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ADHS Medikation und Depressionen

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In Hinblick auf Psychostimulanzien wurde viel über die möglichen Gefahren wie Abhängigkeitsrisiko, aber auch eine angebliche Zunahme von Depressionen oder gar Selbstmordversuchen spekuliert.

Umgekehrt wird aus meiner Sicht ein Schuh draus.
Die wissenschaftlichen Belege gehen immer stärker in die Richtung, dass bei schweren und nicht auf übliche Antidepressiva (SSRI) ansprechende depressive Zustände eben ein ADHS die Ursache ist. Und – wie noch in einem eigenen Beitrag dargestellt wird – muss dazu nicht immer klar die ADHS-Symptomatik im Kindesalter nach den ICD-Kriterien vorliegen, da es offenbar doch einen „Adult-onset“-Typus von ADHS gibt. Gerade eben bei Frauen und gerade in Hinblick auf einen Zusammenhang mit Internalisierungsstörungen wie Angst oder Depressionen.

Eine aktuelle Studie untersuchte nun anhand der hervorragenden schwedischen Patientenregister, ob es einen Zusammenhang zwischen der Verordnung von ADHS-Medikation und dem Auftreten von Depressionen gibt.

Fazit : Nein, Stimulanzien wie Methylphenidat führen nicht zu Depressionen. Ganz im Gegenteil: Die Gabe von MPH – Präparaten führte eher zu einer reduzierten depressiven Belastung bzw. verringerten Wahrscheinlichkeit einer Depression (um immerhin 20 Prozent). Dabei muss man ja sogar noch berücksichtigen, dass  vermutlich die Medikation eher dann geben wird, wenn es sich um „schwerere“ Fälle von ADHS handelt.

Je länger die Behandlung mit Stimulanzien erfolgte, desto geringer das Risiko für Depressionen.

Vielfach erklären Kinderärzte bzw. Kinderpsychiater ja noch fälschlich, dass dann ein erhöhtes Risiko durch die Medikation ausgeht. Oder aber die Eltern berichten, dass die ADHS-Kinder nun so traurig wirken, wenn sie Medikamente nehmen.

Das hat aber eher mit der verbesserten Selbstwahrnehmung zu tun. Und nicht damit, dass die Medikation zu Depressionen führt.

Biol Psychiatry. 2016 Feb 23. pii: S0006-3223(16)00130-X. doi: 10.1016/j.biopsych.2016.02.018.

Medication for AttentionDeficit/Hyperactivity Disorder and Risk for Depression: A Nationwide Longitudinal Cohort Study.

Chang Z et alt.

Psychostimulanzien bei ADHS und Angst

Bildschirmfoto 2015-11-30 um 16.14.22Angststörungen treten nicht selten bei ADHS-Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auf. Dabei ist es gar nicht so einfach, eine klassische Panikstörung, eine Soziale Phobie oder auch Generalisierte Angststörung von den Kernsymptomen der ADHS zu differenzieren. Speziell dann nicht, wenn man unterscheiden soll, ob es sich nicht auch um Real-Ängste bzw. wiederholt erlebtes Scheitern handeln könnte.

Ganz klar, ein Psychotherapeut bzw. Fachleute sollten hier mit einer sorgfältigen Diagnostik der besonderen Merkmale der Angstreaktionen mit einer Aktivierung des vegetativen Nervensystems aber auch typischen Verhaltensmerkmalen wie das Vermeidungsverhalten und die daraus später auftretende Angst vor der Angst mit entsprechenden Vermeidungsverhalten differenzieren.

Nun war lange ein mehr oder weniger unausgesprochener Konsens = Übereinkunft, dass man dann bei Vorliegen von Angst und ADHS auf die Gabe von Psychostimulanzien wie Methyphenidat oder Amphetaminen verzichten sollte. Das begründete sich u.a. darin, dass ja in der Anfangsphase der Medikation die Stimulanzien zu einer Aktivierung des vegetativen Nervensystems führen, d.h. Puls und Herzschlag, Schwitzen oder Schwindel oder Veränderungen der Atmung (schnellere, flachere Atmung) durch diese Aktivierung des Sympathikus auftreten könnten. Das wiederum könnte den sog. Teufelskreis der Angst aktivieren bzw. unterstützen. Also dazu führen, dass nun Angstattacken oder zumindest Angstsymptome ausgelöst oder verstärkt würden.

Zu den „Nebenwirkungen“ der Stimulanzientherapie wurde so das Auftreten oder die Verstärkung von Angst gezählt.

Wenn überhaupt hat man daher sehr niedrige Dosierungen von Methylphenidat bei Vorliegen von Angst und ADHS gewählt. Oder aber gleich auf Antidepressiva wie Strattera oder Venlafaxin gesetzt. Die für 2016 geplante Einführung von Guanfacin (ein ur-ur-ur-uraltes Blutdruckmedikament) als „neues“ Mittel speziell für die Indikation ADHS und Angst spricht da ja auch schon Bände.

Die Frage ist bzw. war also, wie eigentlich die wissenschaftliche Studienlage zum Einsatz von Methylphenidat bei Angst und ADHS aussieht.

Anhand einer Meta-Analyse mit über 3000 Kindern und Jugendlichen wurde nun geschaut, wie sich denn das wissenschaftlich gesehen wirklich darstellt. Und überraschend für die Autoren zeigte sich, dass die Gabe von Methylphenidat letztlich eher die Angstsymptome bzw. Auswirkungen der Angststörungen reduzierte und keinesfalls verstärkte.

Soweit ich erkennen konnte, wurde die Auswertung der Meta-Studie nicht von der Industrie gesponsert. Fairerweise muss man aber annehmen, dass ein Teil der Studiendaten eben auch unter Einfluss der Pharmaindustrie entstanden bzw. erhoben wurde.

Aber so oder so: Es entspricht auch durchaus meinem klinischen Eindruck, dass man Methylphenidat sehr wohl – oder gerade – auch bei Angststörungen einsetzen sollte.

Ich arbeite ja nun überwiegend mit Erwachsenen. Dabei habe ich in den vergangenen zwei Monaten eben wiederholt Patientinnen mit einer Angststörung erlebt, die u.a. aufgrund von eigenen ADHS-Kindern auf das Thema ADHS aufmerksam wurden. Die Diagnostik und dann eingeleitete Pharmakotherapie mit Methylphenidat bzw. Amphetamine, führte zu einer für alle Beteiligten in der Klinik erstaunlichen Verbesserung.

Dabei geben die Patienten einerseits eine ABNAHME und eben nicht Zunahme der inneren Unruhe an. Wichtiger ist aber vielleicht, dass im Kopf jetzt eine Klarheit und kein Chaos von Gedanken und Gefühlen besteht. Auch der innere Abstand von Gefühl und Verhalten bzw. die Fähigkeit wie aus einer Vogelperspektive das eigene Verhalten und dabei ausgelöste Emootionen und körperliche Reaktionen wahrzunehmen und darauf Einfluss zu nehmen (Mentalisierung) wird wesentlich positiv durch die Medikation beeinflusst.

In keinem der „Fälle“ habe ich eine Zunahme von Unruhe oder Angstsymptomen unter der Medikation erlebt (obwohl ich selber halt immer wieder diese Angst selber hatte….).

Fazit: Es lohnt sich aus meiner Sicht auf jeden Fall Stimulanzien bei Vorliegen von ADHS und Angst einzusetzen. Und es ist für mich ganz wichtig geworden, genauer zu differenzieren, ob nicht die Angstsymptomatik auf der Grundlage einer lebenslangen ADHS-Konstitution und Überforderung bzw. inneren Konflikten mit entsprechendem emotionalen Chaos entstanden ist.

ADS und Vigilanzstörungen

In unserer Kinder-Rehaklinik sollte ich ein junges Mädchen bzw. ihre Familie beurteilen. Es ging u.a. um die Frage, ob möglicherweise psychische Probleme der Mutter bzw. familiäre Faktoren zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptomatik bei der kleinen Patientin beitragen könnten. Das ging soweit, dass auch an ein Münchhausen-by-Proxy  gedacht wurde

Vom Aspekt her sah ich ein 9 jähriges Mädchen, das gegen 16 Uhr sehr müde bzw. „schlaff“ wirkte. Das ist nun bei den derzeitigen Wetterverhältnissen nicht so ganz unüblich. Sie rutschte aber ständig auf dem Stuhl rum, rieb sich die Augen bzw. wollte unbedingt mit dem Kugelschreiber der Mama „spielen“. Auf ein „Nein“ reagierte sie heftig mit einem inneren Gefühlsabsturz.

Hellhörig wurde ich aber, da nun quasi seit der Geburt Störungen der Vigilanz bzw. der Grundspannung, des Schlaf-Wach-Rhythmus bzw. der Selbst- und Fremdwahrnehmung bestanden. Sie sei eigentlich schon vom ersten Tag ihres Lebens „anders“ und eben häufig krank. Dementsprechend dick war ihre Krankenakte bzw. entsprechend viele (meist ergebnislos) Arztkonsultationen gab es.

Bei mir gingen die inneren „Signale“ für ADS vom unaufmerksamen Subtyp an. Zumal mir die Mutter von Ordnungszwängen berichtete, die jetzt zunehmend ein Problem darstellen würden. Auch hier gibt es überzufällig häufig einen Zusammenhang von ADS und Zwängen.

Dabei hat das Mädchen (natürlich) keine deutliche motorische Unruhe, auch die Schulleistungen in der 2. Klasse seien „gut“. Sie sei nur sehr still und schüchtern, ihre Handschrift sei sehr schlecht und ab 14 Uhr sei mit ihr dann überhaupt nichts mehr anzufangen. Auch das Schlafen sei ein riesiges Problem, u.a. sei ein fraktionierter (= unterbrochener) Schlaf bekannt, wenn sie denn überhaupt zur Ruhe komme.

Bisher beschäftigen sich aber zumindest nach meiner Kenntnis nur wenige Experten genauer mit dem Zusammenhang von Vigilanzstörungen und psychiatrischen Störungen.

Bereits im Säuglingsalter fiel das Mädchen mit Obstipationsbeschwerden auf. Natürlich kann Verstopfung (bzw. Enkopresis) ganz viele Ursachen haben. Der Zusammenhang mit ADS ist aber relativ unbekannt. In einem vergleichsweise aktuellen Beitrag zum Thema ADHS und Obstipation wurde immerhin eine Häufigkeit von über 4 Prozent angegeben (gegenüber einer Häufigkeit von 1,5 Prozent bei Kindern einer Normalpopulation). Ich hatte in einem früheren Blockbeitrag mal auf die amerikanische Studie verwiesen (hier).

Die frühkindliche Entwicklung war durchaus auch weiterhin auffällig im Sinne eines „Schreibabys). Ansonsten muss sie als Kind aber eben eher auffällig „schlaff“ bzw. auch eher still gewesen sein.

Entwicklungsstörungen bzw. Regulationsstörungen bei Kleinkindern können, müssen aber nicht auf eine späteres ADS / ADHS hinweisen. Hier hatte ich mal die Besonderheiten der Regulationsdynamik mit einem schlaffen Luftballon verglichen.

Im Falle dieses Kindes wurde aber in der Folge in alle möglichen (bzw. unmöglichen) organischen Richtungen gedacht. U.a. wurde wegen einem leichten Schlaf-Apnoe-Syndrom eine umfangreiche schlafmedizinische Diagnostik bzw. auch Maskentherapie ohne Erfolg versucht. Das Kind wurde wegen einer (angeblich) zu grossen Zunge operiert.

Die Tonusregulationsstörung bzw. Müdigkeit und sehr schnelle Erschöpfung verblieb (erwartungsgemäss).

Ich habe mich dann über das ADD-Forum Berlin u.a. mit Kollegen ausgetauscht, wobei insbesondere der Berliner Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Droll sich schon sehr lange mit der Thematik Vigilanzstörungen beschäftigt.

Er sieht die ständige Müdigkeit und Erschöpfung als Ausdruck eines anhaltend abgesenkten Aktivierungs- und Vigilanzniveaus. Auch das leichte obstruktive Schlaf-Apnoesyndrom kann auf einen anhaltend abgesenkten Muskeltonus  (bzw. schlaffe Mundmotorik) bzw. einer zu stark abgesenkten Hirnaktivierung hinweisen

Hierdurch resultiert eben häufig auch ein unterbrochener Schlaf durch die Weckreize der wiederkehrenden Hypoxie-Zustände (relativer Sauerstoffmangel). Natürlich wird dadurch einerseits die Konzentrationsfähigkeit, aber natürlich auch die Wachheit verschlimmert und letztlich ein Dauerzustand von Müdigkeit und Erschöpfung erklärt.

Diese Kinder fallen in der Schule eher dadurch auf, dass sie nicht auffallen (wollen). Sie sind schüchtern, eher zu langsam bzw. versuchen über Überanstregung die Störungen der Aufmerksamkeit bzw. der Vigilanzregulation auszugleichen.
Die Hirnaktivierung über das Anstrengungs- und Alarmsystem führt aber zu einer Tendenz von Ängstlichkeit bzw. später eben auch sozialer Ängstlichkeit bzw. Rückzugsverhalten. Das innere Selbstkontrollsystem ist quasi ständig „überaktiv“.

Leider kann dann die Störung der Vigilanzregulation gerade nach dem Mittagessen zu Problemen führen. So auch bei diesem Mädchen. Neben dem biologischen Mittagstief war jetzt die Tonusabsenkung so stark, dass sie quasi ab dem frühen Nachmittag völlig aus der Bahn geworfen war.

Nicht nur die Hausaufgaben gelingen jetzt nicht mehr wirklich. Sie wird zur Tyrannin der Familie (und ihrer Schwester). Jetzt imponieren dann schon eher typische Symptome eines oppositionellem Trotzverhaltens bzw. es muss so laufen, wie die Kleine es erwartet. Sonst sind Gefühlsabstürze die Folge.

Natürlich hat dies auch Auswirkungen auf das Familienleben, aber auch das Selbstwertgefühl bzw. Selbstbild des Mädchens, die man dann (familen-)therapeutisch mitbegleiten bzw. -behandeln muss. Aber man sollte eben erst einmal genauer schauen, ob nicht eine neurobiologische Grundlage für die Störungen besteht.

Leider ist es heute noch häufig so, dass Kinder- und Jugendpsychiater nicht im Traum bei einer solchen Problematik an ADHS denken würden. Zumal es ja immer noch Kliniken gibt, die ADHS für eine neumodische Erfindung halten bzw. ihre Hauptaufgabe darin sehen, ADHS-Diagnosen in Frage zu stellen.
Wenn sich also die Familie in einer KJP-Praxis oder einer allgemeinen Uni-Ambulanz vorstellt, kann es gut und gerne sein, dass sie ganz und gar nicht ernst genommen werden.

Schliesslich scort ein solches Kind bei den ADHS-Fragebögen natürlich überhaupt nicht hoch. Es hat (noch) keine Schulleistungsprobleme, es klagt nicht über Unruhe und Konzentrationsstörungen. Es stört nicht. Und in den Fremdbeobachtungen der Lehrer muss es nicht unbedingt auffällig sein.

Also müssen dann die Eltern bzw. die Familie gestört sein.

Daher suchte ich dann speziell eine Anlaufstelle in der erweiterten Region, die über das Schubladendenken der „Hyperaktivität“ hinaus, sich mit der Thematik auseinander setzen kann und eine umfangreiche Diagnostik unter Einbeziehung von Vigilanzregulation, neuropsychologischen Begleit- und Folgeproblemen bzw. weiteren Teilleistungs- und Wahrnehmungsstörungen (und -stärken) machen könnte.

Sowas zu finden ist aber verdammt schwer…

Es kann nicht sein

In einem aktuellen Zeitungsbeitrag wird der Chef einer Psychiatrie in Qu. damit zitiert, dass die Häufigkeit von ADHS im Erwachsenenalter schon deshalb so nicht sein könnte, weil ja Generationen von Psychotherapeuten sie früher nicht erkannt hätte.

Eine bestechende Logik.

Wenn man also keine Ahnung hat bzw. sich in den letzten Jahren auch nicht mit Leitlinien bzw. Publikationen der DGPPN beschäftigt hat, so ist das dann die Rechtfertigung dafür, dass es ADHS in Qu. nicht gibt.

80 Prozent der Patienten, die in die ADHS-Ambulanz kommen würden, hätten andere psychiatrische Störungen oder Persönlichkeitsstörungen.

Das stimmt.

Sie haben eben AUCH andere Störungen.

Man muss aber schon bewusst an dem Problem vorbei schauen wollen, wenn man sich dann nicht um die Kernproblematik kümmert.

Was der kürzlich habilitierte und hoch dekorierte Experte aber verschweigt : ADHS kommt eben nicht allein und die weltweite Forschung hat nun genügend Belege dafür, dass die neurobiologische ADHS-Disposition eben zu zahlreichen mehr oder weniger atypischen psychiatrischen Diagnosen führt. Die dann meistens aber auch Fehldiagnosen sein können.

Vorrangig sind hier angebliche Bipolare Störungen (bzw. Zyklothymie) bzw. Borderline-Störungen zu nennen. Aber auch aus dem Spektrum von rezidivierenden depressiven Störungen gibt es nun in der alltäglichen psychiatrischen und psychosomatischen klinischen Praxis genügend Beispiele für unentdeckte ADHS-Problematiken.

Herr B. ist nun auch Experte für Zwangsstörungen. Gerade in diesem Bereich ist die Überlappung mit ADHS in 25 Prozent der Fälle publiziert. Atypisch verlaufende Zwangserkrankungen bzw. Symptomatiken sollten immer auf eine zugrundeliegende ADHS-Konstitution untersucht werden. Nur eben nicht, wenn man dem Dr. B. folgt.

Als Direktor einer Psychiatrie ist es insbesondere dann bei Suchtpatienten schon grob unqualifiziert, wenn man die Bedeutung von ADHS, Störungen mit oppositionellem Trotzverhalten bzw. Störungen des Sozialverhaltens nicht in die Routinediagnostik und Therapie miteinbezieht.

Ich erhalte tagtägliche Emails bzw. Schreiben von Eltern bzw. Patienten, die in Psychiatrien wie in Qu. betreut bzw. besser gesagt „allein gelassen werden“.

Weil es ja nicht sein kann, was wir nicht kennen.

 

ADHS bei Mädchen eher körperliche Symptome der Angst, bei Jungs eher Regelverstösse ?

Heute ist mir ein Artikel in die Hände gefallen, der sich mit den Geschlechtsunterschieden zwischen Jungen und Mädchen in Hinblick auf die Exekutivfunktionsstörungen bzw. neuropsychologischen Testungen sowie Begleit- und Folgediagnosen beschäftigt. Siehe hier.

Stark vereinfacht zeigen sich bei Mädchen (und Frauen) eben eher Internalisierungsstörungen, d.h. die ADHS-Symptomatik selber wird quasi nach innen gerichtet in Form von innerer Anspannung und Ängstlichkeit und/oder somatischen Symptomen wie Kopfschmerzen oder anderen „körperlichen“ Symptomen ausgedrückt bzw. dann in Form von „Depressionen“. Jungs fallen dagegen durch „Regelverstösse“ auf.

Wobei es natürlich auch Jungs gibt, die nun eher in der Schule darauf angesprochen werden, dass sie so emotional labil und „mimosenhaft“ auf Kritik reagieren und deshalb Angstsymptome entwickeln, die mit körperlichen Beschwerden einhergehen können.

Gemeinsam ist dieser Gruppe von ADHSlern jedenfalls, dass sie nicht durch hyperaktives oder impulsives Verhalten eine Spannungsabfuhr haben. Sondern eher über Stimmungsschwankungen etc. den Eindruck eines Sonderlings bzw. einer besonderen Empfindsamkeit machen.

Gerade heute hatte ich eine solche Patientin bei mir, deren Sohn wohl ADHS hat. Sie selber war mit 15 oder 16 erstmals wegen Depressionen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Eine ganz klassische ADHS-Symptomatik finde ich nicht. Dennoch finden sich lebenslang Zeichen einer defizitären emotionalen Selbstregulation.

Ihr ganzes Leben seit der frühesten Kindheit hat sie versucht, dieser emotionalen Selbststeuerungsschwäche mit übermässiger Anstrengung und Kontrolle entgegenzuwirken. Was regelmässig zur Selbstüberforderung führte. Bis zu Zuständen, wo sie nach wenigen Metern nicht mehr laufen konnte.

Ist das nun „ADHS“? Wenn ich die Fragebögen verwende, sicher nicht. Zwar hätte sie jetzt auch nach den DSM-V-Kritierien immerhin Einschränkungen auch vor dem 12. Lebensjahr. Aber eben keine klassischen Symptome der ADHS-Kernproblematik. (Die hat sie jetzt in Form von Konzentrationsstörungen und Impulskontrollstörungen sehr wohl).

Aber sie hat durchaus das von mir in einem anderen Beitrag beschriebene DESR-Problem und ein Vollbild von Internalisierungsproblemen mit „atypischer Depression“ und zahlreichen körperlichen Erschöpfungssyndromen wie Infektanfälligkeit, wiederkehrenden unklaren „Halsbeschwerden“ etc.

Mein (an anderer Stelle ja häufig kritisiertes) Bauchgefühl sagt mir, dass es genau die in dem Artikel beschriebenen vegetativen Angstsymptome bzw. inneren Anspannung sind, die da eine Rolle spielen. Und eine Erklärung dafür sein könnten, warum bisherige psychotherapeutische und medikamentöse Behandlungsversuche (einschliesslich einer abgebrochenen beruflichen Rehabilitationsmassnahme) nicht weiter führten.

ADHS und Angststörungen

Wenn man sich mit der Fachliteratur zum Thema Komorbiditäten bei ADHS beschäftigt, fallen sehr unterschiedliche Häufigkeitsangaben im Bereich Angststörungen auf. So kann man Prävalenzraten von 40 bis 50 Prozent für das zeitgleiche Auftreten von Sozialer Phobie, Panikstörungen, Generalisierter Angststörungen oder schweren phobischen Störungen lesen. Andere Autoren sprechen von 10 bis 25 Prozent und weisen besonders auf das Auftreten von Generalisierten Angststörungen hin.

Ehrlich gesagt : Ich habe in den ganzen Jahren selten eine Angststörung bei Erwachsenen mit ADHS diagnostiziert. Vielleicht habe ich da Störungen übersehen. Zu Beginn meiner Auseinandersetzung mit ADHS im Erwachsenenalter hätte ich besonders das Auftreten von Sozialen Ängsten erwartet. Tatsächlich finden sich auch häufig entsprechende Unsicherheiten bzw. negative Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen, die dann zu einer entsprechenden Unsicherheit führen.

Eine ganz klassische Soziale Phobie mit einer Angst vor Blamage bzw. einem Meiden von entsprechenden sozialen Situationen habe ich aber eher selten festgestellt. Zudem muss man häufig sagen, dass tatsächlich eben Vorfälle waren, die eben ungewöhnlich, auffällig oder in der ein oder anderen Form peinlich WAREN. Es war also nicht allein die gedankliche Übertreibung bzw. phobische Ausgestaltung der Situation, die die Betroffenen beschäftigte. Vielmehr war es eher so, dass sie eben immer wieder ins Fettnäpfchen getreten waren. Aber dennoch eben ähnliche Situationen immer und immer wieder aufsuchten.
Das würden die meisten Angstpatienten eben gerade nicht machen. Sie würden die Situationen meiden bzw. in ihrer gedanklichen Beschäftigung würde eine Art Katastrophisierung eintreten, was die anderen Menschen nun von ihnen denken könnten.

Anders ausgedrückt : Ein Angstpatient befürchtet, dass er in ein Fettnäpfchen getreten sein könnte, wo weit und breit kein Problem bestand. Auslöser war meist eine einmalige Situation, die als peinlich bzw. beschämend in der Öffentlichkeit erlebt wurde.
ADHSler erleben wieder und wieder Situationen, die ihnen eigentlich peinlich sein MÜSSTEN. Die sie aber zunächst gar nicht so wahrnehmen

Ähnlich erscheint es mir im Bereich Generalisierter Angststörung. Vor 2 Tagen habe ich in „meiner“ neuen Klinik einen über 50 jährigen Patienten kennengelernt, der u.a wegen einer vermuteten Bipolaren Störung in der Klinik war. Eine Exploration dieses Mannes gestaltet sich schwierig, da er einen ganzen Haufen von unterschiedlichen Themen gleichzeitig und locker assoziiert anspricht. Meistens natürlich Probleme bzw. Sorgen. In der englischsprachigen Literatur würde man vielleicht von „worries“ sprechen. Also ein ziemlich ungeordnetes Mischmasch von aktuellen, zukünftigen und weit zurückliegenden Problemfeldern.
Weder von der persönlichen Bedeutung für den Patienten, einem subjektiven Schweregrad noch hinsichtlich einer zeitlichen Zuordnung ist dabei eine Ordnung zu erkennen. Und das, obwohl er sich auf einem Zettel zahlreiche Dinge aufgeschrieben hat.
Ähnlich muss es ihm wohl in Telefonaten mit seiner Frau ergehen, wo sie deshalb immer wieder aneinander vorbeireden (bzw. -telefonieren). Es sind schlicht keine Prioritäten zu erkennen, bzw. eine ganz aktuelle kleine Problematik kann zum Aufhänger für einen Streit werden, während wirklich „wichtige“ Themen gar nicht mehr angesprochen werden können.

Diese Sorgen erscheinen dann in der Summe wie eine Generalisierte Angststörung. Der Patient erscheint unruhig und getrieben, er macht sich über so viele Dinge gleichzeitig Sorgen, dass es für einen Therapeuten zur Herausforderung wird, sich ein Thema zu greifen.

Aber ist das eine Generalisierte Angst ? Nach meiner persönlichen Meinung fehlt auch hier das Kennzeichen von Angst im Sinne von Vermeidungsverhalten. Zudem sind ja gerade die Sorgen des Patienten (oder die Sorgen seiner Angehörigen) durchaus berechtigt. Vielleicht mal scheinbar übertrieben bzw. in der Wichtigkeit scheinbar unpassend vorgebracht. Aber im Kern ist es so, dass es dem Patienten eben gerade nicht gelingt, eine innere Aufgabenliste zu erstellen bzw. systematisch die Problembereich abzuarbeiten.
Er spürt dabei regelrecht, dass er von den Alltagsproblemen überflutet bzw. überfordert wird, kann aber andererseits keine Hilfe annehmen bzw. genauer seine Notlage erklären. Seine Angst ist also auch hier wieder „realistisch“. Zudem kommen existentielle Sorgen finanzieller oder beruflicher Natur hinzu. Ganz zu schweigen von der Sorge, wie lange seine Frau es noch mit ihm so aushalten mag.

Zwischenfazit : Für die medikamentöse wie psychotherapeutische Behandlung ist die Frage schon ziemlich entscheidend, ob eine Störung aus dem Spektrum der Angststörungen vorliegt oder sich die Problematik eher aus der Störung der höheren Handlungsfunktionen bei ADHS bzw. der Affektiven Labilität ergibt.

ADHS und Essstörungen / Bulimie und Binge Eating Störung

In den vergangenen Jahren habe ich ja schwerpunktmässig in einer Klinik für Essstörungen und ADHS gearbeitet. Da ich demnächst diese Klinik verlasse ist es Zeit für einen gewissen Rückblick auf das Thema.

Ich selber bin ja über das Thema Borderline-Störungen damals 1998/99 in Bad Bramstedt auf das Thema ADHS bei Erwachsenen gekommen. Schon damals aber eben naturgemäss auch häufig auf Bulimikerinnen mit ADHS gestossen. Der Zusammenhang von ADHS und Borderline ist heute „etabliert“.

Schon häufiger haben wir auf das Thema ADHS und Übergewicht / Adipositas hingewiesen. Wenig überraschend finden sich gerade aktuell zahlreiche neue Studien, die auch einen Zusammenhang von ADHS-Konstitution und Binge Eating Störung bzw. Bulimie zeigen.

Beispielsweise hier.

In meiner derzeitigen Psychotherapiegruppe bestätigt sich dieser Trend mehr als eindeutig. Man könnte schon behaupten: Es ist heute ein Kunstfehler, wenn man bei Vorliegen von Purging (Erbrechen) bzw. Heisshungeranfällen und Bulimie NICHT eine ADHS-Diagnostik durchführt.

Gerade weil es eben auch für die Behandlung bzw. Rückfallprophylaxe eine grosse Rolle spielt. Bei vielen Patientinen hört die innere Anspannung bzw. der Symptomdruck unter Stimulantienmedikation (bei mir bevorzugt Amphetamine) schlagartig auf. Aber auch für das Störungsverständnis ist die Diagnostik wichtig (sollte aber unbedingt umfangreich auch etwaige traumatische bzw. dissoziative Phänomene beachten).

Nicht so ganz zustimmen mag ich der Einschätzung, dass ADHS bei Anorexie keine Rolle spielt. Ich denke, dass hier schlicht die Methodik der Untersuchung „zuschlägt“. Piero Rossi hatte ja ADHS bzw. ADS als „Krankheit der negativen Gefühle“ beschrieben und zeigt dabei quasi die Grundlagen für die Entwicklung von Emotionsregulationsproblemen bzw. negativem Selbstwert auf. Bei hoher Aussenorientierung fällt dann eine entsprechende ADHS-Konstitution lange nicht auf. Aber gerade bei chronisch verlaufender Magersucht (mit Heisshungerphasen bzw. Erbrechen) sowie Selbstverletzungsdruck sollte man unbedingt eine ADHS-Diagnostik machen. Dann aber bitte durch Anamnese / Fremdanamnese und nicht allein über Fragebögen.