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5 Sekunden-Regel gegen Prokrastination / Aufschieberitis

Auf der Plattform steemit.com habe ich einen ausführlichen Beitrag zum ADHS-Thema Nummer 1 gepostet : Aufschieberitis und wie man in 5 Sekunden damit klar kommt.

https://steemit.com/adhs/@martinwinkler/die-5-sekunden-regel-von-mel-robbins-als-challenge-gegen-prokrastination

Schau mal rein. 5-4-3-2-1   Jetzt

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ADHS : Krankheit der Stapel

Aufgrund der Aufschieberitis (Prokrastination) wird ADS / ADHS auch mal als „Krankheit der Stapel“ bezeichnet. Das mag stimmen.

Häufig ist es ja nun aber so, dass es bei ADHS eben dann noch einen ganzen Stapel weiterer Teilleistungsstörungen oder Probleme, aber eben auch „komorbide“ Begleit- und Folgeerkrankungen gibt. Anders ausgedrückt : ADHS kommt selten allein.

Wie dem nun auch sei : Bleiben wir einmal bei dem Bild des Stapels. Für die Betroffenen (bzw. die Eltern von ADHS-Familien) ist es so, dass sich immer mehr Aufgaben bzw. Probleme und Herausforderungen im Laufe der Zeit ergeben. Der Stapel wird höher. Und wie bei einem Stapel von Bierkästen wird es immer schwieriger, diesen Stapel vor dem Einsturz zu schützen.

Man kann sich gut vorstellen, dass ein solcher Stapel eben in „rauhen“ Umgebungsbedingungen noch weniger Halt und Sicherheit hat.

Mir geht es in diesem Beitrag eben weniger um die Aufschieberitis von Aufgaben, sondern stärker um das Bedrohungsgefühl und die Unsicherheit, wann es zum nächsten Einsturz kommt. Wie bei einem Turm aus Bierdeckeln ist es bei den ADHS-Stapeln ähnlich : Bis zu einem gewissen Ausmaß ist die Balance noch irgendwie machbar. Aber der Einsturz und damit die nächste Misserfolgsgeschichte sind vorhersehbar.

Das wiederum bedeutet, dass viele ADHSler eben in dieser ständigen Anspannung und negativen Erwartungshaltung verharren müssen, wann die nächste Katastrophe bzw. der nächste Einsturz ihres Stapels passieren wird. Und dann genau wissen, wie sich der nächste Problemstapel anhäufen wird und es in die nächste Runde der Katastrophe geht.

Nun könnte man als braver Verhaltenstherapeut ja sagen : Lassen sie es gar nicht soweit kommen. Räumen sie ihre Probleme aus dem Weg. Halten sie Ordnung. Seien sie organisiert und strukturiert.

Ja, stimmt schon. Doch fehlt es ja gerade bei der ADHS-Symptomatik an genau dieser neuropsychologischen Fähigkeit auf der Meta-Ebene. Das Überschauen wie hoch sich der Stapel entwickelt bzw. das vorausschauende Denken und Planen in Hinblick auf eigene Probleme misslingt ja gerade.
„Habe ich doch gewusst, dass es schiefgehen muss“, ist dann von Aussenstehenden zu hören. Das ist dann quasi die Krönung der Abwertung und Missachtung. Schlimm, wenn dies dann vom eigenen Partner oder eben dem eigenen Therapeuten passiert.

Was ist die Lösung für das Problem ? Hier bleibt schon das Delegieren dieser Metafunktion der Hirnleistungen erforderlich. Entweder über Coaching oder aber vorher festgelegte Pläne der Überprüfung der eigenen Situation. Das aber ist frustig, bzw. läuft der eigenen ADHS-Natur irgendwie zuwider.

Ist aber irgendwie notwendig.

Wie geht ihr mit den Stapeln und der Angst vor dem nächsten Zusammenbrechen der Selbstbeherrschung um ?

ADHS bei Erwachsenen: Verhaltenstherapie (Teil 1 von x)

Kurz vor Silvester gab es das Journal Atten Def Hyp Disorder für lau im Netz. Sorry, dass ich darauf nicht aufmerksam gemacht habe. Dort fand ich den ausgesprochen lesenswerten (englischsprachigen) Artikel von zwei (weiteren) Schweizern. Patricia Newark und Rolf-Dieter Stieglitz von der Universität Basel haben in dem Artikel „Therapy-relevant factors in adult ADHD from a cognitive behavioural perspective“ bereits im Jahr 2010 (2:59-72) eine Fleissarbeit zum Thema ADHS-Psychotherapie bei Erwachsenen zusammengestellt. Eigentlich primär aus der Sicht der (mir eigentlich eher als Auslaufmodell geläufigen Schematherapie nach Piaget) und eben im Sinne einer eher kognitiven VT nach Beck.

Ich finde den Artikel gut. Ich muss ja den Inhalt nicht gut finden, da es ja nur eine Zusammenstellung des Wissens über die Grundlagen der VT bei ADHS ist. Die Autoren können ja nichts für die Inhalte des Reviews.

Ähnlich wie mir manchmal in der Diagnostik nicht so recht klar ist, worin mein Unbehagen eigentlich liegt, so ist es bei diesem Artikel auch. Eigentlich bin ich (eher) Verhaltenstherapeut (vielleicht mit Schwerpunkt DBT = dialektisch-behavioraler Therapie) mit besonderer Vorliebe für Immaginationsverfahren (die man als VTler durchaus benutzen darf). Aber so ganz warm bin ich mit der VT bei ADHS im Erwachsenenalter bisher nicht geworden. Vielleicht, weil ich es nicht richtig verstanden habe. Vielleicht, weil mir die vorliegenden Therapiemanuale eben nach einer gewissen Zeit nicht so richtig von der Hand gehen wollten, eher also so innere Widerstände erzeugten.

Ich möchte versuche, mich an der Struktur der Übersicht von Newark und Stieglitz dem Thema Therapierelevanz in der Psychotherapie bei ADHS zu nähern. Wie so häufig bei mir, wird es mehr Fragen als Antworten aufwerfen. Befürchte ich jedenfalls.

Fangen wir mit dem Anfang an, den man (die Autoren) Introduction nennt. Da kann man schon einmal nicht so viel falsch machen, wenn man ADHS als eine neurobiologische und hochgradig vererbbare Störung mit chronischem Verlauf seit der Kindheit bezeichnet. (Nun ja, ob nun Störung oder Krankheit oder Veranlagung …).

Als überdauernde neuropsychologische Einschränkungen werden:
– Aufmerksamkeitsprobleme
– emotionale Instabilität (sic!)
– desorganisiertes Verhalten
– unzureichende Selbstregulation
– mangelnde Disinhibition (Selbstbeherrschung)
angegeben.
70-75 Prozent der Patienten in Behandlung weisen dabei mindestens eine psychiatrische Begleit- oder Folgeerkrankung auf.

Nun ist offenbar die Grundannahme der Autoren, dass die Ansammlung von negativen Erfahrungen sich negativ auf die Entwicklung von Selbstwertgefühl bzw. Selbstwirksamkeit auswirken. Schlimmer noch, es werden sogenannte innere Schemata bzw. Grundüberzeugungen über sich selbst und das Leben an sich erzeugt, die ungünstig sind. Vereinfacht ausgedrückt: Man sieht sich als Versager (sorry, das ist jetzt unfein, aber es ist ja auch meine persönliche Lesart des Artikels).

Nun sollen diese negativen Überzeugungen dazu führen, dass man in stressigen Lebensmomenten und ebensolchen Anforderungen ungünstige Bewältigungsstrategien anwendet. Hierzu zählen die Autoren Vermeidung und Prokrastination (Aufschieberitis). Weil man damit nun im verhaltenstherapeutischen Sinne keinen Blumentopf gewinnen kann (also keine Belohnungen, sondern eher negative Erfahrungen lernt) führt dies zur Aufrechterhaltung und Verstärkung von negativen Abläufen bzw. Teufelskreisen. Gefangen in diesem Mühlrad der negativen Erfahrungen verfestigen sich die negativen Selbstüberzeugungen.

Dann ist die Lösung aus VT-Sicht einfach und naheliegend: Da die ADHSler ja über jede Menge Ressourcen und Kreativität verfügen, muss man diese nur wieder für den Klienten nutzbar machen und damit schwupps halt mal die Teufelskreise auflösen. Wie das geht, lernen wir dann noch …

Mein Kommentar: Eigentlich kann man doch nicht auch bei diesen Grundweisheiten eine abweichende Meinung haben, oder?

Und doch …  Stimmen denn überhaupt diese Grundannahmen im Ansatz?

Ist ADHS eine erlernte (und damit durch Therapie verlernbare) Störung? Und sind nun die Erfahrungen erlernt oder eher erschreckt (= wiederkehrende traumatische Erfahrungen)? Das wäre hochgradig relevant, weil man Traumata eben völlig anders angehen müsste.

Wie berücksichtigt die VT von ADHS im Erwachsenenalter beispielsweise die sog. „Organismusvariable“, d.h. die ja beschriebene neurobiologische Disposition? Stimmt es überhaupt, dass ADHSler eine zu negative Selbstbeurteilung haben (oder überschätzen sich viele Betroffene nicht auch ?). Möglicherweise eckt man ja sogar gerade deshalb an, weil man eine „klare“ Sicht hat, diese aber in der Kommunikation und Interaktion falsch kommuniziert?

Fragen über Fragen, die ich jetzt nicht beantworten kann / will.

Zunächst also demnächst mehr über die Definition von Schemata bzw. Grundüberzeugungen nach Piaget / Young und Beck …

Sorry, jetzt haben wir gleich zwei Fortsetzungsromane parallel in diesem Blog.