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Prof. Niels Birbaumer und ADHS-Bashing

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Ganz ohne Zweifel ist Prof. Niels Birbaumer, Direktor des Tübinger Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensbiologie an der medizinischen Fakultät, einer der wissenschaftlich renommiertesten Neurowissenschaftler in Deutschland, vielleicht sogar weltweit. Er wurde vielfach für seine wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnet, sein Ruf steht eigentlich völlig außer Frage.

Ein Kernarbeitsgebiet von Birbaumer ist die Plastizität des menschlichen Gehirns, d.h. die Fähigkeit des Gehirns sich fortwährend durch Umbau auf Herausforderungen und Veränderungen biologisch anzupassen. Dementsprechend gehört die Verhaltenmedizin bzw. sogenannte behaviorale Therapieansätze in verschiedenen Bereichen zu seinem Arbeitsgebiet.

Aufmerksamkeit im Bereich ADHS hat nun eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Neurofeedback als Therapiemethode bei ADHS für Kinder, Jugendliche und Erwachsene beschäftigt. U.a. durch Zeitungs- und Fernsehbeiträge der Mitarbeiterin Frau PD Dr. Strehl stand daher die Arbeit in Tübingen im Interesse der Öffentlichkeit.

Prof. Birbaumer hat nach eigenen Angaben in seiner bewegten Kindheit selber Probleme mit dem Lernen und wohl auch der Verhaltenskontrolle und –steuerung gehabt. Auch in der Öffentlichkeit steht Birbaumer so dazu, in seiner Jugend eine Jugendbande geleitet zu haben und u.a. auch wegen Autoaufbrüchen in Jugendarrest gewesen zu sein. Nachdem er erst eine Lehre gemacht hat, ist er dann über mehrere Umwege schliesslich in den akademischen Bereich gekommen. Er hat selbst 2 Kinder, wobei da 27 Jahre zwischen den beiden Sprösslingen liegen.

Vorurteile und Mythen zu ADHS von Wissenschaftlern
Umso irritierender ist es, wenn man nun ausgerechnet von einem solchen Psychologen und Wissenschaftler in einem populärwissenschaftlichen Buch über die Funktionen und Leistungen des menschlichen Gehirns eine Aneinanderreihung von Vorurteilen bzw. falschen Behauptungen in Hinblick auf ADHS bzw. die derzeit verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten zu lesen bekommt.

2014 wurde sein Buch „Dein Gehirn weiss mehr, als du denkst“ veröffentlicht. Im Kapitel 9 setzt sich der Autor darin mit den aktuellen Ansichten und speziell mit der medikamentösen Behandlung bei ADHS auseinander.

Birbaumer zweifelt nicht die Existenz bzw. klinische Relevanz von ADHS an, stellt aber aus meiner Sicht teilweise gefährliche und besonders auch abwertende Zusammenhänge bzw. Schlussfolgerungen, die mit der derzeit gültigen wissenschaftlichen Sicht auf die Thematik ADHS nicht vereinbar erscheint.
Leider verwendet er dabei fast alle gängigen Vorurteile bzw. auch die Sprache der Anti-Psychiatrie-Bewegungen und unterstellt Eltern von ADHS-Kindern in der Kernaussage, sie würden ihre Kinder mit Drogen = Ritalin ruhigstellen, obwohl es mit Neurofeedback völlig nebenwirkungsfreie und wirksame Methoden gäbe, die eine Verhaltenssteuerung des Kindes ermöglichen würden.

Birbaumer greift Unsicherheiten von Eltern bzw. Erziehern, Lehrer und Jugendamtsmitarbeiter zunächst zusammen, indem er schreibt :

„Ob man sie (Kinder mit ADS) mit einer ampehtaminartgigen Droge behandeln sollte, die im Sport auf der Dopingliste steht, chemisch mit Speed und Kokain verwandt ist, zu Abhängigkeiten führen kann, das Wachstum und die Bewegungsfähigkeit der Kinder beeinträchtigt und bei der Gabe an Erwachsene unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, ist mehr als zweifelhaft.“

Diese Aussage gibt schon einen gewissen Ton und leider auch die Ebene der unsachlichen Erörterung mit diesen „Zweifeln“ vor. Statt sie aber mit wissenschaftlichen Fakten bzw. klinischen Erfahrungen zu entkräften, schürt er diese Vorurteile letztlich enorm und unterstreicht dies durch seine unsachliche Wortwahl.

Für einen Hirnforscher überraschend sieht Birbaumer dabei es als keinesfalls gegeben an, ob nun ADHS eine biologische Ursache hat oder eher durch soziale Einflüsse bzw. Lernerfahrungen entsteht.

Hier erzeugt der Autor durch eine suggestive Schreibweise bzw. Zitate aus Studien den Eindruck, dass ADHS letztlich durch Gewalt der Eltern erklärbar sei bzw. dann in die Nähe der sog. Psychopathie gehöre. So würden nun womöglich Schreibabies von Vater und Mutter besonders häufig geschüttelt werden, was dann spätere Konzentrations- und Lernprobleme durch neurologische Schäden infolge elterlicher Gewalteinwirkung verstärkt werden. Diese seien ja nur die Spitze von elterlichen Frusthandlungen.

Ist ADHS die Grundlage für Psychopathie ?

Die Folgen für das Kind sind für Birbaumer :

„Das Kind wird einsam, und die Grundsteine für eine spätere „Karriere“ als Psychopath, Abhängiger und Krimineller sind gelegt.“

Um eine kurzfristige Lösung zu finden würden nun 200000 Kinder leiden, deren Eltern schliesslich nach permanenten fruchtlosen Auseinandersetzungen einwilligen, „ihr Kind unter Drogen zu setzen“.

Birbaumer zweifelt nicht an, dass Methylphenidat (von ihm jeweils mit Ritalin gleichgesetzt) eine Wirkung hat. Diese Wirkung hält er aber für gefährlich.

„Pharmazeutische Beruhigungsmittel bringen gar nichts, sie können ADS sogar verschlimmern, weil sie nur den Drang des Patienten verstärken, ein erhöhtes Erregungsniveau zu erreichen.“

Er entwickelt dazu eine These zur Wirkung von Ritalin, die nun von eine biologischen Homöostase ausgeht.

„… da es als Verwandter der Amphetamine eine ausgesprochen aufputschende Wirkung hat. Eine mögliche Erklärung (für die Konzentrationsfähigkeit bzw. Betäubung, wie Du dann so meinst) beruht auf dem biologischen Prinzip der Homöostase, wonach jeder Organismus ein Gleichgewicht der Kräfte erreichen will. Was bedeutet, dass sich der bereits erregte Körper und Geist eines ADS-Patienten durch Ritalin noch weiter – möglicherweise sogar bis zur Totalerschöpfung – hochpuschen will, sondern die Notbremse zieht und die Signale zur Beruhigung gibt.“

Leider folgen dann eine Reihe von Vorurteilen bzw. Falschaussagen zu Nebenwirkungen von Methylphenidat, die unterstreichen sollen, wie gefährlich die Medikation doch sei.

Angebliche Gefahren von Methylphenidat

Birbaumer behauptet entgegen der wissenschaftlichen Studienlage und praktischen klinischen Erfahrung

„Ritalin-Kinder bleiben in der Regel kleiner als andere“

„Je länger Menschen die Droge einnehmen, umso mehr zeigen sich in der Regel Nebenwirkungen“

Für den Autor könnte die suchterzeugende Wirkung von Stimulanzien bzw. ein Muster zur ständigen Tabletteneinnahme in eine Abhängigkeitsentwicklung bzw. Psychopathie münden.

Ritalin könne Kreativität, Spntanität und Emotionalität nachhaltig verbauen.

Aber der Neurwissenschaftler bietet die Lösung für alle Probleme selber an :

„Es existieren andere Behandlungsmethoden, die das Kind nicht mit Drogen betäuben, sondern ihm beibringen, wie es sein Gehirn so stimulieren kann, dass es zu den geforderten Konzentrations- und Anpassungsleistungen befähigt wird.“

Damit ist offenbar ausschliesslich Neurofeedback gemeint, dem der Autor dann den Rest des Kapitels widmet.

Er erzeugt den – derzeit wissenschaftlich nicht belegten – Eindruck, dass Neurofeedback eine der bisherigen multimodalen ADHS-Behandlung mit Elterntraining, Medikation und Verhaltenstherapie bzw. ggf. Ergotherapie gleichwertig, ja überlegen sei.

Ich möchte in dieser Besprechung gar nicht auf den Sinn- oder den Zweifel an Neurofeedback eingehen.

Mein persönliches Fazit ist, dass für ADHS-Betroffene bzw. Eltern und Angehörige von ADHS-Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen dieses Buch bzw. die Aussagen von Prof. Birbaumer und Frau PD Strehl aus Tübingen grossen Schaden anrichten.

Sie übernehmen nicht nur sämtliche Vorurteile über ADHS und speziell die medikamentöse Therapieoption, sie werten durch Formulierungen und Anschuldigen auch noch die Betroffenen fortwährend als inkompetent ab.

Es ist anzunehmen, dass sich das Buch gerade unter Erziehern, Lehrern, Sozialarbeitern in Jugendämtern, aber vielleicht eben auch bei Psychologen und Ärzten einer gewissen Beliebtheit erfreuen wird. Zumindest werden wir damit rechnen müssen, dass sich entsprechende Ansprechpartner sowie die Anti-Psychiatrie-Bewegung bzw. Esoteriker jetzt mit einer gewissen Berechtigung auf einen renommierten Neurowissenschaftler und seine niedergeschriebenen Aussagen berufen können.
Daher noch einmal die Eckpunkte des Konsensuspapiers der verschiedenen Berufsgruppen und Selbsthilfe zu ADHS aus dem Jahr 2002:

Bonn, 28. und 29. Oktober 2002

1. Aktuelle Prävalenzschätzungen zur ADHS gehen von 2 bis 6 % betroffenen Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 18 Jahren aus. ADHS ist damit eines der häufigsten chronisch verlaufenden Krankheitsbilder bei Kindern und Jugendlichen. Die bedarfsgerechte Versorgung dieser Patienten – die durch unterschiedliche Berufsgruppen getragen wird – ist derzeit nicht flächendeckend gewährleistet. Es besteht noch oft eine ungenügende Verzahnung kooperativer Diagnostik. Es fehlt häufig an verlaufsbegleitenden Überprüfungen der Diagnostik nach dem Einsetzen therapeutischer Maßnahmen. Die Forschung zur Evaluation der Struktur-, Verlaufs- und Ergebnisqualität in Bezug auf unterschiedliche Therapieverfahren muss intensiviert werden.

2. Bei einem nicht unerheblichen Teil der Betroffenen dauern die Symptome bis ins Erwachsenenalter an. ADHS stellt somit auch für Erwachsene eine behandlungsbedürftige psychische Störung dar. Es fehlen hier verbindliche diagnostische Kriterien und angemessenen Versorgungsstrukturen. Die Behandlung mit Methylphenidat erfolgt derzeit im Erwachsenenalter „off label“, da dieses Medikament für die Behandlung von Erwachsenen bei dieser Indikation nicht zugelassen ist. (Anmerkung Winkler 2014 : Hier hat sich etwas getan, da jetzt Medikinet adult, Ritalin adult und mit gewissen Einschränkungen Concerta verfügbar sind bzw. als Nicht-Stimulans Strattera erhältlich ist).

3. In der Öffentlichkeit besteht noch weitgehende Unkenntnis und Fehlinformation über das Krankheitsbild. Schulen, Tageseinrichtungen und andere Erziehungsinstitutionen sowie an der öffentlichen Gesundheitsfürsorge beteiligte Verwaltungen (Jugendamt, Gesundheitsamt, Sozialamt, Strafvollzug und Polizei) müssen verstärkt über ADHS informiert werden. Die Konsensuskonferenz erhebt die Forderung nach einem Awareness-Programm als gemeinsame Aktion.

4. Für eine korrekte Diagnosestellung ist eine umfassende Diagnostik und Differenzialdiagnostik anhand anerkannter Klassifikationsschemata erforderlich. ADHS ist nach den Kriterien der ICD-10 oder DSM-IV zu diagnostizieren. Grundlage der Diagnosestellung sind Exploration und klinische Untersuchung mit Verhaltensbeobachtung. Die störungsspezifische Anamnese soll Familie und weiteres Umfeld (z. B. Schule) einbeziehen und aggravierende sowie entlastende Umgebungsfaktoren berücksichtigen. Fremdbeurteilungen durch Lehrer und Erzieher sollen einbezogen werden. Die Benutzung von Fragebögen als diagnostische Hilfen ist sinnvoll. Intelligenzdiagnostik und Untersuchung von Teilleistungsschwächen sollen das diagnostische Mosaik ergänzen. Die differenzialdiagnostische Abklärung zu anderen Erkrankungen mit ähnlichen (Teil-) Symptomen und die Erfassung von Komorbiditäten bildet einen notwendigen Baustein zur Diagnosesicherung. Eine solche multimodale Diagnostik bildet die Grundlage der multimodalen Behandlung. Die Diagnostik der ADHS ebenso wie die Therapie orientieren sich an den evidenzbasierten Leitlinien der beteiligten Fachverbände. Derzeit scheitert diese Diagnostik noch in einigen Regionen Deutschlands an der Versorgungsrealität. Um eine Verbesserung der Versorgungsstrukturqualität zu erreichen, muss diesem Umstand von der Politik Rechnung getragen werden.

5. Es besteht Einigkeit, dass eine qualitätsgesicherte Versorgung von ADHS unter Einbeziehung aller beteiligten Berufsgruppen notwendig ist. Die Therapie der ADHS ist als multimodales Behandlungsangebot definiert. Nur ein Teil der Kinder bedarf der medikamentösen Therapie. Nach ausführlicher Diagnostik und erst wenn psychoedukative und psychosoziale Maßnahmen nach angemessener Zeit keine ausreichende Wirkung entfaltet haben, besteht die Indikation zu einer medikamentösen Therapie. Stimulanzien wie Methylphenidat stellen empirisch gesicherte Medikamente zur Behandlung der ADHS dar, wobei der langfristige Einfluss dieser Medikation auf die Entwicklung des Kindes verstärkt erforscht werden muss. Auch andere Medikamente haben ihre Wirksamkeit bewiesen. Im Vorschulalter soll erst nach Ausschöpfung aller Maßnahmen eine medikamentöse Behandlung in Erwägung gezogen werden. Für die Behandlung sind spezielle Kenntnisse der Entwicklung des Kindes auf biologischer, psychischer und sozialer Ebene Voraussetzung.

6. Die spezielle Indikationsstellung zur medikamentösen Behandlung mit Stimulanzien ist im Einzelfall ebenso wie die Entscheidung über Zeitpunkt, Dauer und Dosis sorgfältig und entsprechend dem aktuellen wissenschaftlichen Standard zu treffen. Auf altersspezifische Besonderheiten im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter ist zu achten. Jede medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien ist in ein umfassendes Therapiekonzept im Sinne einer multimodalen Behandlung eingebunden. Jede medikamentöse Behandlung bedarf als Mindeststandard einer intensiven ärztlichen Begleitung und ausführlichen Beratung. Die alleinige Verabreichung von Stimulanzien ist keine ausreichende Behandlungsmethode. Der Ausbau von Versorgungsstrukturen für begleitende psychosoziale und andere therapeutische Maßnahmen muss von der Politik intensiv unterstützt werden.

7. Die bedarfsgerechte Versorgung erfordert eine enge Zusammenarbeit der Ärzte untereinander (Kinder- und Jugendärzte, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychiater, Allgemeinmediziner) und mit Psychologen, Psychotherapeuten, Pädagogen, Heilmittelerbringern (z.B. Ergotherapeuten) und Selbsthilfeverbänden. Die enge Zusammenarbeit mit weiteren an der gesundheitlichen Versorgung beteiligten Berufsgruppen ist notwendig. Auch Familien, Schulen und weitere psychosoziale Bereiche sind dahingehend einzubeziehen, dass einer schädlichen Desintegration der Kinder vorgebeugt wird.

8. Je nach Fachgruppe und therapeutischer Ausbildung besteht eine unterschiedliche Qualifikation zur Behandlung von ADHS. Die Verbesserung der Qualifikation muss daher differenziell erfolgen. Ein modulares Fortbildungskonzept mit unterschiedlicher Gewichtung der Inhalte ist anzustreben. Grundlage dieses Konzeptes soll empirisches Tatsachenwissen über Entstehung, Verlauf und Therapie von ADHS sein. Ein allen Berufsgruppen zugängliches Basiswissen stellt diese auf jene Minimalebene, die die Grundlage für interdisziplinäre Zusammenarbeit bildet. Eine fachübergreifende gemeinsame Fortbildung im Sinne einer gemeinsamen wechselseitigen Erkenntniserweiterung in regionalen Netzwerken ist anzustreben. Daraus ergibt sich die Möglichkeit einer qualifizierten Kooperation.

9. Interdisziplinäre Zusammenarbeit beruht auf der Fachkompetenz und dem wechselseitigen Respekt der beteiligten Berufsgruppen. Die Verantwortung über eine medikamentöse Therapie liegt immer in der Hand des Arztes. In das Behandlungsnetz werden auch andere Berufsgruppen einbezogen (z.B. Psychotherapeuten, Ergotherapeuten). Empirische Untersuchungen zur Wirkungsweise ergotherapeutischer Maßnahmen bei ADHS sind notwendig und erwünscht. Die psychotherapeutische Behandlung erfolgt entsprechend den Leitlinien der Fachgesellschaften. Ziel ist ein multimodales störungsspezifisches Vorgehen zur Behandlung der Kernsymptomatik und der Begleitstörungen auf Evidenzbasis. Erziehungsberatungsstellen werden unter einer pädagogischen Zielsetzung im Rahmen kooperativer Netzwerke tätig. Auch Kindergärten, Tagesstätten und Schulen sollen in das Behandlungsnetzwerk als Beobachter und mit basalem Sachwissen als Kompetenzpartner einbezogen werden. Dahingehend besteht eine Fortbildungsnotwendigkeit. Der Ausbau regionaler und überregionaler Netzwerke stellt ein wichtiges Zukunftsziel dar.

10. Es besteht die Notwendigkeit eines Leistungsanreizes für die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Die zeit- und arbeitsaufwändige interdisziplinäre Netzwerkarbeit muss leistungsgerecht honoriert werden. Fragen der bedarfsgerechten Versorgung sollen durch verstärkte Forschungstätigkeit geklärt werden. Fachärztliche Weiterbildung sollte finanziell unterstützt werden. Es besteht eine Notwendigkeit auch die Praxisarbeit angemessen zu finanzieren, so dass eine leistungsgerechte Bezahlung der Versorgungstätigkeit erfolgen kann. In der derzeitigen Versorgungsrealität besteht ein Bedarf an kompetenten Versorgungsplätzen. Die Politik ist aufgefordert, ihren Einfluss bei den Kassen und anderen Kostenträgern (im Sinne der Leistungen des SGB V sowie SGB VIII und SGB IX) geltend machen, um zu einem solidarischen Finanzierungsmodell zu gelangen. Gerade unter einem Gesichtspunkt der kritischen Einsparungen müssen absehbare Folgekosten bei negativen Entwicklungsverläufen betroffener Kinder vermieden werden.

11. Regionale und überregionale Netzwerke sollen gebildet und die vorhandenen Netzwerke ausgebaut und solidarisch finanziert bzw. unterstützt werden, um die Verbesserung der Versorgungslage für Kinder mit ADHS zu gewährleisten. In diesen regionalen Netzwerken sollte für eine Umsetzung der Leitlinien in die Praxis gesorgt werden. Für eine Verbesserung der Fortbildung der an der Versorgung teilnehmenden Gruppen besteht eine wechselseitige Verantwortung. Die Politik wird aufgefordert, in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung und dem Bundesministerium für Familien qualifizierte interdisziplinär orientierte Arbeitsgruppen zu bilden, die eine Verbesserung der Versorgungslage und der Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern mit ADHS zum Ziel haben. Unter Einbeziehung von Interessenvertretern betroffener Familien soll der interdisziplinäre Dialog fortgeführt werden. Von der Politik wird eine Hilfestellung bei der Bestandsaufnahme bestehender regionaler Netzwerke und bei der Organisation regelmäßiger überregionaler interdisziplinärer Treffen erwünscht.

Prof. Dr. Franz Resch
Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Heidelberg

Dr. Klaus Skrodzki
Kinder- und Jugendarzt
Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Neurofeedback Erwiderung

Heute erhielt ich folgende Email auf den Blogpost zum Thema Neurofeedback . Ich finde es nur fair, von ihr diese (unaufgeforderte) Stellungnahme zu veröffentlichen.

Vielleicht hätte ich sie ja vorher um eine Stellungnahme bitten sollen, sehe aber ein Blog eben auch als ein sehr subjektives Medium, das nun jeweils die Meinung des Autors widerspiegelt und nicht alle Sichtweisen mit aufgreifen muss.
Vielleicht sollte man also besser differenzieren und schreiben: Ich habe den Eindruck durch die Veröffentlichungen der Firma, der bei Stern TV gezeigten Bilder bzw. dem Auftreten der dargestellten Personen,  falsche Werbeaussagen zu Neurofeedback vermittelt zu bekommen. Diese richten Schaden für die Darstellung von ADHS-Therapiemethoden an, wenn sie so pauschalisierend dargestellt werden. Mir lag es fern, Frau Strehl für die Darstellung von SternTV angreifen zu wollen. Ich habe ja selber schon so meine Erfahrungen mit TV-Medien und bin sehr sehr vorsichtig geworden, weil da Aussagen eben einseitig zusammengeschnitten werden.

Frau PD Strehl nimmt zur Frage der Nähe von ihrer Forschung und der Firma neuroConn wie folgt Stellung:

Sehr geehrter Herr Winkler,
lassen Sie mich richtig stellen:
1. Der Workshop bei der DGPPN wurde von der DGPPN bezahlt – und zwar mit €500 inklusive Reisekosten und Übernachtung. Sie haben so gesehen völlig recht: kein Arzt würde dafür 4 1/2 Stunden vortragen! (Und zumindest mir macht es keinen Spaß, danach noch nach Köln zu fahren und mich bis um Mitternacht ein einem Fernsehstudio aufzuhalten.)
2. Ich bin noch nie von der Fa. neuroConn für einen Vortrag oder Workshop oder andere öffentliche Auftritte honoriert worden (ich wiederhole: kein Arzt würde so etwas machen!)
3. Wenn ich Neurofeedback erkläre, benötige ich die entsprechende Technik. Da unsere Forschung aus gutem sachlichen Grund mit den Geräten der Fa. neuroConn arbeitet, kenne ich mich damit aus und benutze genau diese für meine Workshops. Wie würde wohl  ein Ultraschall-Kurs ohne Geräte funktionieren? Im Übrigen erkläre ich immer zu Beginn meiner Kurse, dass ich weder von neuroConn honoriert werde noch sonst wie in einer geschäftlichen Beziehung zu dieser Firma stehe.
4. Sie spitzen meine Aussagen auf die Behauptung zu, dass man mit Neurofeedback ADHS heilt. Das mag im Einzelfall zutreffen, bedeutet aber kein generelles Heilsversprechen. Wer auch immer für welche Therapieform dies behauptet, ist ein Scharlatan. Sollte ich so verstanden werden, ist dies schlicht falsch, denn:
5. Die Wertigkeit einer Therapie misst sich zunächst an den Forschungsergebnissen (und weder an sekundären Betrachtungen noch an Polemik). Wer sich die Mühe machen möchte, kann unsere Resultate und die anderer Kollegen (Sie haben ja schon auf die Göttinger Gruppe hingewiesen) im Original nachlesen. Gerade haben wir eine multizentrische Studie (mit den Kinder- und Jugendpsychiatrien der Unis Frankfurt, Bochum, Göttingen und dem ZI Mannheim) mit 144 Kindern abgeschlossen, in der wir die spezifischen Effekte des Neurofeedbacks im Vergleich zu einem muskulären Feedback in absolut identischem Setting nachweisen.
6. Jeder Patient soll seine Behandlung selbst wählen dürfen. Eine Patienten-orientierte Entscheidungsfindung setzt voraus, ihm die dazu notwendigen Informationen ungefiltert zukommen und ihn selbst urteilen zu lassen. Gut, wenn Ihr Blog dazu beiträgt!
Ute Strehl

ADHS Neurofeedback und Stern TV

Ich gebe zu, dass ich mich geärgert habe.
Es geht um die Werbung bei Stern TV bzw. beim Fachkongress DGPPN für eine Firma, die damit wirbt, dass mit Neurofeedback eine Behandlung mit Stimulanzien überflüssig wird bzw. ADHS geheilt werden könne.

Für Mittwoch, 26.11. wurde  in Stern-TV mal wieder ADHS zum Thema gemacht. Und eine Mitarbeiterin der Uni-Tübingen,  die Psychologin Frau PD Dr. Strehl, macht Product Placement bei RTL und der DGPPN für die Firma Neuroconn.

Wäre sie eine Ärztin, wäre dies standesrechtlich verboten. Bei Psychologen scheint es erlaubt oder zumindest toleriert zu werden.

DGPPN ist die Fachgesellschaft der Psychiater und Nervenärzte, wo die Dame vormittags einen Industrie-Workshop zum Thema Neurofeedback gibt. Die Workshop-Ankündigung bei meinen Berufskollegen verlinkt direkt auf die Firma Neuroconn, die freundlicherweise Geräte (und vermutlich auch Euronen für die Tagung bzw. die Referentin ) zur Verfügung stellt. Das hat mehr oder weniger die Seriosität einer Kaffeefahrtverkaufsveranstaltung für Staubsauger oder Rheumadecken. Wenn sich da Psychiater hin verirren, sind sie selbst schuld.

Dann geht es weiter in das Fernsehstudio, wo einmal mehr „eine lang ersehnte Alternative zu Ritalin“ angepriesen wird. So heisst es in der Ankündigung von RTL und so ist auch der Tenor auf der Seite von Neuroconn. Da Frau Dr. Strehl auch an anderer Stelle behauptet, man könne ADHS heilen bzw. das Ziel sei das Absetzen von Ritalin habe ich mich ein wenig auf der Homepage von Neuroconn herum getrieben. Und irgendwie ist mir aufgefallen, dass die Verbindung von Frau Dr. Strehl und dieser Firma bzw. überhaupt des Instituts mit der Industrie freundschaftlich eng verbunden ist.

Damit stellt sich für mich aber auch die Frage, wie unabhängig denn eigentlich die Studienlage bzw. die Arbeit in Sachen EEG-Neurofeedback ist. Weit her ist es damit jedenfalls nicht.

Daher ist es schlicht falsch zu behaupten, dass EEG-Neurofeedback ein Geheim-Tipp wäre. Es hat gute Gründe, dass dieses Verfahren eben gerade nicht in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen wird. Was ich völlig richtig finde.
Es ist auch nicht „neu“.  Und schon gar nicht eine Alternative.

Vielmehr heisst es auch vom Zentralen ADHS-Netz, dass Neurofeedback eben gerade nicht in den Leitlinien bzw. Behandlungsempfehlungen aufgenommen ist, weil widersprüchliche Ergebnisse vorliegen.

Für die AG-ADHS (Kinder- und Jugendärzte mit Spezialisierung auf ADS/ ADHS) hat Dr. Kühle eine interessante Zusammenstellung in Sachen Neurofeedback gemacht.

Neue Studien konnten Wirksamkeit und Spezifität der Wirkung von Neurofeedback bei ADHS zeigen (14-18, 36-38). Aber nur die Hälfte der behandelten Patienten erreichte in Eltern- und Lehrerratings eine Verbesserung von mindestens 25%. Eine abschließende Bewertung ist derzeit noch nicht möglich. Die Datenlage zur Evidenz der Neurofeedbacktherapie ist nicht mit der Datenlage zur Stimulanzientherapie vergleichbar.

Damit ist gemeint, dass es sehr sehr unterschiedliche Anwendungsprotokolle und praktisch keine verblindeten Studien zur Thematik gibt. Probleme sind u.a. dann auch der Transfer in den Alltag bzw. die Generalisierung. Es ist völlig unklar, welche Kinder, Jugendliche oder Erwachsene von der Methode profitieren. Und ob die Methode selber oder aber eine eigene Strategie zur Aufmerksamkeitssteuerung der Probanden selber dann den Effekt ausmacht.

Auf keinen Fall sehen aber ADHS-Experten EEG-Neurofeedback als eine Alternative zur multimodalen Therapie, die nun das Ziel des Absetzen der Medikation oder anderen Behandlungen zum Ziel hat.

Wer damit Werbung macht, stellt sich auf eine Ebene von Versprechungen von Wunderheilern und anderen Quacksalbern im Esoterikbereich.
Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun und ich finde es schlicht eine Frechheit, dass dann mit der Uni-Tätigkeit bzw. Zugehörigkeit etwas vorgegaukelt wird, was sich in Wirklichkeit auf dem Niveau einer Dauerwerbesendung bewegt.

Ich finde das Thema Neurofeedback ja an und für sich durchaus interessant. So gibt es einen aktuellen Artikel der Göttinger Arbeitsgruppe, die sich Gedanken über Modelle der Neuroregulation  bzw. Auswirkungen auf Selbststeuerung und implizites und explizites Lernen machen. Durchaus interessant.

 

ADHS Diagnostik über EEG-Wellen ?

Im Sommerloch machte eine amerikanische Meldung
ein wenig Schlagzeilen, dass die FDA in den USA ein neues Diagnostik-Tool zugelassen hätte.

Gibt es jetzt also den „objektiven“ ADHS-Test, der über eine technische Apparatur am Ende ADHS ja oder nein herausspuckt ?

Natürlich nicht.

Im Kern wird bei der Methode eine sehr lange bekannte Auffälligkeit im Bereich der Verteilung von Hirnwellen im EEG ausgenutzt. So sind die Anteile von Theta- und Betawellen im EEG von Kindern mit ADHS statistisch gesehen verändert.
Das ist an sich lange bekannt. Dysrhythmien bzw. Veränderungen im EEG dieser Art lassen sich also häufig, aber nicht immer bei ADHSlern finden. Und umgekehrt : Entsprechende Auffälligkeiten in der Regulation der Schlaf-und Wachfunktionen finden sich auch bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ohne ADHS.

Ein wenig wird ja auch im EEG-Neurofeedback dieses Gedankenspiel ausgenutzt.

Weit ausgereifter wären da schon qEEG-Verfahren, die sich auf speziellere Variationen der Reguationsdynamik von ADHS versuchen. Hier hatte der Berliner ADHS-Experte Dr. Droll Ansätze entwickelt. Aber auch hier würde man sicher nicht soweit gehen, es als einen kleinen Baustein in der ADHS-Diagnostik zu sehen. Also eher ein „nice to have“ als ein „Muss“.

ADHS-Experten finden es also gelinde gesagt sehr gewagt, wenn man mit dieser Methode nun eine ADHS-Diagnose stellen will.
Vermutlich erheben aber noch nichtmal die Anbieter diesen Anspruch.

ADHS ist eine klinisch zu stellende Diagnose.Sie erfordert eine gründliche Eigen- und Fremdanamnese. Wer sich da auf technische Spielereien verlassen will, mag das ja tun. Aber bitte dann nicht auf Kosten der Gründlichkeit. Und bitte auch nicht zu Lasten der Krankenkassen bzw. als Selbstzahlerleistung ohne diagnostischen Gewinn für die Klienten.

ADHS EEG-Neurofeedback: Gelassenheit lernen?

Auf einer Fachtagung von Experten zum Neurofeedback wurde auch mal wieder das Thema EEG-Neurofeedback besprochen.

Gelassenheit kann man lernen, so die Botschaft in dem Artikel. Ich sollte also lernen, gelassener solche Botschaften zu lesen.
Zugegeben, ich bin kein so grosser Anhänger von Neurofeedback und auch nicht von EEG-Neurofeedback. Hätte ich eine eigene ADHS-Praxis, wäre ich es wohl. Zwar übernehmen die Kassen (in aller Regel) die Kosten nicht. Aber man könnte locker mehrere Kids, Jugendliche und Erwachsene zeitgleich ankabeln und vor den Bildschirm setzen und sich quasi die Therapeutenstunden damit multiplizieren lassen. Das erzeugt bei wirtschaftlichem Druck schon mehr Gelassenheit.

Für die Kinder erzeugt Neurofeedback auch Gelassenheit. Das habe ich in meiner Verhaltenstherapieausbildung von Bernd Leplow erfahren. Leplow ist Professor für Psychologie und hat u.a seine Diplomarbeit (?) über Neurofeedback gemacht. Er war etwas „tüdelig“ (um nicht zu sagen, abgelenkt) und vergass ab und an mal, die Kopfhörer mit dem Tonsignal beim Neurofeedback anzustöpseln. Was den Ergebnissen aber überhaupt nicht schadete. Seine Probanden waren dennoch gelassener. Was er dann genauer untersuchte und ermittelte, dass eben allein schon die Ruhezeit beziehungsweise die Auszeit von normalem Alltag Entspannung bringt. Oder das Zählen der Kacheln an der Decke …

So ähnlich ist es beim EEG-Neurofeedback auch. Dabei sollen ja bestimmte Hirnwellen, die für Aufmerksamkeit stehen, verstärkt und langsamere Wellen im Übergang zum Schlaf (Delta und Theta) reduziert werden. Was natürlich bei Spielen von Konzentrationsaufgaben für Kinder auch gut klappt.

Die Frage ist nur, ob man das dann in denn Alltag (ohne Gerät) übertragen kann. Meistens klappt das nicht so dolle. Man braucht auf jeden Fall eine ganze Reihe von Sitzungen, um Effekte zu erzielen (wenn man kein Naturtalent ist). Dann zeigen sich durchaus bei dem ein oder anderen Klienten gute Effekte.

Diese ersetzen die herkömmliche ADHS-Therapie nicht. Das suggerieren aber einige Anbieteter, die einen Verzicht auf Medikamente oder aber andere Wunder versprechen. Was ich schonmal skeptisch sehe.

Helfen kann EEG-Neurofeedback also vielleicht. Vielleicht auch nicht. Gelassen bleiben.

Und zunächst die von der Schulmedizin und der Psychologie wirklich als wirksam empfohlenen Therapiemethoden anwenden. Sollte dann noch zuviel Geld im Portemonaie übrig sein, kann man auch an diese Methode denken.

Ich freue mich immer über positive Berichte von meinen Patienten zu dieser Methode. Sie bleiben aber so selten … Wobei ich aber jedem Einzelnen diese Erfolge sehr gönne. Denn: Wer hilft hat RECHT.

Gelassen bleiben.