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Asperger-Syndrom bei Erwachsenen

Im Deutschen Ärzteblatt findet man (eine weitere?) Darstellung der speziellen Symptomatik der Autismus-Spektrum-Störungen (früher Asperger-Syndrom) bei Erwachsenen. Siehe hier.

Nun sollte man meinen, dass schon die Symptomatik bei Kindern auffällig ist. Gerade habe ich gelesen, dass man sehr früh an Hand des Blickkontaktes zwischen Kind und Eltern (speziell wohl zunächst der Mama) erkennen kann, ob das Kind ein „high risk“ für Autismus-Spektrum-Probleme hat. Dabei lässt in den ersten Monaten des Lebens die Häufigkeit bzw. das Interesse für Augenkontakte nach.

Nach meiner Erfahrung in diesem Spezialbereich bei Erwachsenen haben viele Aspies sehr genau gelernt, quasi ihre sozialen Besonderheiten zu umgehen und haben häufig sogar eine Art „Sonderinteresse“ in der Beobachtung und Verstehen-lernen von „Normalos“ = neurotypischen Menschen entwickelt. Sie leiden also weniger unter ihrer Andersartigkeit. Sondern eher unter der Ausgrenzung und dem Unverständnis ihrer Umgebung.

Ich finde es problematisch, wenn nun jedes „bizarre“ Verhalten sofort in die Richtung Autismus gerückt wird. Es gibt eben auch Einzelgänger oder auch mal „schizoide“ Menschen, die kein Asperger-Syndrom haben. Auch können traumatische Erfahrungen in der Kindheit und ein selbst gewählter Schutz vor Überreizung und Überforderung bei hochsensiblen Menschen so aussehen wie eine Autismus-Problematik.

Dann kommt es eben gerade auf die Kindheitssymptomatik an. So wie auch bei der ADHS im Erwachsenenalter: Es ist keine Diagnose, die man per Fragebogen oder Checkliste erstellt. Erforderlich sind vor allem die gründliche Kenntnisse der Entwicklungspsychologie und eben eine Kindheitsanamnese.

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Reise in die Asperger-Welt

Der Alltag im Leben mit Asperger muss wie eine Perlenkette sein. Und darf nicht durcheinander geraten. Diese und andere Innensichten aus dem Blickwinkel von Asperger-Autisten verdanken wir einem Jugend-forscht-Beitrag von drei  Teenagern, die dafür mehr als verdient einen Bundespreis (Sonderpreis für das Verständnis von Behinderungen) erhalten haben.

Toll ist, wie sie eine komplexe Problematik in verständliche Begriffe bzw. Darstellungen bringen. Würden doch Fachartikel oder Bücher auch nur ansatzweise eine verständliche und unterhaltsame Form haben können.

Anders Wahrnehmen bei Asperger-Autismus wird hier sehr anschaulich.

Also unbedingt mal reinschauen und die weitere Arbeit unterstützen!

Ratgeber Autismus-Spektrum-Störung

Nicht nur über die ADHS, sondern auch über Autismus wird die Ratgeberliteratur langsam, aber sicher, unübersichtlich.

Brita Schirmer, Lehrerin an Sonderschulen in Berlin, landete mit ihrem Buch: „Schulratgeber Autismus-Spektrum-Störungen: Ein Leitfaden für LehrerInnen“ einen positiven Volltreffer.

Dieser Ratgeber ist nicht nur für Lehrpersonen, sondern alle interessant, welche mit Kinder zu tun haben, welche an Störungen aus dem autistischen Spektrum leiden.

Link zu Amazon (siehe auch die Kundenbewertungen): Schulratgeber Autismus-Spektrum-Störungen: Ein Leitfaden für LehrerInnen

Bill Gates, Albert Einstein, Alfred Hitchcock

In der gestrigen Ausgabe des Tages-Anzeigers wurde ein Artikel über das Asperger-Syndrom veröffentlicht. Siehe hier: Eine Diagnose für fast Normale. Abgesehen davon, dass der Journalist die Thematik immer wieder ins Lächerliche zu ziehen versucht und ein doch sehr spezielles Bild des Asperger-Syndroms kommuniziert („Leben im Luxus“), postuliert auch er, dass bei Bill Gates, Albert Einstein, Alfred Hitchcock und Mozart ein Asperger-Syndrom vorliege bzw. vorgelegen haben soll. Das genau gleiche liest man ja in vielen populärwissenschaftlichen Büchern über die ADHS.

So ein Unsinn.

Bei der ADHS, dem Asperger-Syndrom (AS) und vielen Entwicklungsstörungen handelt es sich um Behinderungen. Eine ADHS-Diagnose setzt unter anderem zwingend voraus, dass die Symptomatik behindernd stark sein muss. Wer an diesen Störungen leidet, kann normalerweise (ohne Therapie) seine Kreativität, seine Begabungen, seine Beziehungsfähigkeit und seine Intelligenz eben nicht entwickeln.

Mag sein, dass der eine oder andere der genannten Persönlichkeiten gewisse, an eine ADHS oder ein AS erinnernde Persönlichkeits- oder Charakterzüge aufweist bzw. aufwies. Mit ADHS oder einem Asperger-Syndrom hat das aber nichts zu tun.

Wer postuliert (oder besser gesagt, es anderen Autoren/-innen abschreibt), dass bei Bill Gates, Albert Einstein, Alfred Hitchcock oder Mozart ein Aspeger-Syndrom oder eine ADHS vorgelegen haben soll und dann noch einen Diskus pflegt, welcher auf „Luxus-Diagnosen“ hinausläuft, verharmlost diese Störungsbilder und trägt massgeblich dazu bei, dass die Öffentlichkeit diesen Diagnosen und den von ihr wirklich betroffenen Menschen mit immer mehr Skepsis begegnet.

Autismus – Vortrag

Das ist jetzt doppelt über die Grenze dieses Blogs geschaut. Beim Stöbern in der Anderswelt wurde ich auf die PDF von einem sehr interessanten Vortrag (PDF) zum Thema Autismus (Schwerpunkt Asperger) von Julia Hoffmann et al. aufmerksam. Der Übergang im ADHS-Spektrum zu Asperger-Autismus ist ja sehr fliessend. Die Unterschiede liegen u.a. in der Beeinträchtigungen der Exekutivfunktionen bei ADHS bzw. der Sprachentwicklung bzw. Funktion von Sprache in sozialen Beziehungen und natürlich dem „Interesse“ in sozialen Bezügen.

Leider kennen sich nur wenige Leute mit der guten Abgrenzung bzw. auch Überlappung der Syndrome aus. Ich habe gehört, dass ca. 20 Prozent der ADHSler eben auch Asperger-Anteile haben.

Schon allein, damit ich den Vortrag wiederfinde also die Erwähnung hier. Und natürlich schöne Grüsse in Richtung Anderswelt.

Was ist ADHS – und was nicht? Fortsetzung

Danke für die hilfreichen (und den einen völlig überflüssigen Kommentar).

Heinrich aus dem Dunstkreis eines HRS weiss es wieder. Das arme Kind ist überbehütet (alternativ mit Kühlschrankeltern) aufgewachsen. Und es ist Heinrich, der aus einem Blogposting meine Qualifikation und die Vorgeschichte der Patientin kennt. Respekt. So wie Sie setzt sich höchstens #wulff in die Nesseln. Ein Kommentar sagt manchmal mehr über die Person selber aus, welche unreflektiert eine Meinung abgibt. Behaupte ich, dass es ein ADHS allein ist? Behaupte ich überhaupt, dass es ADHS sein muss? Hoffentlich nicht. Für mich sind Diagnosen auch Hypothesen, die man überprüft. Bin halt nicht so genial wie Psychoanalytiker-Möchtegerne, die aus einem Posting schliessen, dass die Kindheit schuld sein muss.

Hilfreicher war da schon die Überlegung Asperger-Autismus. Tatsächlich habe ich in der Anamnese der frühkindlichen Entwicklung längere Zeit danach geforscht. Autism spectrum disorder sehen ja sehr ähnlich wie ADHS vom unaufmerksamen Subtyp aus. Hierzu empfehle ich auch den Artikel von Frau Dr. Simchen in der Mitgliederzeitschrift vom ADHS-Deutschland e.v. in der letzten Ausgabe (ggf. Mitglied werden !).

Eine ähnliche Klientin ebenfalls mit einer Binge-Eating-Störung und nachgewiesenem ADHS (bei familiärer Veranlagung mit hyperaktivem Sohn) hatte übrigens die interessante Diagnose Tourette-Syndrom von der MH Hannover zusätzlich erhalten.

Nun ist es so, dass meine Klientin in der frühkindlichen Entwicklung bis zur Schule noch weitgehend sozial interessiert war und auch nicht durch entsprechende frühkindliche Auffälligkeiten eines Autisten auffiel.
Aber eben eine ganz erhebliche Selbstunsicherheit entwickelte. Wir haben dann heute u.a. abgegrenzt, worin diese Selbstunsicherheit besteht. Es ist keine Soziale Phobie im Sinne einer Angst vor Blamage. Sie kann auch in Gesprächen gut antworten, wenn sie angesprochen wird. Aber speziell ein Gespräch beginnen und Blickkontakt aufnehmen oder halten, ist das Problem. Das ist natürlich nicht (allein) ADHS. Aber nicht ungewöhnlich für ein Kind, dass schon frühe Wahrnehmungssstörungen und nicht erworbene Skilss zusätzlich eine Rolle spielen.

Sie ist übrigens symptomfrei derzeit.

Störfaktor ADHS

Störfaktor ADHS

  • Im Rahmen einer Standortbestimmung, die ich mit meinen ADHS-Patientinnen und -Patienten jährlich durchführe, versuche ich seit über einer Woche erfolglos, die Lehrkraft von Aisha, einer meiner jungen ADHS-Patientinnen, zu erreichen. An mittlerweile drei per Mail vereinbarten Telefonterminen klingelte ich ins Leere. Solches passiert mir nicht nur mit Aisha, sondern auch mit Benjamin, Leon, Bernadette und anderen Kindern mit einer ADHS aus meiner Praxis. Ich stosse auf Widerstand. Irgendwann und irgendwie erhalte ich in den meisten Fällen zwar Auskunft, wobei ich oft das Gefühl nicht loswerde, mit meiner Anfrage einfach nur zu stören.
  • Im Rahmen der jährlichen Standortbestimmung habe ich heute mit der Lehrerin von Joel, einem meiner Patienten mit Asperger-Syndrom, telefoniert. Ich spürte Wohlwollen, Interesse und Kooperationsbereitschaft. Solches passiert mit nicht nur mit Joel, sondern auch mit den Lehrerinnen und Lehrern von Florian, Kathy und anderen Patientinnen und Patienten mit Störungen aus dem autistischen Formenkreis. Die meisten Lehrkräfte dieser Schüler/-innen würden vieles dafür geben, ein autistisches Kind besser verstehen und und fördern zu können.
  • Im Kanton Aargau haben wir seit ein paar Jahren eine dem kantonalen Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst (KJPD) angegliederte ärztlich geleitete Autismusberatungstelle für Kinder. Ein spezielles Ambulatorium für Kinder mit einer ADHS (oder mit Verdacht auf ADHS) existiert nicht.
  • Auftretenshäufigkeit der ADHS: ungefähr 5 von 100 Kindern.
  • Auftretenshäufigkeit von Autismus: ungefähr 2 von 1000 Kindern.

Zum Glück kommt es immer wieder vor, dass mir Lehrkräfte begegnen, welche ihren Schülerinnen und Schülern mit einer ADHS mit sehr viel Einfühlungsvermögen, Engagement und Knowhow begegnen.

Ein Segen – wenigstens für diese ADHS-Kinder.