Schlagwort-Archive: ADHS-Medikamente

Gastbeitrag: Aktuelle Situation in der Schweiz

Normalerweise bin ich sehr gerne lieber im Hintergrund, aber bisweilen gibt es noch immer Situationen, die mich auf die Palme treiben und ich mir einen Kommentar nicht verkneifen kann. Da hier im Blog nicht wenige Schweizer mitlesen, möchte ich den Blog nutzen, um dies zu veröffentlichen, da hier ausser der NZZ kaum eine Tageszeitung erwähnt hat. Falls mein Kommentar dazu nicht vollständig angezeigt wird, einfach auf „mehr anzeigen“ klicken.

Die Redaktion hat freundlicherweise meinen Kommentar dazu nicht gekürzt, obwohl er offenbar wie immer zu lang war. Die Kommentare dazu findet man unter dem unten genannten Link. Über weitere Kommentare, vor allem in der NZZ,  würde ich mich freuen!

VG, Chris

Parlamentarische Vorstösse zu Ritalin

«Modephänomen für Zappelphilipp-Kinder»

Quelle:

http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/modephaenomen-fuer-zappelphilipp-kinder-1.18098500

Neues ADHS-Medikament in den USA

Die amerikanische Zulassungsbehörde hat eine neue Darreichungsform von verzögert = retardiert wirkendem Methylphenidat zur ADHS-Behandlung zugelassen. Quillivant XR ist ein Saft, so dass man gerade für Kinder mit ADHS eine Alternative zu den doch etwas grösseren Retardkapseln wie Medikinet retard bzw. Ritalin LA hätte. Ich kenne schon einige Kinder (und Erwachsene), die eben keine Tabletten bzw. Kapseln schlucken können.

Ehrlich gesagt: Mir sagte die Firma bisher nichts und ich bin mir auch nicht sicher, ob wir das Präparat jemals in Deutschland einsetzen werden können.

Mehr in der englischsprachigen Pressemitteilung der Firma

Wer darf ADHS-Medikamente verordnen?

Die derzeitigen Medienberichte und haarsträubenden Kommentare von „Besserwissern“ ohne Sachkenntnis lassen ja vermuten, dass es zu massenhaften Fehlverordnungen von Methylphenidat an „unruhige Jungs“ kommen muss. Aber gibt es dafür Belege? Ist dies überhaupt naheliegend und kann nun eine überarbeitete Mutter mal so eben eine Ritalin-Verordnung erschleichen, damit ihr Kind nun mal eben Ruhe gibt?

Sicher nicht! Zwar kann man nie ausschliessen, dass es Fehlverordnungen gibt. Aber gerade durch die Neufassung der Arzneimittelrichtlinien zur Verordnung von Psychostimulanzien in Deutschland ist dies doch sehr sehr unwahrscheinlich.

Eine medikamentöse Therapie kann nur von einem Arzt verordnet werden.

Psychologen bzw. Ergotherapeuten,  ein ADHS-Coach oder Vertreter anderer Berufsgruppen können also keine Rezepte ausstellen. Natürlich sind sie aber im Rahmen der multimodalen Therapie in die Therapie einbezogen und können häufig in der Einstellungsphase wertvolle Rückmeldungen geben.

Nun sind in Deutschland die Regelungen für die Verordnung von Psychostimulantien (Methylphenidat und Amphetamin) noch durch besondere Richtlinien verkompliziert.

BTM-Rezepte
Wie wahrscheinlich allgemein bekannnt, gehören die meisten ADHS-Medikamente mit Ausnahme von Strattera zu den sog. BTM-pflichtigen Medikamenten. Hier gelten also besondere Bestimmungen, da die Medikamente auf speziellen Rezeptvorlagen für Betäubungsmittel (sog. „BTM-Rezept“) mit genau vorgegebenen Regeln zum Ausfüllen der Formulare bzw. Aufbewahrung von Kopien erfolgen muss. Nicht alle Ärzte wollen sich dies „antun“ bzw. haben bei der zuständigen Zulassungsstelle (mit dem netten Namen „Bundesopiumstelle“) solche Rezepte beantragt. Ärzte, die sich auf die Behandlung von ADHS verstehen bzw. spezialisiert haben, werden aber ganz sicher eine entsprechende Grundausstattung haben. Da viele Schmerzmedikamente (z.B. für Krebspatienten) aber eben auch unter die besonderen BTM-Regeln fallen, sind den meisten Ärzten diese Rezepte bzw. Regeln wohl vertraut…

Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Weil es ja noch nicht kompliziert genug war, hat man nun in Deutschland noch eine weitere Einschränkung vorgenommen, die vor allem die Abgabe von Psychostimulantien durch Hausärzte (Fachärzte für Allgemeinmedizin bzw. Praktische Ärzte) erschweren soll. Diese „Basisärzte“ haben in vielen Orten aber als Hausärzte eben die ganze Familie betreut und häufig die Medikation entsprechend übernommen, da Fachärzte für Kinderpsychiatrie eben selten zu finden sind bzw. lange Wartezeiten haben. Die Erstverordnung soll aber nicht mehr von diesen Ärzten erfolgen. Vielmehr wird gefordert, dass Spezialisten für Verhaltensstörungen die Verordnung von Psychostimulanzien vornehmen. Das sind Fachärzte.

Als Spezialisten für Verhaltensstörungen gelten:

  • Kinderärzte (Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin)
  • Kinder- und Jugendpsychiater
  • Psychiater, Neurologen und Fachärzte für Nervenheilkunde (also in aller Regel „Erwachsenenpsychiater)
  • ärztliche Psychotherapeuten mit einer speziellen Zusatzqualifikation für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen

Mir selber sind zwar zahlreiche Allgemeinmediziner bekannt, die seit Jahren Schwerpunktpraxen für ADHS etabliert haben. Sie gelten mit gutem Recht als „Spezialisten“. Einige dieser Kollegen haben ihre Praxisschwerpunkt aufgegeben. In der alltäglichen Praxis wird dann die Regelung so ausgelegt, dass sie in Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten / Kinderpsychiatern quasi ihre Spezialisierung und ihr besonderes Wissen nachgewiesen haben. So ganz eindeutig ist diese Regelung noch nicht.

Hier muss aus meiner Sicht betont werden, dass häufig diese Schwerpunktpraxen eben weit mehr Erfahrung haben als ein Erwachsenenpsychiater ohne Spezialisierung. Und selbst viele Kinderpsychiater (speziell mit analytischer Grundausrichtung) weigern sich ja sogar grundsätzlich, die Existenz von ADHS anzuerkennen bzw. verfügen eben gerade nicht über eine praktische Erfahrung oder Fortbildungen zur medikamentösen Therapie der ADHS.

Die angebliche Gefahr, dass nun jeder Wald- und Wiesenarzt oder gar Zahnärzte oder Ärzte aus anderen Fachgebieten mehr oder weniger aus Gefälligkeit oder ohne fundierte Begründung Stimulantien verordnen könnten, sehe ich nicht. In zahlreichen Untersuchungen zum Verordnungsverhalten von Ärzten hat sich dies nicht bestätigt. Und die Regelungen des BTM-Gesetzes sind schon diesbezüglich so ausgelegt, dass ein Missbrauch unwahrscheinlich ist.

90 Prozent „Fehldiagnosen“, wie von Frau Prof. Lehmkuhl (angeblich) behauptet, sind nirgendwo in der Wissenschaft belegt. Entweder sie kann diese Behauptungen mit Studien belegen (ich warte …) oder aber sie sollte diese Unterstellungen, die ja letztlich auch den eigenen Berufsstand der Kinderpsychiater bzw. an der kinderärztlichen ADHS-Versorgung beteiligter Pädiater in Misskredit bringen, zurücknehmen. Ansonsten sollte man berufsrechtlich ihre Äußerungen überprüfen, da sie den guten Gepflogenheiten ärztlichen Handelns widersprechen.