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ADHS: Klugstoff als Werbemüll

Wenn man bei Tante Google nach „ADHS“ sucht, fallen bei den Anzeigen Werbeversprechungen für Nahrungsergänzungsmittel auf. Sicher ein bedeutender Markt, da quasi alle Eltern von Kindern mit Lern- und Entwicklungsbesonderheiten zunächst auf angeblich „sanfte“ Alternativen zu Medikamenten setzten, bzw. eben ja auch gar nicht immer Zugang zu heilpädagogischer Förderung, Psychotherapie oder leitlinienbesetzter Therapie haben.

Das Verkaufsprinzip ist: Man könnte es ja mal versuchen, bevor man zu den „bösen“ Stimulanzien der „Chemie“ greift. Schön und gut. Nur wird vergessen, dass diese angeblich natürlichen Alternativen sicher auch nicht aus dem Ökobauernhof von nebenan sind. Im Gegensatz zu Obst, Gemüse, bzw. nun nicht unbedingt besser als gesundes Fleisch und Fisch vom Wochenmarkt …

Und es ist ein Millionengeschäft auf Kosten der Betroffenen. Oder: Aus Schaden wird man hoffentlich klug!

Nun bin ich auf ein Präparat gestossen, dass mit „Klugstoff“ wirbt. Das ist schon dreist. Ich habe mich gefragt, ob die Werbeabteilung davon ausgeht, dass die Eltern solange für doof verkauft werden können, bis sie aus Schaden klug geworden sind. Das Präparat verspricht, dass es das Kind irgendwie „klüger“ machen könnte.

Mal ganz davon abgesehen, dass dies natürlich eher eine Umgehung der Werbebestimmungen für Nahrungsergänzungsmittel ist, die ja offiziell nicht mit Gesundheitseffekten werben dürfen, so ist es schlicht eine Gemeinheit in Bezug auf ADHS. ADHSler sind genauso klug oder doof wie Neuronormale.

ADHS hat nichts mit Intelligenz zu tun, wohl aber ist die begabungsadäquate Ausbildung häufig gefährdet. Man kann viel über die Wirkung oder Nicht-Wirkung von Omega-Fettsäuren im Zusammenhang mit Lernstörungen und ADHS philosophieren. Ich persönlich würde eher gesunde Ernährung ohne Nahrungsergänzungsstoffe bevorzugen und halte diese Kapseln und Versprechungen für so überflüssig, wie einen jodmangelbedingten Kropf der Schilddrüse.

Man sollte zumindest so klug sein, ein solches dämliches Werbemuster zu hinterfragen und die Finger von einem Klugstoff zu lassen. Klüger wäre es jedenfalls. Und gesünder auch.

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Was gut wirkt in der ADHS-Therapie (Teil 4)

In der Behandlung von Kindern mit einer ADHS erwies es sich sowohl bezüglich des Wohlbefindens des betroffenen Kindes, als auch in prognostischer Hinsicht als sehr, sehr günstig, wenn möglichst von Beginn an auf wirksame ADHS-Therapien gesetzt wird. Dem Kind (und seinen Eltern) kann damit eine frustrierende und nicht selten chronifizierend wirkende Odyssee verschiedener und halt meist nutzloser „Therapien“ erspart bleiben. Das zeigt die jahrelange Erfahrung vieler betroffener Familien und vieler Fachkollegen.

Das alles ist allerdings einfacher gesagt (bzw. geschrieben) als getan. Warum?

  • Zahlreiche im Internet verfügbare Informationen über die Bedeutung und die Wirksamkeit von sogenannt alternativen Therapieformen zur Behandlung der ADHS sind falsch. Beispiel: Die ELPOS, die schweizerische ADHS-Elternvereinigung, schreibt auf ihrer Website unter der Rubrik „Was hilft“ unter anderem: „Die Homöopathie ist eine wissenschaftlich belegte Alternative zu Medikamenten …“ Das ist irreführend (und möglicherweise sogar falsch). Es existieren nämlich nur sehr, sehr wenige Studien, welche der Homöopathie bei der Behandlung der ADHS eine Wirksamkeit bestätigen (genau genommen kenne ich nur eine einzige Studie). Diese Forschungsresultate rechtfertigen es nicht, die verallgemeinernde Schlussfolgerung zu ziehen, dass es sich bei der homöopathischen Behandlung der ADHS um eine wissenschaftlich belegte Alternative handelt. Ähnliches gilt für die Behandlung der ADHS mit Neurofeedback: Die Wirksamkeit dieser Behandlungsform bei ADHS vom unaufmerksamen Typus gilt auf Grundlage von zahlreichen empirischen Studien als nachgewiesen (übrigens mit sehr viel höherer Evidenz als die Homöopathie). Trotzdem ist es irreführend, wenn alleine aufgrund von empirischen Untersuchungen allgemein verbindliche Behandlungsempfehlungen abgeben werden. Therapien müssen sich in allererster Linie im klinischen Alltag bewähren (und nicht nur in Studien). Das gilt auch für sogenannte Alternativ-Therapien. Erst wenn sie sich praktisch bewährt haben, sollten sie empfohlen werden. Das gilt vor allem für Patientenorganisationen.
  • Eine gesunde, kritische Haltung vor allem gegenüber der medikamentösen Behandlung von Kindern mit einer ADHS führt verständlicherweise zu einer abwartenden Haltung. Dass Eltern andere Wege zur Behandlung einer ADHS vorziehen, kann ich bestens verstehen. Wäre ich Vater eines Kindes mit einer ADHS, würde es mir trotz meines Wissens um die guten Chancen und die relativ geringen Risiken, die mit einer medikamentösen Behandlung der ADHS einhergehen können, schwer fallen, mich auf diese Therapie einzulassen. Ich denke, es gibt da so etwas wie einen natürlichen Abwehr- oder Schutzreflex. Wahrscheinlich würde ich zuerst konsequent die therapeutischen Möglichkeiten der Verhaltenstherapie ausschöpfen.
  • Kinder mit einer ADHS verfügen ja über viele Ressourcen, welche zwar vorhanden sind, vom Kind aber syndrombedingt nicht abgerufen und umgesetzt werden können. Eltern und Lehrpersonen spüren oftmals sehr klar, dass es eigentlich verflixt wenig brauchen würde, damit „es läuft“ und bis das Kind den „Knopf aufmacht“. Noch etwas zuwarten in der Hoffnung, dass es ja bald klappen könnte, ist angesichts der ja oftmals tatsächlich vorhandenen Ressourcen sehr gut nachvollziehbar (nur bei Vorliegen einer ADHS oftmals kontraproduktiv).
  • Mangels geeigneter Abklärungs- und Therapieplätze sind Eltern immer noch oft gezwungen, anderweitig nach Hilfe Ausschau zu halten.
  • Aus Versorgungsgründen kommen heute nur die wenigsten Kinder mit einer ADHS in den Genuss einer multimodalen Therapie. Meistens beschränkt sich die Behandlung auf die Pharmakotherapie. Die Verhaltenstherapie bleibt aussen vor. Folge ist, dass Behandlungserfolge auf sich warten lassen und die Eltern sich dann nach anderen Möglichkeiten umsehen, ihrem Kind wirksam helfen zu können.

Diese und viele weitere Punkte machen es verständlich, warum i.S. bewährter Therapie der ADHS oft Umwege gemacht werden.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich stehe alternativen Behandlungsformen der ADHS nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Mir geht es um die Frage, welche Behandlung zu welchem Zeitpunkt erfolgt.

Alternative Behandlungsformen können bzw. sollten dann in Betracht gezogen werden, wenn sich die bewährten Therapieansätze im Rahmen einer multimodalen Therapie nicht bewähren (also nicht nur Pharmakotherapie, sondern auch Verhaltenstherapie, Elternberatung usw.), wenn die Patienten auf diese Therapien also nicht oder nur unbefriedigend ansprechen.

Leider wird oft der umgekehrte Weg beschritten: Zuerst werden alle alternativen Ansätze durchprobiert, um dann nach ein, zwei Jahren  doch bei der traditionellen (multimodalen) ADHS-Behandlung zu ‚landen‘.

Für das Kind ist das oftmals verlorene Zeit. Oder noch schlimmer: Ich sah wiederholt, dass das betroffene Kind und seine Eltern nach einer Odyssee verschiedenster Alternativbehandlungen demoralisiert und frustriert waren und i.S. Therapie der ADHS resigniert haben.

Die Eltern können dies verkraften, beim Kind aber kann dieses Scheitern an all den „Therapien“ zahlreiche Verletzungen hinterlassen.

ADHS ist ein Geschäft

Was ist ADHS bzw. das Hyperkinetische Syndrom? Über kaum eine Frage wird so sehr gestritten, wie über diese banale Frage. Wer (meistens) nicht gefragt wird,  sind die Kinder bzw. Betroffenen selber. Alle möglichen Menschen massen sich eine Meinung zu Fragen der Erziehung, Schule, Psychologie und Psychiatrie an. Alle sind Experten und wissen beispielsweise, dass ADHS nun durch zuviel oder zuwenig Aufmerksamkeit der Eltern, durch Rauchen oder Ernährung, durch Fernsehen oder Magnetstrahlen entsteht. Je nach gerade verkaufter Marktidee oder persönlicher Meinung wird dann gerade das verkauft, was persönlich im Angebot ist.

Dafür wird dann die Pharmaindustrie verteufelt, dass sie Medikamente an den Mann bringen wollen. Weil es ja Kinder sind, die auf Drogen gesetzt werden sollen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin nicht wirklich ein grosser Freund von den Vermarktungsoffensiven der Industrie und natürlich kann man sich darüber aufregen, dass nun angeblich ein Markt für eine Symptomatik geschaffen wird, die man noch vor einigen Jahren als „normal“ angesehen hat.

Dazu müsste man sich genauer anschauen, WIE die Medikation von Ärzten eingesetzt und vor allem im Verlauf überwacht bzw. betreut wird. Aus meiner Sicht liegt hier das Problem, nicht in der Medikation selber.

Aber: Mindestens genauso gross ist der Markt im ADHS-Bereich, der NICHT von der Pharmaindustrie abgedeckt wird. Fast alle Eltern werden erstmal zu Nahrungsergänzungsmittelchen, Hilfsmitteln wie Brainboy oder anderem technischen Schnickschnack ohne nachgewiesenen Sinn und anderen Versprechungen greifen. Und damit nicht nur unnütz Geld, sondern auch Zeit verschwenden und die Kinder therapiemüde machen.

Zu den nicht wirksamen Therapieverfahren bei ADHS gehören leider nun gerade die am häufigsten eingesetzen Verfahren überhaupt. Sei es die Ergotherapie, sei es die analytische Spieltherapie oder aber eben Nahrungsergänzungsmittel. Und (mit Einschränkungen) wohl auch das EEG-Neurofeedback. Alles für sich genommen mehr oder weniger wirkungslos bei ADHS und von der Bundesärztekammer nicht empfohlen. Dafür aber wird dann in den Medien der Eindruck vermittelt, dass hier barmherzige Wunderheiler am Werk sein müsssen, die einen verzweifelten Kampf gegen die Windmühlen der Pharmalobby kämpfen.

Um es klar zu stellen: Ich bin sehr wohl für Ergotherapie. Aber es ist eben FÜR ADHS selber nicht ein etabliertes Verfahren. Sondern für die häufig bei ADHS gleichzeitig anzutreffenden Probleme der Wahrnehmung (sensorische Störungen), Motorik und Koordination. Es ist aber eine merkwürdige Entwicklung, wenn Ergotherapie mit einem rundum-sorglos Paket Versprechungen einer ADHS-Therapie machen, die von Psychotherapeuten nicht gehalten werden könnten (die wesentlich besser ausgebildet sind). Ich war selber im Ausbildungsinstitut von Britta Winter in Wunstorf mitbeteiligt. Das Programm ist mehr oder weniger ein Mischmasch von Allem und Nichts. Elterntraining, Verhaltenstherapie nach Lauth und Schlottke gemischt mit Döpfner und Co. und ein wenig Strategietraining. So wie eine Tour durch Europa für Japaner in 4 Tagen. Und damit in einer Art und Weise sinnfrei, wenn sich die Ergotherapeutin nicht auf ihre eigentlichen Fähigkeiten besinnt und wieder individuell das Kind mit seinen Stärken und individuellen Problemen sieht, statt ein Manualprogramm durchzuhecheln, wie es das Manual von ihr suggeriert.

Ähnliche Kritik könnte man aber auch in anderen Bereichen der ADHS-Rundum-Sorglos-Versorgung setzen. Hallowell bildet jetzt gerade Chiropraktiker aus, was für ADHSler zu tun. Na ja …

Was wird die nächste Kuh sein, die durch das Dorf gescheucht wird ?

ADHS EEG-Neurofeedback: Gelassenheit lernen?

Auf einer Fachtagung von Experten zum Neurofeedback wurde auch mal wieder das Thema EEG-Neurofeedback besprochen.

Gelassenheit kann man lernen, so die Botschaft in dem Artikel. Ich sollte also lernen, gelassener solche Botschaften zu lesen.
Zugegeben, ich bin kein so grosser Anhänger von Neurofeedback und auch nicht von EEG-Neurofeedback. Hätte ich eine eigene ADHS-Praxis, wäre ich es wohl. Zwar übernehmen die Kassen (in aller Regel) die Kosten nicht. Aber man könnte locker mehrere Kids, Jugendliche und Erwachsene zeitgleich ankabeln und vor den Bildschirm setzen und sich quasi die Therapeutenstunden damit multiplizieren lassen. Das erzeugt bei wirtschaftlichem Druck schon mehr Gelassenheit.

Für die Kinder erzeugt Neurofeedback auch Gelassenheit. Das habe ich in meiner Verhaltenstherapieausbildung von Bernd Leplow erfahren. Leplow ist Professor für Psychologie und hat u.a seine Diplomarbeit (?) über Neurofeedback gemacht. Er war etwas „tüdelig“ (um nicht zu sagen, abgelenkt) und vergass ab und an mal, die Kopfhörer mit dem Tonsignal beim Neurofeedback anzustöpseln. Was den Ergebnissen aber überhaupt nicht schadete. Seine Probanden waren dennoch gelassener. Was er dann genauer untersuchte und ermittelte, dass eben allein schon die Ruhezeit beziehungsweise die Auszeit von normalem Alltag Entspannung bringt. Oder das Zählen der Kacheln an der Decke …

So ähnlich ist es beim EEG-Neurofeedback auch. Dabei sollen ja bestimmte Hirnwellen, die für Aufmerksamkeit stehen, verstärkt und langsamere Wellen im Übergang zum Schlaf (Delta und Theta) reduziert werden. Was natürlich bei Spielen von Konzentrationsaufgaben für Kinder auch gut klappt.

Die Frage ist nur, ob man das dann in denn Alltag (ohne Gerät) übertragen kann. Meistens klappt das nicht so dolle. Man braucht auf jeden Fall eine ganze Reihe von Sitzungen, um Effekte zu erzielen (wenn man kein Naturtalent ist). Dann zeigen sich durchaus bei dem ein oder anderen Klienten gute Effekte.

Diese ersetzen die herkömmliche ADHS-Therapie nicht. Das suggerieren aber einige Anbieteter, die einen Verzicht auf Medikamente oder aber andere Wunder versprechen. Was ich schonmal skeptisch sehe.

Helfen kann EEG-Neurofeedback also vielleicht. Vielleicht auch nicht. Gelassen bleiben.

Und zunächst die von der Schulmedizin und der Psychologie wirklich als wirksam empfohlenen Therapiemethoden anwenden. Sollte dann noch zuviel Geld im Portemonaie übrig sein, kann man auch an diese Methode denken.

Ich freue mich immer über positive Berichte von meinen Patienten zu dieser Methode. Sie bleiben aber so selten … Wobei ich aber jedem Einzelnen diese Erfolge sehr gönne. Denn: Wer hilft hat RECHT.

Gelassen bleiben.