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Konstruktive ADHS-Kritik (Teil 1)

Nachdem die mir bekannten, meist fundamentalistisch ausgerichtenen ADHS-Kritiker bisher keine primär inhaltlichen Argumente gegen das Konzept der ADHS (Ursache, Symptomatik, Therapie, gesellschaftlicher Kontext usw.) vorzubringen vermochten, es aber wie überall im Leben auch bezüglich dem ADHS-Konzept ein „Wenn und Aber“ gibt, werde ich in lockerer und unsortierter Reihenfolge meine eigenen Vorbehalte gegenüber der herrschenden ADHS-Lehrmeinung bzw. der aktuellen Versorgungspraxis vortragen. Ausgangspunkt bilden dabei konkrete Erfahrungen in meiner Praxis.

Der medienwirksame und ‚laute‘ fundamentalistische Anti-ADHS-Diskurs drängte mich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen in eine künstliche Gegenposition: Wir mussten die ADHS quasi ‚verteidigen‘. Dies erfolgte auf Kosten bzw. unter Vernachlässigung der Thematisierung von Unstimmigkeiten. Ich vertrete dezidiert die Ansicht, dass wir das Kritische zum Thema ADHS eben nicht den fundamentalischen „ADHS-Gegnern“ überlassen, sondern dieses Feld selbst besetzen sollten.

Wozu aber überhaupt auf kritische Punkte im herrschenden ADHS-Verständnis und in der ADHS-Versorgungspraxis hinweisen, mag sich mancher Leser oder manche Leserin vielleicht fragen. Die Antwort liegt nahe: Glaubwürdigkeit spielt im Bereich der Psychologie und Psychotherapie eine immens hohe Rolle. Und dazu gehört auch das Benennen und Erörtern von Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten in der Konzeptionalisierung, der Diagnostik und der Therapie der ADHS. Ausserdem: Das Aufarbeiten von Problemen in der ADHS-Diagnostik und -Versorgung kann massgeblich dazu beitragen, die Qualität und Therapie der ADHS zu verbessern.

Schwachstellen im Bereich der ADHS-Diagnostik wird der erste Problempunkt sein, auf den ich demnächst konkret eingehen werde.

Übersicht über alle Beiträge zum Thema: „Konstruktive ADHS-Kritik“

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Gastartikel: Ritalin-Bashing und kein Ende

Gastartikel von Dr. med. A Alfred, Facharzt für Kinderheilkunde und Kinder- und Jugendpsychiatrie

im Namen der Praxisgemeinschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Dr. A. Alfred, K. W. Heuschen und T. Palloks sowie des ADHS-Zentrums München,

Ritalin-Bashing und kein Ende

In regelmäßigen Abständen, in der Regel alle 1-2 Jahre, nehmen die Massenmedien ritualähnlich und unisono Stellung zum Thema der medikamentösen Behandlung von ADHS bei Kindern und Jugendlichen. Diese Stellungnahmen sind immer mit deutlichen Warnungen verknüpft, die die zunehmende Zahl der Verschreibungen von methylphenidathaltigen Präparaten anprangern, die angeblich häufigen Nebenwirkungen betonen und den betroffenen Eltern sowie den verschreibenden Ärzten generell Verantwortungslosigkeit unterstellen. Dieses Mal wurde der Reigen schon am 25.10. 2011 auf der Titelseite (!) der Süddeutschen Zeitung eröffnet. Es folgte am 7. 2. 2012 der Fernsehfilm “ Ritalin – Medizin, die krank macht?” auf 3SAT, dem sich in der Tendenz bald zwei weitere Zeitungsartikel anschlossen: am 13. 2. 2012 “Deutschland, das Land der gedopten Kinder?” auf WeltOnline und am 16. 2.2012 “Wo die wilden Kerle wohnten” in der FAZ.

Auch wenn in all diesen Veröffentlichungen die Alltagskonflikte und Belastungen, unter denen die betroffenen Kinder, ihre Eltern und auch ihre Lehrer leiden, durchaus richtig beschrieben werden, so sind sie doch in Bezug auf die möglichen Ursachen dieser Konflikte und ihre Behandlungsmöglichkeiten außerordentlich tendenziös und suggestiv verfasst. Sie werden dem Credo einer ausgewogenen Berichterstattung, wie man sie von diesen namhaften Medien erwartet, nicht gerecht. Es ist, ganz im Gegenteil, zu befürchten, dass es einmal mehr zu einer allgemeinen Verunsicherung in Bezug auf die Behandlung von ADHS kommt und den ADHS- Patienten die in manchen Fällen notwendige medikamentöse Behandlung vorenthalten wird. Daran wird vermutlich auch die sehr sachlich gehaltene Stellungnahme des Bundesverbands der Kinder- und Jugendpsychiater (BKJPP) nichts ändern, die der Presse Ende Februar 2012 zugegangen ist und bisher noch in keinem der genannten Medien erwähnt wurde. Hier wird ADHS als eine wissenschaftlich nachgewiesene Störung bezeichnet, die in der Regel sorgfältig diagnostiziert wird und nur in der Hälfte der Fälle medikamentös behandelt werden muss. Der Berufsverband warnt eindringlich vor der Stigmatisierung der Betroffenen infolge der negativen Berichterstattung in den Massenmedien.

Dabei hat die Diskussion um das Ritalin schon längst die Züge einer ideologisch geführten Auseinandersetzung angenommen, die es vergessen lässt, dass es allen Beteiligten doch letztlich um das gleiche Ziel geht, nämlich um die bestmögliche Unterstützung und den Schutz der betroffenen Kinder und ihrer Familien.

In den Augen der Ritalin- Gegener ist Ritalin allerdings eine Art “Teufelszeug”, das zwar eine “angenehme Wärme “ erzeugt, aber letztlich doch nur müde macht, zu Appetitlosigkeit und Wachstumsstörungen oder gar Abhängigkeit führt. Man lacht weniger, wirkt gedämpft. Sogar Suizidgedanken können darunter auftreten. Irgendwie wird zwar auch die Konzentration besser, aber letztlich ging es dem Erfinder von Methylphenidat nur darum, das Tennisspiel seiner Ehefrau zu perfektionieren. Mit Hilfe des Medikaments sollen die ADHS-Kinder einfach besser funktionieren und am Ende haben alle ein schlechtes Gewissen. Natürlich muss dabei auch auf die enorme Steigerung der Verordnungen in den letzten Jahren verwiesen werden und es dürfen auch die Millionenumsätze nicht unerwähnt bleiben, die Novartis und andere Firmen mit Ritalin bzw. verwandten Präparaten erzielen. Es ist immer die Pharmaindustrie – oder auch die verantwortungslosen Eltern und Ärzte – und nie ist es die Gesellschaft und schon gar nicht das defizitäre, auf Auslese und nicht auf Unterstützung angelegte Schulsystem. Auch das Gesundheitswesen und die Krankenkassen mit ihrem dürftigen Therapieangebot scheinen da gar keine Verantwortung zu tragen. Den Ritalin-Gegnern stehen allerdings äußerst engagierte Eltern und Ärzte gegenüber, die die Wirkung des Medikaments im Alltag als sehr hilfreich erleben, nur wenige, vertretbare Nebenwirkungen sehen und den Verzicht auf diesen Wirkstoff schon fast für unterlassene Hilfeleistung halten.

Das rote Tuch – genannt Ritalin – lässt allerdings die Kontrahenten wesentliche Aspekte der ADHS ausblenden. Dabei sollte man aber zumindest folgende Tatsachen wissen: ADHS ist die häufigste psychische Störung im Kindes- und Jugendalter. Unbehandelt führt sie sehr oft zu Misserfolgen in der Schule, schlechteren, der eigentlichen Begabung nicht entsprechenden Schulabschlüssen, zu sozialer Isolation und zu erheblichen familären Belastungen. Wissenschaftlich gut abgesicherten Studien zufolge haben 30% aller Insassen in den Jugendgefängnissen eine unbehandelte ADHS!

Die Diagnose wird heute in der Regel erst nach einer sorgfältigen Untersuchung gestellt und die Behandlung fußt auf mehreren Ansätzen, die verhaltens- und familientherapeutische, pädagogische und gegebenenfalls medikamentöse Maßnahmen umfassen. Methylphenidathaltige Medikamente dürfen nur von spezialisierten Ärzten verschrieben werden, in der Regel erst dann, wenn alle anderen Maßnahmen ohne Erfolg waren oder wenn der massive Leidensdruck eine schnelle Hilfestellung erfordert. Jeder vernünftige Arzt wird sich diese Entscheidung nicht leicht machen! Auch Ärzte haben Kinder und sind sich ihrer Verantwortung bewusst! Im Übrigen setzt die medikamentöse Behandlung gemäß den Empfehlungen der Bundesregierung auch immer eine begleitende psychotherapeutische Hilfestellung voraus. Von allen Patienten mit der Diagnose ADHS benötigt am Ende nur ca. jeder Dritte eine Behandlung mit Methylphenidat, die in den meisten Fällen nicht länger als 2-3 Jahre fortgesetzt wird, und dies auch nur dann, wenn man nach einer kurzen Erprobungsphase sieht, dass die Kinder sie gut vertragen.

Die Medikation macht nicht lebhafte, glückliche Kinder zu angepassten, passiven Monstern, sondern ermöglicht oft erst den Betroffenen soziale Kontakte aufzubauen, Lernstrategien zu erarbeiten und damit einen angemessenen Schulabschluss zu erreichen. Die beschriebenen Nebenwirkungen kommen vor, sind aber bei sachgemäßem Umgang mit dem Medikament selten und insgesamt auch angsichts der Folgen einer Nichtbehandlung mehr als vertretbar. Es wird den allermeisten Eltern großes Unrecht getan, wenn man ihnen unterstellt, dass sie Methylphenidat geben, weil die Kinder ihren Ansprüchen nicht genügen bzw. weil sie keine Geduld für die Zerstreutheit ihrer Kinder aufbringen. Jeder Facharzt, der mit ADHS-Kindern arbeitet, weiß, welch hoher zeitlicher und finanzieller Einsatz in Familien erbracht wird, um ADHS-Kinder zu fördern und ihre Probleme zu händeln. Das Fatale an den Veröffentlichungen ist jedoch, dass die Medikation wie eine Art Gift- oder Betäubungspille beschrieben wird. Sätze wie „er verspürt keinen Hunger, in seinem Magen liegt eine Concerta-Tablette 54mg, die höchste Dosis…“ klingen als würde man Kinder damit vergiften wollen. Aussagen wie „was für ein Selbstwertgefühl bekommt ein Kind, wenn es weiß, dass es nur mit Medikamenten funktioniert“, sind nicht frei von Polemik. Was für ein Selbstwertgefühl bekommt denn ein ADHS-Kind, wenn es trotz guter Intelligenz ständig schlechte Noten schreibt und niemand mit ihm spielen will? Was Kinder brauchen sind Anerkennung und Erfolg und genau das haben ADHS-Kinder viel zu wenig, wenn man sie immer wieder die Erfahrung machen lässt, dass sie scheitern und abgelehnt werden.

Man muss es einmal erlebt haben, wie glücklich und stolz ADHS-Kinder sind, wenn es ihnen gelingt, erfolgreich zu sein und Anerkennung zu finden. Es geht nicht darum, dass Kinder funktionieren, sondern, dass sie in die Lage versetzt werden, sich in unserer komplexen und reizüberfluteten Welt zurecht zu finden und dass es ihnen gelingt, ihr Potential zu entwickeln. Und es ist zynisch, betroffene Kinder in die Spirale von Ablehnung und Versagen laufen zu lassen!

Natürlich muss man den Ritalin-Gegnern in einem Punkt zustimmen, nämlich dass ADHS nicht nur von einer genetisch bedingten Veranlagung, sondern von vielen verschiedenen Einflüssen abhängig ist. Schließlich gelingt es den vielen, nicht medikamentös behandelten Kindern oft genug, mit Hilfe anderer Unterstützungsmaßnahmen mit ihren Konzentrationsproblemen, ihrer Impulsivität und auch mit ihrer Unruhe fertig zu werden. Zu diesen Unterstützungsmethoden gehört z. B. ein intensives Elterncoaching mit Tipps für den Umgang mit typischen Konfliktsituationen. Dazu gehören auch verschiedene Konzentrationsübungen (z. B. das Marburger Konzentrationstraining und das Attentioner-Programm) sowie spezielle verhaltenstherapeutische Maßnahmen, wie z. B. das Training nach Lauth und Schlottke. Auch das Neurobiofeedback scheint sich als eine erfolgreiche Behandlungsmethode zu etablieren.

Hat man das Glück, auf verständnisvolle und erfahrene, über ADHS gut informierte Lehrer zu treffen, so ist das allein schon die halbe Miete. ADHS-erfahrene, nicht nur pädagogisch sondern auch psychologisch geschulte, verständnisvolle und hilfsbereite Lehrer werden allerdings noch lange eine Ausnahme bleiben, weil das Thema ADHS in der Lehrerfortbildung nicht die Rolle einnimmt, die ihm zukommen müsste. ADHS – Experten zu Vorträgen über ADHS einzuladen bleibt der Initiative der ganz besonders bemühten Elternbeiräte und der Schulleitungen überlassen.

Dazu kommt, dass die wenigen Schulpsychologen, die oft gleichzeitig mehrere Schulen betreuen müssen, zeitlich völlig überfordert und daher auch kaum in der Lage sind, hier irgendwie Abhilfe zu schaffen. Teams von Sozialpädagogen, Psychologen und Lehrern, die die komplizierten Fälle betreuen könnten, gibt es an deutschen Schulen ohnehin nicht, ebenso sind uns – bis auf wenige Ausnahmen – keine Schulen bekannt, die sich auf ADHS-Schüler spezialisiert haben. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder am liebsten nach England, wo viele Internate diese Marktlücke entdeckt haben und zu Preisen von 2500 Euro und mehr das anbieten, was das deutsche Schulsystem nicht schafft.

Leider, und das ist angesichts der Ritalin-Kritik erst recht nicht zu verstehen, sieht sich auch unser Gesundheitswesen nicht in der Lage, eine spezifische und erfolgversprechende, nichtmedikamentöse Behandlung der ADHS zu finanzieren. Weder die Kosten für Eltern- noch für spezifische Konzentrations- und Verhaltenstrainings werden von den Kassen übernommen, ganz zu schweigen von den Kosten für das Neurobiofeedback oder gar für Besprechungen mit den Lehrern oder den medizinischen Komplementärberufen. Der persönliche Besuch eines Arztes in der Schule seines Patienten ist eine Rarität und eine Supernanny, die nach Hause kommt und vor Ort bei der Konfliktbewältigung hilft, ist nur eine Erfindung des RTL und steht nicht im Angebot der gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung. Bis heute gibt es lediglich in zwei Bundesländern zarte Ansätze dazu, durch Kooperationsverträge zwischen Ärzten, Krankenkassen und den ärztlichen Komplementärberufen eine Art Zusammenarbeit zu Gunsten der ADHS- Kinder zu organisieren.

Betrachtet man also die Situation der ADHS- Betroffenen differenzierter als dies in den Veröffentlichungen der Massenmedien zum Asudruck kommt, so wird sehr schnell deutlich, dass sowohl die Ritalin – Gegener als auch die Ritalin – Befürworter an einer völlig falschen Front kämpfen. Statt ihre Energien zu bündeln und gemeinsam für ein differenzierteres Schulsystem, eine bessere Fortbildung der Lehrer, bessere finanzielle und räumliche Ausstattung der Schulen, alternative Therapiemethoden und deren Finanzierung zu kämpfen, verschleißen sie sich in sinnlosen Grabenkriegen. Dabei könnte man doch den Einsatz von Medikamenten völlig problemlos auf die wenigen, mit psychologischen oder pädagogischen Mitteln nicht erreichbaren Fälle beschränken, wenn wir alle an einem Strang ziehen würden und z. B. das erreichen würden, was den Eltern- und Lehrerverbänden beim Umgang mit lese- und rechtschreibschwachen Kindern Ende der neunziger Jahre so gut gelungen ist: einen kultusministeriellen Erlass, der Rücksicht auf ADHS-Kinder nimmt und der Lehrerschaft die Möglichkeit verschafft, diesen Kindern größere Unterstützung zukommen zu lassen. Wir alle könnten dann viel ruhiger schlafen und müssten uns über Langzeitfolgen der Medikamente keine Sorgen mehr machen. Warum sollten denn auch gerade die ADHS-Kinder keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung haben? Ihr Leidensdruck ist nicht geringer und ihre Erfolgsaussichten sind nicht schlechter als die der lese-und rechtschreibschwachen Kinder, deren Situation sich seit dem Legasthenie-Erlass wesentlich verbessert hat. Und wo wäre das Geld der Steuerzahler nicht besser investiert als im Schul- und Gesundheitssystem? Also hören wir endlich mit dieser unsäglichen Ritalin-Diskussion auf und mobilisieren alle unsere Kräfte, um den ADHS Kindern endlich die Hilfe zukommen zu lassen, auf die sie bisher vergeblich warten.

Dr. A. Alfred, Facharzt für Kinderheilkunde und Kinder- und Jugendpsychiatrie,

im Namen der Praxisgemeinschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Dr. A. Alfred, K. W. Heuschen und T. Palloks sowie des ADHS-Zentrums München,

80639 München, Winthirstrasse 4,

www.adhs-muenchen.net

adamalfred@t-online.de

Modeerscheinung ADHS? Das „Schatten-Interview“

Zur Verdeutlichung meiner Kritik an den Äusserungen von Prof. Manfred Döpfner im Interview in der Rhein-Zeitung vom 22.02.2012 werden Martin Winkler und ich im Folgenden ein „Schatten-Interwiev“ inszenieren und auf die Interviewfragen so antworten, als würden sie uns gestellt. Aufgrund des Interviewverlaufs können wir nicht alle Interviewfragen 1:1 übernehmen (diese beziehen sich teilweise auf die vorausgehenden Antworten von Prof. Manfred Döpfner).


„Derzeit wird viel über das Thema ADHS diskutiert. Warum ist das so?“

Wir wissen es nicht genau. Zu unserer Entschuldigung müssen wir dazu sagen, dass wir Kliniker sind und uns aus Kapazitätsgründen trotz grossem Interesse nur am Rande mit soziologischen Fragestellungen befassen können. Tatsächlich handelt es sich bei der Hochkonjunktur, welche das Thema ADHS in der Medienwelt zurzeit geniesst, um ein primär gesellschaftliches Phänomen. Die zum Teil erschreckende Aggressivität in zahlreichen Leserbriefen zu Medienberichten über die ADHS erinnert uns manchmal an fundamentalistische Glaubenskriege. Antworten zu diesen Fragen und Themen gehören primär zur Domäne der Soziologen.

Trotzdem: Ohne Anspruch auf Korrektheit und Vollständigkeit haben wir auf die Frage, wieso derzeit über das Thema ADHS so viel diskutiert wird, folgende Überlegungen:

  1. Als erstes halten wir fest, dass eine sachliche Diskussion über die ADHS als Syndrom oder die Möglichkeiten und Grenzen der Therapie ja gerade nicht erfolgt. Vielmehr werden statt wissenschaftlich basierten Erkenntnissen und konkreten Erfahrungsberichten im Umgang mit ADHS-Kindern sowie den Erziehungs- und Schulbedingungen, „Meinungen“ und Vorurteile verbreitet. Und dies in aller Regel von Personen, die selber keinen Kontakt zu ADHS-Familien haben.
  2. Leider verpassen es ADHS-Experten im ganzen deutschsprachigen Raum, klare Informationen und Positionen in der Öffentlichkeit zu vermitteln, welche eine Abgrenzung der syndromtypischen und spezifischen Störungen der ADHS als neurobiologische bedingte Störung gegenüber unspezifischen Symptomen der Unaufmerksamkeit, Unruhe oder Bewegungsdrang ermöglichen.
  3. Die im interdisziplinären Beirat des Zentralen Kompetenznetzes ADHS versammelten Experten bzw. Vereinigungen, aber auch die Selbsthilfegruppen, wurden unseres Wissens in der aktuellen Diskussion noch nicht einmal befragt. Vielmehr kommen in den Beiträgen der Presse selbsternannte Experten zu Wort, welche die blosse Existenz von ADHS oftmals abstreiten und sich gleichzeitig aus den sachlichen (Fach-) Diskussionen gänzlich heraushalten.
  4. Ein weiter Grund für die überwiegend einseitige Medienpäsenz der AHDS liegt unseres Erachtens darin, dass sich die ADHS-Experten in Deutschland und der Schweiz nicht proaktiv an der Diskussion über ADHS bzw. die Versorgungsrealität, Verbesserungsmöglichkeiten und Grenzen der Therapie beteiligen. Gänzlich Funkstille herrscht in Sachen Öffentlichkeitsarbeit zum Beispiel bei der Schweizer Fachgesellschaft ADHS.
  5. Manchmal fragen wir uns, ob und inwieweit das Zentrale ADHS-Netz eine entsprechende Diskussion der Fachgremien und Praktikern der Basisversorgung untereinander überhaupt unterstützt und inwieweit bei öffentlichen Verlautbarungen auch alte Ansichten zementiert werden. Konkret: Es ist bedauernswert, dass selbst der international renommierte ADHS-Spezialist Prof. Manfred Döpfner als Sprecher des Zentralen ADHS-Netzes im jüngsten Interwiew den Eindruck vermittelt, dass man die syndromtypischen Besonderheiten gerade nicht von Fehlverhalten von Kindern und Jugendlichen sauber abgrenzen könne. Zwar ist es richtig, dass ADHS eine dimensionale Störung ist und nicht ausschliesslich kategoriale Zuordnung im Sinne von „krank“ oder „gesund“ aufweist. Trotzdem ist die ADHS keine Variation von Normalverhalten. ADHS ist auf der Grundlage international verbindlicher diagnostischer Leitlinien eine klar definierbare Störung (also eine mit Leiden und Behinderung verbundene Krankheit und keine Normvariante gesunden Lebens), die man durch eine ausführliche Anamnese und Berichte von Angehörigen und Bezugspersonen in verschiedenen Lebensbezügen erfragen kann, häufig aber auch in Verhaltensbeobachtungen in der Praxis und durch Tests zusätzlich objektivieren kann.
  6. Ein weiterer Grund für die hohe Medienpräsenz der ADHS ist der Umstand, dass sich dieses Thema sehr gut vermarkten lässt. In unserem Wirtschaftssystem sind „News“ aber eigentlich sachliche  Hintergrundberichte zu Waren, welche gewinnbringend gehandelt und verkauft werden. Je „heisser“ die Ware, umso besser lässt sie sich an den Mann und an die Frau bringen. Eine der Triebfedern, welche das Thema der ADHS „heiss“ werden lässt, ist die Tatsache, dass der mediale Diskurs bewusst oder nicht bewusst Argumente aufgreift, welcher den Argumentationsküchen von (Psycho-) Sekten und anderen fundamentalistischen Gruppierungen entspringen. Der fundamentalistische Diskurs des Kampfes des Guten gegen das Böse bietet der Presse also auch beim Thema ADHS genügend „Power“, um „heisse“ Stories zu publizieren und kontroverse Leserbrief-Diskussionen am Laufen zu halten.

„Mir erscheint es aber so, dass sich Menschen heute weniger konzentrieren können als früher und weniger gut zuhören […]“

Auch wir stellen Veränderungen im Konzentrationsverhalten vieler Menschen fest. Wir leben in einer multimedialen Welt, welche andere, neue Anforderungen an die Informationsverarbeitung des menschlichen Gehirns stellt. In unserer Konsum- und Nonstop-Gesellschaft dreht sich vieles immer schneller und schneller. Am Arbeitsplatz muss immer mehr in immer kürzerer Zeit erledigt, hergestellt und verkauft werden. Das immer höhere Arbeitstempo, ein immer schnellerer Wechsel von Arbeitsstellen, Beziehungen, Handys, Autos, Hobbys und persönliche Vorlieben führen bei vielen zu einer fortschreitenden Entwertung vieler Lebensbereiche. Dies erzeugt bei zahlreichen Menschen Rastlosigkeit, innere Leere, Unzufriedenheit, Angst, etwas zu verpassen sowie ein immer hektischeres Lebensgefühl. „Multitasking“, also gleichzeitiges, schnelles und effizientes Handeln und Verarbeiten verschiedenster Informationen, wird nicht nur in der Arbeit und der Freizeit, sondern für viele von uns zunehmend auch im Privat- und Innenleben zum vorherrschenden Modus. Hohes Tempo plus Gleichzeitigkeit führen bei immer mehr Individuen zu einem Verlust der Fähigkeit, sich in Ruhe einer Sache hinzugeben, sich darauf zu konzentrieren, den Augenblick wahrzunehmen und zu geniessen. Geduld, sich selbst und anderen Zeit lassen, Innehalten und Zuwarten werden für zahlreiche Menschen zu immer abstrakteren Begriffen.
In diesem Sinn stellen auch wir fest, dass sich heute viele Menschen schlechter, oder vielleicht müssten wir besser sagen, anders als früher konzentrieren können.
Wichtig ist jetzt Folgendes: Die oben beschriebenen gesellschaftlichen Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Konzentrationsfähigkeit der Menschen sind ein Thema. ADHS ist ein ganz anderes Thema, welches ursächlich gesehen mit den genannten gesellschaftlichen Veränderungen nichts zu tun hat. ADHS ist nicht pauschal mit Konzentrationsmangel gleichzusetzen. Vielmehr ist bei der ADHS die Aufmerksamkeitssteuerung aufgrund neurobiologischer Besonderheiten gestört. Es ist genau diese Abgrenzung zwischen Normvarianten und klinischer Störung, welche in der Öffentlichkeit selbst von Experten wie Manfred Döpfner verwischt beziehungsweise nicht klar genug hervorgehoben wird.

„Man hat den Eindruck, als ob ADHS in Deutschland immer mehr zunimmt?

Untersucht am Gesamtkollektiv aller Menschen liegt auch in Deutschland keine Zunahme von ADHS-Betroffenen vor. Dieser Eindruck entsteht als Folge der hohen und kontroversen Medienpräsenz der ADHS-Thematik. Je mehr über Burnout geschrieben und berichtet wird, umso häufiger kommt Burnout-Betroffenen Evidenz zu. Das ist auch bei der ADHS so. ADHS-Betroffene werden heute früher und besser erkannt. Dies führt zum Eindruck, dass die Fallzahlen im Steigen begriffen sind.

„Kann es nicht auch sein, dass viele auffällige Kinder einfach körperlich nicht ausgelastet sind?“

Natürlich sind sie das nicht: Stundenlanges Sitzen vor dem TV und dem PC-Monitor (was die Hauptbeschäftigung vieler Kinder und Jugendlichen ist) kann nachweislich zu Störungen verschiedener elementarer motorischer Funktionen und Wahrnehmungssysteme führen. Allerdings gilt auch hier das bereits Gesagte: Mit der ADHS hat ein gesellschaftlich erzeugter Bewegungsmangel ursächlich nichts zu tun. Motorisch auffällige Kinder gab es zu allen Zeiten. ADHS ist kein Mangel an Bewegung oder Bewegungsmöglichkeiten. Es schürt nur Missverständnisse, wenn man die ADHS mit Hyperkinetik gleichsetzt. Bewegung und Spiel in der Natur sind sicher sehr wichtig. Das aber gilt unisono für Kinder mit und ohne ADHS.

„Wie ist die Verteilung zwischen Mädchen und Jungen?“

Bisher geht man davon aus, dass mehr Jungen als Mädchen von der ADHS betroffen sind. Allerdings sind die Diagnosekriterien bisher auch weit stärker auf äusserlich sichtbare Störfaktoren wie Impulsivität und motorische Unruhe ausgerichtet, so dass Jungen einfach stärker auffallen. Zudem erfolgte ein Grossteil der wissenschaftlichen Untersuchungen zur ADHS bis heute fast ausschliesslich mit Buben und Männern. Die Forschung auch hinsichtlich der ADHS also eher geschlechtsblind. Es ist zu hoffen, dass der Erforschung der ADHS beiMädchen und Frauen endlich mehr Aufmerksamkeit zukommt.
Zukünftig wird vermehrt berücksichtigt, dass die neuropsychologischen Defizite im Bereich der Selbststeuerung vielfach eben erst dann auffallen, wenn erhöhte Alltagsanforderungen an die Selbstorganisation anstehen. So werden dann auch mehr Mädchen erfasst werden. Mädchen und junge Frauen also, welche erst nach der Grundschule im Übergang zu weiterbildenden Schulen oder zu Beginn der Lehre ADHS-typische Probleme im Alltag entwickeln.

„Kann es dann nicht auch an der aktuell häufig diskutierten These liegen, dass die Gesellschaft immer „weiblicher“ wird?“

Soziologinnen wie etwa Eva Illouz stellen schon seit Jahren einen diesbezüglichen Wertewandel fest. Gefühle zeigen, zuhören können und Verständnis haben wurde zwischenzeitlich auch bei Männern zu zentralen Werten. Selbst im Business-Bereich gelten heute diejenigen Männer als besonders erfolgreich, welche erkannt haben, dass Beziehungsarbeit und Einfühlungsvermögen wichtige Basiskompetenzen darstellen. Hinweise darauf, dass dieser Trend eine Ursache dafür sein könnte, dass der ADHS mehr mediale Aufmerksamkeit zukommt, sind uns nicht bekannt (wir können uns auch nicht vorstellen, dass ein derartiger Zusammenhang bestehen könnte).

„… dass Jungens im Kindergarten und der Grundschule hauptsächlich auf Pädagoginnen treffen? Dass es ganz anders aussähe, wenn zum Beispiel noch Ritterspiele und Schwertkämpfe wichtig wären?“

Nur schon der Gedanke, dass Frauen und „weibliche“ Stile in irgendeiner Form für eine Zunahme von ADHS-Fällen und/oder für eine erhöhte Medienpräsenz verantwortlich sein könnten, befremdet uns. Feministinnen würden wohl lauthals protestieren. Und abgesehen davon: Es sind doch gerade die Kampfspiel-Games, welche bei vielen Jungs zu Ungeduld, Impusivität und Aggressiviät führen.

„Um noch einmal auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen: Warum hat man den Eindruck, dass ADHS zunimmt? Liegt es unter Umständen daran, dass es einfach besser diagnostiziert wird?“

Ob die ADHS „besser“ diagnostiziert wird, sei dahin gestellt. Leider bleiben immer noch zu viele von einer ADHS betroffene Kinder und Frauen unentdeckt. Zudem besteht eine Tendenz, mögliche therapierelevante neuropsychologische und psychosoziale Begleitprobleme zu übersehen (mehr dazu in einem späteren Blog-Beitrag).
Mit Sicherheit wird die ADHS heute häufiger als früher erkannt. Wieso? Dazu folgendes Beispiel: Ein Kind zeigt Verhaltens- oder Lernprobleme, verweigert sich bei den Hausaufgaben, verspätet sich ständig, zeigt überschiessende und ungesteuert wirkende Reaktionen, löst Versprechungen nicht ein, ist chronisch vergesslich, lässt sich nichts sagen und ist übermässig unbeherrscht. Wir fragen uns dann meistens ganz automatisch: „Was will es uns damit sagen?“ oder: „Was will es mit seinem Verhalten bezwecken?“ und: „Worauf will es hinaus?“ Wir verstanden lange Zeit Verhaltensstörungen und andere seelische Probleme spontan (und meistens ausschliesslich) als motivationale, emotionale oder zwischenmenschliche Konflikte. Auf die Idee, dass ein Kind nicht nicht will, sondern nicht kann, selbst wenn es will, kommen Eltern, Psychologen und Ärzte auch heute oft noch viel zu spät. Zu spät, weil das Selbstwertgefühl derjenigen Kinder, welche nicht können und nicht nicht wollen, nach fünf oder sechs Jahren negativen Beziehungs-, Lern- und Schulerfahrungen oftmals bereits elementar gestört ist.
Zum Glück findet in den letzten Jahren ein Paradigmawechsel statt: Wir sind dank den Entwicklungen der Neurowissenschaften sensibilisierter dafür, dass sich Wahrnehmungs-, Gedächtnis- und andere kognitive Systeme nicht bei allen Menschen gleich entwickeln. Die Psychologie entdeckte quasi, dass Menschen auch ein Gehirn haben. Diese Veränderungen legten den Blick frei unter anderem für Menschen, mit einer ADHS.

„Aber damit wäre es doch wieder mehr ein soziales und gesellschaftliches als ein medizinisches Problem?“

In der modernen Medizin und Psychotherapie geht man immer von einem Zusammenwirken einer biologischen (angeborenen und damit vererbten) Veranlagung mit psychosozialen Bedingungen, Lernerfahrungen und Umweltbedingungen aus. Dies gilt auch und gerade für die ADHS. Dabei werden ja neben den Problemen auch die besonderen Ressourcen und Teilleistungsstärken von ADHS-Klienten eine grosse Rolle spielen. Gerade die lebenslangen Auswirkungen der ADHS-typischen Defizite in der Aufmerksamkeits- und Selbststeuerung auf die Alltagsgestaltung und die damit einhergehenden Konflikte in der Familie, Schule, Ausbildung und Beruf führen in der Summe leider häufig zu ernsten Störungen. Also: Die ADHS ist primär kein gesellschaftlich verursachtes Phänomen, führt aber immer zu Störungen der Integration in sozialer und gesellschaftlicher Hinsicht. Dafür wiederum tragen die gesellschaftlichen Instanzen wie unter anderem Erziehung, Schule, Medienwelt usw. eine zentrale Verantwortung.  Oder mit anderen Worten: Dass bei ein Kind überhaupt eine ADHS vorliegt, ist nicht gesellschaftlich bedingt; dass es an der ADHS leidet, hingegen sehr wohl.

„Abschließend noch eine Frage zur medizinischen Behandlung mit Methylphenidat (u.a. „Ritalin“) oder ähnlichen Mitteln. Da wird von den Gegnern unter anderem beklagt, dass damit Kinder ruhig gestellt werden. Wie sind Ihre Erfahrungen?“

Methylphenidat (abgekürzt MPH) ist pharmakologisch gesehen ein kurz wirkender (reversibler), selektiver Dopamin-Wiederaufnahme-Hemmer und hat eine aktivierende und nicht ruhig stellende Wirkung. Nach der Wirkzeit (bei kurz wirkenden Methylphenidat ca. 3-4h) besteht wieder der vorherige Ausgangszustand. Eine dauerhafte Schädigung des Gehirns oder Abhängigkeitsentwicklung ist nach heutigem Wissensstand nicht bekannt und auch nicht zu erwarten.
Die „Pille“ alleine mag es indes nicht richten. Die allermeisten von einer ADHS betroffenen Kinder und ihre Familien benötigen zusätzlich eine fachgerechte Begleitung (Verhaltenstherapie, heilpädagogische Massnahmen in der Schule, bei Bedarf Ergotherapie usw.). Wichtig dabei zu wissen ist, dass Veränderungen Zeit brauchen. Auch wenn die Pharmakotherapie häufig schnelle Anfangserfolge zeigt, so dauert die Anpassung an die veränderte Wahrnehmung und das Erlernen von Selbststeuerung seine Zeit. Festhalten wollen wir bei diesem Thema, dass einer Therapie mit Stimulanzien selbstverständlich eine genaue Diagnostik und Diagnosestellung vorausgeht, dass eine sehr sorgfältige Dosiseinstellung erfolgt, dass nach drei, sechs und schliesslich nach zwölf Monaten Standortbestimmungen erfolgen sollen und dass schliesslich periodisch kontrollierte Auslassversuche vorzusehen sind.

„Haben sie abschließend noch einen Tipp?“

Halten Sie sich an Fachpersonen und Eltern, die sich auch in den Selbsthilfeorganisationen (z.B. http://www.tokol.de, www.adhs-deutschland.de, www.ads-ev.de, www.elpos.ch) engagieren.

Piero Rossi & Martin Winkler

ADHS-Experte M. Döpfner bestätigt ideologisch gefärbte Vorurteile

Danke Martin für den Hinweis auf das Interview „Forscher: ADHS ist zur Modeerscheinung geworden“ in der Rhein-Zeitung vom 22.02.2012 mit Prof. Manfred Döpfner.

Erstaunlich, welch einseitige Sicht der ADHS der renommierte ADHS-Experte Manfred Döpfner in diesem Interview präsentiert. Im Grunde genommen bestätigt Manfred Döpfner nämlich nicht nur, dass die ADHS tatsächlich zur Modeerscheinung geworden ist, er reproduziert auch zahlreiche andere Vorurteile fundamentalistisch ausgerichteter ADHS-Kritiker. Mit anderen Worten: Manfred Döpfner sagt in diesem Interview in abgeschwächter Form dasselbe, was wir in der letzten Zeit wieder vermehrt wieder von ideologisch motivierten ADHS-Kritikern zu lesen und zu hören bekommen.

Konkret:

Döpfner: „Vieles was lediglich mit Variationen von der Norm zu tun hat, wird bereits in eine Krankheitskategorie gesteckt, in die es nicht gehört“.

Döpfner bestätigt damit einer der zentralen Vorwürfe der ADHS-Kritiker, dass aus zu vielen an sich noch normalen menschlichen Verhaltensweisen eine Krankheit gemacht wird, dass damit Menschen fälschlicherweise eine ADHS-Diagnose erhalten.

Döpfner: „Die Grundschwierigkeit ist, dass es keine natürlichen Grenzen gibt, an denen die Normalität aufhört und die Krankheit anfängt.“

Abgesehen davon, dass mir dieser Satz aus Publikationen von ADHS-Kitiktern irgendwie bekannt vorkommt, weiss Manfred Döpfner (oder müsste es wissen), das dieses Postulat verkehrt ist. Es ist nämlich bei der Frage nach einer möglichen ADHS in den meisten Fällen relativ einfach bestimmbar, was als noch normal und was als krank gilt. Letztes ist immer dann gegeben,

  • wenn ein Kind durch ausgeprägte Konzentrations- und Impulskontrollstörungen massgeblich und anhaltend behindert wird, sein zwischenmenschliches, sein kreatives und sein intellektuelles Potential zu entfalten,
  • wenn es darunter leidet und
  • wenn sichergestellt ist, dass alle andere möglichen Ursachen der Symptomatik ausgeschlossen wurden (obligates diagnostisches Kriterium der ADHS).

Wenn es zu falsch-positiven Diagnosen kommt, liegt das meistens daran, dass keine fachgerechte Diagnostik erfolgte. Im Vergleich zu vielen anderen psychischen Störungen ist es bei Vorliegen einer ADHS-Symptomatik nämlich relativ einfach, zwischen krank und Normvariante zu unterscheiden. Allein schon die diagnostischen Kriterien der DSM-IV und der ICD-10 ermöglichen eine zuverlässige und ’strenge‘ Diagnostik.

Döpfner: „Ohne Zweifel ist ADHS auch sehr beliebt, weil es manchmal Eltern fälschlicherweise suggeriert, sie seien entlastet. Es ist schon komisch, dass einige Eltern erleichtert sind, wenn man ihnen sagt, ihr Kind sei krank, psychisch krank.“

Ich weiss nicht, wie viel Manfred Döpfner noch mit ADHS-Kindern und ihren Eltern noch zu tun hat. Aber einfach so zu sagen, dass die Diagnose ADHS bei Eltern beliebt sein soll, ist doch sehr, sehr spieziell. Wenn Eltern nach jahrelangen Abklärungs-Odysseen und ungezählten direkten und indirekten Vorwürfen, sie hätten ihr Kind falsch erzogen (und allen Schuldgefühlen, welche die Mütter in dieser Zeit entwickelt haben), zur gegebenen Zeit erfahren, dass die Ursache der ADHS-Problematik ihrer Kinder primär neurologischer Natur ist, stellt das für viele Eltern eine riesengrosse und verdiente Entlastung dar. Dass Manfred Döpfner das „komisch“ findet und und zu belächeln scheint, wenn sich Eltern nach einer Diagnose entlastet fühlen, ist befremdend. Ausserdem wird das Kind ja nicht erst mit der Diagnose krank. Dass mit ihren Kindern ersthaft etwas nicht stimmt, wissen die Eltern meist schon lange. Sie finden einfach bei Fachpersonen oft viel zu lange kein Gehör.

Döpfner: „Was wir als psychische Störung beschreiben, wird natürlich auch durch unsere Gesellschaft mit definiert […] Was wir in unserer Gesellschaft benötigen, sind Menschen, die sich möglichst lange konzentrieren können. Sie müssen in der Lage sein, eine bestimmte Tätigkeit ausdauernd zu verrichten. Menschen die das nicht können, sind dann auch in ihrem Lebensvollzug beeinträchtigt.“

Diese Antwort spielt all jenen in die Hände, welche auf der „Anti-ADHS-Neuro-Enhancement-Welle“ reiten. Also: „Ritalin, um mithalten zu können in einer Gesellschaft, welche vom Individuum zu viel abverlangt.“ Dass die Gesellschaft heute mehr Konzentration von den Menschen erwartet, bedeutet (sofern das überhaupt stimmt) in keiner Weise, dass es aus diesen Gründen bei Kindern vermehrt zu klinisch relevanten Konzentrationsschwächen kommt (man erkennt diese Schwächen möglicherweise früher, sie treten den erhöhten gesellschaftlichen Erwartungen i.S. Konzentration wegen aber sicher nicht häufiger auf).

Döpfner: „Es kann natürlich sein, dass dabei die Reizüberflutung eine Rolle spielt – u.a. die schneller werdende Schnittfrequenzen in Filmen“.

Auch hier: Der postulierte Zusammenhang zwischen der medialen Reizüberflutung und ADHS kann zu einer Verschärfung der ADHS-Problematik führen, diese aber nie primär verursachen. Menschen litten an einer ADHS schon lange vor der medialen Revolution. Ob er will oder nicht: Manfred Döpfner trägt mit diesen Formulierungen Wasser auf die Mühlen all jener, welche die ADHS als gesellschaftliches Phänomen konzipieren, um schliesslich die Existenz der ADHS als Krankheit negieren zu können.

Döpfner: „ … Was nach meiner Meinung sicher auch stark dazu beigetragen hat, sind massive Veränderungen in der Pädagogik. Also die Art und Weise, in der wir heutzutage Kinder erziehen. Es fällt uns schwerer, Regeln zu formulieren, konsequent zu sein. In den Schulen gibt es freie Konzepte, die für Kinder, die sich selbst steuern können, wunderbar sind.“

Und noch eins oben drauf: Eine zu lockere Gesellschaft mit zu wenig Regeln in Kombination mit einer Kuschelpädagogik in einen Zusammenhang mit der ADHS zu stellen, ist einfach unglücklich. Denn selbst für den Fall, dass die Aussage zutrifft, dass Kinder heute zu frei erzogen werden, hat dies weder mit den Fragen des oder der Journalist/-in noch mit der ADHS etwas zu tun. Genau diesen Diskurs (schlechte Gesellschaft + falsche Erziehung erzeugen ADHS) pflegen nämlich auch Vertreter von Psycho-Sekten (zu denen Manfred Döpfner aber sicher nicht gehört!).

Döpfner: „Ärzten sage ich deshalb immer: Nicht jedes Kind, das ADHS hat, braucht Medikamente.“

Das hört sich beruhigend und gleichzeitig beunruhigend an. Die Botschaft ist klar: Zu viele Kinder bekommen Medikamente! Vertreter/-innen der Anti-ADHS-Bewegung werden sich ob dieser Äusserung genüsslich die Hände reiben.

Interessanterweise beantwortet Manfred Döpfner an keiner Stelle die Kernfragen nach den möglichen Gründen für die mediale Ausweitung der Thematik (z.B.: „Warum hat man den Eindruck, dass die ADHS zunimmt?)“. Der oder die Journalist/-in stellt gute Fragen, welche es eigentlich prima ermöglichen würden, Klartext zu reden.

Wieso nur ergreift Manfred Döpfner in diesem Interview nicht die Chance, klipp und klar zu sagen, welche (Psycho-) Sekten und Organisationen und welcher Diskurs hinter der Anti-ADHS-Welle steht? Mit anderen Worten: Interessant an Manfred Döpfners Antworten ist nicht, was er sagt, sondern was er nicht sagt.

Manfred Döpfner kann diese Frage wahrscheinlich deswegen nicht beantworten, weil er selbst ein Teil des Problems bzw. der Antwort ist.

Konkret: Dass selbst einer der bekanntesten ADHS-Experten im deutschsprachigen Raum statt einer klaren Positionierung hauptsächlich von „vielleicht“ und „könnte“ spricht und sich mit seinen Äusserungen fast nahtlos in den Anti-ADHS-Diskurs einfügt, ist meines Erachtens einer der relevanten Gründe für die Renaissance der ADHS-Kritiker.

Manfred Döpfner verpasste in diesem Interview eine Chance, klar und unmissverständlich Stellung zu beziehen. Wenn Experten, die eigentlich wüssten, was Sache ist, dies nicht tun, haben es fundamentalistisch motivierte Gruppierungen umso leichter, mit ihren Ideologien mediale Wirksamkeit zu erlangen.

Zum Strickmuster von „adhs-schweiz.ch“

Im Netz existieren zahlreiche Seiten zur ADHS, welche die Existenz dieses Störungsbildes verneinen. Zu diesen Websites zählt  www.adhs-schweiz.ch. Passend zum Thema „Konsensuserklärung“ hier ein gekürztes Reprint eines Postings zu dieser Internetseite aus unserem Blog von 2008:  

Um den Sinn und das Wesentliche eines Gedichtes, eines Romans, eines Films oder eben auch einer Website aufschlüsseln und verstehen zu können, muss die Aufmerksamkeit nicht nur auf das „Was“ (= Inhalt), sondern auch auf das „Wie“ (= Form) gerichtet werden. Nicht immer sind es die Inhalte, welche das Sinnstiftende eines Textes ausmachen.

Genau das ist der Fall bei adhs-schweiz.ch: Bei der Lektüre von Texten dieser Website imponiert in erster Linie die Schreibweise, durch welche die Sinnzusammenhänge und Botschaften erzeugt wurden (und werden). Evident erscheinen also weniger die einzelnen inhaltlichen Aussagen, sondern das formale Muster, welches den Betreibern als Grundgerüst ihrer Website dient.

Art und Weise, wie auf adhs-schweiz.ch die inhaltlichen Bausteine zu einem Sinnzusammenhang und damit zu einer Botschaft zusammengefügt werden, beruhen im Kern auf einem relativ einfachen Strickmuster. Die Website von adhs-schweiz.ch lebt nämlich von künstlich aufgebauten Gegensätzen:

  • Biologisierung (ADHS-Verhalten = hirnorganische Stoffwechselstörung = Reduzierung menschlichen Fühlens, Denkens und Handelns) vs. Verständnis des Menschen als soziales Wesen.
  • „Rein organische Erklärungslinie“ vs. Einbezug psychologischer Faktoren.
  • Biologische vs.  psychologische, entwicklungspsychologische, bindungstheoretische, tiefenpsychologische, psychodynamische Erklärungsansätze.
  • Krankheit vs. „Fehlhaltungen“ und „Irritationen“.
  • Ritalin vs. Beziehung und Verstehen.
  • Chemie vs. Erziehung usw.

Die Website adhs-schweiz.ch teilt durch dieses Strickmuster unendlich komplexe biologische, entwicklungspsychologische und gesellschaftliche Zusammenhänge auf in Richtig und Falsch, Gut und Böse, Innen und Aussen. Dieser Diskurs, der sich wie ein roter Faden durch viele Texte dieser Website zieht, vermittelt verunsicherten Leserinnen und Lesern Klarheit, Ordnung und Orientierung. Allein schon durch diese formale Strukturgebung erreicht adhs-schweiz.ch, dass ein Teil der ratsuchenden Leserschaft sich zuerst einmal spontan entlastet und aufgehoben fühlt.

Die Betreiber von adhs-schweiz.ch praktizieren diesen Spaltungsdiskurs dermassen konsequent, dass sie selbst zum Opfer ihrer eigenen Strategie werden. Beispiel: Auf adhs-schweiz.ch werden namentlich genannte ADHS-Fachpersonen angeprangert, weil sie in eigener Initiative und aus dem Motiv der Redlichkeit und Transparenz heraus mögliche Interessenskonflikte offenlegen. Geradezu absurd ist nun, dass adhs-schweiz.ch nicht nur ihre eigenen Interessensverflechtungen bedeckt hält (wer finanziert eigentlich adhs-schweiz.ch?), sondern komplett anonymisiert auftritt (Anmerkung: bis heute ist der Betreiber von adhs.schweiz.ch anonym).

Wenden wir uns den Inhalten von adhs-schweiz.ch zu: Etliche der auf dieser Website postulierten Kernaussagen und Zusammenhänge erachte ich für verkehrt. Über weite Strecken enthält diese Website aber auch Aussagen, welchen vielen halbwegs vernünftigen Fachpersonen und kritischen Eltern wohl bewusst sind:

  • Ja, es ist tatsächlich ein Problem, dass die ADHS-Forschung in erster Linie von Geldern der Pharmaindustrie lebt.
  • Und ja, bindungstheoretische und psychodynamische Fragestellungen wurden im herrschenden ADHS-Diskurs bisher weitgehend ausgeklammert.
  • Und noch einmal ja: das Verstehen einer Kindes in seinen zwischenmenschlichen Bezügen und Fragen der Erziehung sind für das Verständnis und die Therapie von ADHS-Kindern von elementarer Bedeutung.

Ganz speziell am „Strickmuster“ von adhs-schweiz.ch ist nun, dass es den Betreibern im Grunde genommen gar nicht um diese Inhalte und Aussagen, um ADHS oder um Menschen geht. Die teilweise ja ganz vernünftigen Contents dieser Website dienen allein einer Verteidigungsrede des Guten gegen das Böse. Die von adhs-schweiz.ch praktizierte konsequente Aufspaltung in Richtig und Falsch und Gut und Böse setzt nämlich zwingend voraus, dass die Betreiber davon ausgehen, die Wahrheit zu besitzen (nur wer diese Position beansprucht, erfüllt die Voraussetzung, um über Richtig oder Falsch urteilen zu können). In apologetischer* Manier schliesslich verteidigt adhs-schweiz.ch die Wahrheit gegen das Unwahre und Böse. Sie tut dies in einer Art, wie wir es auch von anderen fundamentalistischen Gruppierungen kennen**.

Es geht also einzig um die Verteidigung der Wahrheit. Und die Wahrheit wird nicht diskutiert. Nirgends. Auch nicht bei adhs-schweiz.ch. Ein Dialog mit den Betreibern ist nicht möglich, weil er gar nicht nötig ist. Folgerichtig existiert nicht nur kein Forum, sondern nicht einmal ein Impressum.

Würde es adhs-schweiz.ch ernsthaft um eine angemessenere Sichtweise der ADHS und um eine optimalere Versorgung der Betroffenen gehen, würde sie in einer offenen Haltung die Diskussion über ihre Positionen und Thesen fördern. Sie würde versuchen, Zustimmung auch von externen Fachpersonen zu gewinnen. Aber nein: bei adhs-schweiz.ch haben weder Diskussionen noch Kritik Platz. Noch einmal: über die Wahrheit wird nicht diskutiert.

Wenn es den Betreibern von adhs-schweiz.ch also gar nicht um die ADHS geht, worum dann? Was nützt Ihnen dieser Diskurs? Warum grenzen sich die Betreiber dermassen nach aussen ab? Ich weiss es nicht. Leider kann ich den Webmaster nicht fragen.

Schade finde ich die ganze Geschichte vor allem auch deshalb, weil ich zahlreiche der von adhs-schweiz.ch portierten Themen interessant und durchaus diskussionswürdig finde.

Fazit: Ja zu kritischen Positionen und konstruktiven Auseinandersetzungen in der ADHS-Diskussion. Aber so bitte nicht. Wir stehen in all den Fragen rund um Verhaltensprobleme und psychischem Leid von Kindern, den Erziehungsfragen, den Sorgen um die Einflüsse von Bildschirmmedien usw. doch vor so grossen Herausforderungen, dass wir die Kräfte bündeln müssten. Mit dem Anzetteln von fundamentalistischen Grabenkämpfen werden Ressourcen unnötig verpufft.

In diesem Sinn laden wir die Betreiber von adhs-schweiz.ch ein, sich zu outen und mit uns und anderen Interessierten in einen sachlichen Dialog einzustimmen.

* Wikipedia: Apologetik (aus dem griechischen ἀπολογία apologia, „Verteidigung, Rechtfertigung“) bezeichnet die Verteidigung einer (Welt-)Anschauung, insbesondere die wissenschaftliche Rechtfertigung von Glaubens-Lehrsätzen (…)

** Wikipedia: Fundamentalismus (von lateinisch fundamentum – Unterbau, Grund, Fundament) ist eine Überzeugung oder soziale Bewegung, die ihre Interpretation einer inhaltlichen Grundlage (Fundament) als einzig wahr annimmt. Fundamentalismus wird durch eine stark polarisierte Auslegung einer Letztbegründung umgesetzt (…)

Konsenserklärung „ADHS – Das Syndrom“: II 1 bis 3 (und Schluss)

Konsenserklärung „ADHS – Das Syndrom“: Punkt II – 1 bis 3

1. Es gibt keinen spezifischen kognitiven, metabolischen, neurologischen oder sonstwie gearteten Marker für eine Krankheit „ADHS“.

2. Jahrzehntelange bildgebende Forschung erbrachte nur unspezifische und inkonsistente Ergebnisse. In keinem Fall wurden klinisch abnormale Gehirne gefunden, von ADHS-spezifischen Abnormalitäten ganz zu schweigen. Selbst wenn solche spezifischen Zusammenhänge feststellbar wären, wäre ADHS damit nicht kausal erklärt (Stichwort Neuroplastizität). Mancherorts gefundene Unregelmäßigkeiten können sogar auf dem Einfluss von zur vorgeblichen Therapie verabreichten Medikamenten beruhen.

3. Die Genforschung zu ADHS erbrachte bisher nur bescheidene, unspezifische und vergleichsweise schwache Zusammenhänge.

(Quelle)

Hatten wir das nicht alles schon? Nichts, aber auch rein gar nichts wurde jemals in der Forschung gefunden, was auch nur annäherungsweise darauf hindeuten könnte, dass es die ADHS tatsächlich gibt. Und zum grossen Glück wurden bisher auch keine „abnormalen Hirne“ gefunden.

Im Ernst: Abgesehen davon, dass die ADHS-Forschung mittlerweile nicht grade wenig an den Tag brachte (inkl. der laufenden Erforschung von ADHS-Biomarkern), würden selbst magerste Erkenntnisse zur Genese der ADHS nichts an der Existenz dieses Störungsbildes an sich ändern. Auch Kopfschmerzen sind selbst dann evident, wenn wir deren Ursachen nicht kennen. Bei sehr vielen psychischen Erkrankungen wissen wir bezüglich der Genese übrigens noch sehr viel weniger als bei der ADHS.

Die „Konferenz ADHS“ scheint davon auszugehen, dass nur existiert, was kausal erklärt und „bewiesen“ werden kann. Da die ADHS nicht bewiesen werden kann, existiert sie auch nicht. Punkt.

Okay, jedem seine Ansicht. Ich halte mich lieber an Handfestes. Schliesslich war die Erde schon rund, lange bevor diese Tatsache bewiesen werden konnte.

So. Mir reichts. Ich breche mein Vorhaben, das ganze Konsensuspapier Punkt für Punkt zu kommentieren an dieser Stelle ab. Da die meisten Statements das gleiche Strickmuster aufweisen (sie laufen allesamt darauf hinaus, dass es die ADHS nicht gibt und nicht geben kann), macht es keinen Sinn, die einzelnen Postulate weiter zu kommentieren.

Ich mag mich durch diesen fundamentalistischen Anti-ADHS-Diskurs auch nicht mehr länger in die Rolle des „ADHS-Verteidigers“ drängen lassen.

Überlege mir stattdessen, selbst kritische Postulate zum Konzept der ADHS zusammenzustellen.

Danke für die Aufmerksamkeit.

Überblick über alle Blog-Beiträge zum Thema

Konsenserklärung „ADHS – Das Syndrom“: I – 9

Konsenserklärung „ADHS – Das Syndrom“: Punkt 9

„Die Forschungsübersicht bisheriger Vergleiche von ADHS mit anderen neuropsychologischen, neurobiologischen und genetischen Korrelaten zeigt, dass es keine ADHS-Spezifität gibt.“ (Quelle)

Schlussfolgerung: Die ADHS existiert gar nicht. Auffallend ist, dass hier – wie schon bei einigen bisherigen Postulaten – der Sinn nicht in der unmittelbaren inhaltlichen Aussage, sondern in der beabsichtigten Schussfolgerung liegt.

Formulierungen dieser Art sind für mich „Nullsummen-Sätze“. Sie klingen gut und hören sich sehr gescheit an. Inhaltlich sind sie einfach nur leer.

Um den Leerlauf in dieser Aussage erkennen zu können, ersetzen wir den Begriff „ADHS“ – sagen wir einmal – mit der Diagnose „Depression“. Das liest sich dann folgendermassen:

„Die Forschungsübersicht bisheriger Vergleiche von Depressionen mit anderen neuropsychologischen, neurobiologischen und genetischen Korrelaten zeigt, dass es keine Depressions-Spezifität gibt.“

Oder:

„Die Forschungsübersicht bisheriger Vergleiche von Panikstörungen mit anderen neuropsychologischen, neurobiologischen und genetischen Korrelaten zeigt, dass es keine Panikstörung-Spezifität gibt.“

Und nun? Was bitte soll das heissen?

Der einzige Sinn dieses Postulates ist es, die Leser/-innen selbst zur Schlussfolgerung gelangen zu lassen, dass in diesem Fall ja völlig klar ist, dass wohl das gesamte ADHS-Konzept  einfach untauglich ist.

Statt inhaltliche Argumente und Belege zu verwenden, bedient sich die „Konferenz ADHS“ wiederholt sprachlicher Tricks, wie sie etwa in der Werbebranche vewendet werden. Und das natürlich mit dem Ziel, ein Produkt zu lancieren. Die bisherigen Postulate scheinen mir auf folgendes „Produkt“ bzw. folgende Kernbotschaft hinauszulaufen: ADHS – das gibt’s gar nicht!

Ausserdem: Selbst für den Fall, dass es keine „Panikstörung-Spezifität“, keine „Depressions-Spezifität“ und keine „ADHS-Spezifität“ geben würde, käme niemand auf die Idee, daraus ableiten zu wollen, dass Angst und Depressionen inexistent seien.

ADHS, Depressionen und Angststörungen existieren (leider) mit und ohne genetischen Korrelaten und Spezifitäten. Daran vermögen auch die kühnsten Satzgebilde der „Konferenz ADHS“ nichts zu ändern.

Fortsetzung: Morgen ab 20:00 – gleiche Stelle.

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