstbild und die chronischen Selbstzweifel machen es für viele ADHS-Betroffene schwierig bis manchmal fast unmöglich, einfach so zu wissen und es sagen zu können, was ihnen gut tut oder was sie wollen und dann auch dazu zu stehen. Das gilt auch dann, wenn beispielsweise eine Selbstmanagement-Technik ausprobiert wurde und nun bewertet werden soll.

Und wenn Betroffene auf die ihnen offerierte ADHS-Selbstmanagement-Therapie mit einem „Nein danke!“ antworten, würden sie einmal mehr in der Zwickmühle sitzen. Sagen sie „Ja“ (was meistens der Fall ist) läuft es nicht selten auf dasselbe hinaus (weil ADHS-Betroffene halt oftmals nur ganz diffus spüren, dass es für sie eigentlich nicht stimmt, oder weil ihnen schlicht nichts anderes übrig bleibt).

Selbstbestimmt entscheiden, ob man in ein Therapieangebot einsteigen will oder nicht, hört sich gut an. Ist aber für viele Menschen mit einer ADHS alles andere als selbstverständlich. Jene, die es schaffen würden, „Nein“ zu sagen bzw. wirklich selbstbestimmt entscheiden können, was sie ausprobieren wollen oder was nicht (und nicht, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt), sind in ihrer Persönlichkeit wohl bereits so gefestigt, dass wir sie in der Psychotherapie-Sprechstunde kaum mehr sehen.

Es dünkt mich daher sehr wichtig, dass wir Fachleute sorgfältig prüfen, was wir unseren ADHS-Patienten an Interventionen offerieren.

Die Arbeit an den inneren Ambivalenzen, das Finden eines Zuganges zu sich selbst und damit verbunden das Lernen, „Nein“ zu sagen, dünken mich in der Therapie von Menschen mit einer ADHS elementar zu sein. Erst wenn die Basics einigermassen ‚sitzen‘, erwiesen sich meiner Erfahrung nach Selbstmanagement-Ansätze gelegentlich als wirksam. Viel öfters aber lief es darauf hinaus, die erwachsene ADHS-Betroffenen darin zu unterstützen, sich und ihre Grenzen zu akzeptieren, die verinnerlichten Grundannahmen zu verstehen und zu überwinden und sich in Sachen Exekutivfunktionen pragmatische Workarounds zu erarbeiten.

Corrie, magst Du Dein Kommunikations- und Selbstwerttraining hier im Blog vielleicht einmal vorstellen? Gerne würden wir Dir im Rahmen eines Gastbeitrages dafür Platz einräumen. Es wäre für Martin und mich, aber auch sicher für viele unserer der drei- bis vierhundert Leser/-innen, die täglich unseren Blog besuchen, sehr interessant, zu lesen, wie Du vorgehst, welches Deine Prämissen sind und was Du als zentral in der Therapie von ADHS-Betroffenen erachtest.

Gruss Piero + Martin

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* Cordula Neuhaus ist die wahrscheinlich erfahrenste ADHS-Spezialistin im deutschsprachigen Raum.  Sie hat zahlreiche und unbedingt lesenswerte ADHS-Ratgeberbücher verfasst, welche in unzählige Sprachen übersetzt wurden. Wer  schon mit Cordula Neuhaus gesprochen hat, ihre Vorträge oder ihre Bücher kennt, merkt sofort, dass sie weiss, wovon sie spricht. Neben Ihrer Arbeit als Psychotherapeutin ist sie seit Jahren in der Weiterbildung tätig.

 

 (Selbstmanagement-Therapien? Zurück zu Teil I)

 

Aktive Bewegungspausen in der Schule

Es gibt Nachrichten, die schaffen es ins Wall Street Journal. Wie die Botschaft „Exercise Helps Children with ADHD in Study„.

Bewegung ist wirksam gegen psychische Probleme und ADHS

30 Minuten Bewegung bzw. aerober Sport VOR dem Unterricht wären danach hilfreich bei ADHS. Mit einem „moderaten“ Effekt, der nun sich sowohl für die ADHS-Kinder wie auch bei neurotypischen Kindern zeigen lässt.

Es wäre also schon hilfreich, wenn der Schulweg zu Fuss oder mit dem Fahrrad zurück gelegt würde. Und nicht mit dem Auto oder Bus, wie es in den USA halt eher die Regel ist.

Das Bewegung für die geistige Leistungsfähigkeit bzw. die Aufmerksamkeit hilfreich ist, ist nun eine nicht gerade revolutionäre Erkenntnis. Sie wurde aber in den letzten Jahren im Land der Bewegungsmuffel USA in Form von einigen Trainingsprogrammen bzw. Büchern quasi neu entdeckt. Ehrlich gesagt hatte ich schon in den letzten beiden Jahren erwartet, dass dies nun als Mega-Hype bei uns durch die Presse zieht: Mehr Sport macht ADHS-Medikamente überflüssig. Oder: Bewegungsmangel von ADHS – Kids erklärt Medikationsanstieg.
Dann kommt gerne noch: Freie Zeit im Grünen ist gut bei ADHS.

Bewegungspausen bei ADHS immer seltener möglich

Wenn es mal so einfach wäre. Das sind nämlich alles Allgemeinplätze, die für Kinder mit und ohne Entwicklungsbesonderheiten gelten. Für ADHS-Kinder wird es sicher so sein, dass sie von Aus-Zeiten bzw. Bewegung und naturnahen Ansätzen sicher auch profitieren. Warum auch nicht. Es ist nur kein Ersatz für eine störungsspezifische Therapie.

Gleichzeitig wird aber aus Kostengründen und/oder wegen fehlender Räumlichkeiten und Lehrkräfte Sportunterricht immer weiter eingeschränkt. Bewegungspausen gibt es immer seltener. Schon gar nicht systematisch angeleitet durch Fachkräfte.

Der Effekt von Bewegung auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns wäre nun vergleichbar mit den Auswirkungen von Verhaltenstherapie durch qualifizierte Fachkräfte. Das ist schon mal eine Ansage.

Könnte aber auch aussagen, dass eben die Effekte der Verhaltenstherapie in einer Studienpopulation im Giesskannenprinzip auch nicht so dolle sind. Immerhin kann bisher in Metastudien die behaviorale Intervention bei ADHS nicht statistisch überzeugen.

Was man aber schon längst weiss: Bewegung von 20-30 Minuten und besonders auch Unterbrechungen des Unterrichts durch Bewegungspausen haben einen positiven Effekt auf die Stimmung. Bewegung wirkt genauso gut wie Antidepressiva oder Psychotherapie bei Depressionen.

Und ich habe keinen Zweifel, dass dies im Kern auch für ADHS gilt.

Man müsste nur in Bewegung kommen und in Bewegung bleiben, solche Bewegungsangebote bzw. Bewegungspausen auch anzubieten !

Die Frage wäre daher eher: Wie bringe ich Bewegungspausen in den Unterricht? Und noch spezieller: Sind die bisherigen Konzepte dazu dann auch ADHS-gerecht?

Einmal Google benutzt ergibt,  dass die Idee von Bewegungspausen mehr oder weniger so alt wie Schule ist. Wie immer kann man hier locker behaupten, dass früher ALLES anders und damit besser war.

Die Bosch-Stiftung hat 2005 dazu Gelder bereit gestellt und Anregungen für aktive Bewegungspausen gibt es dann u.a. hier  oder hier.

Anders ausgedrückt  Material und Anregungen für Bewegungspausen gibt es in Hülle und Fülle. Es muss auch nicht immer ein ganzer Zumba-Kurs sein.

Die Frage ist also eher: Wie könnte man Lehrerinnen und Lehrer dazu motivieren, dass sie an die Bewegungspause denken und sie anbieten? Und zwar nicht nur in der 1. oder 2. Klasse, sondern in allen Schulklassen?

Welche Ideen für Bewegungspausen im Unterricht bzw. Alltag habt Ihr?  Welche Ansätze an den Schulen haben sich als hilfreich herausgestellt, auch wenn ein Förderprogramm einer Versicherung oder einer Stiftung beendet wurde?

 

Kinder und Jugendliche über ADHS informieren

Gerne möchte ich an dieser Stellte noch einmal auf das Projekt „Kinder & ADHS“ aufmerksam machen. Worum geht es?

In meiner Praxis stelle ich immer wieder fest, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen (aber auch deren Eltern) auffallend wenig über die ADHS, deren Ursachen und Auswirkungen bei der Alltagsbewältigung wissen. Das erstaunt, denn im Rahmen einer qualifizierten multimodalen Therapie der ADHS sollte auch bei Kindern und Jugendlichen der direkten (und/oder persönlichen) Aufklärung und Informationsvermittlung ein grösserer Stellenwert zukommen. Und schliesslich leben wir im Jahr 2014.

Warum ist das wichtig? Die Betroffenen (und ihre Eltern) sollen die von ihnen persönlich als irritierend, behindernd und ich-fremd erlebten Auswirkungen der Aufmerksamkeits- und Impulskontrollstörungen verstehen und korrekt einordnen können.

Kinder mit einer ADHS benötigen ein stimmiges „Konzept“ über sich und ihr Störungsbild. Sie sollen verstehen, „was die ADHS mit ihnen macht“. Das kann ihnen zum Beispiel dabei helfen, sich nicht mehr als „ganzer Mensch“ als Versager/-in zu fühlen. Also: Nicht „Ich bin nicht normal“, sondern etwa: „Meine innere Bremse“ oder „Meine Sortierstation ‚wichtig-unwichtig‘ funktionieren nur dann korrekt, wenn es interessant oder spannend ist.“

Das Wissen um die ADHS-assoziierten Funktionsstörungen und deren Auswirkungen im Zwischenmenschlichen sowie bei schulischen Anforderungen kann zudem helfen, Schuld- und Schamgefühle zu lindern und dem oftmals schon in der Primarschulzeit beschädigten Selbstbild etwas „Sachliches“ und Entlastendes entgegenzusetzen. Dies wiederum kann die therapeutische Arbeit mit zahlreichen Betroffenen wesentlich verbessern, weil diese entspannter und zugänglicher sind. Die problematischen Reaktions- und Verhaltensweisen der ADHS-Betroffenen sind weniger mit Scham besetzt und können im Behandlungsgespräch etwas einfacher thematisiert werden. Dies wiederum kann uns Fachpersonen entscheidend helfen, die Wirkung der eingeleiteten therapeutischen Interventionen zu evaluieren und bei Bedarf zu optimieren.

Um Kindern ab ca. 11 – 12 Jahren und Jugendlichen Zugang zu Wissen über die ADHS und deren Folgen zu ermöglichen, habe ich vor einiger Zeit das Projekt „Kinder & ADHS“ ins Leben gerufen (www.kinder-und-adhs.ch). Es handelt sich um eine Website mit ADHS-Infos für Kinder und Jugendliche. „Kinder & ADHS“ enthält neben Erfahrungsberichten über und von Betroffenen ein ADHS-Lexikon für Kinder (sowie für Väter betroffener Kinder, welche leider noch zu oft „keine Zeit“ finden, sich über ADHS mittels fachgerechterer Ratgeberliteratur zu informieren).

Gestützt auf bisherige Rückmeldungen von Kindern und Jugendlichen, welche „Kinder & ADHS“ entdeckt haben, werden die Texte gerne gelesen. Selbst von Vätern erhielt ich Rückmeldungen, die sich auf diese Website bezogen. Soviel ich weiss sind es aber einmal mehr vor allem Mütter, welche die Infos auf „Kinder & ADHS“ zur Kenntnis nehmen. Auch die Webstatistik meldet gute Besucherzahlen. Eine Einschränkung besteht wahrscheinlich insofern, dass die Infos auf „Kinder & ADHS“ Betroffene aus bildungsfernen Familien und Kinder/Jugendliche mit einer Lesestörung überfordern könnten. Denkbar wären zum Beispiel Comics, in welchen die Fachinformationen zielgruppengerecht verpackt und kommuniziert werden könnten. Oder möglicherweise der Einbezug etwa von YouTube-Filmchen.

Wer beim Projekt „Kinder & ADHS“ mitwirken möchte, kann sich gerne bei mir melden. Voraussetzung ist, dass keine ADHS-relevanten Interessenskonflikte vorliegen.

Die Texte auf „Kinder & ADHS“ werden von mir (und/oder meinen Kolleginnen) – basierend auf Berichten von real existierenden ADHS-Betroffenen Kindern und Jugendlichen – verfasst oder redaktionell überarbeitet. Dabei wurden und werden alle Angaben zu den Protagonisten und ihren Angehörigen dahingehend abgeändert, dass Rückschlüsse zu den realen, hinter den ADHS-Stories stehenden Personen, ausgeschlossen sind.