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«Es besteht die Gefahr, dass Kinder dumm, dick und aggressiv werden»

Der Psychiater und Hirnforscher Manfred Spitzer warnt vor den Auswirkungen des Gebrauchs von Computern, Smartphones und Spielkonsolen. Er fordert eine Rückbesinnung auf die reale Welt.

Zum Interview im Tages-Anzeiger von heute.

Siehe zum Thema ADHS & Bildschirmmedien auch hier.

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Warnhinweise auf Gewalt verherrlichenden Games?

Ähnlich wie auf Zigaretten-Schachteln, könnten Spiele-Verpackungen in den USA bald mit Warnhinweisen zu Risiken und Nebenwirkungen von brutalen Video- und PC-Games versehen werden.

Ich würde das auch für Europa begrüssen.

Weiterlesen

(Zur Serie ADHS & Bildschirmmedien)

Mit Medikamenten geht’s halt einfacher

Meine Beitragsserie zum Thema ADHS & Bildschirmmedienkonsum stiess gemäss der Besucherstatistik auf erstaunlich wenig Interesse. Diese Texte bilden beinahe das Schlusslicht der Leserstatistik. Diese Beiträge wurden rund 10x weniger angeklickt als der Beitrag über die Wenn-dann-Pläne oder den sehr oft angeklickten Text von Martin Amphetamine bei ADHS: Neues Medikament mit langer Erfahrung.

Aber wieso nur? Liegt es an meiner „Schreibe“?

Oder sind wir alle medial so vereinnahmt, dass für viele diese Thematik gar nicht evident ist? Wurden TV, Videospiele und Facebook für uns alle zu einer so grossen Selbstverständlichkeit, dass wir darüber gar nicht mehr nachdenken (wollen)? Wundere ich mich quasi, dass mir ein Alkoholiker nicht sonderlich aufmerksam zuhören mag, wenn ich über Alkohol referiere?

Wie in den Beiträgen über die ADHS & Bildschirmmedienkonsum bereits beschrieben, stelle ich auch in meinem Praxisalltag wiederholt fest, wie selten Eltern, die ich bei Bedarf zu dieser Thematik zu sensibilisieren versuche, darauf einsteigen.

Interessant ist dabei, dass es sich nicht nur um eine Frage der sozialen Schicht handelt. In der Praxis habe ich es auch mit sozial gut gestellten Familien aus dem Bildungsbürgertum zu tun. Grosse Unterschiede in der Bereitschaft, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, sehe ich – von erfreulichen Ausnahmen abgesehen – selten.

Mit Medikamenten geht’s halt einfacher …

ADHS und Bildschirmmedien (letzter Teil)

So, und nun zum vorläufig letzten Beitrag in der Serie: „ADHS und Bildschirmmedien“:

Empfehlungen
Abschliessend zu meinen konkreten Empfehlungen: Behalten Sie bitte im Auge, dass jede Familie ihren eigenen Weg finden muss, um mit den neuen multimedialen Hausforderungen irgendwie zurechtzukommen. Fertige Rezepte habe auch ich nicht.

Berücksichtigen Sie bitte ausserdem, dass es Zeit braucht, klare Regeln zum Bildschirmkonsum in der Familie aufzustellen. Und vergessen Sie nicht, dass Sie diese Regeln dann auch durchsetzen müssen. Also bitte keine Schnellschüsse.

Und ganz wichtig: Mutter und Vater müssen sich auch bezüglich Bildschirmkonsum eine „Unitè du Doctrine“ (ein gemeinsames und einheitliches Erziehungskonzept) erarbeiten. Wenn nicht beide Elternteile am selben Strick ziehen, gehen die Chancen gegen Null, der multimedialen Übermacht eine Portion Vernunft und gesunden Menschenverstand entgegenzuhalten.

Gerade bei etwas älteren Kindern ist es wichtig, dass die Eltern ihre Massnahmen begründen können. Sie müssen vor allem selbst daran glauben, dass Ihre Haltung richtig ist. Dazu ist zu empfehlen, dass sich die Eltern sachkundig machen.

Zu den Tipps:

  1. Meine Ausführungen sind geeignet, Schuldgefühle von Müttern mit ADHS-Kindern zu verstärken. Immerhin ist es Realität, dass TV, Nintendo und Handy-Games für Mütter zahlreicher Kinder mit einer unbehandelten ADHS die einzige Möglichkeit darstellt, um selbst einen Moment zur Ruhe zu kommen. Naheliegend, wenn diese Mütter nach meinen Ausführungen die Schlussfolgerung ziehen könnten, in der Erziehung definitiv versagt zu haben und halt doch schuldig für die Probleme des Kindes zu sein.
    Der erste Tipp lautet daher wie folgt: Statt in Schuldgefühlen zu versinken, welche eh nur lähmen und niemandem wirklich nützen, sollten Eltern jetzt und in Zukunft Verantwortung für das Thema Bildschirmmedienkonsum übernehmen – und handeln. Da liegt Potential drin (und nicht beim Grübeln über all die Fehler und alles Versäumte in der Vergangenheit). Positive Entwicklungen sind selbst nach katastrophalen Zuständen in Sachen Bildschirmkonsum möglich. Das sah ich nicht nur bei der Familie Hoffmann.
  2. Kinder mit oder ohne ADHS sollten meiner persönlichen Meinung nach so wenig wie möglich fernsehen. Am besten gar nicht.
  3. Falls die Eltern den TV-Konsum ihrer Kinder nicht gänzlich streichen wollen: Pro Tag nicht mehr als 30 Minuten Bildschirmmedienkonsum (also TV + DVD + Internet zusammengefasst). Und das alles erst ab dem Schulalter.
  4. Eltern sollen nicht nur die Zeit begrenzen, sondern auch die Inhalte der konsumierten Bildschirmmedien bestimmen. Dazu kommen Eltern nicht umhin, sich Zeit zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen, womit die Kinder genau spielen.
    Versuchen Sie ruhig auch einmal, sich einen der Horror-Videos anzusehen, welche einige Jugendliche konsumieren, als wäre es ein harmloser Trickfilm. Sie sollten dies aber nicht alleine tun und sich vorgängig Möglichkeiten für eine psychologische Unterstützung organisieren. Manche der Horrorfilme sind derart brutal, dass nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene traumatisiert werden können.
  5. Bei der Beurteilung der Inhalte von Videos, Computer- und Konsolespielen lade ich Sie ein, auf die angegebene Alterslimite zu pfeifen. Diese werden nämlich weder von einer Ethikkommission oder von Elternorganisationen, sondern von der Spielindustrie definiert (siehe hier). Deren Interesse gilt ausschliesslich einem hohen Profit. Nur Sie als Mutter oder Vater sollen entscheiden, was Sie Ihrem Kind zumuten wollen.
  6. Mütter: Verlasst euch auf den gesunden Menschenverstand. Wenn ihr nicht wollt, dass eure Kinder Baller-Games spielen und Krimis schauen, setzt euch durch!
  7. Während auf TV auch ganz verzichtet werden kann, stellen Computer und Internet eine wertvolle Möglichkeit dar, sich sozial besser zu vernetzen und sich Wissen anzueignen. Auch Computerspiele haben durchaus ihre Berechtigung, die Frage ist nur welche. Meine Empfehlung: Beschränken Sie sich auf Computerspiele, bei welchen die Kinder mit Punkten oder einem höheren Level belohnt werden, wenn sie nachdenken und nicht nur dann, wenn sie blitzschnell reagieren.
    Leider ist die Auswahl an Spielen, bei welchen wirklich kreativ gedacht werden muss, erschreckend klein. Kinder ab 10, 11 Jahren können aber in Begleitung eines Elternteils lernen, zum Beispiel den Flugsimulator von Microsoft zu bedienen. Dieses Simulationsspiel gibt es seit 30 Jahren und wurde immer weiter entwickelt. Ein anderes Beispiel sind Schachprogramme oder einfache Bildbearbeitungsprogramme. Wichtig ist, dass die Kinder nicht einfach vor den PC gesetzt werden, sondern dass sich der Vater oder die Mutter die notwendige Zeit nimmt, das Kind wenigstens zeitweise bei seinen Ausflügen in die virtuelle Welt zu begleiten.
  8. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. Kontrollieren Sie, was Ihr Kind im Internet konsumiert. Sie können das mit geeigneten Filterprogrammen machen, welche auf dem PC installiert werden können.
  9. Kontrollieren Sie auch regelmässig das Handy Ihres Kindes. Haben Sie keine Angst, es stellt keinen Eingriff in die Privatsphäre dar, sondern zählt zu den vorsorglichen Massnahmen, für welche die Eltern verantwortlich sind. Konkret schlage ich jeweils Folgendes vor: Das Kind soll eine erwachsene Person Ihres Vertrauens vorschlagen, welche alle zwei Wochen das Handy und deren Inhalte kontrolliert. Diese Person sichert dem Kind zu, persönliche Inhalte nicht weiterzutragen. Das Kind muss ganz genau wissen, was nicht drin liegt. Für die meisten Familien sind das Bild- und Videomaterial mit sexuellen oder gewalttätigen Inhalten, keine Mobbing-Filmchen, keine Kontaktpflege mit unbekannten Personen.
  10. Spielen ist ein wichtiges Element der Kindheit. Kinder lernen viele Dinge spielerisch und spielend erfahren Kinder ihre Umwelt. Auch in der digitalen Welt hat das Spielen für Kinder einen hohen Stellenwert. Computer spielen ist für Kinder eine der häufigsten Nutzungsformen des Computers. Geben Sie Ihren Kindern aber besser die Gelegenheit zum echten Spiel und zu echten sinnlichen Wahrnehmungen. Also nicht nur zweidimensionale Welten, welche die Entwicklung eines gesunden Wahrnehmungssystems behindern können, sondern hauptsächlich 3-dimensionale Erlebnisse, die das Wahrnehmungsvermögen des ganzen Körpers und vor allem aller Sinne ansprechen.
  11. Auch wenn es vielen Eltern nicht passt: Gleichaltrige, sogenannte Peergruppen, haben ab einem bestimmten Alter einfach mehr Einfluss auf Kinder als die Eltern. Kinder wollen irgendwann durch Gleichaltrige anerkannt werden. Sie wollen „ankommen“ und im Mainstream mitschwimmen. Im Klartext heisst das leider oft, dass ein Kind, welches nicht dieses oder jenes PC-Spiel hat oder spielen darf oder diesen oder jenen Film nicht gesehen hat, von der Gruppe ausgelacht oder gar ausgeschlossen wird. Ich habe in der Praxis immer wieder Kinder, welche massiv darunter leiden.
    Trotzdem: Würde Ihr Kind mit Gleichaltrigen kiffen oder Bier trinken, wäre es sonnenklar, dass Sie sofort intervenieren würden. Soziale Anerkennung durch Gleichaltrige hin oder her. Tun Sie das bitte auch hinsichtlich Bildschirmmedien. Die Folgen eines zu hohen Konsums von Bildschirmmedien können schlimmer sein, als ein ein- oder zweimaliges Ausprobieren von Cannabis.
    Wie schon gesagt: Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden, mit all diesen Herausforderungen zurechtzukommen. Die Nutzung des Computers und des Internets ist aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken und auch der völlige Verzicht darauf bringt die ADHS-Symptome nicht zum Verschwinden. Sie als Eltern können aber durch eine aktive, massvolle und kritische Regulierung des Konsums neuer Medien durchaus dazu beitragen, dass verschiedene ADHS-Symptome gemildert und abgeschwächt werden können und somit – ergänzend zu Massnahmen und Therapien – eine wichtige Hilfe für Ihr Kind sein.

Das war’s.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Übersicht über alle Beiträge zum Thema: „ADHS & Bildschirmmedienkonsum“

ADHS und Bildschirmmedien (Teil 26)

Verursacht Bildschirmmedienkonsum ADHS?
Heisst das alles nun eigentlich, dass ADHS in der Folge eines überhöhten Bildschirmmedienkonsums entsteht? Einiges deutet tatsächlich darauf hin. Auch wissenschaftliche Studien weisen in diese Richtung. Trotzdem: Ich habe in meiner Arbeit bisher keine Beobachtungen machen können, welche auf einen zwingenden Kausalzusammenhang zwischen ADHS und Bildschirmmedienkonsum hinweisen könnten. So behandelte ich beispielsweise eine ganze Reihe von Kindern mit einer ADHS, deren Eltern eine Landwirtschaft betreiben. Diese Kinder sind oft draussen, haben vielen Kontakt mit der Natur, schauen kaum fern – und leiden trotzdem an einer ADHS. Ausserdem stelle ich immer wieder fest, dass sich bei meinen jungen Patientinnen und Patienten relevante ADHS-Symptome schon sehr früh in der Kindheit manifestierten, zu einem Zeitpunkt also, an welchem Bildschirmmedien noch gar keine Wirkung entfalten konnten.

Ich weiss aber zwischenzeitlich aus meinen Erfahrungen in der psychotherapeutischen Arbeit mit ADHS-Betroffenen, dass ein problematischer Konsum von Bildschirmmedien die ADHS-Problematik eines Kindes massgeblich verschärfen kann. Und ich bin mir heute sicher, dass positive Veränderungen im Bildschirmmedienkonsumverhalten bei sehr vielen Kindern den Therapieverlauf positiv beeinflussen können. Dabei geht es nicht um ein Entweder-Oder (also „Velo-Projekt“ statt Ritalin), sondern darum, dass eine Behandlung von Kindern mit einer ADHS massgeblich optimiert werden kann, wenn die leider häufig vorliegende Medienkonsum-Problematik mit reflektiert und modifiziert wird.

Letzztr Teil: Morgen 20:00, gleicher Kanal.

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