Archiv der Kategorie: ADHS & Schule

Pädagogische Gartenzwerge

Vorweg: Es gibt ganz ganz tolle Erzieherinnen und Lehrer und ich finde es eigentlich müssig, nun über Lehrpersonenin Hinblick auf ADHS und Entwicklungsstörungen zu schelten. Und doch kann ich mich da (syndrombedingt ?) mal wieder nicht so zügeln, wie ich es eigentlich von mir und anderen erwarten würde / müsste.

Worum geht es? Uns allen sind wohl schon Menschen begegnet, die Einfluss auf unsere Kinder bzw. auch auf uns selbst haben, die über den geistigen Horizont mit einem Radius von Null verfügen. Ihr eigener Standpunkt wird als Mass aller Dinge genommen. Sie sind in etwa so flexibel und weitsichtig wie ein Gartenzwerg.

Meinem kleinen Sohn widerfuhr nun beispielsweise vor den Herbstferien ein unschönes Erlebnis mit einer „Sport-Lehrerin“. Diese Dame war bzw. ist der Meinung, das Seilspringen essentiell für Kinder ist. Das mag sein, auch wenn ich als Arzt vielleicht nicht ausreichend die Bedeutung des Seilspringens für die schulische Karriere von Kindern beurteilen kann.
Klar ist nur, dass mein Sohn eine sog. Dyspraxie hat und u.a. deshalb die Klasse eine sog. Integreationsklasse ist. Er hat eine Schulbegleitung, da er eben speziell im Bereich der Koordination und motorischen Entwicklung (aber nicht nur dort) schwere Entwicklungsrückstände aufweist.

Soweit – so schlecht.
Nun schafft es diese Lehrerin aber, meinem Sohn Angst vor dem Sportunterricht zu machen. Das geht soweit, dass er nicht mehr zur Schule gehen wollte bzw. mit psychosomatischen Symptomen reagierte.

Glücklicherweise kamen die Herbstferien. Ich kann es mir glücklicherweise leisten, häufiger als andere Familien in Urlaub mit meiner Familie zu fahren. Und diesmal waren wir in einem Hotel mit einem Kinderclub. Erstaunlicherweise wollten sowohl mein „Grosser“ wie auch der „Kleine“ (12 und 10) da hin. Und dies war für mich umso erstaunlicher, weil dort eigentlich jeden 2. Tag irgendwelche Olympiaden mit körperlichen Übungen (vom Einbeinstehen, Teebeutelweitwurf bis eben Seilspringen) auf dem Programm standen.
Die 17- bzw. 23-jährigen Animateure haben es aus mir völlig unbegreiflichen Gründen geschafft, wie selbstverständlich jedes Kind zu integrieren. Und zwar so, dass ihnen das Programm da Spass gemacht hat und sie jeweils individuellle Fortschritte als Anreiz zurück gemeldet bekommen haben.

Und ganz nebenbei hat mein Sohn dann sogar seine Motorik und Koordination verbessert. Bis die Schule jetzt wieder los geht …

Sicher, das ist Urlaub. Aber es ärgert mich, dass wir immer wieder erst im Urlaub dann Fortschritte erleben. Das war ähnlich beim Schwimmen und anderen angeblich essentiellen Dingen, die letztlich nicht nur mit Bewegung, sondern viel mehr mit Annahme des Anderssein, einem individuellem Lern- und Entwicklungstempo und eben unterschiedliche Fertigkeiten zu tun hat.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder solche pädagogischen Gartenzwerge sofort erkennen und instinktiv nicht mögen.
Das ist dann eine Ablehnung auf Gegenseitigkeit.
Diese LEER-Kräfte beschweren sich dann bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit darüber, dass die Kinder zu laut oder sonstwie störend sind.

Aus meiner bescheidenen Sicht sollte es zum pädpagogischen ABC gehören, dass man als Lehrer RUHE in eine Klasse bekommt. Diesen Gartenzwergen misslingt es in der Regel von der ersten Minute ihres pädagogischen Da-Seins.

Eine weitere Forderung seitens der Schüler an Lehrer sollte sein, dass sie gerecht sind. Auch diese Fähigkeit spielt aus dem Blickwinkel des Gartenzwergs natürlich keine Rolle. Im Gegenteil: Gerechtigkeit bedeutet eher, dass man alle Schüler mit Verachtung und Ablehnung gleich behandelt.

Aber genug von diesem Frust …

Was mir dann auffällt: Genau diese Lehrpersonen tauchen dann bei mir mit dem Ende der Ferien in der medizinischen Reha wegen „Burnout-Syndrom“ auf. Sie könnten mit Anfang 50 keine Kinder mehr ertragen, weil diese zu unmotiviert, zu laut und überhaupt falsch wären. Die Ferien würden nicht ausreichen, sich zu erholen (Wovon ?).

ich bekomme da so einen Hals ….

Leider ist es aber so, dass man die Schulen nicht so einfach von diesen Gartenzwergen befreien kann. Im Gegenteil: Je länger sie auf ihrem Platz verharren, desto mächtiger werden sie.

Wie geht Ihr mit dieser Sorte Lehrer / Erzieher um ?

Sitzenbleiben

In den ersten Bundesländern geht die Schule wieder los.

Und damit für viele Grundschüler erstmals das Problem, dass das Sitzenbleiben von ihnen erwartet wird. Dabei meine ich natürlich nicht, die Gefährdung der Versetzung. Sondern das ungesund Sitzen und die Einschränkung von Bewegungsmöglichkeiten in der Schulzeit (bzw. auch danach).

Eine Versicherung warnt nun vor den schädlichen Folgen dieser Entwicklung und zeigt damit, dass Schule nun völlig unsinnige und vor allem ungesunde Erwartungen an Kinder stellt. Siehe hier

An anderer Stelle wird ja – weit prominenter und lauter – derzeit propagiert, dass angeblich zu häufig bei früh eingeschulten Kindern ADHS diagnostiziert wird. Ja, alles richtig. Aber es geht eben umgekehrt darum, dass wir immer früher Stillsitzen bzw. Verhaltensweisen von Kindern erwarten, die weder kindgerecht, noch mit Lernen kompatibel sind.

ADHS-Kinder sind hier einmal mehr Indikatorkinder. Sie benötigen Bewegung bzw. auch propriozeptive Anregung (z.B. Kippeln, Spielen mit einem Radiergummi, Zerbrechen von Stiften, Kritzeln oder Zeichnen im Unterricht), um „sich richtig zu machen“. Also, eine ausreichende Selbstaktivierung bzw. Stimulation zu haben.

Sie würden auch mehr Bewegungspausen bzw. überhaupt Bewegung benötigen. Leider werden aber zeitgleich immer mehr Turnhallen geschlossen, weil die Dächer zusammenbrechen bzw. die Gelder für Sport- und Schwimmhallen fehlen. Freibäder und andere Freizeiteinrichtungen mit Bewegungsoptionen werden ebenfalls aus Kostengründen wegfallen.

Wir schaffen also als Gesellschaft eine bewegungsfeindliche Umgebung für die Kinder, beschweren uns dann aber, wenn nun ADHS-Kinder mit Unruhe und Bewegungsdrang auffallen.

Wer ist hier dann krank ? Die Kinder oder die Gesellschaft, die sowas zulässt ?

Mathe ist doof – Von der Korrektur einer Mathematikarbeit

Anhand eines fiktiven Beispiels von Nele, Schülerin einer 6. Klasse, möchte ich die Herausforderungen für Eltern bei der Korrektur einer Klassenarbeit verdeutlichen. Die Aufgaben sind echt, die Geschichte an und für sich frei erfunden. Es geht mir hier um die Bedeutung von höheren Handlungsfunktionen wie Selbstüberwachung , Handlungskontrolle und Planung, Arbeitsgedächtnis und Motivation am Beispiel einer Mathematikklausur.

Bei Nele ist bisher keine Diagnose gestellt.  Ihr Bruder hat eine ADHS vom hyperaktiv-impulsiven Typ und wird mit MPH behandelt. Hier berichte ich von einem beliebigen Sonntag, sagen wir mal den 7.12.2014. Also dem 2. Advent. Irgendwo in Norddeutschland.

Neles Papa bekommt die Aufgabe, mit Nele die Klassenarbeit Mathematik zu korrigieren. Es wird langsam schon düster im Wohnzimmer der Familie. Nicht nur von der Helligkeit, auch von der Stimmung.  Bis zum Ende des Wochenendes ist Nele damit umhergeschlichen und behauptete, dass sie noch nicht korrigiert wurde. Was sich allerdings nun nicht darauf bezog, dass der Mathelehrer die Arbeit nicht korrigiert hatte. Sondern Nele hatte sich davor gedrückt….

Was dann kam, ist die Geschichte: Mathe ist doof – oder die Korrektur der Korrektur einer Mathearbeit.

Zunächst muss man einige allgemeine Dinge zum Verständnis dieses Dramas wissen. Nele ist im Prinzip naturwissenschaftlich interessiert. Vor 3 Wochen nahm sie an einer freiwilligen Hochbegabtenförderung der Schule teil und lernte dort im Informatikprojekt eine neue Programmiersprache („Scratch“) kennen. Sie ist kreativ begabt und interessiert sich für darstellendes Spiel. Ob sie hochbegabt ist, weiss ich nicht. Tut hier aber auch wenig zur Sache.

Im Schulunterricht attestiert ihr der Mathe- und Naturwissenschaftslehrer kein Interesse an Naturwissenschaften und Mathematik. Sie habe zu viel versäumt und sei zu verträumt.

Leider findet der Mathematikunterricht überwiegend in der 5. und 6. Unterrichtsstunde statt. Es sind 32 Schülerinnen und Schüler in der Klasse. Wie mein Sohn hat Nele als „Fahrschülerin“ das Pech, morgens um 6: 30 mit dem Bus abgeholt zu werden, um dann nach 17 Minuten Fahrzeit ewig noch vor der Schule warten zu müssen. Das soll jetzt nicht die Matheproblematik erklären. Wohl aber die Umstände.

Die Arbeit wurde in der 5. oder 6. Stunde geschrieben.

Ich habe versucht, zu verstehen, was da im Kopf von Nele vorgeht. Ich gebe zu, dass ich ja auch gerne Flüchtigkeitsfehler mache bzw. dann „stecken bleibe“. Möglicherweise ist also meine Herangehensweise bzw. meine Lösungen der Korrekturen auch nicht richtig. Aber es ist eine alltägliche Aufgabe von Papas und Mamas, sich damit rumzuschlagen.

Schauen wir uns Frage 1 der Mathearbeit an :

1. Frage : Formuliere, wie man gemeine Brüche dividiert

Aus Sicht des Lehrers wird eine einfache Rechenregel abgefragt.

Als Einstieg in eine Klassenarbeit beginnt der Lehrer mit einer Aufgabe  die ein hohes Abstraktionsvermögen von Nele erfordert. Zudem muss man wissen, was ein „gemeiner Bruch“ ist.  Aus Sicht von Nele sind alle Brüche gemein, fies und ekelig. Besonders die, die der Mathelehrer stellt. Es ist schon der erste ekelige Stil-Bruch an und für sich, so anzufangen.

Dafür können die Brüche aber nichts.

Aus Sicht eines Schülers ist das ein sicherer Ausstieg aus der Klassenarbeit. In der Arbeit wusste Nele  die Antwort, konnte sie aber nicht als Antwort so formulieren, wie es der Erwartung der Lehrer entsprach.

Die Antwort in der Korrektur der Klassenarbeit lautet : „Mann dividiert gemeine Brüche, in dem man das Reziproke des Divisors Multipliziert“.
Inhaltlich richtig, Nele  macht jetzt Flüchtigkeitsrechtsschreibfehler beim Abschreiben. Übrigens hat auch der Mathelehrer hier einen Fehler in der Rechtschreibung übersehen… Das lassen wir mal so durchgehen..

2. Rechenaufgaben = Berechne

Bei diesen Aufgaben ist leider allein schon von der Feinmotorik häufig nicht zu erkennen, welche Zahl Nele  eigentlich schreibt. Besonders die 5 sieht wie ein b aus.

Erkennbar ist übrigens über die gesamte Arbeit, dass die Schrift schlechter wird, bzw. sie die Zeilen dann nicht mehr einhalten kann.

a)     4/7 + 2/14
Hier vergisst sie das Kürzen und rechnet richtig (aber umständlicher)

8/14 + 2 / 14 = 10/14
Das ist ja richtig, aber unvollständig gekürzt

Einfacher wäre gewesen, wenn sie 4/7 + 1/7 gerechnet hätte = 5/7

b)

2  3/8 – 1  3/4
Sie  rechnet es richtig auf Achtel um

Also 16+3 / 8   – 8+3/8 =   19/8- 14/8 =   5/8

Super gemacht !

c) 12/9 * 72/3 =

Nele kommt auf 36 , hat aber den richtigen Rechenweg und kommt dann bei der Multiplikation von 4 * 8 auf 36 statt 32.

Richtig wäre zunächst 4/3 * 72/3 = 4/3 * 24/1 = 96/3 = 32

oder eben einfacher über Kreuz kürzen = 4/1 * 8/1 = 32

d) 21/7 :  63/3
richtig gerechnet, nicht gekürzt.

richtig wäre
21/7 * 3/63 zu rechnen, was sie  auch gemacht hat und auf 3/21 kommt.
Das kann man aber eben auch kürzen auf 1/7.

Rechenweg bzw. Rechenregel also gut verstanden, aber unvollständig angewendet.

Bei der Korrektur der Klassenarbeit vergisst Nele zunächst die Teilaufgaben zu trennen (in 2 a bis d). Zudem schreibt sie  die Aufgaben so eng nebeneinander, dass man keinen Abstand erkennt.

Sie  muss 3 mal neu anfangen und die erste Aufgabenkorrektur nochmal abschreiben. Je häufiger sie schreibt, desto unleserlicher wird die Schrift.

An dieser Stelle kommt es zum Konflikt zwischen Papa und Nele. Nele macht dicht und Papa wird immer wütender und hilfloser. Nele verschränkt die Arme auf dem Tisch und vergräbt ihren Kopf in den Armen. Sie schaut nicht mehr auf das Blatt Papier.

Sie schaltet ab. Dann wird sie aggressiv und wirft Gegenstände um sich.

Papa versucht, sie wieder zurück zur Aufgabe zu holen. Wird dabei immer wütender und hilfloser. Was Nele spürt und noch mehr dicht macht.

„Ich bin doof“ , so Nele.
„Papa hat mich nicht lieb und mein Bruder wird ständig bevorzug“

„Ich geh nicht mehr zur doofen Schule“

Papa beschliesst auf Rat seiner klugen Frau, hier aufzugeben. Er schickt den Rest der Familie Richtung Weihnachtsmarkt, wo eine Sonderverlosung von bereits am Vormittag gekauften Losen ansteht.

Dann hat er seine Ruhe und versucht sich wieder soweit runter zu regulieren, dass die Familie zurück kommen kann.

3. Bestimme x

Beispiele a)
7/5 -x = 1
richtig gerechnet, falsch aufgeschrieben

7/5-1 = x   Also zunächst die Aufgabe nach x umformen, indem ich x nach rechts der Gleichung hole und dann die 1 nach links (also von den 7/5 abziehen muss)

x = 2/5

Machen wir die Gegenprobe bzw. Plausibilitätsprüfung
7/5 = 1 2/5

wieviel muss ich davon Abziehen, damit ich 1 bekomme ?
Richtig : 2/5

b) 2/9 * x = 2/3
Nele  schreibt als Antwort 2/9 * 2/1 = 2/3

spätestens hier wird klar, dass die Aufgabenstellung bzw das Prinzip der Gleichung mit einer Unbekannten = x  überhaupt nicht mit eigenen Worten wiedergegeben werden kann.

Nele  müsste zunächst die Gleichung so umformen, dass x auf der einen Seite allein steht

dazu muss man

2/9x = 2/3    um x allein zu bekommen muss ich die rechte und die linke Seite der Gleichung jeweils durch 2/9 teilen

also

x = 2/3 * 9/2

jetzt 2*9  /  3*2 richtig kürzen (jeweils durch 2 und 3 ) oder als Zwischenergebnis
x= 18/6

x= 3

Gegenprobe zur Selbstkontrolle
2/9 * 3 = 6/9 = 2/3   stimmt also…

Teilen erfolgt nach der Aufgabe 1 der Klassenarbeit, indem ich mit dem Kehrwert (oder Reziprok) arbeite. Diese Aufgabe ist also im Prinzip eine simple Anwendung der Rechenregel von Aufgabe 1.

Nele  kennt die Rechenregel. Sie  weiss nur nicht, wie  sie hier angewendet werden  muss. So wie die Rechenregel in Aufgabe 1 als Korrekturantwort formuliert wurde, wundert mich das allerdings auch nicht.

Es mag mathematisch korrekt sein. Verbildlicht bzw. erklärt aber überhaupt nicht, was getan werden muss.

Kommen wir zur Aufgabe 3 c

25 : x = 1 /25

Nele  schreibt 25 : 25 = 1/25
Was will diese Aufgabe ? Ich muss wieder versuchen, x allein auf einer Seite zu haben.
Beispielsweise :
25/x = 1/25

25 = 1/25 *x    ich nehme  beide Seiten mit x mal.

25* 25 = x    ich muss beide Seiten der Gleichung mit 25 malnehmen

625 = x          hier muss ich aufpassen, dass ich keinen Flüchtigkeitsfehler machen

Diesen Teil der Klassenarbeitskorrektur hat Nele  „vergessen“.  Ich vermute, weil sie  gar nicht verstanden hatte, was da von ihr gewollt wurde.

Das bedeutet für mich, dass man diesen Aufgabentyp noch üben müsste bzw. überhaupt nochmal mit ihr  besprechen und bildlich erklärt werden muss, was da von ihr verlangt wird. Das wäre durchaus eine Aufgabe von Nachhilfe, da dort ein Wissensdefizit besteht.

Aufgabe 4 .

Für ein Erfrischungsgetränk mischt Anna 3/4 Liter Mineralwasser und 3/8 Liter Zitronensaft. Sie verteilt das Getränk gleichmässig auf 7 Gläser. Wie viel Liter sind in jedem Glas?

Zunächst muss man versuchen, alles auf Achtel umzurechnen.
Bleiben wir erstmal anschaulich. 3/4 bedeutet, dass bei einer Literflasche 750 ml drin sind bzw. 6/8 l (jeweils mal 2 genommen)

Wir haben also 6/8 Mineralwasser und 3/8 Zitronensaft (oder 2 Teile Mineralwasser und ein Teil Zitronensaft). Zusammen 1,125 l, die wir auf 7 Gläser gleichmässig verteilen sollen.

9/8 = 1 l und 1/8 Erfrischungsgetränk sollen jetzt auf 7 Gläser verteilt werden.

Das macht mir die Mathelehrerin  dann bitte beim nächsten Elternsprechtag mal praktisch vor, wie exakt sie das macht. Ich spendiere die Flaschen.

Füllen Sie bitte in der nächsten Mathestunde aus den Flaschen mit dem Gesamtinhalt 1,125 l in übliche Trinkgläser von 250 ml die 7 Teile ein, so dass jedes der 7 Kinder exakt den gleichen Anteil von 9/56 l  = 0,16071429 l erhält.

In der Klassenarbeit hat sie  den Rechenweg völlig richtig :

(3/4 + 3/8) :7 = x

Sie  rechnet weiter richtig:

x= 9/8 * 1/7

Dann kommt ein Flüchtigkeitsfehler und sie  kommt zu dem Ergebnis 1/56, weil zwar richtig im Nenner 8*7 zu 56 multipliziert, dann aber im Nenner nicht 9*1 sondern nur 1 behält.

x = 9/56 l

Kann man da eine Kürzung vornehmen ? Nee.

Kann man das verständlicher machen ? Ja.
Für diese Aufgabe möchte ich den Mathelehrer für die Lehrkraft des Monats vorschlagen. Er  hat entweder selbst die Aufgabe vorher nicht durchgerechnet und erkannt, dass es sich um eine völlig unpraktische Grössenordnung im Ergebnis handelt, oder aber – weit schlimmer – dies vorsätzlich in Kauf genommen oder absichtlich so „brüchig“ geplant.

Das ändert nichts an der falschen Lösung der Aufgabe.

Aber spätestens hier steigt ein Kind mit Störungen der höheren Handlungskontrolle aus. Weil es doch nicht sein kann, dass bei einer scheinbar so pragmatischen / zweckgebundenen Aufgabenstellung und eine Menge von 1 l und 125 ml nun so eine krumme Zahl herauskommt, die man gar nicht einfüllen kann.

Viele (Kinder) denken zweckgebunden bzw. versuche, sich ein Bild von der Lösung zu machen. Dies muss doch hier misslingen und es kommt zu einem Konfusionszustand im Gehirn.

Schlimmer ist die Korrektur der Klassenarbeit.

Nele  kommt in der Korrektur der Klassenarbeit auf 63/8 l Mischgetränk . Damit vermehrt sich jetzt das Erfrischungsgetränk schlagartig…

Hier wird klar, dass  die Grössenordnungen gar nicht beachtet bzw. eine Plausibilitätsprüfung unterbleibt. Die Aufgabenstellung ist aber eben auch so, dass es an fehlender Zweckmässigkeit bzw Anschaulichkeit nicht zu überbieten sein dürfte. Und das, obwohl es sich ja um eine durchaus anwendungsorientierte Aufgabe handelt.

Nele rechnet jetzt
(3/4 * 3/8) : 7   und macht sich das Leben unnötig schwer, weil sie Addition und Multiplikation verwechselt, obwohl sie es in der Klassenarbeit ja richtig hatte.

Für mich ist gerade die Korrektur ein Beispiel dafür, dass sie  die Aufgabenstellung überhaupt nicht mit einem praktischen Sinn verknüpft. Man könnte fast an eine Dyskalkulie denken, wäre nicht die Aufgabenstellung wiederum derart un-sinnig in der Grössenordnung, dass kein normal denkender Mensch auf das Ergebnis kommen würde bzw. damit eine Grössenordnung verbindet.

Aufgabe 5

Karina spart für ein Fahrrad, das 480 Euro kostet. Ihre Oma sagt ihr ein Drittel des Preises zu , die Patentante will ein Viertel des Preises geben und die Mutter übernimmt ein Fünftel des Preises.
Karina selber möchte monatlich 10 Euro Taschengeld zurücklegen.
Wieviele Monate muss sie für das Fahrrad sparen ?

In der Klassenarbeit erkennt der Mathelehrer, dass Nele  das Vorgehen richtig macht. Er rechnet nur aus Flüchtigkeitsfehlern (oder Nichtkennen des 1*1, was ich aber nicht glaube) wiederum falsch :

1/3 von 480 Euro sind bei ihm 150 Euro

und 1/ 5 von 480 Euro (der Mutter) dann 68 Euro

Im sonstigen Vorgehen kommt Nele  sogar zur richtigen Antwort von 11 Monaten.
Auch hier erschliesst es sich mir nicht, was die Aufgabenstellung und das Ergebnis von 10,4 Monaten soll.
In der Korrektur der Klassenarbeit wiederholt sie  diese Fehler.

Richtige Lösung wäre
Oma gibt 1/3 von 480 = 160 Euro

Tante 1/4 von 480 = 120 Euro

Mama 1/5 von 480 = 96 Euro

Ich verzichte hier mal auf die Lösung mit den Brüchen.
Wir addieren jetzt die Summen 160 + 120 + 96 Euro zu = 376  Euro
Von den 480 Euro dann noch 480-376 = 104 Euro , die mit jeweils 10 Euro nach 10,4 Monaten also aufgrundet 11 Monate abbezahlt wären.

Sicher geht es bei einer solchen Textaufgabe darum, abstraktes Denken und die richtige Anwendung von Regeln zu prüfen. Aber auch hier stellt sich die Frage, welche Mama 1/5 von 480 springen lässt und warum dann so ein Ergebnis herauskommen muss.

Aufgabe 6
Bilde die Aufgabe und berechne dann
a) Addiere 8 zum Quotienten aus 4/3 und 3

Wie der Lehrer rot anschreibt, verwechselt sie Differenz = Minus
und Quotient = Teilen :

Der Quotient aus 4/3 und 3 ist wohl 4/3 geteilt durch 3, oder ?

also x = 4/3 :3   = 4/3 * 1/3 = 4 /9
Was muss ich also machen ?
erstmal 4/3 durch 3 geht auch als 4/3 mit dem Kehrwert multiplizieren. Also komme ich dann auf die Neuntel…

b) Multipliziere die Differenz  aus 8/5 und 7/6 mit 2/15

Was gibt es hier zu beachten
1. Differenz bedeutet Abziehen also zunächst (8/5 – 7/6) und das dann mit 2/15 malnehmen.

2. Zunächst muss ich die Klammer bzw. die Differenz rechnen (wenn ich es nicht noch umständlicher machen will)

8/5 – 7/6    bedeuet, dass ich auf Dreizigstel (1/30) umrechnen muss
8*6/30 – 7*5/30 = 48/30 – 35/30= 13/30

die muss ich dann mit 2/15 malnehmen
also 2/15 * 13/30 = 2*13/ 15*30   oder gekürzt 13/15*15  = 13 /225

nur um mal eine praktische Grössenordnung dieser Zahl zu geben, das sind 0,05777778.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich bin sehr dafür, dass Gymnasialkinder in abstraktes Denken bzw. die Regeln der Bruchrechnung eingeführt werden. Es muss nicht immer simpel sein. Diese Art von Lösungen muss aber selbst den interessiertesten Kindern die Lust an Mathematik vergraulen.

Schauen wir uns aber mal an, welche Ergebnisse denn nun hier in der Klassenarbeit  jeweils „richtig“ sind, so geht mir persönlich die Hutschnur hoch.

So. Die Zusatzaufgabe löst ihr allein :

9 * (1 2/7 + (4:3/2)- 4/9 )

Ich habe mal bewusst „laut“ gedacht, was ich bei der Lösung der Aufgaben bzw. der Korrekturen  gedacht habe. Ich nehme Fehler bzw. Unstimmigkeiten gerne in Kauf.

So wie es andere Väter und Mütter ja auch erleben würden.

Womit wir dann zu der weitaus interessanteren Frage kämen, was man jetzt mit Nele so anstellen könnte bzw. ob und wie ihr zu helfen ist.

Aktive Bewegungspausen in der Schule

Es gibt Nachrichten, die schaffen es ins Wall Street Journal. Wie die Botschaft „Exercise Helps Children with ADHD in Study„.

Bewegung ist wirksam gegen psychische Probleme und ADHS

30 Minuten Bewegung bzw. aerober Sport VOR dem Unterricht wären danach hilfreich bei ADHS. Mit einem „moderaten“ Effekt, der nun sich sowohl für die ADHS-Kinder wie auch bei neurotypischen Kindern zeigen lässt.

Es wäre also schon hilfreich, wenn der Schulweg zu Fuss oder mit dem Fahrrad zurück gelegt würde. Und nicht mit dem Auto oder Bus, wie es in den USA halt eher die Regel ist.

Das Bewegung für die geistige Leistungsfähigkeit bzw. die Aufmerksamkeit hilfreich ist, ist nun eine nicht gerade revolutionäre Erkenntnis. Sie wurde aber in den letzten Jahren im Land der Bewegungsmuffel USA in Form von einigen Trainingsprogrammen bzw. Büchern quasi neu entdeckt. Ehrlich gesagt hatte ich schon in den letzten beiden Jahren erwartet, dass dies nun als Mega-Hype bei uns durch die Presse zieht: Mehr Sport macht ADHS-Medikamente überflüssig. Oder: Bewegungsmangel von ADHS – Kids erklärt Medikationsanstieg.
Dann kommt gerne noch: Freie Zeit im Grünen ist gut bei ADHS.

Bewegungspausen bei ADHS immer seltener möglich

Wenn es mal so einfach wäre. Das sind nämlich alles Allgemeinplätze, die für Kinder mit und ohne Entwicklungsbesonderheiten gelten. Für ADHS-Kinder wird es sicher so sein, dass sie von Aus-Zeiten bzw. Bewegung und naturnahen Ansätzen sicher auch profitieren. Warum auch nicht. Es ist nur kein Ersatz für eine störungsspezifische Therapie.

Gleichzeitig wird aber aus Kostengründen und/oder wegen fehlender Räumlichkeiten und Lehrkräfte Sportunterricht immer weiter eingeschränkt. Bewegungspausen gibt es immer seltener. Schon gar nicht systematisch angeleitet durch Fachkräfte.

Der Effekt von Bewegung auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns wäre nun vergleichbar mit den Auswirkungen von Verhaltenstherapie durch qualifizierte Fachkräfte. Das ist schon mal eine Ansage.

Könnte aber auch aussagen, dass eben die Effekte der Verhaltenstherapie in einer Studienpopulation im Giesskannenprinzip auch nicht so dolle sind. Immerhin kann bisher in Metastudien die behaviorale Intervention bei ADHS nicht statistisch überzeugen.

Was man aber schon längst weiss: Bewegung von 20-30 Minuten und besonders auch Unterbrechungen des Unterrichts durch Bewegungspausen haben einen positiven Effekt auf die Stimmung. Bewegung wirkt genauso gut wie Antidepressiva oder Psychotherapie bei Depressionen.

Und ich habe keinen Zweifel, dass dies im Kern auch für ADHS gilt.

Man müsste nur in Bewegung kommen und in Bewegung bleiben, solche Bewegungsangebote bzw. Bewegungspausen auch anzubieten !

Die Frage wäre daher eher: Wie bringe ich Bewegungspausen in den Unterricht? Und noch spezieller: Sind die bisherigen Konzepte dazu dann auch ADHS-gerecht?

Einmal Google benutzt ergibt,  dass die Idee von Bewegungspausen mehr oder weniger so alt wie Schule ist. Wie immer kann man hier locker behaupten, dass früher ALLES anders und damit besser war.

Die Bosch-Stiftung hat 2005 dazu Gelder bereit gestellt und Anregungen für aktive Bewegungspausen gibt es dann u.a. hier  oder hier.

Anders ausgedrückt  Material und Anregungen für Bewegungspausen gibt es in Hülle und Fülle. Es muss auch nicht immer ein ganzer Zumba-Kurs sein.

Die Frage ist also eher: Wie könnte man Lehrerinnen und Lehrer dazu motivieren, dass sie an die Bewegungspause denken und sie anbieten? Und zwar nicht nur in der 1. oder 2. Klasse, sondern in allen Schulklassen?

Welche Ideen für Bewegungspausen im Unterricht bzw. Alltag habt Ihr?  Welche Ansätze an den Schulen haben sich als hilfreich herausgestellt, auch wenn ein Förderprogramm einer Versicherung oder einer Stiftung beendet wurde?

 

Inklusion : Wenn Schulbegleitung vom Haushalt bestimmt wird

Man könnte ja annehmen, dass das Sozialrecht auf individuelle Förderung nach der Bedürftigkeit des Kindes und nicht nach der desolaten Haushaltslage bestimmt wird.

Schliesslich gibt es ein im Grund- bzw. Sozialrecht verbrieftes Recht, dass kein Kind (bzw. überhaupt ein Mensch) aufgrund einer Behinderung benachteiligt werden darf. Die Schulbegleitung stellt gerade bei Kindern mit Asperger bzw. ADHS und begleitenden Wahrnehmungs- , Lern- und Verhaltensstörungen eine sehr wirksame Hilfe dar.

Natürlich könnte man sich wünschen, dass die Schule ein Ort wäre, wo dies auch ohne Schulbegleitung möglich wäre. Ist es aber nicht.

Umso befremdlicher, dass jetzt offenbar Recht durch Haushaltsvorgaben gebeugt werden kann. So wie in Hamburg plötzlich Schulbegleitung für verhaltensauffällige Kinder von einem Schulsenator entschieden wird. Und nicht nach der Notwendigkeit, die ein Arzt bzw. Psychotherapeuten festlegen. Siehe hier

Wenn man weiss, wofür in Hamburg Geld verschwendet wird (Stichwort Elbphilharmonie) bzw. welche Gehälter ein Senator bekommt, so bleibt einem bei solchen Darstellungen die Spucke weg.

Eigentlich sollte man den Senator persönlich haftbar machen können. Stattdessen müssten aber Eltern eben vor Gericht  für ihr Kind Recht durchsetzen. Was aber Jahre dauern kann.

Leider nicht nur in Hamburg eine sehr bittere Realität. Auf dem Rücken der Kinder.

Mathematik-Note und Methylphenidat

Es gibt bekanntlich selbsternannte „Experten“, die stellen die Existenz von Dyskalkulie bzw. überhaupt Teilleistungsstörungen in Frage. Das sind meistens mediensüchtige Schwafler, die wenig an der Realität von Kindern mit Lern- und Teilleistungsstörungen interessiert sind. Und eher über Zeitschriften- und Fernsehauftritte ihren Dummfug an den geneigten Leser bringen möchten. Natürlich nur an die, die selber keine Kinder mit entsprechenden Lernproblemen haben.

Eine neue Studie ist aber dann doch provokativ. Wir hatten hier im Blog schon häufig das Thema Matheschwäche und ADHS. Wenn man sich mit ADHS-Kindern näher beschäftigt, so wird deutlich, dass gerade Rechnen und abstraktes Denken ganz besondere Anforderungen an die Exekutivfunktionen, an die gezielte Wahrnehmung, an das Verständnis der Aufgabe und schliesslich dann auch an das Gedächtnis stellt.

Gerade im Fach Mathematik scheiden sich dann die Spreu vom Weizen. Nicht wegen einer Dyskalkulie bzw. mathematischen Unvermögen, sondern wegen der ADHS-Kernsymptomatik der zu oberflächlichen Aufmerksamkeit und der damit verbundenen fehlenden Möglichkeit, das Wissen wirklich so anzuwenden, wie es dem Begabungsprofil des Kindes entspricht.

Plötzlich sind dann nicht nur Flüchtigkeitsfehler zu verzeichnen, nein ganze Aufgabenstellungen werden nicht mehr verstanden. Und das, obwohl sie noch kurz zuvor „gekonnt“ wurden. Gerade Kleinigkeiten in der Formulierung und / oder inkonsistente Aufgabenstellungen auf Arbeitsblättern führen dann zu schlechten Noten.

Eine aktuelle Studie untersuchte nun, ob man mit Methylphenidat die Mathenote verbessern kann. Na ja, etwas verkürzt dargestellt. Aber im Kern ist es das Resultat der Studie. Siehe hier.

Natürlich hilft nun Methylphenidat nur dann, wenn das Wissen auch vorhanden ist. Aber MPH hilft das vorhandene Wissen eben anzuwenden bzw. überhaupt erstmal zu erwerben.

Andersherum gedacht: Wenn ein Kind ein begabungsinadäquates Profil in Fächern wie Rechnen bzw. später Mathe hat (aber eben nicht unbedingt „hyperaktiv“ ist), sollte man an ADHS (vom unaufmerksamen Subtyp) denken. Bevor sich dann andere Folgeprobleme ergeben.

Ein Gegenstand mit U

Gestern war ich bei Lidl einkaufen. Und da habe ich ein schönes Beispiel dafür erlebt, wie man sich mit einem einzigen Wort gleich in 2 Fettnäpfe bei seinem Kind setzen kann.
Wirklich so passiert.

Die offensichtliche Erstklässlerin ist noch schnell mit ihrer Mama zum Einkaufen. Soweit o.K. Die ABC-Schützin erzählt, dass sie das „U“ neu gelernt habe. „Urlaub“ wird mit U geschrieben.

„Wir sollen einen Gegendstand, der mit „U“ anfängt in den Unterricht mitbringen. Was könnte ich mitnehmen, Mama ?“

Die Antwort der Mutter „Ouzo“ …

Manchmal sollte man doch nachdenken, bevor man spricht 🙂