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Stiller Stuhl und Erziehung bei Regulationsstörungen

Situation:
Ich hatte von gestern auf heute Bereitschaftsdienst in unserer Kinder-Reha und war ab 7 Uhr am Frühstück. Dort sah ich dann ein total typisches Familiendrama. Ich bennene die Beteiligten mal sehr salopp, dass soll keine Bewertung sein. Ich weiss auch gar nichts über Diagnosen oder sonstige Dinge. Es geht mir darum auch gar nicht. Es geht mir um die Frage, wie man eine entgleiste Emotionsregulation bzw. eine Absturz bzw. Klemmen in der Emotionsregulation und Selbstkontrolle bei einem besonders herausfordernden Kind regeln kann.

Die Beteiligten:

1. Mama
2. Flieger ein ca. 2 jähriger typischer jüngerer Bruder, der mit einem Knäckebrot gerade Flieger spielte und durch unseren Speisesaal flog und der Mama am Rockzipfel hing
3. Zicke. Zicke ist ca. ein Jahr älter und im besten trotzfähigen Alter.

Mama geht mit Zicke und Flieger zum Gemeinschaftstisch der Diabetiker. Der ist ganz weit hinten im Saal. Zicke und Flieger sollen dort sitzen bleiben, während Mama das Frühstück holt.

Zicke fängt an zu heulen, als Mama weg ist. Flieger läuft Mama hinterher.

Mama holt sich Zicke und setzt sie am anderen Ende des Saals neben der Essensausgabe auf einen Stuhl in der Ecke. Und sagt: Du solltst jetzt eine Minute nicht heulen und nichts sagen …

Dann geht sie zum Buffett und holt Essen.

Zicke heult und trotzt und läuft immer wieder zur Mama

Mama bleibt ruhig (erstaunlich) und geht mit dem Essen zum Tisch. Flieger folgt ihr.

Mein Eindruck ist, dass sie sich an Anweisungen eines Elterntrainings (z.B. Tripple P) hält und uns gerade im Speisesaal sowas wie Konsequenz in der Erziehung demonstrieren soll.

Dann läuft sie mehrfach zu Zicke, die ja noch auf dem Stuhl sitzt und heult bzw. jetzt ihre Arme verschränkt und schmolt.

Eine Mitarbeiterin der Speiseausgabe geht zu Zicke und zieht den Stuhl aus der Ecke. Versucht sie etwas zu trösten.

Ich sass da nun und war hin und hergerissen, ob und wie ich eingreifen würde / sollte / dürfte.

Wie hättet IHR Euch verhalten als Mama bzw. auch als Beobachterin / Beobachter ?

Da uns ja demnächst wieder eine Häufung von Familienzusammenkünften bzw. Restaurantbesuchen etc. drohen, eine durchaus praxisnahe Frage.

Welche pragmatischen Hilfen kann man zur Regulation bzw. Entblocken dieser Situationen mit Eltern von nicht-neurotypischen Kindern empfehlen und unter Berücksichtigung des Alters und der individuellen Entwicklung von Zicke auch praktisch durchführen?

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ADHS-Grenzen, Gerechtigkeit, Gleichmässigkeit, Gelassenheit

Kinder erziehen ist eine Aufgabe, die man aktiv angehen muss. Sich also einmischen muss.
ADHS-Kinder zu erziehen ist eine Herausforderung, die man meist vom ersten Tag des Lebens bis weit in das Erwachsenenalter meistern soll. Leider meistens ohne eine wirkliche „Bedienungsanleitung“, so dass die Eltern häufig eben über Versuch und Irrtum schlau werden müssen. Übliche Erziehungsratgeber mögen da schlau klingen, helfen aber selten weiter.

ADHS ist nicht durch mangelnde oder schlechte Erziehung erklärbar. Aber natürlich benötigen Kinder Grenzen. Schon allein, um diese testen und auch mal überschreiten zu können. Ausprobieren, wie weit man gehen kann, ist nicht nur bei Tieren bzw. im Spiel eine wichtige Lernaufgabe.

Leider misslingt dieses Ausprobieren bei ADHS-Kindern häufiger und ihre Umwelt bewertet dann das Verhalten gerne als böswillig oder mutwillig. Schon allein wenn Wutanfälle oder auch nur die Regulation der groben Kraft zu Scherben führt, oder aber der Papa (oder die Grosseltern) in ihrem Ruhebedürfnis gestört werden, ist ein Konflikt vorprogrammiert. Wie so viele Dinge machen ADHS-Kinder (gerade auch bei Vorliegen von Komorbiditäten wie Störung mit opp. Trotzverhalten) auch das Ausprobieren von Grenzen „überdeutlich“ und selten situationsangepasst. Kein Kind mit ADHS möchte bewusst immer stören oder macht mit Absicht Fehler, bzw. hat ein heimliches Vergnügen, länger bei den Hausaufgaben oder Korrekturen zu sitzen als die Gleichaltrigen. Die ADHS-Kinder leiden unter ihren häufig lange nicht erkannten Problemen der Selbststeuerung und Aufmerksamkeit, und müssen sich statt Hilfe eben häufig auch noch Vorwürfe anhören.
ADHS-Kinder benötigen meist keine Erklärungen oder Geschwafel mit moralisierendem Tonfall, Blick oder sarkastischem Inhalt, sondern klares und konsequentes Handeln der Bezugspersonen.

Klar , d.h. mit (über)deutlichen Signalen und dem Festlegen einer zeitnahen Grenze. Und möglichst mit positiven Verhaltenserwartungen, d.h. einer Aussage, WIE man sich denn richtig verhalten soll.

Ob dies nun im 1-Sekunden-Intervall eines Fritz Jansen erfolgen muss, sei dahingestellt. Aber sicher nicht Stunden oder Tage später die alten Kamellen von früher aufwärmen (und doch nicht klären, da man noch erregt ist). Erklärungen bzw. Besprechen des Problemverhaltens immer NACH Abklingen der Erregung, und möglichst nicht vor versammelter Klasse oder Familie, damit das Kind bzw. Jugendliche nicht noch extra blossgestellt wird und vor Scham im Boden versinkt.

ADHS-Kinder (und Erwachsene) brauchen also klare Grenzen. Nur müssen diese Grenzen eben auch konsequent und möglichst für alle Familienmitglieder gelten und nicht ständig nach emotionalem Befinden der Eltern bzw. des Kindes neu umdefiniert werden. Wenn man also Konsequenzen ankündigt, müssen diese auch umgesetzt werden.

Hier geht es (auch) um Gerechtigkeit. Häufig sind Eltern, die selber ADHS haben, eben ungerecht, weil sie mal so und mal so vorgehen. Gerade die Geschwisterkinder werden dann mit anderem Blickwinkel und häufig einer anderen (weniger genervten) Voraktivierung bewertet. Was zu Ungereimtheiten und subjektiv empfundenem Ungerechtigkeitsempfinden führt. Darauf reagieren aber ADHS-Kids „allergisch“, bzw. erst recht mit Trotz und Verweigerung. Übrigens habe ich es unter meinen Patientinnen erlebt, dass gerade bei bisher guten Schülern es als sehr ungerecht empfunden wird, wenn sie nicht dauerhaft gelobt, bzw. motiviert werden. Die Anstrengungsbereitschaft sollte aber eben sowohl bei den „hyperaktiven“ Problemschülern, wie auch den „stillen“, aber scheinbar fleissigen Hypos, immer und immer wieder erfolgen. Hier gilt das Ziel der Gleichmässigkeit in der Erziehung. Also nicht nur zum Motivieren mal Loben, sondern ständig am Ball bleiben. Das ist ein Kardinalfehler in der Erziehung, bzw. Betreuung, die auch gerne die Lehrer machen. Scheinbar können viele ADS-Kinder ja in der Anfangsphase super Leistungen erbringen, lassen dann aber „stark nach“. Meistens, weil sie sich nicht mehr von der Lehrerin oder den Eltern „gesehen“ fühlen.

Ich habe derzeit einige Patientinnen (nicht nur mit ADHS), bei denen im frühen Kindesalter aufgrund ihrer (vermutlich auch bei hoher Grundintelligenz) Experimentierfreude und Gewitztheit das Ausprobieren im Alter zwischen 3 und 8 Jahren zu wiederholten Problemen führte. Statt dann aber aktiv Grenzen zu setzen, haben die Eltern mit Moralisieren, Schimpfen und ständig gleichen Appellen an die „Vernunft“ reagiert. Nun mag das bei Geschwisterkindern oder „Stinos“ ja helfen. Aber kindgerecht ist es so oder so nicht.

Neben der neurobiologischen Grunddisposition hat gerade dieses abwertende Moralisieren bei den Kindern deutliche Wunden hinterlassen, die nicht abheilen, da die Eltern und später weitere Bezugspersonen, immer und immer wieder in diese Kerben hineinstechen. „Du weisst doch, wie du dich verhalten solltest, warum tust du es dann nicht“…. Oder „Du kannst es doch, wenn du nur willst“….
Wäre ja schön, wenn dies den Kindern und später Jugendlichen konsistent, d.h. gleichmässig und auch bei emotionaler negativer Voraktivierung bzw. befürchteter Kritik gelingen würde. Tut es aber leider nicht. Und leider ändern sich (ohne professionelle Hilfestellung) auch die Mamas und Papas in ihren ständigen negativen Kommentaren und Moralpredigten nicht, so dass sich eine ganz erhebliche Kommunikationsstörung entwickeln kann.

Ich habe es jetzt mehrfach erlebt, dass sich diese Kinder dann dysfunktional anpassen müssen. Sie können ja nicht nicht reagieren. Sie können aber auch nicht einfach von zu Hause, bzw. diesen wenig hilfreichen Handlungserwartungen, denen sie neurobiologisch nicht gewachsen sind, entkommen.

Nun wissen wir, dass viele ADHS-Kinder zwar eigentlich wollen, aber manchmal einfach nicht so wollen können, wie sie es wollen sollen (diese Erkenntnis habe ich von Corrie Neuhaus).

Da sie ihre Gefühle und Impulse nicht gut regulieren können, werden diese quasi weggedrückt, nicht mehr offen gezeigt. Was aber letztlich nur kurzfristig hilft und langfristig zu einer inneren Anspannung und der Entwicklung von sekundären Erkrankungen, wie beispielsweise Essstörungen oder aber anderen Impulskontrollstörungen führt. Oder schlicht und ergreifend zu Gefühlsausbrüchen und Verhaltensexzessen, die scheinbar so völlig unvorbereitet wie ein Vulkanausbruch auftreten.

Gerade dann brauchen sie einen gleichmässigen und unaufgeregten Handlungsstil der Bezugspersonen. Also lieber zum hundertsten Mal eine Nachfrage und Erklärung erlauben, bzw. sogar stimulieren, als zu sagen : „Das habe ich dir doch schon 2 mal erklärt, hörst du denn nie zu?“.

Aber für das syndromtypische Verständnis von ADHS ist eben Gelassenheit das Gebot der Stunde. Das ist ja allein deshalb so schwer, weil eben meist ein oder mehrere Familienmitglieder auch ADHS-Betroffene sind. Also sich schneller aufregen und nur langsamer wieder zum normalen Erregungsniveau zurückfinden. Eine „Balou-der-Bär“ Haltung wäre prima…

Starke Elternarbeit bei ADHS

Immer wieder werden in Zeitungsartikeln, im Radio oder auch im Fernsehen Todschlagargumente gebracht, dass sich Eltern nicht konsequent genug um die Erziehung ihrer Kinder mit einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung kümmern würden und daher ADHS immer ein Fehler der Erziehung sei.

Zuletzt kam dies von einer kleinen Möchtegern-Kinderschutzbunddorftante aus B., die sich auch an uns mit ihrem Geschreibsel gewandt hatte, aber immerhin auch in einer regionalen Zeitung im Rheingebiet Platz fand. Tenor dieser Extremdarstsellung: ADHS sei nichts anderes als eine Art Versuch der Kids Rensonanz von entgrenzten Eltern zu erhalten. Weil die Eltern keine Grenze setzen, würden die Kinder zum Kasper. Daher sei allein eine Erziehungsberatung und ein – oh Wunder – von dieser Gruppe gleich angebotener Kurs der Weg zum Seelenheil. Psychologen, und wahrscheinlich dann auch Medikation, solle man sich ersparen.

Ihr Schreiben beweist eigentlich nur, dass sie sich mit ADHS nicht auskennt. Den gleichen Text würde sie vermutlich auch bei Kindern mit Angststörung, Asperger-Syndromm, Sozialer Phobie oder aber frühpubertierenden Alkopops-Konsumenten verschicken. Wenn ein Kind ein Problem signalisiert, ist es ein Versagen der Eltern, die keine Aufmerksamkeit auf die Entwicklung des Kindes lenken. Das mag ja sein, das mag ja vorkommen.

Aber die Behauptung gilt eben gerade nicht für die neuropsychiatrisch bedingten Störungen mit Beginn im Kindesalter wie ADHS oder Asperger-Syndrom, ebenso wie die Legasthenie eben nicht eine Schusseligkeit des Kindes, sondern eine ernstzunehmende Lernbehinderung darstellen kann. Die Behauptung, ADHS sei auf Erziehungsfehler zurückzuführen, gilt schon lange als widerlegt.

Sicherlich: Eltern brauchen eine Unterstützung im syndromtypischen Verständnis des eigenen Verhaltens bzw. des Verhaltens des Kindes und müssten gerade dahingehend unterstützt werden, wie sie in den ADHS-typischen Konfliktsituationen reagieren (oder auch mal nicht-reagieren sollten). Hau-Drauf-Pädagogik aus dem Mittelalter ist da sicher wenig hilfreich,

Glücklicherweise hat sich dann der Kinderschutzbund in Rheinland-Pfalz deutlich positioniert :

Im Deutschen Kinderschutzbund und hier besonders auch in den
Beratungsstellen, werde, so Ingrid Pirker weiter, häufig die Erfahrung
gemacht, dass Eltern der betroffenen Kinder mit überaus hohem Einsatz
diese Herausforderungen meistern und auch meistern wollen. Diese
Leistung wird vom Umfeld jedoch häufig verkannt.

„Eltern in Ihrer Rolle und Verantwortung zu unterstützen, ihnen
Hilfestellung bei der Bewältigung der vielfältigen Aufgaben im Alltag
zu bieten und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Eltern und
Familien, diese Aufgaben bewältigen können, ist vorderstes Ziel
unseres Verbandes“, so Christian Zainhofer, Vorsitzender des
Landesverbandes Rheinland-Pfalz.

Anders herum wird somit natürlich ein Schuh draus: ADHS stellt besonders dann extrem hohe Erziehungsanforderungen, wenn zusätzlich Störungen mit oppositionellem Trotzverhalten oder gar Störung des Sozialverhaltens auftreten. Aber auch oder gerade die stillen hypoaktiven ADSlerinnen und ADSler können dann aufgrund von Wahrnehmungs- und Teilleistungsstörungen, ihren Besonderheiten im Verständnis und Abspeichern von Informationen, eben ganz erhebliche Anforderungen an die Betreuung und Erziehung stellen.

Wenn dann die Eltern und / oder weitere Familienmitglieder betroffen sind, wird man mit einer derartigen plakativen Schuldzuschreibung und einfachen Lösungen kaum zum Erfolg kommen. Hier braucht es in aller Regel ein ganzes Team, das dies Familie unterstützt und mit einem Störungsbildverständnis nicht mit Vorwürfen und einseitigen Schuldzuweisungen, sondern mit Hilfsangeboten und Unterstützung arbeitet.

Ich persönlich warne vor angeblichen Elternkursen, die nun „Starke Eltern“ propagieren, nicht aber syndromtypische ADHS-Besonderheiten verstehen bzw. einbeziehen, wie dies beispielsweise beim Elterntraining von Cordula Neuhaus der Fall ist.

Übrigens werde ich gleich nach Norderstedt zum Schleswig-Holstein-Tag aufbrechen. Dort werden drei Selbsthilfegruppen des ADSev ihre Arbeit vorstellen und Interessierte über ADHS informieren/aufklären. Nur mal soviel zum Thema Engagement von Eltern mit ADHS. Es ist in aller Regel weit überdurchschnittlich, sich so für Kinder einzusetzen. Das imponiert mir und daher unterstütze ich es gerne! Das verstehe ich unter starken Eltern im Einsatz für ihre Kinder!

„Immer früher und immer mehr …“ – nur warum eigentlich? (Teil III)

„Immer früher und immer mehr …“ – nur warum eigentlich?

Vielleicht haben auch Sie schon einmal gefragt, warum eigentlich von Kindern immer früher Selbständigkeit erwartet wird. Es gibt auf diese Frage sicher viele Antworten. Hier meine Überlegungen dazu:

Um zu verstehen, warum Kindern immer früher (und immer mehr) Verantwortung übertragen wird, kann folgende Frage weiterhelfen: Cui bono? Wer profitiert davon?

Die Kinder etwa? Davon habe ich bisher nichs gemerkt. Im Gegenteil. Viele sind überfordert und können den in der Schule an sie gestellten Anforderungen nicht genügen, weil viele von ihnen entwicklungspsychologisch gar noch nicht soweit sind. Also wem nutzt es dann?

Ob es uns passt oder nicht: Tatsache ist, wir leben in einer Gesellschaft, in welcher immer mehr Lebensbereiche durch marktwirtschaftliches Denken geprägt werden. Der Service publique (so nennen wir in der Schweiz den „öffentlichen Dienst“) und mit ihm das Kommu­nal-, Sozial- und Gesundheits-, Bil­dungs-, In­formations-, Freizeit- und Kulturwe­sen erfahren im Zug des sich glo­bal ausdeh­nenden neoliberalen Wirt­schaftssystems ei­nen Prozess zu­nehmend marktwirtschaftlicher Ausrichtung.

Diese Vermarktlichung des Ge­sellschaftlichen wird von Sozialwissenschaftlern als Ökonomisierung be­zeichnet. In erster Li­nie richtet man sich aus am wirtschaftlichen Ziel eines für die Leistungs­erbringer/-innen (und nicht etwa für den Kunden oder Dienstleistungsbezüger) möglichst optimalen Kos­ten/Nutzen-Ver­hältnisses. Rentabilität ist die oberste Devise.

Sozialwissenschaftler zeigten auf, dass die Ökonomisierung nicht haltmacht bei den gesellschaftlichen Institutionen: Grenzüber­schreitend bemächtigt sie sich auch fern der Ar­beitswelt (dies ist ja ihre ursprüngliche Domäne) und ausserhalb der öffentlichen Verwaltung ihrer Subjekte: Sie transfor­miert den Menschen immer mehr (und immer früher!) zum „homo oecono­micus“ (Wirtschaftsmensch), durch­dringt und globali­siert die Grenzen des Privat­lebens, in­filtriert und verwertet zunehmend das Persön­liche, das Psychische und das Zwischen­menschliche.

Viele Erwachsene in den Industrienationen erfahren es am eigenen Leib: Nur wer sich selbst verwirklicht, sich ge­schickt ma­nagt und als Un­ternehmerin und Unternehmer seiner selbst ge­zielt in sein Humankapital investiert (Schule, Be­rufsausbil­dung, Weiterbildung, Fit­ness, Hobbys), kann hoffen, der rasanten technischen Entwicklung und den Umwäl­zun­gen auf dem Arbeitsmarkt mithalten und sich als Arbeitskraft möglichst gut verkaufen zu können.

Heute werden Kinder durch die gesellschaftlichen Institutionen (Erziehung, Schule, Medienwelt) mehr denn je dahingehend sozialisiert, sich diesem System anpassen zu können. Dazu sollen sie in einem ersten Schritt möglichst frühzeitig befähigt werden, selbstverantwortlich auf dem Markt als Käuferin und Käufer in Erscheinung zu treten. Werbung vor, zwischen und nach Kindersendungen, ist dafür charakteristisch.

So stehen denn hinter dem Trend, Kindern immer früher immer Verantwortung aufzubürden, in letzter Konsequenz und eingebettet in einen neoliberalen Zeitgeist primär kommerzielle Motive. In einem immer jüngeren Alter weckt die Werbeindustrie Bedürfnisse. Die Befriedigung derselben, also „kaufen“ und sich gut fühlen, weil man etwas käuflich erworben hat und nun besitzt, soll für noch viel mehr Kinder zu identitätsstiftenden Erlebnissen werden. Heute sind manchmal schon Achtjährige derart selbständig, dass sie in der Lage sind, sich im Einkaufszentrum selbstverantwortlich ein Nike-Cap zu kaufen. Die Eltern sind stolz und die Unternehmer und Aktionäre freut’s.

Sind dies, wer­den sich einige Leser/-innen jetzt vielleicht fragen, nicht ana­chronisti­sche oder gar fundamentalistische Sonntagabendgedanken einer Soziologen- und Psychologen-Ge­neration mit Wurzeln in der 68er-Jahren? Und überhaupt: Ist es denn nicht zu begrüssen, wenn Kinder möglichst früh zur Selbständigkeit erzogen werden?

Meine Meinung dazu: Selbständigkeit: ja. Unbedingt sogar. Aber alles zu seiner Zeit. Und bitte nicht in Richtung „Puer oecono­micus“ (Wirtschaftskind).

Andere als die genannten Gründe, wieso man heute versucht, Kindern immer früher (und teils unter Missachtung entwicklungspsychologischer Gesetzmässigkeiten) beizubringen, Selbstverantwortung zu übernehmen, kenne ich keine.

Ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.