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Pädagogische Gartenzwerge

Vorweg: Es gibt ganz ganz tolle Erzieherinnen und Lehrer und ich finde es eigentlich müssig, nun über Lehrpersonenin Hinblick auf ADHS und Entwicklungsstörungen zu schelten. Und doch kann ich mich da (syndrombedingt ?) mal wieder nicht so zügeln, wie ich es eigentlich von mir und anderen erwarten würde / müsste.

Worum geht es? Uns allen sind wohl schon Menschen begegnet, die Einfluss auf unsere Kinder bzw. auch auf uns selbst haben, die über den geistigen Horizont mit einem Radius von Null verfügen. Ihr eigener Standpunkt wird als Mass aller Dinge genommen. Sie sind in etwa so flexibel und weitsichtig wie ein Gartenzwerg.

Meinem kleinen Sohn widerfuhr nun beispielsweise vor den Herbstferien ein unschönes Erlebnis mit einer „Sport-Lehrerin“. Diese Dame war bzw. ist der Meinung, das Seilspringen essentiell für Kinder ist. Das mag sein, auch wenn ich als Arzt vielleicht nicht ausreichend die Bedeutung des Seilspringens für die schulische Karriere von Kindern beurteilen kann.
Klar ist nur, dass mein Sohn eine sog. Dyspraxie hat und u.a. deshalb die Klasse eine sog. Integreationsklasse ist. Er hat eine Schulbegleitung, da er eben speziell im Bereich der Koordination und motorischen Entwicklung (aber nicht nur dort) schwere Entwicklungsrückstände aufweist.

Soweit – so schlecht.
Nun schafft es diese Lehrerin aber, meinem Sohn Angst vor dem Sportunterricht zu machen. Das geht soweit, dass er nicht mehr zur Schule gehen wollte bzw. mit psychosomatischen Symptomen reagierte.

Glücklicherweise kamen die Herbstferien. Ich kann es mir glücklicherweise leisten, häufiger als andere Familien in Urlaub mit meiner Familie zu fahren. Und diesmal waren wir in einem Hotel mit einem Kinderclub. Erstaunlicherweise wollten sowohl mein „Grosser“ wie auch der „Kleine“ (12 und 10) da hin. Und dies war für mich umso erstaunlicher, weil dort eigentlich jeden 2. Tag irgendwelche Olympiaden mit körperlichen Übungen (vom Einbeinstehen, Teebeutelweitwurf bis eben Seilspringen) auf dem Programm standen.
Die 17- bzw. 23-jährigen Animateure haben es aus mir völlig unbegreiflichen Gründen geschafft, wie selbstverständlich jedes Kind zu integrieren. Und zwar so, dass ihnen das Programm da Spass gemacht hat und sie jeweils individuellle Fortschritte als Anreiz zurück gemeldet bekommen haben.

Und ganz nebenbei hat mein Sohn dann sogar seine Motorik und Koordination verbessert. Bis die Schule jetzt wieder los geht …

Sicher, das ist Urlaub. Aber es ärgert mich, dass wir immer wieder erst im Urlaub dann Fortschritte erleben. Das war ähnlich beim Schwimmen und anderen angeblich essentiellen Dingen, die letztlich nicht nur mit Bewegung, sondern viel mehr mit Annahme des Anderssein, einem individuellem Lern- und Entwicklungstempo und eben unterschiedliche Fertigkeiten zu tun hat.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder solche pädagogischen Gartenzwerge sofort erkennen und instinktiv nicht mögen.
Das ist dann eine Ablehnung auf Gegenseitigkeit.
Diese LEER-Kräfte beschweren sich dann bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit darüber, dass die Kinder zu laut oder sonstwie störend sind.

Aus meiner bescheidenen Sicht sollte es zum pädpagogischen ABC gehören, dass man als Lehrer RUHE in eine Klasse bekommt. Diesen Gartenzwergen misslingt es in der Regel von der ersten Minute ihres pädagogischen Da-Seins.

Eine weitere Forderung seitens der Schüler an Lehrer sollte sein, dass sie gerecht sind. Auch diese Fähigkeit spielt aus dem Blickwinkel des Gartenzwergs natürlich keine Rolle. Im Gegenteil: Gerechtigkeit bedeutet eher, dass man alle Schüler mit Verachtung und Ablehnung gleich behandelt.

Aber genug von diesem Frust …

Was mir dann auffällt: Genau diese Lehrpersonen tauchen dann bei mir mit dem Ende der Ferien in der medizinischen Reha wegen „Burnout-Syndrom“ auf. Sie könnten mit Anfang 50 keine Kinder mehr ertragen, weil diese zu unmotiviert, zu laut und überhaupt falsch wären. Die Ferien würden nicht ausreichen, sich zu erholen (Wovon ?).

ich bekomme da so einen Hals ….

Leider ist es aber so, dass man die Schulen nicht so einfach von diesen Gartenzwergen befreien kann. Im Gegenteil: Je länger sie auf ihrem Platz verharren, desto mächtiger werden sie.

Wie geht Ihr mit dieser Sorte Lehrer / Erzieher um ?

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ADHS ist kein normales kindliches Verhalten.

Bildschirmfoto 2015-01-04 um 13.17.25Über Petra Hausmann bin ich auf Facebook auf einen tollen Blogbeitrag gestossen, der sich mit den Vorurteilen auseinander setzt, dass ADHS doch quasi ein ganz normales kindliches Verhalten sei.

In dem Beitrag wird eben gerade schön beschrieben, dass die ganzen Besonderheiten der Exekutivfunktionsstörungen bzw. der Reizoffenheit und Emotionsregulation jedes normale kindliche Verhalten verunmöglicht. Und übliche Kontakte zu Gleichaltrigen zum Problem werden lässt. Gerade der Alltag und die sozialen Kontakte sind dann die Qual. Das ist nun keine Bipolare Störung oder so ein Blödsinn. Das sind syndromtypische Probleme der Emotionsregulation bei ADHS. Man kann sie ja vielleicht noch anders klassifizieren als „Temper mood ….“ , muss man aber nicht. Sollte man auch nach meiner Meinung lieber nicht.

Beispiele gefällig ? Felix hat am letzten Tag vor den Weihnachtsferien sein grosses Fussballturnier in der Schule. Die 6. Klasse gegen den Rest der Welt. Sein Müller-Trikot aus dem Türkei-Urlaub kommt endlich zum Einsatz, da er sonst eben nicht spielt. Er wird halt in keiner Fussballmannschaft lange toleriert. Und ist eher ein Bewegungslegastheniker. Dann also gegen die 6c der grosse Einsatz. Schon lange vorher erträumt.  Lehrer sind eher nicht anwesend. Die eine Hälfte des Kollegiums ist krank (oder schon im Winterurlaub), die andere Hälfte wärmt sich im Lehrerzimmer. Jedenfalls ist die Sporthalle den Kindern überlassen. Überhaupt scheint sich in den letzten Wochen Struktur in der Schule eher in Form von Wunschdenken abzuspielen. Die Schule ist quasi in Selbstauflösung begriffen. Die Kinder sich weitgehend in Form von Spiel- oder Videozeiten überlassen. Was einigen Kindern nicht schadet, aber gerade für Kinder mit Entwicklungsbesonderheiten eine kleine Hölle bedeutet. Früher aus dieser „Schule“ rausnehmen für einen Urlaub, darf man die Kinder dann aber auch nicht. Man könnte ja den Lehrern am Flughafen begegnen, die schon früher…. Wenn man das wiederum laut aussprechen würde, hätte man ja seinen Stempel als Eltern weg.

Felixs Traum ist nach 2 Minuten durch Auswechselung beendet. Er hat gerade eine Ballberührung.
Entsprechend hat er einen Gefühlsabsturz. Als von seinen Eltern geschultes Kind  für solche Situationen agiert er den aber nicht aus, sondern sagt, er müsse sich in der Toilette abkühlen. Was ja ein guter Weg einer Aus-Zeit wäre. Auf dem Weg pisacken ihn weitere Mitschüler. Aber er bleibt noch cool.
Aber er kommt aus dem miesen Gefühl nicht raus. Es klemmt.

Nun kommt tatsächlich der Sportlehrer mal wieder in die Turnhalle und vermisst Felix. Und verbreitet Hektik. Felix sei abgehauen. Die Berichte der Mitschüler klingen so, dass er aus Wut wegen der Auswechselung durchgedreht sei. Und abgehauen ist.  Wobei die Mitschüler mehr im Geschehen auf dem Spielfeld als nun am Geschehen auf der Auswechselbank waren. Seine Ankündigung zur Toilette zu gehen, ist nicht angekommen oder vergessen. Oder nicht gehört. Und so beginnt eine chaotische Suche mit dem Ergebnis, dass Felix nicht gefunden wird. Also werden die Eltern telefonisch informiert.

Die ihrem „Teufelsbraten“ durchaus solche Reaktionen zutrauen. Aber auch wissen, dass für ADHSler oder Autisten eben eher die Toilette der häufigste (ich wollte erst schreiben „liebste“) Aufenthaltsraum in der Schule sein kann. Und den Tipp geben, dort mal zu schauen.

Erst später klärt sich dann durch eine Lehrerin auf, wie es wirklich war. Was aber längst nicht imer der Fall ist. Felix hat ja einen entsprechenden Stempel weg. Selbst wenn man sich „richtig“ verhält, läuft es eben gerade nicht richtig. Und eben auch nicht kindgerecht. Denn man könnte von einem Schüler in der 6. Klasse sicher ein anderes Verhalten erwarten können.

ADHS-Eltern könnten ganze Bücher mit solchen oder ähnlichen Gefühlsregulationsproblemen schreiben. Familienbesuche zu Weihnachten oder Neujahr sind da in aller Regel gute Gradmesser (gerade gestern wieder erlebt….). Es klemmt also nicht nur einmal im Jahr, es hagelt regelmässig solche Stories.

Die aber eben auch Narben von Zurückweisung und Ausgrenzung bedeuten. Mehr als man sie eh schon im Verlauf von Schule oder Kindheit zur eigenen Entwicklung braucht oder sonst erleben würde.

Einige Eltern werden das dann als „Mobbing“ externalisieren. Und eben auch nicht an ADHS oder Exekutivfunktiosstörungen denken. Schliesslich zappelt Felix ja nicht und er bewegt sich gerne (wenn auch unkoordiniert bei Ballspielen). Aber sein Selbstwertgefühl und seine Stimmungsstabilität ist halt nicht vorhanden.

Wie ein kleines Kind halt.

Aber eben doch kein normales kindliches Verhalten.

Und wenn dann bereits im frühen Kindes- oder Teenageralter eben „Depressionen“ oder eine Häufung von psychosomatischen Beschwerden auftreten, dann ist Bagatellisieren die schlechteste Antwort auf das Problem. Es wächst sich schon aus….

Immer wieder erlebe ich dies aber noch heute in Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Da wurde dann schon im Kindesalter mal an Entwicklungsbesonderheiten bzw. eine psychologische Ursache gedacht. Und es wurde ein (mehr oder weniger bescheuerter) ADHS-Test gemacht. Was immer das auch sein mag, es wurde dann ein zu niedriger Score ermittelt. „Gott sei Dank, kein ADHS“…. Aber was denn dann ?

Normales kindliches Verhalten ist dadurch gekennzeichnet, dass sich die Kinder altersgemäss entwickeln und altersgemäss in soziale Bezügen verhalten können. Das sie die Hürden der Weiterentwicklung meistern. Nicht immer glatt. Aber doch so, dass es im Rahmen bleibt.

ADHS-Kinder fallen ständig aus dem Rahmen.

Typisch für Mädchen (bzw auch Jungs vom unaufmerksamen Subtyp) ist ja nicht, dass sie durch Zappeln oder Störverhalten auffallen. Vielmehr treten die Probleme dann auf, wenn die Hirnfunktionen (bzw. metakognitiven Fähigkeiten der Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung) gefragt sind, die eben nicht altersgemäss bei ADHS-Kindern- und Jugendlichen vorhanden ist.

ADHS sind dann eben gerade deshalb keine normalen Kinder, weil sie „zu kindlich“ sind. Sich eben nicht so verhalten können, wie es ein normales Kind täte. Sich eben gerade nicht so steuern können, wie sie es wollen. Und dies quasi bei vollem Bewusstsein selber auch spüren. Aber eben nicht ausdrücken können.

 

 

Mathe ist doof – Von der Korrektur einer Mathematikarbeit

Anhand eines fiktiven Beispiels von Nele, Schülerin einer 6. Klasse, möchte ich die Herausforderungen für Eltern bei der Korrektur einer Klassenarbeit verdeutlichen. Die Aufgaben sind echt, die Geschichte an und für sich frei erfunden. Es geht mir hier um die Bedeutung von höheren Handlungsfunktionen wie Selbstüberwachung , Handlungskontrolle und Planung, Arbeitsgedächtnis und Motivation am Beispiel einer Mathematikklausur.

Bei Nele ist bisher keine Diagnose gestellt.  Ihr Bruder hat eine ADHS vom hyperaktiv-impulsiven Typ und wird mit MPH behandelt. Hier berichte ich von einem beliebigen Sonntag, sagen wir mal den 7.12.2014. Also dem 2. Advent. Irgendwo in Norddeutschland.

Neles Papa bekommt die Aufgabe, mit Nele die Klassenarbeit Mathematik zu korrigieren. Es wird langsam schon düster im Wohnzimmer der Familie. Nicht nur von der Helligkeit, auch von der Stimmung.  Bis zum Ende des Wochenendes ist Nele damit umhergeschlichen und behauptete, dass sie noch nicht korrigiert wurde. Was sich allerdings nun nicht darauf bezog, dass der Mathelehrer die Arbeit nicht korrigiert hatte. Sondern Nele hatte sich davor gedrückt….

Was dann kam, ist die Geschichte: Mathe ist doof – oder die Korrektur der Korrektur einer Mathearbeit.

Zunächst muss man einige allgemeine Dinge zum Verständnis dieses Dramas wissen. Nele ist im Prinzip naturwissenschaftlich interessiert. Vor 3 Wochen nahm sie an einer freiwilligen Hochbegabtenförderung der Schule teil und lernte dort im Informatikprojekt eine neue Programmiersprache („Scratch“) kennen. Sie ist kreativ begabt und interessiert sich für darstellendes Spiel. Ob sie hochbegabt ist, weiss ich nicht. Tut hier aber auch wenig zur Sache.

Im Schulunterricht attestiert ihr der Mathe- und Naturwissenschaftslehrer kein Interesse an Naturwissenschaften und Mathematik. Sie habe zu viel versäumt und sei zu verträumt.

Leider findet der Mathematikunterricht überwiegend in der 5. und 6. Unterrichtsstunde statt. Es sind 32 Schülerinnen und Schüler in der Klasse. Wie mein Sohn hat Nele als „Fahrschülerin“ das Pech, morgens um 6: 30 mit dem Bus abgeholt zu werden, um dann nach 17 Minuten Fahrzeit ewig noch vor der Schule warten zu müssen. Das soll jetzt nicht die Matheproblematik erklären. Wohl aber die Umstände.

Die Arbeit wurde in der 5. oder 6. Stunde geschrieben.

Ich habe versucht, zu verstehen, was da im Kopf von Nele vorgeht. Ich gebe zu, dass ich ja auch gerne Flüchtigkeitsfehler mache bzw. dann „stecken bleibe“. Möglicherweise ist also meine Herangehensweise bzw. meine Lösungen der Korrekturen auch nicht richtig. Aber es ist eine alltägliche Aufgabe von Papas und Mamas, sich damit rumzuschlagen.

Schauen wir uns Frage 1 der Mathearbeit an :

1. Frage : Formuliere, wie man gemeine Brüche dividiert

Aus Sicht des Lehrers wird eine einfache Rechenregel abgefragt.

Als Einstieg in eine Klassenarbeit beginnt der Lehrer mit einer Aufgabe  die ein hohes Abstraktionsvermögen von Nele erfordert. Zudem muss man wissen, was ein „gemeiner Bruch“ ist.  Aus Sicht von Nele sind alle Brüche gemein, fies und ekelig. Besonders die, die der Mathelehrer stellt. Es ist schon der erste ekelige Stil-Bruch an und für sich, so anzufangen.

Dafür können die Brüche aber nichts.

Aus Sicht eines Schülers ist das ein sicherer Ausstieg aus der Klassenarbeit. In der Arbeit wusste Nele  die Antwort, konnte sie aber nicht als Antwort so formulieren, wie es der Erwartung der Lehrer entsprach.

Die Antwort in der Korrektur der Klassenarbeit lautet : „Mann dividiert gemeine Brüche, in dem man das Reziproke des Divisors Multipliziert“.
Inhaltlich richtig, Nele  macht jetzt Flüchtigkeitsrechtsschreibfehler beim Abschreiben. Übrigens hat auch der Mathelehrer hier einen Fehler in der Rechtschreibung übersehen… Das lassen wir mal so durchgehen..

2. Rechenaufgaben = Berechne

Bei diesen Aufgaben ist leider allein schon von der Feinmotorik häufig nicht zu erkennen, welche Zahl Nele  eigentlich schreibt. Besonders die 5 sieht wie ein b aus.

Erkennbar ist übrigens über die gesamte Arbeit, dass die Schrift schlechter wird, bzw. sie die Zeilen dann nicht mehr einhalten kann.

a)     4/7 + 2/14
Hier vergisst sie das Kürzen und rechnet richtig (aber umständlicher)

8/14 + 2 / 14 = 10/14
Das ist ja richtig, aber unvollständig gekürzt

Einfacher wäre gewesen, wenn sie 4/7 + 1/7 gerechnet hätte = 5/7

b)

2  3/8 – 1  3/4
Sie  rechnet es richtig auf Achtel um

Also 16+3 / 8   – 8+3/8 =   19/8- 14/8 =   5/8

Super gemacht !

c) 12/9 * 72/3 =

Nele kommt auf 36 , hat aber den richtigen Rechenweg und kommt dann bei der Multiplikation von 4 * 8 auf 36 statt 32.

Richtig wäre zunächst 4/3 * 72/3 = 4/3 * 24/1 = 96/3 = 32

oder eben einfacher über Kreuz kürzen = 4/1 * 8/1 = 32

d) 21/7 :  63/3
richtig gerechnet, nicht gekürzt.

richtig wäre
21/7 * 3/63 zu rechnen, was sie  auch gemacht hat und auf 3/21 kommt.
Das kann man aber eben auch kürzen auf 1/7.

Rechenweg bzw. Rechenregel also gut verstanden, aber unvollständig angewendet.

Bei der Korrektur der Klassenarbeit vergisst Nele zunächst die Teilaufgaben zu trennen (in 2 a bis d). Zudem schreibt sie  die Aufgaben so eng nebeneinander, dass man keinen Abstand erkennt.

Sie  muss 3 mal neu anfangen und die erste Aufgabenkorrektur nochmal abschreiben. Je häufiger sie schreibt, desto unleserlicher wird die Schrift.

An dieser Stelle kommt es zum Konflikt zwischen Papa und Nele. Nele macht dicht und Papa wird immer wütender und hilfloser. Nele verschränkt die Arme auf dem Tisch und vergräbt ihren Kopf in den Armen. Sie schaut nicht mehr auf das Blatt Papier.

Sie schaltet ab. Dann wird sie aggressiv und wirft Gegenstände um sich.

Papa versucht, sie wieder zurück zur Aufgabe zu holen. Wird dabei immer wütender und hilfloser. Was Nele spürt und noch mehr dicht macht.

„Ich bin doof“ , so Nele.
„Papa hat mich nicht lieb und mein Bruder wird ständig bevorzug“

„Ich geh nicht mehr zur doofen Schule“

Papa beschliesst auf Rat seiner klugen Frau, hier aufzugeben. Er schickt den Rest der Familie Richtung Weihnachtsmarkt, wo eine Sonderverlosung von bereits am Vormittag gekauften Losen ansteht.

Dann hat er seine Ruhe und versucht sich wieder soweit runter zu regulieren, dass die Familie zurück kommen kann.

3. Bestimme x

Beispiele a)
7/5 -x = 1
richtig gerechnet, falsch aufgeschrieben

7/5-1 = x   Also zunächst die Aufgabe nach x umformen, indem ich x nach rechts der Gleichung hole und dann die 1 nach links (also von den 7/5 abziehen muss)

x = 2/5

Machen wir die Gegenprobe bzw. Plausibilitätsprüfung
7/5 = 1 2/5

wieviel muss ich davon Abziehen, damit ich 1 bekomme ?
Richtig : 2/5

b) 2/9 * x = 2/3
Nele  schreibt als Antwort 2/9 * 2/1 = 2/3

spätestens hier wird klar, dass die Aufgabenstellung bzw das Prinzip der Gleichung mit einer Unbekannten = x  überhaupt nicht mit eigenen Worten wiedergegeben werden kann.

Nele  müsste zunächst die Gleichung so umformen, dass x auf der einen Seite allein steht

dazu muss man

2/9x = 2/3    um x allein zu bekommen muss ich die rechte und die linke Seite der Gleichung jeweils durch 2/9 teilen

also

x = 2/3 * 9/2

jetzt 2*9  /  3*2 richtig kürzen (jeweils durch 2 und 3 ) oder als Zwischenergebnis
x= 18/6

x= 3

Gegenprobe zur Selbstkontrolle
2/9 * 3 = 6/9 = 2/3   stimmt also…

Teilen erfolgt nach der Aufgabe 1 der Klassenarbeit, indem ich mit dem Kehrwert (oder Reziprok) arbeite. Diese Aufgabe ist also im Prinzip eine simple Anwendung der Rechenregel von Aufgabe 1.

Nele  kennt die Rechenregel. Sie  weiss nur nicht, wie  sie hier angewendet werden  muss. So wie die Rechenregel in Aufgabe 1 als Korrekturantwort formuliert wurde, wundert mich das allerdings auch nicht.

Es mag mathematisch korrekt sein. Verbildlicht bzw. erklärt aber überhaupt nicht, was getan werden muss.

Kommen wir zur Aufgabe 3 c

25 : x = 1 /25

Nele  schreibt 25 : 25 = 1/25
Was will diese Aufgabe ? Ich muss wieder versuchen, x allein auf einer Seite zu haben.
Beispielsweise :
25/x = 1/25

25 = 1/25 *x    ich nehme  beide Seiten mit x mal.

25* 25 = x    ich muss beide Seiten der Gleichung mit 25 malnehmen

625 = x          hier muss ich aufpassen, dass ich keinen Flüchtigkeitsfehler machen

Diesen Teil der Klassenarbeitskorrektur hat Nele  „vergessen“.  Ich vermute, weil sie  gar nicht verstanden hatte, was da von ihr gewollt wurde.

Das bedeutet für mich, dass man diesen Aufgabentyp noch üben müsste bzw. überhaupt nochmal mit ihr  besprechen und bildlich erklärt werden muss, was da von ihr verlangt wird. Das wäre durchaus eine Aufgabe von Nachhilfe, da dort ein Wissensdefizit besteht.

Aufgabe 4 .

Für ein Erfrischungsgetränk mischt Anna 3/4 Liter Mineralwasser und 3/8 Liter Zitronensaft. Sie verteilt das Getränk gleichmässig auf 7 Gläser. Wie viel Liter sind in jedem Glas?

Zunächst muss man versuchen, alles auf Achtel umzurechnen.
Bleiben wir erstmal anschaulich. 3/4 bedeutet, dass bei einer Literflasche 750 ml drin sind bzw. 6/8 l (jeweils mal 2 genommen)

Wir haben also 6/8 Mineralwasser und 3/8 Zitronensaft (oder 2 Teile Mineralwasser und ein Teil Zitronensaft). Zusammen 1,125 l, die wir auf 7 Gläser gleichmässig verteilen sollen.

9/8 = 1 l und 1/8 Erfrischungsgetränk sollen jetzt auf 7 Gläser verteilt werden.

Das macht mir die Mathelehrerin  dann bitte beim nächsten Elternsprechtag mal praktisch vor, wie exakt sie das macht. Ich spendiere die Flaschen.

Füllen Sie bitte in der nächsten Mathestunde aus den Flaschen mit dem Gesamtinhalt 1,125 l in übliche Trinkgläser von 250 ml die 7 Teile ein, so dass jedes der 7 Kinder exakt den gleichen Anteil von 9/56 l  = 0,16071429 l erhält.

In der Klassenarbeit hat sie  den Rechenweg völlig richtig :

(3/4 + 3/8) :7 = x

Sie  rechnet weiter richtig:

x= 9/8 * 1/7

Dann kommt ein Flüchtigkeitsfehler und sie  kommt zu dem Ergebnis 1/56, weil zwar richtig im Nenner 8*7 zu 56 multipliziert, dann aber im Nenner nicht 9*1 sondern nur 1 behält.

x = 9/56 l

Kann man da eine Kürzung vornehmen ? Nee.

Kann man das verständlicher machen ? Ja.
Für diese Aufgabe möchte ich den Mathelehrer für die Lehrkraft des Monats vorschlagen. Er  hat entweder selbst die Aufgabe vorher nicht durchgerechnet und erkannt, dass es sich um eine völlig unpraktische Grössenordnung im Ergebnis handelt, oder aber – weit schlimmer – dies vorsätzlich in Kauf genommen oder absichtlich so „brüchig“ geplant.

Das ändert nichts an der falschen Lösung der Aufgabe.

Aber spätestens hier steigt ein Kind mit Störungen der höheren Handlungskontrolle aus. Weil es doch nicht sein kann, dass bei einer scheinbar so pragmatischen / zweckgebundenen Aufgabenstellung und eine Menge von 1 l und 125 ml nun so eine krumme Zahl herauskommt, die man gar nicht einfüllen kann.

Viele (Kinder) denken zweckgebunden bzw. versuche, sich ein Bild von der Lösung zu machen. Dies muss doch hier misslingen und es kommt zu einem Konfusionszustand im Gehirn.

Schlimmer ist die Korrektur der Klassenarbeit.

Nele  kommt in der Korrektur der Klassenarbeit auf 63/8 l Mischgetränk . Damit vermehrt sich jetzt das Erfrischungsgetränk schlagartig…

Hier wird klar, dass  die Grössenordnungen gar nicht beachtet bzw. eine Plausibilitätsprüfung unterbleibt. Die Aufgabenstellung ist aber eben auch so, dass es an fehlender Zweckmässigkeit bzw Anschaulichkeit nicht zu überbieten sein dürfte. Und das, obwohl es sich ja um eine durchaus anwendungsorientierte Aufgabe handelt.

Nele rechnet jetzt
(3/4 * 3/8) : 7   und macht sich das Leben unnötig schwer, weil sie Addition und Multiplikation verwechselt, obwohl sie es in der Klassenarbeit ja richtig hatte.

Für mich ist gerade die Korrektur ein Beispiel dafür, dass sie  die Aufgabenstellung überhaupt nicht mit einem praktischen Sinn verknüpft. Man könnte fast an eine Dyskalkulie denken, wäre nicht die Aufgabenstellung wiederum derart un-sinnig in der Grössenordnung, dass kein normal denkender Mensch auf das Ergebnis kommen würde bzw. damit eine Grössenordnung verbindet.

Aufgabe 5

Karina spart für ein Fahrrad, das 480 Euro kostet. Ihre Oma sagt ihr ein Drittel des Preises zu , die Patentante will ein Viertel des Preises geben und die Mutter übernimmt ein Fünftel des Preises.
Karina selber möchte monatlich 10 Euro Taschengeld zurücklegen.
Wieviele Monate muss sie für das Fahrrad sparen ?

In der Klassenarbeit erkennt der Mathelehrer, dass Nele  das Vorgehen richtig macht. Er rechnet nur aus Flüchtigkeitsfehlern (oder Nichtkennen des 1*1, was ich aber nicht glaube) wiederum falsch :

1/3 von 480 Euro sind bei ihm 150 Euro

und 1/ 5 von 480 Euro (der Mutter) dann 68 Euro

Im sonstigen Vorgehen kommt Nele  sogar zur richtigen Antwort von 11 Monaten.
Auch hier erschliesst es sich mir nicht, was die Aufgabenstellung und das Ergebnis von 10,4 Monaten soll.
In der Korrektur der Klassenarbeit wiederholt sie  diese Fehler.

Richtige Lösung wäre
Oma gibt 1/3 von 480 = 160 Euro

Tante 1/4 von 480 = 120 Euro

Mama 1/5 von 480 = 96 Euro

Ich verzichte hier mal auf die Lösung mit den Brüchen.
Wir addieren jetzt die Summen 160 + 120 + 96 Euro zu = 376  Euro
Von den 480 Euro dann noch 480-376 = 104 Euro , die mit jeweils 10 Euro nach 10,4 Monaten also aufgrundet 11 Monate abbezahlt wären.

Sicher geht es bei einer solchen Textaufgabe darum, abstraktes Denken und die richtige Anwendung von Regeln zu prüfen. Aber auch hier stellt sich die Frage, welche Mama 1/5 von 480 springen lässt und warum dann so ein Ergebnis herauskommen muss.

Aufgabe 6
Bilde die Aufgabe und berechne dann
a) Addiere 8 zum Quotienten aus 4/3 und 3

Wie der Lehrer rot anschreibt, verwechselt sie Differenz = Minus
und Quotient = Teilen :

Der Quotient aus 4/3 und 3 ist wohl 4/3 geteilt durch 3, oder ?

also x = 4/3 :3   = 4/3 * 1/3 = 4 /9
Was muss ich also machen ?
erstmal 4/3 durch 3 geht auch als 4/3 mit dem Kehrwert multiplizieren. Also komme ich dann auf die Neuntel…

b) Multipliziere die Differenz  aus 8/5 und 7/6 mit 2/15

Was gibt es hier zu beachten
1. Differenz bedeutet Abziehen also zunächst (8/5 – 7/6) und das dann mit 2/15 malnehmen.

2. Zunächst muss ich die Klammer bzw. die Differenz rechnen (wenn ich es nicht noch umständlicher machen will)

8/5 – 7/6    bedeuet, dass ich auf Dreizigstel (1/30) umrechnen muss
8*6/30 – 7*5/30 = 48/30 – 35/30= 13/30

die muss ich dann mit 2/15 malnehmen
also 2/15 * 13/30 = 2*13/ 15*30   oder gekürzt 13/15*15  = 13 /225

nur um mal eine praktische Grössenordnung dieser Zahl zu geben, das sind 0,05777778.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich bin sehr dafür, dass Gymnasialkinder in abstraktes Denken bzw. die Regeln der Bruchrechnung eingeführt werden. Es muss nicht immer simpel sein. Diese Art von Lösungen muss aber selbst den interessiertesten Kindern die Lust an Mathematik vergraulen.

Schauen wir uns aber mal an, welche Ergebnisse denn nun hier in der Klassenarbeit  jeweils „richtig“ sind, so geht mir persönlich die Hutschnur hoch.

So. Die Zusatzaufgabe löst ihr allein :

9 * (1 2/7 + (4:3/2)- 4/9 )

Ich habe mal bewusst „laut“ gedacht, was ich bei der Lösung der Aufgaben bzw. der Korrekturen  gedacht habe. Ich nehme Fehler bzw. Unstimmigkeiten gerne in Kauf.

So wie es andere Väter und Mütter ja auch erleben würden.

Womit wir dann zu der weitaus interessanteren Frage kämen, was man jetzt mit Nele so anstellen könnte bzw. ob und wie ihr zu helfen ist.

Selbstüberwachung (Teil 1b) und Sponsoring

Eigentlich wollte ich ja schon bei Teil 2 zum Thema Selbstüberwachung und Exekutivfunktionen sein. Der Kommentar von Anita zum ersten Teil hat aber noch ein wenig (Er-)Klärungsbedarf bzw. Gedankenwirrwarr bei mir erzeugt, den ich hier mir von der Seele schreiben möchte.

Ich sehe es auch so, dass im Wesentlichen die Eltern (sprich hier meist die Mama) quasi als Ersatz-Frontalhirnfunktion präsent sein muss. Zwangsläufig und sei es nur als eine Art „Aufmerksamkeits-Fokus“, der im Hintergrund eine andere Tätigkeit (in Vorträgen sage ich immer „Bügeln“) erledigt, aber allein schon durch die Anwesenheit eine Form der Selbstüberwachung bzw. Aufmerksamkeits-Fokussierung ermöglicht, die das ADHS-Kind allein nicht leisten könnte.

Sehr richtig ist aber auch der Hinweis, dass die Mama dann bei den geringsten Störungen des normalen Ablaufs (beispielsweise durch ein Verständnisproblem, Irritationen oder fehlende Unterlagen aufgrund „loser Blätter“ ) sofort „sprungbereit“ sein muss, damit das Lernen überhaupt möglich bleibt und das Kind nicht in einem Absturz oder Wutanfall aussteigt und aufgibt.

Das wäre für sich genommen schon ein Grund, Pflegestufe bzw. Pflegegeld für sein ADHS-Kind zu fordern, da genau dieser erhöhte Kontrollbedarf als Pflege gezählt wird. (Leider ist dies aber bei „reinem“ ADHS bisher noch nicht so in die praktische Umsetzung der Gutachter vorgedrungen). Auf jeden Fall ist es extrem energieraubend dies ständig und immer auf Abruf leisten zu sollen. Speziell wenn man selber ADHS-Betroffene ist bzw. die eigenen Exekutivfunktionen gerade durch weitere Stressoren und / oder Schlafmangel gerade nicht ihre beste Zeit haben.

Ich bezeichne diese ständige Kontrolle bzw. „Nach-Hilfe“ gerne auch als Sponsoring. Eigentlich ist es aber ein „Ausleihen“ von Hirnfunktionen, die das Kind, der Jugendliche oder der Lebensgefährte nicht leistet, weil er / sie sie nicht leisten kann.

Es geht aber um Handlungsstrategien und letztlich eine Anleitung zur Vorplanung bzw. Herausarbeiten der relevanten Informationen, damit das Wissen angewendet bzw. überhaupt geübt und damit generalisiert  werden kann.

Häufig genug muss man dann aber eben auch als Tröster bzw. „Psychologe“ als Eltern Wunder vollbringen, damit das Kind wieder in den Prozess des Lernens einsteigen kann.

Neuropsychologische Defizite haben nichts mit Intelligenz oder Wille  zu tun

Grundsätzlich meinen viele Erzieher, Ergotherapeuten oder gerade Lehrer, dass das Kind doch „intelligent genug sein müsste“, um die Aufgaben allein zu erledigen. Keine Frage, an der Intelligenz mangelt es (dem Kind) nicht. Zumindest ist das nicht der Punkt, der die Probleme erklärt. Ebenso ist es eine Frage von Wollen oder Nicht-Wollen.

Unter den ADHSlern gibt es intelligente wie weniger intelligente, kreative oder eben weniger kreativ talentierte Menschen. Darum geht es nicht.
Es lässt aber auf ein tiefes Unverständnis bzw. Nicht-Verständnis von den Handicaps bei Teilleistungs- und Lernstörungen bzw. eben ADHS- und Autismus-Spektrumproblemen schliessen, wenn nun eine Selbstständigkeit  und eben eine Handlungskontrolle eingefordert wird, die dieses Kind eben nachweislich nicht bringen kann.

Das zu frühe Einfordern von Eigenständigkeit und eigener  Handlungskontrolle über sein eigenes Tun ist der sicherer Untergang für ADHSler.

Anita schreibt in ihrem Kommentar zu Teil 1 völlig richtig:

Die Handlungsplanung muss bei meinen Kindern über einen viel längeren Zeitraum kontrolliert und geübt werden, bevor sie “reibungslos” funktioniert. Aber vermittel das mal einem Lehrer, der Deine Kinder als “zu intelligent” für solch kleine Schritte einschätzt.

Besonders bitter (für das Kind) ist dann, wenn als Vergleichsmaßstab ein Geschwisterkind bzw. Mitschüler herangezogen werden, die neurotypisch veranlagt sind, möglicherweise aber strohdumm. Die aber anscheinend ohne Probleme durch die Schule kommen.

Hier werden dann Äpfel mit Birnen verglichen bzw. ein bitterer Un-Sinn verzapft.

Im Prinzip müssen ADHS-Kinder gefordert und gefördert werden. Also eher eine zu kniffelige Aufgabe bzw. eine Herausforderung, die aber handlungsorientiert, kleinschrittig und plausibel ist statt immer und immer wieder eine (zu) einfache monotone Aufgabe, die sich das Kind selber herleiten soll, aber nicht kann.

Einfach oder schwer sind hier die falschen Dimensionen zum Verständnis der Problematik.

Wieviel Unterstützung braucht das Kind von mir noch ?
Natürlich stellt sich dabei immer die Frage, wieviel Sponsoring braucht das Kind noch gerade.

So wenig wie möglich, so viel wie nötig.

Ungünstig ist es sicher, wenn nun über den idealen Einsatz der Mutter und vielleicht noch Nachhilfe bei Schulleistungsproblemen in der Schule das Kind bzw. Jugendlicher durchgeschleppt bzw. getrieben wird. Aber letztlich selber überhaupt nicht die eigenen Voraussetzungen im Bereich des Lernens bzw. der höheren Handlungsfunktionen hat, um dann weiterführend in der Lehre oder einem Studium klar zu kommen. Egal, wie intelligent das Kind nun sein mag.

Ich habe aber auch mehrfach erlebt, dass sich selber Schüler mit einem Abschluss von 1,4 oder 1,5 im Abitur als „dumm“ ansahen, weil sie eben eigentlich den Lernstoff nun auf Lücke verinnerlicht hatten und sofort nach der Prüfung wirklich „Null-Ahnung“ mehr hatten. Aber eben mit Unterstützung bzw. sehr rigider Selbstüberforderung sich durch die Anforderungen durchgequält haben.

Ich glaube, sie hätten sogar ein besseres Abitur verdient (wenn man in dieser Liga überhaupt noch von besser sprechen sollte). Denn es war ja kein Problem der Intelligenz oder des Wissens. Vielmehr mussten sie unglaublich viel Energie und Intelligenz dafür aufbringen, wie man denn nun durch die Schule kommt, wenn die elementaren Fertigkeiten der höheren Handlungsfunktionen, der Aufmerksamkeit, des Arbeitsgedächtnisses und der emotionalen Reife fehlen bzw noch nicht dem eigentlichlichen intelektuellem Anspruch entsprechen können.

Nichts-tun ist keine Alternative aber häufig eine zwangsweise eintreffende Realität

Nicht alle Kinder haben das Glück, eine Mutter wie Anita zu haben, die präsent ist und präsent sein kann. Und es kann, präsent zu wirken:

Und die noch dazu offenbar eigene Strategien im Umgang mit den Stärken und Problemen der Exekutivfunktionsstörungen entwickelt und situationsangemessen anpassen kann.

Erfahrene Mütter bzw. Eltern von ADHS-und Spektrum-Kindern wie Anita praktizieren dann ein ein“fordern“, wie sie richtig schreibt. Super.

Das ständige Fordern erfordert aber eben auch, dass man da sein kann.

Ich habe viele  Klienten und Klientinnen, bei denen waren (real oder subjektiv erlebt) die Eltern nicht da. Sei es, weil sie als Ärzte zeitlich involviert waren, einen eigenen Betrieb oder eine Gastwirtschaft betrieben haben oder sich für andere als Lehrer oder Erzieher engagierten und fälschlich davon ausgingen, dass das Kind nun allein schon klar kommen würde.

Die eigene Notlage ihres Kindes nicht gesehen haben, weil sie ja gar nicht auf die richtige Ebene des Problems schauen konnten. Weil sie genug andere Probleme hatten und weil selbst Fachleute, das nicht erkennen.

Besonders schlimm ist es dann, wenn man dann als Kind und Jugendliche nicht Unterstützung, sondern Abwertung, Kritik oder gar kalte Missachtung erfährt. Weil man nicht so funktioniert, wie es zu erwarten ist. Leider die Regel für ADHS-Kinder.
Aus Sicht des Vaters, der Mutter, der Verwandten , im Fernsehen oder der Presse.
Das Nicht-Erkennen bzw. WAHR-Haben und WAHR-Nehmen ist vermutlich sogar noch schlimmer als die blanke Ablehnung. Aber diese Betroffenen haben dann eben nicht allein durch die ADHS-Symptomatik sondern besonders durch diese tief verankerte Hoffnungslosigkeit und Angst vor erneuter Hilfosigkeit bzw. Alleinsein eine zusätzliche psychische Problematik.

Dissoziationen von Können und Ergebnis
Ein weiterer Aspekt der „Intelligenz“ in diesem Zusammenhang ist, dass es zwangsläufig zu einem inneren Schere zwischen den gut funktionierenden kognitiven Fähigkeiten bzw. „intakten“ neuropsychologischen Funktionen und den scheinbar gestörten bzw. leicht irritierbaren Störungen der Exekutivfunktionen bzw. weiterer jeweils syndromtypischer Abweichungen kommt. Anders ausgedrückt : Das Kind ist ja nun nicht in allen Bereichen „gestört“, vielmehr bestehen besondere Stärken und Talente bzw. es besteht eine deutliche innere Diskrepanz zwischen dem eigentlich zu erwartenden Anspruch und der tatsächlichen Ausführung bzw. dem Ergebnis.

In  der Neuropsychologie von erworbenen Exekutivfunktiosstörungen (z.B. nach einem Unfall) wird dies auch als Dissoziation bezeichnet. Die Auswirkungen der Unterschiede zwischen „gesunden“ und betroffenen Funktionen im Gehirn können sowohl beim Klienten, wie auch bei dem Umfeld für Irritationen sorgen.

Manchmal „geht“ es und das Kind kommt zu einem tollen Resultat. Dann „übt“ man und die Ergebnisse werden nicht besser, sondern immer schlechter. Zum Mäusemelken.

Wenn man das aber nicht begreift, bzw. begreifen kann oder will (als Institution Schule), wird man dem Kind bzw. seinen Bezugspersonen nur die Auswahl lassen, sich verbiegen zu lassen und unsinnige bzw. falsche Handlungsstrategien bzw. pädagogische Prinzipien  sich aufdrücken zu lassen oder aber quasi auf „Eigenmodus“ umschalten, wenn denn überhaupt ein Lerneffekt möglich sein soll.

Das Kind muss dann in der Schule es so machen , wie Lehrer X es will. Mit der Wechsel zu Lehrerin Y wird aber ein völlig anderes Prinzip gelehrt. Das fängt schon bei der Unsystematik von Farben von Hefteinbindungen oder aber der Raumzuordnung und Klassenraumwechseln an. Hört da aber noch längst nicht auf.

Leider ist es in der Realität häufig so, dass die Schüler auf Lehrkräfte treffen, deren Exekutivfunktionen aus welchen Gründen auch immer (nicht mehr) auf der Höhe der Zeit sind. Oder gestresst, so dass auch der „Verstand“ bzw. der „Anstand“ nachlässt. Gerade mit diesen Kollegen und Kolleginnen wird es dann aber Reibungsprobleme geben. Meistens ist dann das Kind oder der Jugendliche der Leidtragende bzw. „verliert“.

Mit „Vorbild-Paukern“, die gerecht und berechenbar sind, haben die meisten Kinder mit Exekutivfunktionsstörungen keine Probleme.

Dabei wird durchaus richtig wahrgenommen, dass die Methodik, die Struktur oder das Auftreten des Lehrers oder der Lehrerin inadäquat ist bzw. die Lernmethode nie und nimmer zu einem Erfolg führen kann.

Aber wie soll man sich da als Kind oder Eltern richtig verhalten ?

Im Zweifel wird aber nicht die Lehrkraft ausgetauscht, sondern das Kind ausgeschlossen bzw. aufgegeben.

Alles wäre „leicht“ veränderbar, wenn man sich in der Beschreibung und Behandlung weniger auf Symptome oder Klassifikationen, sondern auf die Ebenen der Funktion bzw. Exekutivfunktionen begeben könnte…

 

ADHS und Medienverwahrlosung im Wandel der Medien

Melchior Adam Weickard  gab bereits 1775 eine schöne Beschreibung der typischen ADHS-Symptome. In seinem Buch “Der Philosophische Arzt” liest man:

“Jene, bei welchen ein Mangel der Aufmerksamkeit ist, werden gemeiniglich unachtsam, leichtsinnig, flüchtig und ausschweifend genannt(…) Man ist alsdenn, wie die Kinder, welche auf hundert Nebendinge springen, wenn man sie von einer ernsthaften Sache ausforschen oder unterhalten will. Der junge Geistliche soll z.B. über das Leiden des Erlösers meditieren. Jede vorübersumsende Fliege, jeder Schatten, jeder Laut, die Erinnerung alter Geschichten, wird ihn von seinem Gegestande auf andere Vorstellungen bringen(…) Dergleichen Leute hören alles nur halb; sie merken oder hinterbringen es auch nur zu Hälfte, oder unordentlich. Sie wissen gemeiniglich, wie das Sprichwort heißt, von allem etwas und vom Ganzen nichts. Ein solcher Springer mag sich gegen einen anderen aufmerksamen und bedachtsamen Menschen verhalten, wie ein junger Franzos gegen einen gesetzten Engländer(…)”

Wir wissen natürlich nicht, wie die Umgebungsbedingungen im Jahre 1775  nun an der Entwicklung und Aufrechterhaltung der Problematik beteiligt sein mögen. Ganz einfach war das Leben zu diesen Zeiten ganz sicher nicht.  Sicher ist aber, dass der typische hüpfende bzw. unvollständige Wahrnehmungsstil, Reizoffenheit und Probleme der Aufmerksamkeitssteuerung, Abspeichern und Zugriff auf das Arbeitsgedächtnis bzw. Selbstorganisation eben schon weit vor der Erfindung des Fernsehens oder Computerspiele zeigten.
Bleiben wir aber noch einmal kurz bei der Symptombeschreibung aus dem Jahre 1775. Dort wird nicht nur eine prima Beschreibung eines typischen ADHS-Jungen präsentiert, es wird auch neben dem häufig eingeschränkten Arbeitsgedächtnis ein häufig nicht ausreichendes Kriterium der Selbstregulations- und Aufmerksamkeitsproblematik angedeutet: Wenn von einem ADHS-Kind explizites Lernen bzw. Aufmerksamkeit gefordert ist, dann misslingt dies. Bei eigenen Interessen, bei den implizites Lernen gefordert ist, kann die Aufmerksamkeitssteuerung und Informationsverarbeitung dagegen völlig intakt, ja sogar hervorragend sein.

Nun sind neue Medien wie Handy, iPad oder PC halt viel interaktiver als die Schule. Und reizvoller. Dies vor allem dann, wenn es der Schule nicht bald gelingt, sich an die Interessen und den Lernstil von Schülern des Jahres 2014 anzupassen.

Noch im Vergleich zu meiner eigenen Grundschulzeit kommt es mir so vor, dass wir heute immer früher sehr abstrakte Lernanforderungen bzw. Anforderungen an höhere Handlungsfunktionen an Kinder stellen, die diese aber eben (noch) nicht neuropsychologisch leisten können. Eigentlich ist das fast allen Pädagogen klar, aber gerade auf die Expertise von Experten für sonderpädagogischen Förderbedarf wird nicht gehört.

Letztlich schafft unsere Gesellschaft Voraussetzungen, die ein Entwickeln und Lernen verunmöglicht, zumindest aber nicht erleichtert. Man gewinnt den Eindruck, dass man es den Kindern bewusst schwerer und schwerer macht und eher Brücken einreist als sie gemeinsam zu entwickeln.

Die Lehrpläne fordern immer stärker das Abfragen von expliziten Lernstoffen über immer mehr oder immer frühere Lernzielkontrollen.  Ich kann mich jedenfalls nicht erinnen, eine solche Häufung von Klausuren in Nebenfächern wie Musik oder Religion oder Erdkunde erlebt zu haben. Daraus resultierend werden aber immer stärker Lernen auf Arbeitsgedächtnis gefordert, da dies eben abfragbar und prüfbar ist. Stattdessen muss eine Vermittlung von Lernen zu Lernen bzw. aufgaben- und projektbezogene Kreativität zur Entwicklung eigener Lösungswege in den Hintergrund gestellt werden. Weil der Schulstoff so sei und es ja gerecht zugehen solle, höre ich dann immer wieder. Hinzu kommt, dass die Methodenvielfalt zu einem Durcheinander beiträgt. Im Blog habe ich es schon häufiger kritisiert, dass nun schon allein Methoden zum Schrift- und Leseerwerb von Klasse zu Klasse bzw. Jahrgang zu Jahrgang komplett über den Haufen geworfen werden können. Selbst die Grundschullehrerinnen meines Sohns sind damit schon überfordert …

Bei allen Forderungen nach Integration und Inklusion verlassen wir immer mehr Lernmethoden, die für Kinder mit einer ADHS-Disposition (aber auch Hochsensibilität oder Hochbegabung) geeignet wären, um sie am Lernen bzw. dem Unterrichtsgeschehen begabungsadäquat zu beteiligen.

Die Frustration beim Kind und seinen Eltern wächst. Die Kinder müssen eine enorme Kraftanstrengung aufbringen (bzw. von ihren Eltern bei den Hausaufgaben bzw. beim Lernen „gesponsert“ werden), um überhaupt ein Begreifen und Vermitteln von Lernstoff und ein Spass am Lernen zu entwickeln. Viele Hausaufgaben meines Sohnes (6. Klasse) sind mir schon so unverständlich formuliert, dass ich Kopfschmerzen bekomme.

Wie soll es da einem Kind gehen? Die Erwartung des eigenen Nicht-Verstehen bzw. Nicht-Leisten muss doch zu einer Erwartungsangst bzw. auch einer Verweigerung beitragen.

Bei Facebook habe ich sinngemäss den Spruch gelesen, dass Schule eben nicht eine Institution zum Nachweis der eigenen Unzulänglichkeiten und Abwertungen sein darf, sondern eben die Kinder in ihren Möglichkeiten und Entwicklungen fördern soll. Tut sie aber eben gerade nach dem subjektiven Erleben der Schüler und ihrer Eltern immer weniger.

Ein Abtauchen in alternative Wirklichkeiten der Medien wird da umso attraktiver. Und letztlich „gönnen“ viele Eltern daher ihren Kids halt auch diese Flucht als eine Art Ausgleich.

ADHS ist kein Mangel der Aufmerksamkeit der Eltern

Oder hängt  es jetzt vielleicht doch mit einem Mangel an Aufmerksamkeit der Eltern zusammen? Eltern im Jahr 1775 wie auch 2014 werden tatsächlich viel um die Ohren gehabt zu haben, um den Alltag zu bewältigen. Ob sie mehr oder weniger Zeit für die Erziehung bzw. emotionale Bindung ihres Zöglings hatten? Vermutlich wird 1775 aber eben doch die Grossfamilie und auch das Dorf und die Gemeinschaft eine haltgebende Funktion gehabt haben. ADHS erklärt sich dadurch natürlich nicht. Wohl aber, warum sich Auswirkungen von ADHS im Wandel der Zeiten und gesellschaftlichen Kontextfaktoren wandeln.

Wechseln wir in das Jahr 2014 / 2015.  Die gleiche neurobiologische Disposition trifft jetzt auf eine völlig andere gesellschaftliche Realität.

Medienverwahrlosung und Medienwandel oder  Ausdruck der Kapitulation  von gesellschaftlicher Verantwortung für Kinder und Jugendliche

Während wir allgemein noch auf die Medienverwahrlosung durch Fernsehkonsum und andere Abhängigkeiten aufmerksam  machen müssen, oder ich vor einigen Jahren auf das Phänomen Rollenspielsucht bzw. Computer-Spiel-Abhängigkeit z.B. durch World of Warcraft hingewiesen habe, überrollt die Veränderung der Mediennutzung alle guten Vorsätze von uns Eltern oder Therapeuten

Ein 11 oder 12 jähriger Junge  interessiert sich aber herzlich wenig für diese veralteten Medien wie die Glotze. Er konsumiert am Tablet oder PC offenbar überwiegend You-Tube-Video-Kanäle (von Spielvorstellungen und / oder sonstigen mir völlig unbekannten Internetgrössen) während er am Handy Mindcraft oder Cash of Clans spielt.

Wenn man sich die Zugriffszahlen entsprechender „Channels“ im Internet  anschaut, wird deutlich: Wer hier nicht dabei ist, kann am nächsten Tag in der Schule nicht mitreden. Ist out.  Und es wird deutlich, dass heute nicht nur der Inhalt der Medien oder die Reizüberflutung an sich eine Rolle spiele. Immer häufiger werden verschiedene Medien gleichzeitig aufgenommen.

Diese Medien bedienen aber die Interessen und letztlich auch Begabungen der Kinder. Sie fördern zunächst die eigenen imaginativen Stärken von Fantasiewelten ohne Anforderungen an explizites Lernen.

Multitasking nimmt immer weiter zu
Dieses Multi-Tasking der Wahrnehmungen muss aber gerade bei einer ADHS-Disposition zu Problemen führen. Nachollziehbar sind die Inhalt der neuen Medien Computer oder Internet eben weit „reiz“-voller als das „first life“ der Alltagsanforderungen in der Schule oder Kontakt- und Spielmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche. Die eigene Kreativität bzw. Fähigkeit der Imagination und Kreativität zur Entwickung von eigenen Spielmöglichkeiten oder Spielen (z.B. im Wald) ist immer weniger gefragt.
Es kommt aber eben gar nicht mehr so sehr auf die Inhalte des Erleben  an, sondern auf die Vielzahl gleichzeitig ablaufender Reize. Und immer weniger treffen sich Kinder und Jugendliche auf der Strasse zu Spiel, die Verabredungen laufen über über Chat / Whatsapp, ja selbst Facebook ist schon wieder out.

Und der Wandel der Medienkonsumgewohnheiten wandelt sich somit schneller, als wir Eltern bzw. Therapeuten nachvollziehen  können. Gleichzeitig bauen Städte und Gemeinden Angebote für Kinder und Jugendlichen zum Treffen ab. Angeblich sei kein Geld da bzw. die Angebote würden nicht genutzt.

Und unsere Gesellschaft reduziert die Alternativen für eine sinnvolle Freizeitaktivierung bzw. soziale Kontakte von Kindern und Jugendlichen von Monat zu Monat. Ein Blick in die Tageszeitung genügt um wieder eine Schliessung eines Jugendzentrums  oder Reduktion des Angebotes einer Musikschule zu lesen. Bibliotheken stehen ebenso auf der Streichliste der Politiker, aber welcher Jugendliche liest heute noch eine Zeitschrift oder gar ein Buch?
Sportvereine finden keinen Nachwuchs. Klassenfahrten werden gestrichen, weil die Lehrer dafür keine Entlohnung erhalten oder sich überfordert mit den Anforderungen sehen.

Zeitarmut  beginnt schon im Kindesalter
Eine Chance für Aktivitäten im Verein oder Freiwilliger Feuerwehr oder das Reiten am Nachmittag? Wie denn, wenn die Schule immer länger dauert ? Gerade für Kinder mit Entwicklungs- und Verhaltensproblemen wie bei ADHS kommt dann noch die Therapie bei der Ergo und / oder Logopäden hinzu.

Es geht mir hier nicht allein um das Jammern darüber, dass die Angebote fehlen. Viel schlimmer finde ich, dass das soziale Lernen in der Gruppe bzw. auch die Lösung von eigenen Konflikten und Entwicklungsaufgaben eben in einer Gemeinschaft von Kindern und Jugendlichen unterschiedlichen Alters viel besser gelingen würde, als nun beim Familientherapeuten oder einer Erziehungsberatungsstelle. Aber diesen sozialen Raum, wo man es lernen und anwenden könnte,  gibt es nicht mehr. Oder immer weniger.

Das Handy, das Tablet oder der PC sind jederzeit anschaltbar bzw. schon „online“.

Kinder und Jugendliche sind heute nicht nur einem Medienüberfluss ausgesetzt, es besteht ein Mangel von sozialen Gemeinschaftserlebnissen. Unsere Gesellschaft versagt ganz offenkundig hier eine Weiterentwicklung bzw. überhaupt ein sinnvolles Angebot von sozialer Teilhabe von Kinder- und Jugendlichen anzubieten bzw. zu fördern.
Während sich die Medienrealität also schneller verändert als uns lieb sein kann, ist das gesellschaftliche Angebot für die Förderung der Aufmerksamkeit und sozialen Kompetenz am Stagnieren, ja wird kontinuierlich zerstört.

Soll man nun den Kindern und Jugendlichen oder ihren Eltern daran die Schuld geben, dass sie dann die sozialen Kontaktmöglichkeiten bzw. Medien nutzen, die wir ihnen als Eltern vormachen ? Welche Alternative haben sie denn ? Wie könnte man Kinder sinnerfüllend beschäftigen und Ihnen eine Entwicklung der Persönlichkeit über Spiel und soziale Kontakte ermöglichen, die den Begriff von „Frei-Zeit“ noch erfüllt und die bessere Alternative zu neuen Medien darstellt?

Mentoren für projektbezogenes Lernen und Erleben

Eltern von ADHS-Kindern und Jugendlichen machen die frustrierende und teure Erfahrung, dass sie ihren Kids etliche Freizeit- und Sportangebote anbieten. Etliche Musikinstrumente oder Hobbies werden einmal kurz angefangen, dann aber schnell abgebrochen. Zumeist misslingt die Integration in die Gruppe der Gleichaltrigen.

Kinder und Jugendliche mit einer ADHS-Konstitution profitieren vom Erleben bzw. einem projektbezogenem Zugang. Dabei benötigen sie aber eben häufig eine Art Kapitän oder Lotsen, der sie behutsam aber bestimmt in die richtige Richtung lenkt und auf Kurs hält. Vielleicht auch einmal mehr als sonst bei anderen neurotypischen Kindern den Cheerleader spielt und neu motiviert. Und der oder die eben mit den syndromtypischen Besonderheiten der Wahrnehmung und Emotionsregulation vertraut ist und bei emotionalen Abstürzen oder Blockaden aufmunternd eingreifen kann.

Leider kann man diese Qualifikationen von Betreuern nicht zwingend an Abgangszeugnissen festmachen. Ich bin aber davon überzeugt, dass unser Vereinswesen bzw. etliche Organisationen wie Freiwillige Feuerwehr, THW oder Rotes Kreuz ohne das Engagement von ADHSlern schon längst verschwunden wären. Hier könnte man vermutlich entsprechende Personen finden, die aus eigener Betroffenheit bzw. Erfahrung mit eigenen ADHS-Kindern als Mentor eine solche Integrationsaufgabe einnehmen können.

Jugendfreizeiten für ADHS und Asperger
Ich kann Eltern nur empfehlen, sich einmal eine Jugendfreizeit für ADHS- und Asperger-Kinder und Jugendliche anzuschauen (beispielsweise bei Tokol eV.). Dort erlebt man dann ADHSler, die durchaus sich auch Medienüberfluss sinnvoll in Projekten beschäftigen. Projektbezogenes Arbeiten bzw. Lernen macht Spass und fördert einerseits die Neugier und damit das Lernen, noch stärker aber das Gemeinschaftserleben. Zugegeben, auch hier spielt die „Gameboy-Zeit“ (noch so ein Relikt aus scheinbar lange vergessenen Medienzeiten) eine wichtige Rolle. Aber sie ist klar begrenzt und dient auch oder gerade als Motivator bzw. Belohnung für soziales Miteinander und Füreinander.

Welche Alternativen seht IHR ?

Jammern und Wehklagen über den derzeitigen Status-Quo ändert natürlich wenig. Die Frage von sinnvollen und vor allem sinnerfüllten Alternativen für eine Beschäftigung von ADHS-Kindern (und ihrer neurotypischen Geschwister und Schulkameraden) stellt sich. Mich würden Eure Erfahrungen und Anregungen für eine Alternative zu Android, iOS und YouTube bzw. andere Online- und TV-Aktivitäten interessieren.

Welche Wege habe sich für Eure Kids als erfolgreich erwiesen?

Sonderpädagogischer Förderbedarf bei Politikern

Manchmal denke ich, dass unsere Politiker echt Nachhilfe brauchen. Heute wurde mein ehemaliger niedersächsischer Kultusminister arbeitslos. Er hat seine Dissertation auch abgekupfert, durfte aber seinen Doktortitel behalten. Ist aber abgewählt worden. Frau Schawan musste gehen, weil sie abgekupfert hatte. Und wir Steuerzahler fördern ihre Übergangsbezüge. Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt wäre die Frau ohne akademischem Abschluss schwer vermittelbar. Aber sie wird ja gefördert. Von uns.

Da geht mir irgendwie die Nachricht vom Hamburger Schulsenator Rabe zum Anstieg der Zahlen von Sonderpädagogischem Förderbedarf nicht aus dem Kopf. Wahrscheinlich, weil ich heute für meinen Sohn die Verlängerung für die Schulbegleitung beantragen musste.

Herr Rabe stört sich daran, dass es jetzt mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gibt. Für jedes Kind, das aus der früheren Sonderschule abgemeldet werde, gäbe es nicht 1 sondern 3 Kinder, die jetzt Inklusion in den allgemeinbildenden Schulen brauchen.

Rabe zweifelt jetzt die Diagnostik an. Ist ja auch einfacher, als sich an die eigene Nase zu fassen und mal zu fragen: Was brauchen die Kinder und ihre Familien?

Ach ja, für den verkorksten Haushalt in Hamburg ist ein früherer Klassenkamerad von mir zuständig. Seine Frau ist gerade nicht Justizministerin in Niedersachsen geworden. Beide haben ein fünfstelliges Gehalt (jeder) mit Zulagen und Absicherung als Politische Beamte. Ich gönne es ihnen. Aber ich finde, genauso müssten eben auch unsere Kinder eine faire Chance haben, dass sie gefördert werden, wie wir eben auch Banken oder Politiker miternähren oder wieder aufpäppeln sollen.

Natürlich macht es einen Unterschied, ob ein Kind nun auf die Sonderschule geschickt werden  oder aber in die Schule integriert werden soll. Und natürlich kostet das Geld. Und natürlich fallen dadurch mehr Kinder auf, die Förderbedarf haben. Weil beispielsweise dann auch eine Förderschullehrerin in die Integrationsklasse kommt. Zufällig erfährt man dann beispielsweise, dass in der gleichen Klasse ein Mädchen sitzt, welches nicht spricht. Könnte elektiver Mutismus sein. Sie ist bisher kein Förderkind, wird aber von der Schulbegleitung meines Sohns mitgefördert. Quasi „umsonst“.

In skandinavischen Ländern wären solche Schulpolitiker wie Rabe wohl undenkbar. Man würde sich fragen, welches Menschenbild sie vertreten, wenn es mehr um den Haushalt statt um die individuelle Förderung der Kinder geht.

Aus dem Fenster gucken

Aus dem Fenster gucken

Viele Lehrpersonen und Eltern meinen, ein ADHS-Kind sollte im Unterricht und daheim beim Lernen möglichst gut vor allen ablenkenden Reizen abgeschirmt werden. Sie wundern sich dann, dass es mit der Konzentration noch schlechter klappt als zuvor.

Vorweggesagt: Es gibt tatsächlich einige wenige ADHS-Betroffene, welche erst unter weitgehender Reizabschirmung in der Lage sind, einigermassen gut und konzentriert zu lernen. Bei der Mehrheit jedoch verhält es sich gerade umgekehrt.

Ich höre von Kindern mit einer ADHS immer wieder, dass ihnen ein gewisses Mass an Ablenkung hilft, sich auf den Unterricht konzentrieren zu können. Tatsächlich kann eine gewisse visuelle Ablenkung und/oder ein akustisches Hintergrundrauschen neuronal stimulieren und zu einer Aktivierung der fokussierten Aufmerksamkeit führen (siehe dazu auch hier).

Wenn Kinder also behaupten, dass sie sehr wohl aus dem Fenster gucken und gleichzeitig der Lehrperson zuhören können, kann das also durchaus zutreffen.

Es lohnt sich, bei jedem ADHS-Kind individuell herauszufinden, wie viel an externer Stimulation gut tut. Es darf nicht zu wenig, aber natürlich auch nicht zu viel sein. Dies kann auch dazu beitragen, dass die Dosierung der Stimulanzien so niedrig wie möglich gehalten werden kann. Ein gewisses Mass an positiver Ablenkung stimuliert und kann die gleiche Wirkung haben wie Stimulanzien.

Konsequent zu Ende gedacht bedeutet dies, dass Schüler-/innen mit einer ADHS ein möglichst kurzweiliger und subjektiv spannender Unterricht geboten werden sollte.

Toll wäre es, wenn all diejenigen, welche so vehement gegen Stimulanzien Sturm laufen, mit dem gleichen Engagement dafür kämpfen würden, dass der Schulunterricht so gestaltet wird, dass er für möglichst viele ADHS-Kinder zu einem stimulierenden Erlebnis wird. Das könnte nämlich in einigen Fällen tatsächlich dazu führen, dass auf eine medikamentöse Therapie verzichtet werden könnte.