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ADHS – Medizinethik aus Sicht der ADHS-Kinder

ADHS-Voices ist eine Webseite bzw. eine Studie, die sich u.a. mit ADHS und der Stimulantientherapie bei Kindern beschäftigt.

Ist es moralisch vertretbar, Kinder mit Medikamenten zu behandeln oder ist es unterlassene Hilfeleistung, dies nicht zu tun ?

Da ich mich familiär bedingt gerade mit Asthma-Behandlung beschäftigte, ist dies manchmal auch eine geradezu absurd anmutende Diskussion. Mein Sohn muss derzeit neben Cortison in absteigender Dosierung drei Dosieraerosole nehmen (o.K., eins ist „Notfall“). Budenosid, der Wirkstoff von einem häufig angewandten Spray, wird gerade intensiver angefeindet, dass möglicherweise das Wachstum der Kinder um 1,2 cm kleiner bleibt. Kommt uns aus ADHS-Sicht bekannt vor, oder ?

Aber wenn man erlebt hat, wie die Luftnot meinen Sohn akut beeinflusst, so stellt sich doch gar nicht die Frage, ob man Asthma behandelt, sndern höchstens wie.

ADHS und Asthma haben viel gemeinsam. Nicht nur in der Häufigkeit, dem chronischen Krankheitsverlauf und letztlich auch in den  Auswirkungen und Benachteiligungen, die bei unzureichender Behandlung entstehen können.
Wobei aber eben bei Asthma kaum ein Lehrer oder Eltern sagen würden: Moralisch ist es falsch, Asthma zu behandeln. Weil Asthma nur Ausdruck unserer industrialisierten Welt ist und schliesslich die Häufigkeit mit ca. 10 Prozent bei Jungen heute ja steigend ist und schliesslich so viele Kinder betrifft.

ADHS-Voices befragte nun Kinder selber sowie deren Familien. Macht die Medikation die Kindern zu Robotern, die von der Medikation abhängig werden? Werden sie zu Zombies und zu Erfüllungsgehilfen des gestörten Familien- und Gesellschaftssystems?

Stattdessen geben die Kinder schlaue Antworten, die weit über den Horizont von einigen ewig hinter dem Mond lebenden Schlaubergern hinausgehen, die zwar über ADHS-Kinder, selten aber mit ihnen reden. Das wird in den Studien übrigens auch häufig von den Kindern beklagt. Die Therapeuten reden zwar mit ihren Eltern, selten aber wirklich mit ihnen. Immer über sie, dann aber aus der Sicht der Psychologen oder Ärzte und bezogen auf die Interessen des jeweils Fragenden.

Die Kinder beschreiben übrigens sehr treffend, dass Methylphenidat ihnen gerade in moralisch relevanten Entscheidungen (also Fragen, die Recht und Unrecht betreffen) sehr helfe. Sie könnten die Auswirkungen ihres Verhaltens erfassen und ggf. noch eine impulsive Handlung bremsen. Sie bekommen sowas wie eine moralische Instanz, an die sie sich auch halten bzw. orientieren können.

Es wäre manchmal schön, wenn ADHS-Kritiker diese Fähigkeit auch hätten. Die Webseite und die dazu gehörigen Artikel (auf englisch) finde ich sehr lesenswert und einer Diskussion würdig.

Stigmatisierung durch (angeblich) verkehrte Diagnosen oder durch unsachliche Medienberichte?

Es erstaunt mich immer wieder, wie unkritisch verschiedene Medien mit dem Thema ADHS umgehen. Jüngstes Beispiel siehe hier.

Für medikamenten- und gesellschaftskritische Würdigungen dieses Themas bin ich ja immer sehr offen. Nicht aber für ADHS-Medienberichte mit einseitigen und unsachlichen Inhalten/Kernaussagen .

Artikel dieser Art schaden vielen ADHS-Betroffenen und ihren Familien: Wird nämlich das Thema ADHS einseitig negativ präsentiert (oder die Existenz der ADHS gar ganz in Abrede gestellt), läuft das immer darauf hinaus, dass Betroffene und ihre realen Probleme (welche es tatsächlich gibt) ebenfalls ins schiefe Licht geraten und ins Abseits gedrängt werden.

Dieser Artikel in der Coop Zeitung – und mit ihm viele ähnliche Medienberichte – ist zudem bestens geeignet, bei Müttern/ Eltern von medikamentös behandelten ADHS-Kindern noch mehr Zweifel und Schuldgefühle zu erzeugen. Gehören auch ihre Kinder zu den unnötigerweise medikamentös Behandelten, werden diese sich fragen? Wer auch nur eine Spur vom Einblick ins reale Leben von Kindern mit einer ADHS und deren Familien hat, weiss, dass die meisten Familien sich sehr schwer tun, sich auf eine Therapie mit Stimulanzien einzulassen.

Eine Stigmatisierung erfahren die meisten medikamentös behandelten Kinder mit einer ADHS nicht – wie Frau Bruchmüller behauptet – durch verkehrte Diagnosen, sondern

  • a) durch eine ‚psychologische‘ Forschung, die sich mehr mit Zahlen und Variablen, denn mit realen Menschen befasst
  • b) und durch einseitige und damit irreführende Medienberichte.

Hier noch der Link zu meiner Stellungnahme über die Studie, um welche es im erwähnten Artikel der Coop-Zeitung geht. Ich zeige in diesem Beitrag auf, dass die Studie methodisch fragwürdig ist und dass deren Resultate alles anderem als einem Beweis für eine postulierte Überdiagnostizierung der ADHS entsprechen.

Fasching im Hirn

Da lese ich von einer Komikerin, die sich über ADHS lustig macht. Soweit, so gut. Ich mag Querdenker und Nonkonformisten mit „Fasching im Hirn“. Was ich aber nicht lustig finden kann, ist, wenn die eigenen Kinder unter dieser Einstellung bzw. Bühnenpersönlichkeit leiden müssen. Und eben nicht selber entscheiden können, ob sie so eine Mama lustig finden wollen oder müssen.

Wenn ich als Rampensau mein Geld mit Comedy verdiene, mag ADHS eine sehr gute Gabe sein. Ungewöhnliche Sichtweisen, Pointen und eben ein völlig schräger Blick sind da doch toll. Fasching im Hirn ist lustig, wenn man es für eine Stand-up-Comedy von 5 min oder meinetwegen 90 min gemischt mit anderen Banalitäten erlebt.

Frau Anna Maria Scholz, die mir bis dato unbekannt war und wohl auch weiter eher unter ferner liefen läuft, macht sich aber auf Kosten ihres 11- jährigen ADHS-Sohns über die Schule lustig. Und im Gegensatz zur Aussage im Artikel macht sie es eben genau mit „halber Aufmerksamkeit“. Weil sie nicht über die Konsequenzen für die Zukunft ihres Kindes nachdenkt.

Vorsicht, Voraussicht, Rücksicht, Nachsicht fehlen da … Sie hat vielleicht keine Aufmerksamkeitsstörung, ihr fehlt es an Weitsicht.

Aussensaiter, so heisst ihr Künstlerkollektiv. Aber Aussenseiter ist dann womöglich die Realität für ihren 11- jährigen Sohn. Tolle Aussicht bzw. fehlendes Vorbild für einen pubertierenden Jugendlichen, oder?

Der kann es sich eben gerade nicht aussuchen, auf welcher Bühne seine Mama gerade sich über ihn und seine Lehrer lustig macht.

Ätzend finde ich sowas. Und nicht preiswürdig.

Fehldiagnose ADHS? Teil 2

Fehldiagnose ADHS? Teil 2

Am 11.04.2011 habe ich mich mit einer Fachpublikation der Autorinnen Bruchmüller und Schneider* befasst. Mit dieser Studie sei ein wissenschaftlicher Beweis für eine Überdiagnostizierung der ADHS erbracht worden, heisst es.

Ich habe aufgezeigt, dass diese Schlussfolgerung der Autorinnen unzutreffend ist. Mit dieser Studie kann die postulierte Überdiagnose der ADHS weder bestätigt, noch verworfen werden. Siehe hier in Teil 1.

Auf einen zentralen Aspekt in dieser Publikation will ich noch einmal eingehen. Und zwar weil sich darin sehr schön charakteristische Merkmale aufzeigen lassen, welche exemplarisch für das herrschende Wissenschaftsverständnis stehen, welches mehr an Mathematik und andere exakte Naturwissenschaften erinnert, als an eine Subjektwissenschaft, wie die Psychologie es ist (oder sein müsste).

Und ich gehe darauf noch einmal ein, weil einseitige Grundannahmen in der ADHS-Forschung zu Fehlern in der Diagnostik und Therapie führen können und deren Thematisierung möglicherweise auch für Betroffene von Interesse sein könnte.

Datenbasierte Diagnosen?
Das folgende Zitat umreisst treffend Bruchmüller und Schneiders Menschen- und Wissenschaftsverständnis:

„Betrachtet man die menschliche Entscheidungsfindung allgemein, so wird deutlich, dass Menschen im Alltag ihre Entscheidungen meist nicht datenbasiert treffen.“

Dieser denkwürdige Satz, welcher klingt, als wäre er mit einem gewissen Bedauern geschrieben worden, ist  in einem Abschnitt enthalten, in welchem näher auf die Fehleranfälligkeit diagnostischer Entscheidungen eingegangen wird und stammt weder von einem Computer, einem Roboter noch von Ausserirdischen, sondern von zwei bekannten Expertinnen aus dem Bereich Psychologie und Psychiatrie. Ihr Menschenbild und ihr Wissenschaftsverständnis stehen stellvertretend für den Mainstream der gegenwärtigen Forschung in der Psychiatrie (und damit auch im Bereich der ADHS).

Dieser Satz ist nicht nur denkwürdig. Nein, er ist in einem gewissen Sinne geradezu ungeheuerlich. Er steht nämlich für nichts anderes als für eine Psychologie ohne Menschen. Und er steht für Menschen ohne Psyche.

Menschenbild und Wissenschaftsverständnis
Die herrschende Wissenschaftspraxis besteht nicht nur in der Physik und anderen Naturwissenschaften, sondern auch in der psychologischen Forschung primär in experimentell-statistischen Verfahren zur Überprüfung von vorher festgelegten Hypothesen (= mehr oder weniger gut begründete Annahmen). Es geht dabei um postulierte Zusammenhänge zwischen Bedingungen und Ereignissen beziehungsweise um die Zusammenhänge zwischen sogenannt unabhängigen und abhängigen Variablen. In anderen Worten: Es geht um Wenn-Dann-Aussagen (unter der Bedingung X zeigen so und so viel Menschen das Verhalten Y oder Z).

Dieses Wissenschaftsverständnis, welches auch die Grundlage von Bruchmüller, Schneider, Barkley und vielen andern ADHS-Experten bildet, ist umstritten, weil die Versuchsteilnehmer nicht etwa als Individuen mit ihrer je eigenen Biografie und eingebunden in konkrete gesellschaftliche Rahmenbedingungen verstanden und untersucht werden, sondern im Grunde genommen auf einen auf Variablen reagierenden Organismus reduziert werden. Menschen erhalten in dieser Forschung den Status von Objekten, wie etwa in der Physik. Am passiven Ausgeliefertsein der auf Reize reagierenden Objekte ändert sich selbst dann nichts, wenn zusätzlich Umweltvariablen mit verrechnet werden.

Forschungsresultate, welche auf dem herrschenden Wissenschaftsverständnis beruhen, sagen also bestenfalls etwas darüber aus, wie sich reagierende Objekte unter fremdgesetzten und von ihnen unbeeinflussbaren und auf wenige oder mehrere Variablen reduzierte Bedingungen verhalten.

Oder mit anderen Worten: Reale und komplexe psychische und gesellschaftliche Zusammenhänge, welche das echte Verhalten, das wirkliche Erleben und das tatsächliche Befinden eines Menschen ausmachen, werden auf einige davon isolierte Variablen reduziert, in Zahlen aufgelöst und miteinander verrechnet.

Bei naturwissenschaftlichen Gegenständen erscheint das adäquat, nicht aber in der Psychologie. Menschen haben ein Bewusstsein und eine Geschichte, die sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten selber schaffen und verändern können. Sie sind also alles andere nur auf Reize und Variablen reagierende Organismen.

Wo bleibt der Mensch-Welt-Zusammenhang?
Wie bereits in Teil 1 ausgeführt, kann man festhalten, dass im herrschenden Wissenschaftsverständnis, welcher auch die ADHS-Forschung dominiert, a) der reale Mensch-Welt-Zusammenhang ausgeklammert oder auf externe Variablen verkürzt dargestellt wird, dass b) Menschen als entscheidungs- und handlungsunfähigen Objekte konzipiert werden und c), dass die Forschungsergebnisse nicht Aussagen über Menschen enthalten, sondern über Zahlen im Sinne statistischer Zusammenhänge isolierter Variablen. Nicht primär die Patienten profitieren von Studien dieser Art, sondern die Auftraggeber bzw. die Forscher/-innen. Und das alles gilt notabene auch für die herrschende ADHS-Forschung.

Heuristiken sollen zu Fehldiagnosen führen
Zurück zu den Argumenten der Autorinnen: Sie begründen die Notwendigkeit datenbasierter diagnostischer Entscheidungen mit der grossen Tragweite, mit welcher Fehlentscheidungen in der psychologischen Diagnostik verbunden sein können. Es ist ein „Muss“, in diesem Bereich „ein datenbasiertes Vorgehen zu fordern“, schreiben Bruchmüller und Schneider.

Um aufzuzeigen, wie fehleranfällig menschliche Entscheidungsfindung und die allgemeine Urteilsbildung sei, werden bekannte Heuristiken, welche menschliches Urteilen negativ beeinflussen und die Urteilsbildung verzerren können, rekapituliert. Eine Heuristik ist eine pragmatische Strategie, welche den Anspruch hat, trotz begrenztem Wissen und wenig Zeit einigermassen gute Erkenntnisse zu gewinnen und Entscheidungen fällen zu können. Beschrieben werden unter anderem die Verfügbarkeitsheuristik oder der bekannte Halo-Effekt.

So interessant, bedeutsam und praxisrelevant die von den Autorinnen zusammengestellten Typologien menschlicher Fehleinschätzungen auch sein mögen: Ihre Schlussfolgerung, dass nur eine datenbasierte Diagnostik dem Übel menschlicher Fehleranfälligkeit für Entscheidungen Abhilfe schaffen kann, ist mit den Hinweisen auf problematische Heuristiken weder begründet noch belegt.

DSM-IV und ICD-10 können zu Fehldiagnosen führen
In Teil 1 habe ich aufgezeigt, dass es auch auf Grundlage einer datenbasierten Diagnostik nach DSM-IV beziehungsweise ICD-10 zu Fehleinschätzungen kommen kann.

Ich gehe heute einen Schritt weiter:

Eine sich allein auf DSM-IV und ICD-10 abstützende datenbasierte psychiatrische Diagnostik ist geradezu prädestiniert, zu diagnostischen Fehlbeurteilungen zu kommen. Wenn es zu einer Überdiagnostizierung der ADHS kommt, dann auch (aber natürlich nicht nur), weil sich die diagnostische Beurteilung nur auf die Klassifikationssysteme DSM-IV und ICD-10 abstützt (beziehungsweise abstützen soll).

Zur Begründung Folgendes:
Man muss wissen, dass Diagnosen in den Klassifikationssystemen DSM-IV und ICD-10 aus Symptomlisten und einfachen Entscheidungsregeln bestehen. Wie in Teil 1 aufgezeigt, ermöglichen diese Diagnosesysteme nur ein Entweder-Oder. Bei somatischen Diagnosen wie einem Beinbruch, mag das sinnvoll sein, nicht aber bei psychischen Störungen, bei welchen die Symptome mal in konzentrierterer, mal in verdünnter Ausprägung vorliegen können (siehe dazu nochmals hier).

Während wenige, aber ausgeprägte ADHS-Symptome einen Menschen massgeblich behindern können, kennen wir Betroffene mit vielen ADHS-Symptomen, welche mit ihren Beschwerden ordentlich gut zurechtkommen. Und wir kennen Patienten mit Symptomen, welche an eine ADHS erinnern, aber ganz andere Ursachen haben (siehe dazu zum Beispiel hier).

Man könnte dem entgegen halten, dass eine der obligaten diagnostischen ADHS-Kriterien im DSM-IV lautet, dass die Beschwerden klinisch relevant und beeinträchtigend stark sein müssen. Das Problem ist aber, dass es in der Praxis oft unklar bleibt, ob der Beschwerdedruck eines Patienten tatsächlich eine Folge derjenigen Symptome ist, welche für eine ADHS stehen. Tatsache ist, dass Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit und Impulsivität auch bei anderen psychischen Störungen oder psychosozialen Belastungsfaktoren auftreten können.

ICD-DSM-Heuristik
Dass es einem Patienten „psychisch schlecht“ geht, reicht einigen psychologischen und medizinischen Fachpersonen in der Regel aus, um selbstverständlich davon auszugehen, dass dies eben wegen der ADHS-Symptome der Fall ist. Dies geschieht vor allem, wenn die Kollegen sich streng gläubig an dem DSM-IV und der ICD-10 ausrichten. Ich nenne diese Urteilsverzerrung ICD-DSM-Heuristik.

Eine auf den Klassifikationssystemen DSM-IV und ICD-10 beruhende diagnostische Beurteilung, wie sie Bruchmüller und Schneider fordern, läuft darauf hinaus, dass ein diagnostischer Entscheid allein darauf beruht, ob die aufgelisteten ADHS-Symptome vorhanden sind oder nicht, ob sie – falls überhaupt in ausreichender Zahl vorhanden – während wenigstens sechs Monaten anhielten, ob sie sich in wenigstens zwei Lebensbereichen zeigen und ob sie nicht Symptome einer anderen psychischen Störung darstellen. Es handelt sich also um eine Checklisten- und symptombasierte Diagnostik, welche, würde man Bruchmüller und Scheiders eindringlichem Rat folgen, in zehn bis zwanzig Minuten erfolgen könnte (und es leider auch oftmals tut).

Relevant ist die individuelle Bedeutung der Symptome
Zentrales Problem ist, dass sich mit den diagnostischen Anweisungen des DSM-IV und der ICD-10 nur abstrakte Symptome auf ihr Vor- oder Nichtvorliegen hin beurteilen lassen, nicht aber, welche Bedeutung sie für den je individuellen Menschen haben. Dazu müsste der Diagnostiker verstehen, in welchen Verhältnissen die Probleme und Symptome des Patienten evident wurden und sind. Symptome existieren nur in Diagnose-Manualen und im Forschungslabor in einem „luftleeren“ und abstrakten Raum, nicht aber im konkreten Leben lebendiger Menschen.

Nicht die Konzentrationsprobleme an sich tun weh (also nicht das Symptom), sondern das Gelächter der Mitschüler, wenn man aus syndrombedingten Verrträumtheit heraus auf die Frage der Lehrperson eine unpassende Antwort gab oder die strafenden Blicke des Lehrers, wenn man der Zerstreutheit wegen immer und immer wieder nachfragen oder infolge erhöhter Impulsivität ständig dazwischen schwatzt.
Evident werden ADHS-Symptome nur je subjektiv und ausschliesslich im Licht der sie umgebenden Verhältnisse und Erwartungen, welche sie syndrombedingt nicht erfüllen können, welche aber zu hoch sein können.

Abstrahiert von der Realität lebendiger Menschen in einer realen Welt erscheinen in den Klassifikationssystemen der DSM-IV und ICD-10 Symptome wie zum Beispiel Vergesslichkeit, Ablenkbarkeit oder Zerstreutheit immer und ausschliesslich als individuelles Verhaltensmerkmal und werden, sofern die diagnostischen Entscheidungsregeln befolgt werden, allein als Merkmal einer individuell vorliegenden Störung in einer Diagnose festgeschrieben (und dann dementsprechend behandelt).

Was aber, wenn ein Kind mi einer ADHS nun schon im dritten Jahr in einer sehr lauten und unruhigen Klasse ist? Was, wenn die Lehrperson chronisch unter Stress steht? Was, wenn der Vater seit einem Jahr arbeitslos ist und alle Familienmitglieder unter seinen Depressionen leiden? Und was, wenn Unterrichtstempo und impliziter Lehrplan nur auf leistungsstarke Kinder ausgerichtet sind? Was, wenn ein Kind Bettnässer ist und aus Angst, dass es diese Nacht schon wieder einnässen könnte, schlecht schläft, schliesslich mit einem Schlafmangel im Unterricht sitzt und mental immer wieder abdriftet?

Diagnoseregeln von DSM-IV und ICD-10 blenden das und noch viel mehr aus. Sie tun so, als würde das Kind beziehungsweise der Mensch in einem luftleeren Raum leben. Das entspricht auch ihrem positivistischen Wissenschaftsverständnis und ihrer Vorstellung des geschichtslosen und asozialen Menschen, welcher wie physikalische Phänomene beforscht und manipuliert werden kann.

Weiter oben habe ich postuliert, dass – im Gegensatz zu den Behauptungen der Autorinnen Bruchmüller und Schneider – es zu einer Überdiagnostizierung der ADHS kommen kann, gerade weil sich die diagnostische Beurteilung allein auf die Klassifikationssysteme DSM-IV und ICD-10 abstützt (beziehungsweise abzustützen hat). Wie dargelegt, führt ein verkürztes Menschenbild zu verkürzten Diagnosekonzepten und schliesslich zu abstrakten, lebensunwirklichen und damit potentiell unvollständigen oder gar falschen Diagnosen.

ADHS – ein Produkt negativer Gesellschaftseinflüsse?
Um nicht missverstanden zu werden: In keiner Weise zielen meine Ausführungen darauf ab, die ADHS als alleinige Folge der Leistungsgesellschaft erscheinen zu lassen. Es geht nicht um ein Entweder-Oder: Menschen leben immer in der Gesellschaft. Verhalten und Verhältnisse lassen sich bestenfalls gedanklich, nicht aber praktisch trennen.

Mensch oder Computer?
Bruchmüller und Schneider und mit ihnen die überwiegende Mehrzahl der Forscher/-innen, welche die ADHS und andere psychische Störungsbilder erforschen, Diagnose-Leitlinien und Therapie-Manuale schreiben, verkennen nicht nur ihren Forschungs- und Therapie-Gegenstand „Patient“, sondern auch den Therapeuten.

So bedeutsam das Reflektieren von problematischen Heuristiken auch ist, so diskreditierend ist die Forderung der Autorinnen an die Therapeuten, Diagnosen müssten datenbasiert erfolgen, um wirklich korrekt zu sein. Beschwerden in einem Mensch-Welt-Zusammenhang zu verstehen, kann aber nicht datenbasiert erfolgen. Oder kennt jemand eine Software, welche versteht, welche Bedeutung ein Symptom für einen Patienten hat?

Es ist ein Charakteristikum der herrschenden (ADHS-)Forschung, allem Subjektiven zu misstrauen. Je mehr sich Forscher/-innen bemühen, objektive Diagnosen sicherzustellen, umso mehr verschwinden diejenigen konkreten Individuen aus dem Blickfeld der Forschung, welche ebenso konkreten Patienten mit ihren Beschwerden gegenübersitzen, deren Probleme sie zu beurteilen haben.

Wäre die herrschende ADHS-Forschung subjekt- und praxisorientiert, würde sie vielleicht besser verstehen, dass in der psychologischen Arbeit mit Menschen diagnostische Entscheidungen immer durch Menschen erfolgen, welche ihrerseits in teils förderlichen, teils behindernden Verhältnissen leben. Das Subjektive würde dann in der Forschung nicht wie jetzt möglichst eliminiert, sondern wäre mithin der Gegenstand der Forschung schlechthin.

Schlussfolgerungen für Betroffene (oder deren Eltern)

  • Betroffene oder deren Angehörigen sei geraten, den diagnostizierenden Arzt oder Psychotherapeuten vor Einleitung allfälliger Therapien zu fragen, wie dieser zur Diagnose oder Nicht-Diagnose der ADHS gekommen ist. Worauf stützt sich die Diagnose ab? Etwa nur auf die diagnostischen Kriterien der DSM-IV und der ICD-10? Siehe dazu auch hier.
  • Die Diagnose einer ADHS darf sich nicht nur am Verhalten und den Symptomen eines Kindes bzw. des betroffenen Erwachsenen ausrichten, sondern muss die Bedeutung des Problemverhaltens beziehungsweise der Symptome im Spiegel derjenigen familiären, schulischen und gesellschaftlichen Welt mitberücksichtigen, in welchen das Problem evident wurde und ist. Nur das ermöglicht eine ganzheitliche, dem Individuum gerecht werdende diagnostische Beurteilung. Liegen einer Beurteilung alleine die von Bruchmüller, Schneider und anderen Experten angeratenen Diagnosesysteme zugrunde, werden Symptome diagnostiziert und behandelt und nicht Menschen.

Verhaltens- und Verhältnis-Therapie
Da eine ADHS – wie weiter oben ausgeführt – kein rein individuelles Problem sein kann, darf auch die Behandlung nicht alleine symptomzentriert ausfallen. Es braucht neben einer Symptom- und einer Verhaltenstherapie immer auch eine „Verhältnis“-Therapie.

Erfahrungen aus der Praxis zeigen es immer wieder: Der Behandlungserfolg steigt in dem Ausmass, in welchem es gelingt, das ADHS-Kind psychologisch zu stärken, die Erziehung zu optimieren und für eine optimale medikamentöse Therapie zu sorgen. Als ebenso bedeutsam erwiesen sich aber immer wieder auch verschiedene Bemühungen der Beteiligten, im Rahmen einer erweiterten Selbsthilfe Einfluss auf entwicklungsbehindernde Verhältnisse zu gewinnen. Mehr dazu später einmal.

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*Fehldiagnose Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom? Empirische Befunde zur Frage der Überdiagnostizierung. Von K. Bruchmüller, S. Schneider. Aus: Psychotherapeut 1/2012.

Pille schlucken und Mund halten – zu Barkley’s neuem Buch über ADHS bei Erwachsenen

Russel A. Barkley: „Das grosse Handbuch für Erwachsene mit ADHS“

Eine erweiterte Buchbesprechung.

Vorbemerkung
Ausgehend von verschiedenen Aussagen von Russel Barkley werde ich im Folgenden auch sehr Grundsätzliches zum herrschenden Verständnis der ADHS thematisieren und zur Diskussion stellen.

Es handelt sich beim folgenden Text also um eine erweiterte Buchbesprechung, in welcher nicht alleine Barkley’s Handbuch vorgestellt und kommentiert wird, sondern auch der gesellschaftliche Kontext zur Sprache kommt, welcher Barkley’s Modell der ADHS und damit auch seinem neuen Buch und Sinn und Bedeutung verleihen.

Das Positive zuerst
Wer Informationen sucht über Barkley’s Modell der ADHS als Störung der Exekutivfunktionen sowie über die medikamentöse Therapie der ADHS, ist mit diesem Handbuch gut bedient. Das Buch ist inhaltlich übersichtlich gegliedert und visuell ansprechend gestaltet (kurze Absätze, auflockernde Informationsblocks mit Forschungsresultaten). Es liest sich flüssig, enthält unter anderem interessante Informationen über ADHS und mit ihr zusammenhängende Probleme im Strassenverkehr und Familie, über ADHS und Drogen sowie eine erweiterte ADHS-Symptom-Checkliste.

Nun zum Aber
Was nun kommt, ist weniger erfreulich. Um ehrlich zu sein: Angelangt auf Seite 55 musste ich mich überwinden, Barkley’s Buch nicht ein für alle Mal auf die Seite zu legen. Da ich in einem früheren Blogbeitrag angekündigt habe, sein Buch vorzustellen, setzte ich trotz zunehmender Enttäuschung die Lektüre fort.

„Trag’s mit Humor!“
Für Barkley ist eine ADHS-Diagnose ein „Passagierschein für ein besseres Leben“, welcher den Zugang zu Medikamenten und anderen Hilfsmitteln eröffnet. Barkley führt aus, dass nur der, welcher die Diagnose wirklich akzeptiert und seine ADHS annimmt, auch tatsächlich bereit sei für eine (medikamentöse) Therapie. Ohne Behandlung sei eine Abklärung nur Zeit- und Geldverschwendung.

Auch er selbst habe lernen müssen, sich mit seinen Defiziten anzufreunden und diese zu akzeptieren. „Trag’s mit Humor!“ und „Es geht doch nichts über eine gesunde Portion Selbstironie!“, rät Barkley erwachsenen ADHS-Betroffenen. So habe er selbst mittlerweile eine Glatze, dafür würden ihm Haare aus Nase und Ohren wachsen. Und er habe kein technisches Talent, sei unmusikalisch, habe kein Modegefühl, sei zu 60 % farbenblind und könne nicht zeichnen. All diese Unzulänglichkeiten habe er akzeptieren gelernt. Barkley rät erwachsenen ADHS-Betroffenen, es wie er selbst zu machen, nämlich die ADHS zu akzeptieren zu lernen, zu lieben und ein produktives, glückliches Leben zu führen.

ADHS – eine Unzulänglichkeit?
Dass die ADHS für Barkley eine „Unzulänglichkeit“ darstellt und er die Akzeptanz der ADHS vergleicht mit dem Akzeptieren einer Glatze, einem fehlenden Modebewusstsein oder der Unmusikalität und dann ADHS-Betroffenen noch zur Selbstironie rät, irritiert und wirft die Frage auf, wie viel er wirklich davon versteht, was es heisst, an einer ADHS zu leiden, ja vielleicht sogar, was die ADHS ist.

Die Gleichsetzung von Glatzen, fehlender Musikalität und Ähnlichem mit der ADHS wirkt einerseits hilflos. Andererseits kann es auch als Affront gegenüber unzähligen ADHS-Betroffenen verstanden werden, welche ein Leben lang infolge ihrer Impulsivität und Konzentrationsschwächen und deren Auswirkungen irritiert, benachteiligt, ausgegrenzt und traumatisiert wurden und denen das Lachen über sich und ihre ADHS definitiv vergangen ist.

Barkley hat, wie er in diesem Buch beschreibt, seinen Zwillingsbruder Ron verloren, welcher an einer ADHS litt und bei einem wahrscheinlich im Zusammenhang mit der ADHS stehenden Verkehrsunfall verstarb. Warum er trotz diesem Erlebnis und all seinen Erfahrungen als führender ADHS-Forscher sich zu solchen ungeschickten Äusserungen hinreissen liess, kann ich nur spekulieren. Vielleicht hat ihn die Tatsache, dass er als weltweit anerkannter ADHS-Experte seinem eigenen, von der ADHS betroffenen Bruder nicht helfen konnte, dermassen verletzt, dass er bis heute Emotionales rund um die ADHS und rund um das Schicksal der von ihr Betroffenen rationalisiert. Ob das eine Erklärung seiner irritierenden Vergleiche sein könnte?

„Denken Sie nach, bevor Sie etwas sagen“
Barkley empfiehlt als Ergänzung zu der für ihn bei der Behandlung der ADHS über allem stehenden medikamentösen Therapie ausgerechnet Verhaltensweisen, welche er in vorausgehenden Kapiteln als eben jene identifizierte, welche ADHS-bedingt gestört sind und daher nicht richtig funktionieren können.

Er rät also zu Strategien, welche mehr oder weniger intakte Exekutivfunktionen voraussetzen (Selbststeuerung, Selbstbeherrschung, Planungskompetenzen usw.). Diesem Thema sind mehrere Kapitel gewidmet. Seine Empfehlungen lauten:

„Denken Sie nach, bevor Sie etwas sagen“, „Bleib motiviert“, „Behalte den Überblick“, „Führen Sie Listen“, „Teilen Sie die Arbeit in kleine Etappen ein“, „Bleiben Sie flexibel“, „Erstellen Sie einen Finanzplan“, „Heben Sie alle Kassenzettel auf“.

Da diese Strategien, wie Barkley selbst ausführlich darlegte, syndrombedingt nicht funktionieren können (wir wissen alle, dass sie bei Vorliegen einer ADHS meistes nicht funktionieren), bedeutet das nichts anderes, als dass er offenbar wider besseren Wissens unwirksame Empfehlungen abgibt.

Nur, wieso tut er das? Ich komme darauf zurück.

Zu Barkley’s Tipps noch ein weiteres Beispiel, welches bei 99,99 % ADHS-Betroffenen nicht klappen kann:

So empfiehlt Barkley Berufstätigen mit einer ADHS, in Meetings, in denen man sich zu Tode langweile, einen Laptop, ausgestattet mit einem Handschriftenerkennungssystem, einzusetzen. So bleibe man wach und könne später auf die Informationen zurückgreifen.

Das kann nicht funktionieren, weil erstens die meisten ADHS-Betroffenen ein sehr unregelmässiges Schriftbild haben und manchmal sogar ihre eigene Schrift nicht immer lesen können (wie soll das dann der Computer schaffen?). Und weil zweitens heutige Handschrifterkennungssoftware selbst bei gutem Schriftbild im Berufsalltag noch nicht wirklich brauchbar sind (habe ich selbst ausführlich und über einen längeren Zeitraum hinweg mit einem modernen Notebook mit Touchscreen und später auch mit einem iPad getestet).

„Nehmen Sie Medikamente!“

„Falls Sie noch keine Medikamente nehmen, sollten Sie jetzt darüber nachdenken.“ „Die Chancen stehen gut, … dass Sie dadurch ein völlig neues Lebensgefühl gewinnen werden.“ Und: „Das anfängliche Verleugnen einer ADHS-Diagnose ist nichts Ungewöhnliches“ oder: „Es liegt in Ihrer Verantwortung, diesen Zustand (ADHS zu haben; Anm. PR) zu akzeptieren“.

So und ähnlich ermahnt Barkley seine Leser/-innen immer und immer wieder, sich nun doch der medikamentösen Therapie zu öffnen. Weil nur 10 % der erwachsenen ADHS-Betroffenen auf Medikamente nicht ansprechen, so Barkley, würde der Verzicht auf die pharmakologische Therapie bedeuten, von der wirksamsten ADHS-Behandlung abzusehen. „Das wäre so, als würde ein Diabetiker auf Insulin verzichten“.

„So dumm bin ich sicher nicht!“, werden zahlreiche Leser/-innen mit einer ADHS oder anderen Leistungsstörungen spätestens nach dem dritten oder vierten Durchlauf dieser imperativ vermittelten Botschaften schlussfolgern.

So wichtig die Rolle der Medikamente in der Behandlungskette der ADHS auch ist: Barkley übertreibt. Seine in fast jedem Kapitel wiederkehrenden und teils eindringlichen Appelle, sich in eine medikamentöse Behandlung zu begeben und die ebenso häufigen Hinweise auf die zentrale Bedeutung der ADHS-Medikamente, spielen jenen fundamentalistischen Kräften in die Hände, welche die ADHS als eine blosse Erfindung der Pharmaindustrie brandmarken.

Zudem: Dass neun von zehn erwachsenen ADHS-Patienten auf ADHS-Medikamente positiv ansprechen sollen, halte ich für falsch. Aus meiner Erfahrung vermag ungefähr die Hälfte der erwachsenen ADHS-Betroffenen von Medikamenten zu profitieren. Von Kolleginnen und Kollegen höre ich Ähnliches. Die mir bekannten Studien gehen von einer (optimistischen) Quote von 2/3 aus.

Warum Barkley Tipps gibt, welche nicht funktionieren
Zurück zur Frage, warum Barkley Tipps abgibt, welche selbst seinen eigenen Theorien zufolge nicht funktionieren können.

Einerseits könnte man seinen Empfehlungen zu Gute halten, dass Betroffene vielleicht dank der medikamentösen Therapie von diesen Tipps sehr wohl profitieren könnten. Aber nein, denn 90 % von Barkley’s Tipps sind nicht ADHS-spezifisch und selbst für Menschen ohne ADHS ist es nahezu unmöglich, auch nur annähernd ein so perfekt gemanagtes Leben zu führen, wie das Befolgen von Barkley’s Ratschlägen es nahelegt.

Meine erwachsenen ADHS-Patientinnen und Patienten, welche auf die Psychotherapie (und die Medikamente) ansprachen, benötigten allenfalls zwei, drei massgeschneiderte organisatorische Hinweise, nie aber Management-Ratgeberbücher. Impulskontrolle und Planungsfragen pendelten sich auch ohne die Anwendung von Management-Techniken mal mehr, mal weniger gut, aber doch mehrheitlich befriedigend ein.

Barkley suggeriert in seinem Buch (vor allem durch seine zahlreichen statistischen Vergleiche von Personen mit und ohne ADHS), dass Menschen, die nicht von einer ADHS betroffen sind (also gesund sind), sich verhaltensmässig und emotional gut beherrschen können, dass sie ein intaktes Zeitgefühl und ihre Finanzen im Griff haben, dass sie ihre emotionale Erregung dämpfen und sich selbst motivieren können. Er formuliert damit das Ideal dessen, was in Industriegesellschaften von Individuen erwartet wird, um sich primär den Leistungsanforderungen der Schule und der Arbeitswelt anpassen zu können.

Barkley‘s Tipps zur Verbesserung der Selbstaktivierung, Fokussierung, Selbststeuerung und Selbstbeherrschung sowie seine Vergleiche mit Gesunden aus der Normbevölkerung (= Studenten?) und ihren vorgeblich so intakten Exekutivfunktionen führen dazu, dass wohl einige ADHS-Betroffene nach der Lektüre dieses Buches und ausgestattet mit dem Wissen, wie gut gemanagt man sein Leben und seine Emotionen im Griff haben müsste, um gesellschaftlich mithalten und seine Gefühle auf gesellschaftlich akzeptierte Weise ausdrücken zu können, sowie nach gescheiterten Umsetzungsversuchen von Barkley’s Tipps, sich schliesslich noch dummer, unfähiger und ohnmächtiger fühlen werden als zuvor.

Aus dem Bauch heraus entscheiden = ADHS?
Passend dazu Folgendes: In seiner Studie aus dem Jahr 2008 hätten gemäss Barkley 79 % der Erachsenen mit einer ADHS die Frage: „Ich treffe Entscheidungen impulsiv, aus dem Bauch heraus“ bejaht (diese Frage befindet sich auch in der erweiterten ADHS-Symptomliste im Anhang des Buches). Von den Gesunden hätten dieser Aussage hingegen nur 3 % zugestimmt.

Das heisst also:

  1. „Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen“ ist typisch für ADHS (= krank).
  2. Entscheidungen von überdachten Zielsetzungen und Erfordernissen der Gesellschaft abhängig zu machen, ist ein Merkmal von Gesundheit.

Daraus folgt: Der disziplinierte und selbstbeherrschte Mensch ist der Gesunde; der ADHS-Betroffene, da er in den Tag hineinlebt und spontan aus dem Bauch heraus entscheidet, erscheint als der Kranke.

Verkehrte Welt.

Wer an einer ADHS leidet und glaubt, was Barkley schreibt, könnte in eine Schuld geraten. Waren es nämlich früher die unerfüllbaren Erwartungen der Eltern, dann der Lehrpersonen, der Lehrmeister und Arbeitgeber, unter welchen ADHS-Betroffene litten und leiden, ist nun zusätzlich noch ein vom ADHS-Experten Barkley mit empirischer Evidenz vermitteltes, unerfüllbar hohes Ideal von Gesundheit (= Selbstdisziplin), welches einige Betroffene unter Druck setzen könnte.

Ich habe erwachsene ADHS-Patienten kennengelernt, welche nach der Lektüre von ähnlichen ADHS-Ratgeberbüchern für Erwachsene aus eben diesen Gründen depressive Reaktionen entwickelten. „Alles an mir ist verkehrt, einfach alles!“, „Ich bin einfach nur unfähig!“ oder: „Das schaffe ich nie!“ – so und ähnlich die Worte jener mir bekannten ADHS-Betroffenen nach der Lektüre von derartigen ADHS-Ratgebern mit ihren gescheiten, aber für viele ADHS-Betroffene unbrauchbaren Management-Tipps und dem hochstilisierten Vorbild des psychisch so gesunden, sich beherrschenden und gut organisierten Ideal-Menschen.

Ja, Bücher dieser Art können krank machen.

Passend auch, wenn Barkley schreibt, dass mangelnde Kontrolle über das eigene Tun bedeute, „keinen freien Willen“ zu haben. Nur mit Selbstkontrolle (für Barkley gleichbedeutend mit Selbstbeherrschung und mit intakten Exekutivfunktionen) habe man die Fähigkeit, „frei zu wählen“. Ansonsten bleibe man Gefangener seiner Impulse.

Dass zahlreiche ADHS-Betroffene und andere Menschen mit Leistungs- und Anpassungsproblemen dann über kurz oder lang Barkley’s eindringlichen Empfehlungen folgend bei ihrem Arzt nach besseren ADHS-Medikamenten nachfragen, ist naheliegend. Damit tilgen sie ihre Schuld, in die sie unter anderem durch die Lektüre dieses Buch hineingeraten sind und nähren durch die Versprechungen von Barkley, dass mit Medikamenten vieles wieder zum Guten kommen wird, die Hoffnung, endlich „frei“ und „gesund“ zu werden.

Ohne Barkley etwas unterstellen zu wollen: Ist dies allenfalls die Antwort auf die oben gestellte Frage, wieso er Tipps gibt, von denen er weiss, dass sie nicht funktionieren können? Könnte es sein, dass dieses Buch einzig darauf abzielt, die Nachfrage nach ADHS-Medikamenten zu erhöhen?

Gehen wir einen Schritt weiter im Versuch, dieses ADHS-Handbuch und das darin enthaltende Menschenbild und Wissenschaftsverständnis zu beleuchten und zu verstehen.

Barkley’s Wissenschaftsverständnis
Barkley’s Buch ist gespickt von kurzen, teils interessanten und informativen, teils eher verwirrenden Infoblocks zu den Resultaten empirischer Forschung. Immerhin: In der Einführung verspricht der Autor seinen Leser/-innen, „wissenschaftlich fundierte Erklärungen für ihren eigenen Zustand“ zu liefern.

Diese Forschungsresultate werden von Barkley so dargestellt, als handle es sich um sakrosankte und absolute Bestätigungen für die Defizite von ADHS-Betroffenen und um beinahe heilige Beweise für die Wirksamkeit von ADHS-Medikamenten. Die Kurzinfos zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen wirken in diesem Buch zum Teil wie Bibelverse, mit welchen früher moralisierende Texte ‚zertifiziert‘ wurden. Sie verpflichten die Leser/-innen möglichst vor dem Aufkeimen allfällig kritischer Gedanken immer wieder auf eine höhere Instanz, welche wohl weiss, was gut, richtig und wahr ist.

So wichtig Informationen aus der Wissenschaft auch sind, die Leser/-innen sollten der Glaubwürdigkeit halber wenigstens in einem Absatz (oder einem Methoden-Kapitel) erfahren können, wie die Forscher zu ihren Erkenntnissen kamen, wie sie die von ihnen gewählte Forschungsmethode begründen (es gibt verschiedene Forschungsmethoden) und dabei auch erfahren können, dass Forschung weder wahr noch neutral ist.

Dazu drei Punkte:

1. „Wess‘ Brot ich ess, dess‘ Lied ich sing“?
Die Finanzierung der ADHS-Forschung erfolgt auch mit Geldern der Pharmaindustrie. Das bedeutet natürlich nicht zwingend, dass deswegen alle Forschungsresultate „gekauft“ und inhaltlich wertlos sind. Evident wird dafür die Frage nach einer allfälligen Voreingenommenheit. Ein Thema übrigens, welches in der internationalen Fachliteratur vor allem von Ethikkommissionen immer wieder aufgegriffen wird.

Für viele Leser/-innen wäre es wichtig zu erfahren, ob und wenn ja welche (wirtschaftlichen) Interessen den Untersuchungen über Wirkung der medikamentösen Therapie der ADHS zugrunde liegen. Nur so können interessierte Leser/-innen eine allfällige Voreingenommenheit eines Autors und eine mögliche Interessengebundenheit von Forschungsresultaten kritisch überdenken. Und nur so kann Glaubwürdigkeit entstehen. Dies vor allem, weil heute viele wissen, dass Pharmakonzerne weder NPO’s noch Wohltätigkeitsorganisationen sind, sondern Unternehmen, welche alleine mit dem Ziel der Profitmaximierung Waren herstellen und vertreiben.

Immerhin erfahren die Leser/-innen in einer unkommentierten Fussnote auf Seite 127, dass Barkley von folgenden Firmen Honorare bezieht: Eli Lilly, Shire Pharmaceuticals, Novartis, Ortho-McNeil, Janssen-Ortho, Jannsen-Cilag und Medicis. Alles Pharmaunternehmen notabene, welche Medikamente herstellen, welche Barkley in seinen populärwissenschaftlichen ADHS-Ratgeberbüchern wohlwollend bespricht und explizit empfiehlt.

Detaillierte Angaben und Erklärungen zu allfälligen Interessenskonflikten bleibt Barkley den Leser/-innen schuldig. Statt Transparenz und Klarkeit bleiben ein mieses Gefühl und viele Fragen zurück:

Wie befangen ist Barkley? Können wir seinen Forschungsresultaten noch trauen? Wieso lässt er sich trotz Professoren-Gehalt von Pharmafirmen, deren Produkte er empfiehlt, bezahlen?

2. Forschung an Zahlen statt mit Menschen
Im herrschenden Wissenschaftsverständnis besteht Forschung primär in experimentell-statistischen Verfahren zur Überprüfung von vorher festgelegten Hypothesen. Es geht dabei um postulierte Zusammenhänge zwischen Bedingungen und Ereignissen bzw. um die Zusammenhänge zwischen sogenannt unabhängigen und abhängigen Variablen.

Mit anderen Worten, es geht um Wenn-Dann-Aussagen: Unter der Bedingung X zeigen so und soviel Menschen das Verhalten Y oder Z. Dieses Wissenschaftsverständnis (quasi also eine Reiz-Reaktionsforschung), welches auch die Grundlage von Barkeys Forschung bildet, ist umstritten, weil die Versuchsteilnehmer nicht etwa als Individuen mit ihrer je eigenen Biografie und eingebunden in konkrete gesellschaftliche Rahmenbedingungen verstanden und untersucht werden, sondern als Objekte, welche auf einen auf Variablen reagierenden Organismus reduziert werden.

Barkley’s Forschungsresultate sagen also bestenfalls etwas darüber aus, wie sich Menschen (oder eben „Objekte“) unter fremdgesetzten und von ihnen unbeeinflussbaren und auf wenige Variablen reduzierte Bedingungen verhalten. Oder mit anderen Worten: Reale und komplexe psychische und gesellschaftliche Zusammenhänge, welche das Verhalten, Erleben und Befinden eines Menschen ausmachen, werden auf einige davon isolierte Variablen reduziert, in Zahlen aufgelöst und verrechnet.

Man kann also sagen, dass im herrschenden Wissenschaftsverständnis

  1. der Mensch-Welt-Zusammenhang ausgeklammert wird, dass
  2. Menschen zu entscheidungs- und handlungsunfähigen Objekten degradiert werden und dass
  3. die Forschungsergebnisse nicht Aussagen über Menschen enthalten, sondern über Zahlen im Sinne statistischer Zusammenhänge isolierter Variablen.

Man kann nicht Menschen miteinander verrechnen, nur Variablen. Zudem handelt es sich bei statistischen Werten um Angaben zu Verhältnissen zwischen eben jenen Variablen. Sie sagen nichts aus über die jeweils individuelle Bedeutung, welche ein Forschungsresultat für real existierende Individuen hat. Nicht primär die Patienten profitieren von Studien dieser Art, sondern die Auftraggeber bzw. die Forscher. Und das alles gilt notabene auch für die herrschende ADHS-Forschung.

Lange Rede, kurzer Sinn: Barkley’s positivistisches Wissenschaftsverständnis und sein Menschenbild widerspiegeln zwar den Mainstream in Sachen empirischer Forschung, sind nichts destotrotz alles andere als sakrosankt.

Selbsthilfe?
Passend zu seinem Wissenschaftsverständnis ist seine sehr dezidiert und wiederholt geäusserte Behauptung, dass ein ADHS-Betroffener ohne professionelle Abklärung nicht wissen kann, ob die ADHS die Ursache der Probleme ist (hier einer von Barkley’s lebensfremden Tipps, um einen ADHS-Spezialisten zu finden: „Werfen Sie einen Blick in die Gelben Seiten“).

Dem kann ich nicht nur auf wissenschaftstheoretischer Ebene, sondern auch gestützt auf eigene Erfahrungen in der Praxis einiges entgegenhalten. Zum Beispiel, dass ADHS-Patienten so dumm und handlungsunfähig definitiv nicht sind. Viele wissen und verstehen ein Vielfaches dessen, was Psychologen und Psychiater über die ADHS gelernt haben. Viele mussten sich zudem während Jahren selbst helfen und sich irgendwie durch’s Leben schlagen.

Die so wichtigen Themen ‚Selbsthilfe‘ und ‚Selbsthilfegruppe‘ verbannt Barkley in den Anhang (Verzeichnisse, unter anderem von Selbsthilfe-Organisationen). Er scheint vergessen zu haben, dass es in erster Linie dem Engagement amerikanischer ADHS-Selbsthilfegruppen zu verdanken war, dass sich heute auch viele Fachleute mit der ADHS befassen. Auch in Europa kommt dem Engagement von ADHS-Selbsthilfegruppen eine hohe Bedeutung zu, stellen diese doch eine Ressource ohne gleichen dar (mehr dazu später einmal).

Der grundlegende ‚Konstruktionsfehler‘ in Barkley’s Konzeption liegt meines Erachtens darin, dass er den Betroffenen in der Forschung und Therapie – wie oben dargelegt – lediglich einen Objektstatus zuschreibt. Nachdenken und entscheiden können in Barkley’s Selbstverständnis nur diejenigen, welche die Variablen definieren, die Bedingungen setzen, die Forschungsdaten auswerten, Abklärungen und Therapien planen und durchführen, nicht aber die Objekte dieser Forschung.

3. Ethos der Selbstbeherrschung
Wichtige, wenn auch historisch gesehen wohl jüngere Wurzeln des bis heute anhaltenden hohen kulturellen Stellenwertes der „Selbstbeherrschung“, liegen in der protestantischen Arbeitsethik. Der bekannte Soziologe Max Weber schrieb zu Beginn des letzten Jahrhunderts in seinem berühmten Hauptwerk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ Folgendes:

„Die Fähigkeit der Konzentration der Gedanken sowohl als die absolut zentrale Haltung: sich ‚der Arbeit gegenüber verpflichtet zu fühlen‘, finden sich (…) besonders oft vereint mit strenger Wirtschaftlichkeit, die mit dem Verdienst und seiner Höhe überhaupt rechnet, und mit einer nüchternen Selbstbeherrschung und Mässigkeit, welche die Leistungsfähigkeit ungemein steigert.“

Verfestigt wurde die kapitalistische Arbeitsethik dann durch die Psychologie. Emotionale Selbstkontrolle war die zentrale Kategorie der Human-Relations-Bewegung, ja der Psychologie schlechthin (und ist es bis heute). Sie entwickelte sich in der 1930-er Jahren, um neue, eben psychologische Strategien zu entwickeln, um die Kontrolle des Gefühlslebens ausgebeuteter Lohnarbeiter/-innen zu verbessern, um das Ausmass ihrer Wut zu lindern und um damit schliesslich dazu beizutragen, Unruhe in den Betrieben, Streik und Rebellion zu verhindern.

Die vorherrschende psychologische Strategie, mit wütenden Arbeiterinnen und Arbeitern umzugehen, bestand im Postulat, dass ihr Ärger und ihre Wut nichts mit den Arbeitsverhältnissen zu tun habe. Es handle sich, so wurde behauptet und psychologisch geschickt vermittelt, lediglich um Wiederholungen früherer Familienkonflikte. Vorgesetzte wurden in psychologischen Trainingsgruppen zur Verbesserung des Einfühlungsvermögens trainiert, um sich die Beschwerden der Arbeiter/-innen anzuhören, diese zu ‚verstehen‘ und damit deren Wut zu lindern.

Emotionale Selbstkontrolle und Einfühlungsvermögen wurden immer mehr zu den wegweisenden und zentralen Kategorien der Unternehmenswelt des 20. Jahrhunderts. Sie dienten nicht dem Wohlergehen von Individuen, sondern dem Unternehmenserfolg und der Stabilisierung des „sozialen Friedens“.

Mit anderen Worten: Ihr Zweck lag a) in der Leistungssteigerung sowie b) in der Kontrolle des ständig lodernden Konfliktes zwischen Arbeit und Kapital bzw. der Wut der Lohnarbeiter über die grundsätzliche, mit der Lohnarbeit grundlegend verbundene Ausbeutung und Ungerechtigkeit.

Dass sich die Psychologie im letzten Jahrhundert derart entwickeln konnte, beruht auf ihrem Engagement, Unternehmen darin zu unterstützen, die Ware Arbeitskraft möglichst gut am Laufen zu Erhalten und den Frieden im Betrieb zu bewahren. Die Psychologie meisselte den Ethos der Selbstbeherrschung dermassen tief in Stein, so dass wir heute meinen, es handele sich um naturgegebene Entitäten.

„Sie sind ja verrückt!“
Ich erwähne dies alles, um aufzuzeigen, dass die Kategorie der Selbstbeherrschung, wie ihn auch Barkley als wichtige, obligate und gesunde Exekutivfunktion naturalisiert und zelebriert, weder neu, naturgegeben noch unschuldig, sondern von gesellschaftlich hochfunktionaler Evidenz ist.

Barkley‘s Ausführungen und Empfehlungen bezüglich erstrebenswerten Verhaltens in der Arbeitswelt laufen denn auch explizit darauf hinaus, sich passiv an die gegebenen Verhältnisse anzupassen. Wenn es sein muss, mit ADHS-Medikamenten. Dazu aus den Kapiteln „ADHS mit Hilfe von Medikamenten beherrschen“ und „Die Handlung stoppen!“ Folgendes:

„Es fällt Ihnen schwer, angesichts der vielen Ablenkungen und des Drucks am Arbeitsplatz gute Leistungen zu erbringen.“ Und: „Sie wollen sich nicht länger von dem Gefühl demoralisieren lassen, dass Sie nichts von dem erreicht haben, was Sie sich vorgenommen haben“. Und: „Ihr Chef fordert Sie auf, Ihre Verkaufsabschlüsse im kommenden Jahr zu verdoppeln und bevor Sie sich auf die Zunge beissen können, entfährt es Ihnen: ‚Sie sind ja verrückt!‘“.

Schuld am Unvermögen und dem Überforderungsgefühl sind gemäss Barkley nicht der Chef mit seinen überrissenen Forderungen und auch nicht die verrückten Arbeitsverhältnisse und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, sondern a) die ADHS und b) der Umstand, dass Betroffene (bzw. die Leser-/innen) immer noch keine ADHS-Medikamente einnehmen.

Auch hier manifestiert sich wieder der Objektstatus, welcher den Menschen im herrschenden ADHS-Forschungs- und Therapiediskurs zugeschrieben wird. Krankmachende Rahmenbedingungen werden durch die herrschende Forschung als naturgegeben, unantastbar und vor allem als unveränderbar festgeschrieben und damit ausgeblendet.

Als gesund erscheint derjenige, der sich einfügt, die Wut gegen die Forderungen des Chefs herunterschluckt und sich mit der Faust im Sack anpasst (und dadurch erst wirklich krank werden kann). Und verrückt und krank sind diejenigen, die sich wehren. Die Lösung schliesslich liegt wieder in der Objektivierung des Individuums. Selbsthilfe heisst für Barkley: Pille schlucken -> Selbstbeherrschung -> Mund halten.

Wer heute Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin postuliert, ohne die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe zu reflektieren und sich darin zu definieren, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, mit seinen Bemühungen primär die Anpassung auch an diejenigen gesellschaftlichen Bedingungen, welche der Entwicklung der Individuen bekanntlich nicht in allen Punkten förderlich sind, anzustreben und diese damit zu legitimieren und zu verfestigen.

Die Krux mit den unvollständigen Exekutivfunktionen
Barkley’s exklusiver Diskurs rund um die Exekutivfunktionen impliziert, dass es zu Störungen der Exekutivfunktionen ausschliesslich bei der AHDS kommen kann. Dem ist aber mitnichten so. Zahlreiche psychopathologische und neurologische Störungsbilder sind elementar begleitet von Störungen der Exekutivfunktionen. Dazu zählen auch die bekanntlich nicht eben selten vorkommenden depressiven Erkrankungen.

Die Exklusivität, mit welcher Barkley Störungen der Exekutivfunktionen zum Kernproblem der ADHS macht, kann dazu führen, dass sich in diesem Buch viel zu viele Leserinnen und Leserinnen fälschlicherweise als ADHS-Betroffene zu erkennen meinen, mit Barkley’s Buch in der Hand den Hausarzt aufsuchen und sich ein Rezept für ein Stimulans ausstellen lassen.

Auffallend und wohl nicht ganz zufällig ist ausserdem, dass Barkley in seinem Konzept nur einer Auswahl von Exekutivfunktionen Beachtung schenkt. Es handelt sich nämlich ausschliesslich um jene Exekutivfunktionen, welche im weitesten Sinn der Anpassung und Leistungsfähigkeit dienen (z.B. Selbstbeherrschung, Selbststeuerung oder Zeitgefühl).

Andere, in der Neuropsychologie bestens etablierte Exekutivfunktionen, welche auch bei Vorliegen einer ADHS meistens beeinträchtigt sind, klammert Barkley in seinem Modell aus. Es handelt sich dabei um jene, welche bei intaktem Funktionieren genau das Gegenteil von negativer Anpassung bewirken, sondern selbständiges, kreatives und autonomes Denken und Handeln ermöglichen.

Folgende Exekutivfunktionen spart Barkley in seiner Theorie aus: a) Fluency bzw. Flüssigkeit (u.a. divergentes, kreatives Denken, Ideenproduktion) sowie b) Flexibilität (z.B. gewohnte Denkwege verlassen; neue Perspektiven einnehmen). Informationen hierüber und wie wir diesen defizitär entwickelten Exekutivfunktionen therapeutisch und im Rahmen der Selbsthilfe begegnen könnten, suchen wir in seinem Buch vergebens.

Menschen = Männer
Charakteristisch für die Ausklammerung gesellschaftlicher Aspekte in der herrschenden ADHS-Forschung ist auch deren Geschlechtsblindheit. Da Frauen bekanntlich häufiger als Männer psychologische Hilfen in Anspruch nehmen und dies auch bezüglich der ADHS so ist, habe ich in meiner Praxis mehr mit ADHS-Frauen als betroffenen Männern zu tun. Obwohl ich in den letzten fünfzehn Jahren ungefähr fünfhundert erwachsene Patientinnen mit einer ADHS oder einer ADHS-Spektrum-Störung kennengelernt und untersucht habe, und nun doch einiges wissen müsste, realisiere ich immer häufiger, wie viel ich bei Patientinnen mit AHDS oder einer ADHS-Spektrum-Störung nicht verstehe. Nur eines habe ich zwischenzeitlich begriffen: ADHS bei Frauen ist nicht das gleiche wie die ADHS bei Männern.

Obwohl zwischenzeitlich Untersuchungen über die ADHS bei Mädchen/Frauen vorliegen, ist es schade, dass im grossen „Handbuch für Erwachsene mit ADHS“ Frauen nur als Menschen (= Männer) vorkommen und geschlechtsspezifische Aspekte der ADHS unerwähnt bleiben.

Barkley’s Theorie der ADHS und seine Tipps scheinen mir generell sehr leistungsorientiert und männlich auszufallen. Vielleicht erlaubt deswegen sein Modell der gestörten Exekutivfunktionen es nicht, die ADHS vom unaufmerksamen Typus zu erklären bzw. zu konzeptionalisieren. Für Barkley haben 30 bis 50 % aller Personen, bei denen eine ADHS vom unaufmerksamen Typus diagnostiziert wurde, sowieso keine ADHS, sondern lediglich ein „träges kognitives Tempo“. Na danke Herr Barkley.

In Salah
Typisch für die Ausklammerung gesellschaftlicher Aspekte in der herrschenden ADHS-Forschung ist, dass auch in Barkley’s Buch transkulturelle Aspekte kein Thema sind. Beispiel „Zeitgefühl“: Für Barkley handelt es sich um eine der zentralen Exekutivfunktionen, welche bei der ADHS gestört ist (Betroffene trödeln, kommen dauern zu spät, schieben Dinge vor sich her usw.).

Auf meinen Reisen in Nordafrika habe ich realisiert, dass im Maghreb entweder 95 % aller Menschen eine schwere Störung dieser Exekutivfunktionen haben oder dass an Barkley’s Theorie etwas falsch oder unvollständig sein muss.

Wartend in einer Schlange von Fahrzeugen an der Zapfsäule in der Oase Salimahä: „Wann wird wieder Diesel geliefert? “ Antwort: „Morgen, vielleicht erst in zwei oder drei Tagen. In Salah.“

Pünktlichkeit, sich die Zeit einteilen können, zielstrebig und termingerecht ein Projekt umsetzen, sich nicht ablenken lassen usw. sind allesamt Fähigkeiten, deren Bedeutung und Relevanz für ein Individuum alleine unter Berücksichtigung des kulturellen und damit gesellschaftlichen Kontextes Sinn erfährt. Barkley und viele andere Forscher im Bereich der Psychiatrie entwarfen Modelle psychischer Krankheiten, ohne das Soziale miteinzubeziehen, was wie oben beschrieben darauf hinauslief, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu naturalisieren, also als fix und unabänderbar darzustellen. Der Gegenstand der Forschung (und der Therapie) war und ist damit verkürzt.

Berufe für ADHS-Betroffene
Barkley empfiehlt ADHS-Betroffenen eine Reihe von passenden Berufen. Erstens Militär, zweitens Haustürverkauf, drittens Pharmavertreter usw. (einen Kommentar erspare ich mir).

Gleichzeitig geht Barkley offenbar davon aus, dass ein überwiegender Teil der Erwachsenen mit einer ADHS studiert oder eine weiterführende Schule besucht. Dieser Eindruck entsteht deshalb, weil sich die meisten seiner Tipps und Empfehlungen nicht etwa an Hausfrauen, an einfache Sachbearbeiterinnen oder Hilfsmechaniker richten, sondern an Studenten und Menschen, welche eine höhere Schule besuchen, an einer Universität studieren oder eine abgeschlossene Ausbildung hinter sich haben und am üblichen Stress des Ausbildungbetriebes bzw. des Berufslebens leiden.

Bleiben Sie skeptisch
Barkley empfiehlt nachdrücklich, in Sachen Informationen zur ADHS und vor allem hinsichtlich Behandlungsmethoden, „…deren Erfolgsversprechen zu gut und zu einfach sind, um wahr zu sein“, skeptisch zu bleiben. Man soll sich immer Folgendes fragen:

Geht es dem Verfasser darum, Profit zu machen? Steckt hinter der Quelle eine dubiose Organisation? Sind Literaturhinweise vorhanden? Beruhen die Behauptungen auf echten wissenschaftlichen Beweisen?

Barkley rät eindringlich zur Vorsicht.

Angesichts der zahlreichen Sekten und anderen fundamentalistischen Gruppierungen, welche die Existenz der ADHS in Abrede stellen und der zahlreichen hochgepriesenen und meist nutzlosen „alternativen ADHS-Therapien“ erscheint Barkley’s Appell mehr als nur berechtigt. Stutzig werden die Leser/-innen allerdings dann, wenn ihnen bewusst wird, dass seine Appelle, kritisch zu bleiben, allen ausser ihm selbst gelten.

In der Tat: Barkley präsentiert wissenschaftlichen Erkenntnisse und sein ADHS-Verständnis in diesem Buch in dogmatischer Manier als sakrosankt, also als unantast- und unhinterfragbar. Es fällt schwer, darüber einfach hinwegzusehen. Es irritiert auch wohlwollende Leser/-innen (wie z.B. mich), schmälert nicht nur die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen und Empfehlungen, sondern wirft auf ganz grundsätzlicher Ebene Fragen zur Validität der von ihm vertreten Positionen auf.

Fazit
Andere werden in diesem Buch möglicherweise mehr Positives finden als ich und sich denken:

„Der meint das doch sicher nicht so!“ Oder: „Es braucht halt klare Worte und einen plakativen Stil, um auf das Wesentliche hinzuweisen und im Interesse der Betroffenen die von Fundamentalisten bekämpfte medikamentöse Therapie der ADHS zu verteidigen“. Oder: „Geschickter wäre es, auf all das Positive in diesem Buch hinzuweisen, statt nur zu kritisieren“. Oder: „Etwas mehr an Bescheidenheit würde Barkley gut anstehen, aber immerhin liefert er doch endlich klare Facts, um der unter dem Denkmantel der Meinungsfreiheit langsam überhand nehmenden Aufweichung all dessen, was man wirklich über die die ADHS und deren Therapie weiss, entgegenzuwirken“.

Meinetwegen.

Und trotzdem: Wohl wissend, dass es immer einfacher ist, ein Buch zu kritisieren, als es selbst zu schreiben, ist für mich dieses Handbuch in erster Linie eine mit Ungeschicklichkeiten und einigen Ungereimtheiten versehene, vom Kunden selbst bezahlte Werbeschrift für ADHS-Medikamente.

Um die Leser/-innen und potentiellen Kundinnen und Kunden moralisch auf den Gang zum Arzt vorzubereiten, erfahren diese während der Lektüre von Barkley auf subtile und trotzdem eindringliche Art und Weise eine moralische Schuldzuschreibung, welcher man nur durch eine noch bessere Therapie entkommen könne (implizites Motto dieses Buches ist: „Wer auf Medikamente verzichtet, ist selber schuld, dass er undiszipliniert bleibt, im Leben nicht vorwärts kommt und es zu nichts bringt“).

Um nicht missverstanden zu werden …
Auch ich schätze Barkley’s Forschungen und sein langjähriges Engagement und auch ich erachte Medikamente und andere Massnahmen zur Verbesserung der Selbstregulation als zentrale einer multimodalen Behandlung von ADHS-Betroffenen.

Mir geht es um die „Sache“, will heissen, um Menschen mit einer ADHS. Zudem bin ich in keiner Sekte und gehöre keiner fundamentalistischen Anti-ADHS-Gruppierung an. Und ja, Barkeys Buch enthält auch zahlreiche fachliche und praktische Hinweise und Informationen, welche zu einem besseren Verständnis und einem leichteren Umgang mit der ADHS beitragen können.

Mit meiner Kritik will ich Barkley in keinster Weise diskretitieren. Schon gar nicht will ich jemanden davon abhalten, sein Handbuch zu kaufen. Im Gegenteil: Es enthält Wertvolles, seine Tipps helfen den einen mehr, den andern weniger. Und ermöglicht vor allem auch, kritisch darüber hinaus zu denken (und zu handeln).

Über Barkley’s Buch schwebt jedoch eine dunkle Wolke und darunter ein Diskurs, welcher meines Erachtens ADHS-Betroffenen in der Summe mehr schadet als nützt. Statt ein deutliches Zeichen zu setzen, um der Evidenz der ADHS Nachdruck zu verleihen, hinterlässt es – sicher nicht nur, aber halt doch auch – enttäuschte und irritierte Leser/-innen.

Schade, dass Barkley mit diesem Buch die Chance verspielte, wirklich glaubhaft für die ADHS und die von ihr betroffenen Menschen einzustehen und innovative Konzepte vorzustellen. Gewinner sind vor allem jene fundamentalistischen Kräfte, welche die ADHS als psychische Störung (und damit die von ihr Betroffenen) negieren. Für sie sind weite Passagen dieses Buches gefundenes Fressen.

Zukunftsmusik
Und was kommt nach der Kritik? Wie könnte eine subjektorientierte ADHS-Forschung und -Therapie aussehen, welche ihren Standpunkt im konkreten und jeweils individuellen Mensch-Welt-Zusammenhang hat und deren Perspektive sich nicht nur in der Anpassungsfähigkeit an fremdgesetzte Bedingungen und dem Verkauf von Medikamenten erschöpft, sondern die Handlungsfähigkeit der Betroffenen auch dahingehend fördert, so dass Betroffene und Therapeuten auch die je einschränkenden Lebensbedingungen – als elementarer Teil der Krankheit – und mit der Perspektive ihrer Veränderung zum Gegenstand von Selbsthilfe, Diagnostik und Therapie machen können?

Welche Implikationen ein angemesseneres Menschenbild und ein adäquateres Wissenschaftsverständnis für das Verstehen der ADHS und die Therapie von Betroffenen haben könnte, versuche ich später einmal in Form einer Programmatik zu umreissen.

Hier ein Hinweis zur Bezugsmöglichkeit dieses Buches bei Amazon: Das große Handbuch für Erwachsene mit ADHS.

ADHS ist ein Geschäft

Was ist ADHS bzw. das Hyperkinetische Syndrom? Über kaum eine Frage wird so sehr gestritten, wie über diese banale Frage. Wer (meistens) nicht gefragt wird,  sind die Kinder bzw. Betroffenen selber. Alle möglichen Menschen massen sich eine Meinung zu Fragen der Erziehung, Schule, Psychologie und Psychiatrie an. Alle sind Experten und wissen beispielsweise, dass ADHS nun durch zuviel oder zuwenig Aufmerksamkeit der Eltern, durch Rauchen oder Ernährung, durch Fernsehen oder Magnetstrahlen entsteht. Je nach gerade verkaufter Marktidee oder persönlicher Meinung wird dann gerade das verkauft, was persönlich im Angebot ist.

Dafür wird dann die Pharmaindustrie verteufelt, dass sie Medikamente an den Mann bringen wollen. Weil es ja Kinder sind, die auf Drogen gesetzt werden sollen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin nicht wirklich ein grosser Freund von den Vermarktungsoffensiven der Industrie und natürlich kann man sich darüber aufregen, dass nun angeblich ein Markt für eine Symptomatik geschaffen wird, die man noch vor einigen Jahren als „normal“ angesehen hat.

Dazu müsste man sich genauer anschauen, WIE die Medikation von Ärzten eingesetzt und vor allem im Verlauf überwacht bzw. betreut wird. Aus meiner Sicht liegt hier das Problem, nicht in der Medikation selber.

Aber: Mindestens genauso gross ist der Markt im ADHS-Bereich, der NICHT von der Pharmaindustrie abgedeckt wird. Fast alle Eltern werden erstmal zu Nahrungsergänzungsmittelchen, Hilfsmitteln wie Brainboy oder anderem technischen Schnickschnack ohne nachgewiesenen Sinn und anderen Versprechungen greifen. Und damit nicht nur unnütz Geld, sondern auch Zeit verschwenden und die Kinder therapiemüde machen.

Zu den nicht wirksamen Therapieverfahren bei ADHS gehören leider nun gerade die am häufigsten eingesetzen Verfahren überhaupt. Sei es die Ergotherapie, sei es die analytische Spieltherapie oder aber eben Nahrungsergänzungsmittel. Und (mit Einschränkungen) wohl auch das EEG-Neurofeedback. Alles für sich genommen mehr oder weniger wirkungslos bei ADHS und von der Bundesärztekammer nicht empfohlen. Dafür aber wird dann in den Medien der Eindruck vermittelt, dass hier barmherzige Wunderheiler am Werk sein müsssen, die einen verzweifelten Kampf gegen die Windmühlen der Pharmalobby kämpfen.

Um es klar zu stellen: Ich bin sehr wohl für Ergotherapie. Aber es ist eben FÜR ADHS selber nicht ein etabliertes Verfahren. Sondern für die häufig bei ADHS gleichzeitig anzutreffenden Probleme der Wahrnehmung (sensorische Störungen), Motorik und Koordination. Es ist aber eine merkwürdige Entwicklung, wenn Ergotherapie mit einem rundum-sorglos Paket Versprechungen einer ADHS-Therapie machen, die von Psychotherapeuten nicht gehalten werden könnten (die wesentlich besser ausgebildet sind). Ich war selber im Ausbildungsinstitut von Britta Winter in Wunstorf mitbeteiligt. Das Programm ist mehr oder weniger ein Mischmasch von Allem und Nichts. Elterntraining, Verhaltenstherapie nach Lauth und Schlottke gemischt mit Döpfner und Co. und ein wenig Strategietraining. So wie eine Tour durch Europa für Japaner in 4 Tagen. Und damit in einer Art und Weise sinnfrei, wenn sich die Ergotherapeutin nicht auf ihre eigentlichen Fähigkeiten besinnt und wieder individuell das Kind mit seinen Stärken und individuellen Problemen sieht, statt ein Manualprogramm durchzuhecheln, wie es das Manual von ihr suggeriert.

Ähnliche Kritik könnte man aber auch in anderen Bereichen der ADHS-Rundum-Sorglos-Versorgung setzen. Hallowell bildet jetzt gerade Chiropraktiker aus, was für ADHSler zu tun. Na ja …

Was wird die nächste Kuh sein, die durch das Dorf gescheucht wird ?

ADHS und wissenschaftlicher Unsinn

Maus ? Telefon !

Was jetzt vielleicht wie ein netter häuslicher Dialog klingt, hat in der Laienpresse mal wieder in Sachen Anti-ADHS für Wirbel gesorgt.

Handy-Strahlung soll ADHS auslösen. Nun gut. Erst sollte es Krebs sein und dann eben ADHS. Im Tierversuch sollen angeblich über 17 h mit Handy bestrahlte Mäuse hibbelig geworden sein. Behauptet immerhin ein Forscher von der Universität Yale.

Diesmal also nicht der Hüther, sondern ein Taylor. Gynäkologe.

In der Zeit-Online wird dieser Fachartikel zerpflückt. Und es bleibt noch nicht einmal ein Häufchen Wahrheit bzw. Übertragbarkeit auf Menschen übrig. U.a. wird dargelegt, dass die Dosimetrie bzw. wissenschaftlichen Rahmenbedinungen nicht standardisiert und übertragbar auf den Menschen sind. Und überhaupt grundlegende Standards der Wissenschaftlichkeit nicht gegeben waren. Ein Wunder, dass sowas dann durch den sog. Peer-Review einer Fachzeitschrift geht. Vermutlich eben, weil ADHS so polarisiert und es erstmal „interessant“ genug für Pressemitteilungen ist. Da sind viele Themen aus der Gynäkologie-Grundlagenforschung sicher nicht so auflagenstark zu vermarkten.

Fazit: Mütter können weiter telefonieren. Sollten sich dann aber nach der Geburt besser den Babys und weniger dem Handy widmen 🙂

Was sie natürlich auch tun !