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Leicht behinderter Schüler zu Unrecht aus dem Gymi geworfen …

Tages-Anzeiger, 09.11.2013:

Leicht behinderter Schüler zu Unrecht aus dem Gymi geworfen

Ein Gymnasium muss einen Schüler mit leichten Handicaps aufnehmen, obwohl er die Probezeit nicht bestanden hat. Das Verwaltungsgericht spricht von Diskriminierung.

Silvio (Name geändert) leidet seit dem Kleinkindalter an der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und ist deswegen in ärztlicher Behandlung – auch wegen einer minimalen Sprachstörung, feinmotorischer Schwierigkeiten und der Kinderkrankheit Morbus Perthes, die ihn grobmotorisch leicht einschränkt. Trotz all dieser Handicaps hat Silvio im Frühling 2012 die Aufnahmeprüfung ans Langzeitgymnasium bestanden.

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Mit diesem Urteil und dessen Verbreitung durch die Medien wird einmal mehr festgeschrieben, dass Kinder mit einer Behinderung (und dazu zählt unter anderem auch eine ADHS) schulisch nicht diskriminiert werden dürfen. Rechtliche Grundlage bildet das Diskriminierungsverbot der Bundesverfassung (BV) in Art. 8 Abs. 2 und die Bestimmungen zum ausreichenden Grundschulunterricht in Art. 19 und 62 BV. Ergänzend zu den Bestimmungen der Bundesverfassung konkretisiert das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) diese verfassungsmässigen Rechte und fordert in Art. 20 dazu auf, Schüler/-innen mit einer Behinderung eine Grundschulung anzubieten, die ihren besonderen Bedürfnissen angepasst ist.

Dass auch Kinder mit einer ADHS schulisch nicht diskriminiert und benachteiligt werden dürfen, ist in der Schweiz erst wenigen Eltern, Lehrpersonen und Schulleiter/-innen bekannt. So kommt es beispielsweise immer wieder vor, dass Kinder mit einer ADHS beim Oberstufenübertritt infolge „ungenügender Arbeitshaltung“ oder erwartungswidrigen schulischen Minderleistungen falsch eingestuft werden. Die sich daraus resultierende schulische Unterforderung und die damit verbundene psychische Destabilisierung des Kindes führte in den meisten der mir bekannten Fälle zu einer Verschlimmerung der Lern- und Verhaltensprobleme.

In den letzten Jahren kam es immer öfters vor, dass ich im Zusammenhang mit der Geltendmachung von Massnahmen zum Nachteilsausgleich Gutachten erstellen musste. Was mich dabei (mit wenigen Ausnahmen) immer wieder erschreckte, war der Umstand, wie wenig Verständnis ADHS-Betroffenen von Lehrpersonen entgegengebracht wurde. Bei Kindern mit Asperger-Syndrom gab es demgegenüber kaum jemals Probleme.

Sich bei fehlendem Nachteilsausgleich zu wehren (und sich diesen notfalls gerichtlich zu erkämpfen), kann für ADHS-Schüler/-innen eine immens grosse Bedeutung haben. In allen mir bekannten Fällen hat sich der Aufwand der Eltern sehr gelohnt.

Zur einer multimodalen Therapie der ADHS gehörte heute meines Erachtens immer auch dazu, mögliche schulische Benachteiligungen zu erfassen und bei Bedarf  anzugehen.

Weitere Informationen zum Nachteilsausgleich in der Schweiz siehe hier.

Gastbeitrag: Aktuelle Situation in der Schweiz

Normalerweise bin ich sehr gerne lieber im Hintergrund, aber bisweilen gibt es noch immer Situationen, die mich auf die Palme treiben und ich mir einen Kommentar nicht verkneifen kann. Da hier im Blog nicht wenige Schweizer mitlesen, möchte ich den Blog nutzen, um dies zu veröffentlichen, da hier ausser der NZZ kaum eine Tageszeitung erwähnt hat. Falls mein Kommentar dazu nicht vollständig angezeigt wird, einfach auf „mehr anzeigen“ klicken.

Die Redaktion hat freundlicherweise meinen Kommentar dazu nicht gekürzt, obwohl er offenbar wie immer zu lang war. Die Kommentare dazu findet man unter dem unten genannten Link. Über weitere Kommentare, vor allem in der NZZ,  würde ich mich freuen!

VG, Chris

Parlamentarische Vorstösse zu Ritalin

«Modephänomen für Zappelphilipp-Kinder»

Quelle:

http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/modephaenomen-fuer-zappelphilipp-kinder-1.18098500

Statt Verhaltenstherapie probieren viele zunächst Pillen aus …

ADHS: US-Ärzte verschreiben Kindern zu schnell Psychopharmaka
Die Zahl der ADHS-Diagnosen steigt rasant – und mit ihr die Verordnungen von Psychopharmaka. Eine Befragung von spezialisierten US-Ärzten hat jetzt ergeben, dass sich bei der Therapiewahl längst nicht alle an die Leitlinien halten. Anstelle der Verhaltenstherapie probieren viele zunächst Pillen aus. Weiterlesen. Und siehe auch hier.

Ich kann mir schon vorstellen, dass einige Ärztinnen und Ärzte zu schnell zum Rezeptblock greifen. In Einzelfällen habe auch ich schon davon Kenntnis genommen. Ohne das schönreden zu wollen, muss man auch Folgendes bedenken:

  1. Bei Vorliegen einer ADHS – und das zeigen mit hoher Evidenz sowohl klinische Erfahrungen wie auch zahlreiche Studien – erweist sich die Verhaltenstherapie ohne medikamentöse Behandlung als wirkungslos.
  2. Häufig, aber nicht immer, sind neben der medikamentösen Therapie psychotherapeutische Massnahmen angezeigt. Es kann – eine sorgfältige Diagnostik vorausgesetzt – im Einzelfall also durchaus im Sinne des Patienten liegen und seinem Wohl zuträglich sein, wenn seine ADHS-Therapie sich primär auf Medikamente abstützt.
  3. Man kann viel Gescheites über die Notwendigkeit von Verhaltenstherapie bei ADHS schreiben. Fact ist, dass es heute unmöglich ist, selbst auch einen kleinen Teil der ADHS-betroffenen Kinder verhaltenstherapeutisch zu behandeln. Gründe sind: Es gibt nur sehr wenige Verhaltenstherapeutinnen und -therapeuten, welche mit der Therapie der ADHS vertraut sind. Ausserdem muss die Verhaltenstherapie in vielen Ländern privat bezahlt werden. Zugang zu dieser Behandlungsform haben – wenn überhaupt – meistens also nur finanziell gut gestellte Familien.
  4. Das meines Erachtens ernstere Problem in der ADHS-Versorgung ist die Tatsache, dass einer qualifizierten Diagnostik immer noch zu wenig Bedeutung zukommt. Nur eine seriöse klinisch- und neuropsychologische Abklärung ergibt zuverlässige Indikationen für diejenigen therapeutischen Interventionen, welche beim betreffenden Patienten nachweislich erforderlich sind. Leider gilt auch bezüglich Diagnostik das zur Verhaltenstherapie Genannte: Es gibt viel zu wenig Psychologinnen und Psychiater, welche mit der qualifizierten ADHS­-Diagnostik (also auch der Differenzialdiagnostik*) vertraut sind.

Solange in der öffentlichen Gesundheitsversorgung nicht dafür gesorgt wird, dass Diagnostik und Verhaltenstherapie real als beanspruch- und zahlbare Dienstleistungen zur Verfügung stehen (und das ohne monatelange Wartezeiten!), wird sich bezüglich voreiliger Rezeptierung von Stimulanzien wohl wenig ändern.

Manchmal dünken mich die immer wieder aufflackernden Pressemeldungen über eine zu schnelle Medikamentenabgabe als Nebenkriegsschauplatz. Sie eignen sich bestens, um vom eigentlichen Problem der ungenügenden diagnostischen und psychotherapeutischen ADHS-Versorgung abzulenken.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich will den Ritalin-Boom nicht verharmlosen! Mir geht es vielmehr darum, diese Fragestellung nicht nur auf ideologischer, sondern auch auf ganz pragmatischer Ebene zu beleuchten.

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* Differenzialdiagnostik: Alternnative Erklärung für die Krankheitzeichen („Was könnte sonst noch eine Ursache sein?“)

Kosten von ADHS

ADHS ist teuer. Zumindest für die Krankenkassen in Deutschland. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts bzw. der Uni Hannover sind ca 600.000 Kinder in Deutschland betroffen.

Interessante Zahlen zur gesundheitsökonomischen Bedeutung von ADHS findet man hier.

Mit einem Kostenanteil von 44 Prozent spielen Ergotherapie und Verhaltenstherapie den grössen Kostenfaktor (1.704 Euro pro Jahr). Da sind die Medikamente vergleichsweise kostengünstig (483 Euro) oder 12 Prozent der Gesamtausgaben. Teuer sind vor allem die verschiedenen Begleit- und Folgeerkrankungen. Das summiert sich auf fast 3.900 Euro pro Jahr und damit viel mehr als für ein Kind ohne ADHS (ca. 2.900 Euro weniger).

Das Problem (noch nicht mal immer bei den Kosten für die Krankenkassen) sind die viel häufigeren Lernstörungen (15 mal mehr), Depressionen und Selbstwertstörungen und eben Unfälle.

Rotkäppchen-Fruchtsaft „Lernstark“ und andere Wundermittel bei ADHS

Zugegeben, eine wirklich tolle und seriöse Quelle ist Bild.de dann auch wieder nicht. Aber ausnahmsweise stimme ich dem Artikel zu einer Untersuchung der Stiftung Warentest hinsichtlich Nepp und Unsinn im Bereich „Nahrungsergänzungsmitteln“, Säften und Diäten und sonstigem Schick-Schnack auf dem ADHS-Markt gerne zu.

Was tun wir lieben Eltern nicht alles, damit unsere lieben Kinder sich gesund entwickeln können. Sehr leichtgläubig kommt selbst bei uns dann häufiger ein Joghurtdrink auf den Tisch, der mehr Abwehrkräfte verspricht. Ist zwar teurer Unfug, aber der Glaube versetzt bekanntlich Berge.

Schlimmer ist es, wenn dieser Blödsinn eben in der Drogerie angeboten, vom Apotheker persönlich empfohlen (schlimm!) oder aber als Wundermittel im Internet vertickt wird.

Erschreckend, was da alles auf dem Markt erhältlich ist: Softpastillen von der Drogeriekette dm, die ein „Plus“ an Konzentration für ADHS-Kinder versprechen. Oder ein Rotkäppchen-Fruchtsaft „Lernstark“.

Über den Sinn bzw. eher Unsinn von Omega-3 oder 6-Fettsäureangeboten kann man sich ja dann auch vortrefflich streiten.

Im Kern teurer Quatsch, der als „wenig geeignet“ eingestuft wird. Ich finde, dass ist noch eine milde Bewertung.

Inzwischen gehe ich sogar ab und an in eine Apotheke, die im Schaufenster derartige „Leistungssteigerer“ anbietet. Und frage den Apotheker, was er / sie sich dabei denkt. Die Antworten sind beschämend. Meistens heisst es, es bestehe eben eine Nachfrage danach.

Ah ja?!

Anders ausgdrückt: Die Gewinnmarge für den Apotheker rechtfertigt in diesem Fall, dass man pro Tag mindestens einen halben bis 2 Euro an völlig blödsinnigen Präparaten in das Kind „wirft“. Ohne über die Nebenwirkungen Bescheid zu wissen und meist auch noch mit der Gefahr, dass eine wirklich wirksame Therapie ja erstmal unterbleibt.

Ed Hallowell hat mal, als er auf die Einnahme von Proteindrinks zum Frühstück angesprochen wurde, die er in einem seiner Bücher propagierte, selber hat mal gesagt: „Er wisse halt nicht, ob dieses teure Zeug wirklich wirke. Aber immerhin hätte er dann den teuersten Urin in den USA“.

In diesem Sinne: ADHS-Nahrungsmittel bzw. Nahrungsergänzungsmittel kann man gleich ins Klo kippen. Oder noch besser: Man kauft sie gar nicht erst.

Neuromythologie

Wie unter anderem in meiner Kritik an Barkleys ADHS-Modell verdeutlicht, erachte ich eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und dem Zeitgeist, in welchem Probleme wie jene der ADHS evident werden, zum Verständnis derselben für ebenso wichtig, wie das Wissen um die Neurobiologie der ADHS. In diesem Zusammenhang werde ich in lockerer Reihenfolge auf Interviews und Presseberichte hinweisen, welche sich kritisch mit dem gesellschaftlichem Verständnis psychischer Erkrankungen auseinandersetzen.

In diesem Interview erlärt der Pharmakologe und Wissenschaftspublizist Felix Hasler anlässlich seines neuen Buches: «Neuromythologie – Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung» seine Vorbehalte gegenüber den Neurowissenschaften.