Schlagwort-Archive: Sport

Aktive Bewegungspausen in der Schule

Es gibt Nachrichten, die schaffen es ins Wall Street Journal. Wie die Botschaft „Exercise Helps Children with ADHD in Study„.

Bewegung ist wirksam gegen psychische Probleme und ADHS

30 Minuten Bewegung bzw. aerober Sport VOR dem Unterricht wären danach hilfreich bei ADHS. Mit einem „moderaten“ Effekt, der nun sich sowohl für die ADHS-Kinder wie auch bei neurotypischen Kindern zeigen lässt.

Es wäre also schon hilfreich, wenn der Schulweg zu Fuss oder mit dem Fahrrad zurück gelegt würde. Und nicht mit dem Auto oder Bus, wie es in den USA halt eher die Regel ist.

Das Bewegung für die geistige Leistungsfähigkeit bzw. die Aufmerksamkeit hilfreich ist, ist nun eine nicht gerade revolutionäre Erkenntnis. Sie wurde aber in den letzten Jahren im Land der Bewegungsmuffel USA in Form von einigen Trainingsprogrammen bzw. Büchern quasi neu entdeckt. Ehrlich gesagt hatte ich schon in den letzten beiden Jahren erwartet, dass dies nun als Mega-Hype bei uns durch die Presse zieht: Mehr Sport macht ADHS-Medikamente überflüssig. Oder: Bewegungsmangel von ADHS – Kids erklärt Medikationsanstieg.
Dann kommt gerne noch: Freie Zeit im Grünen ist gut bei ADHS.

Bewegungspausen bei ADHS immer seltener möglich

Wenn es mal so einfach wäre. Das sind nämlich alles Allgemeinplätze, die für Kinder mit und ohne Entwicklungsbesonderheiten gelten. Für ADHS-Kinder wird es sicher so sein, dass sie von Aus-Zeiten bzw. Bewegung und naturnahen Ansätzen sicher auch profitieren. Warum auch nicht. Es ist nur kein Ersatz für eine störungsspezifische Therapie.

Gleichzeitig wird aber aus Kostengründen und/oder wegen fehlender Räumlichkeiten und Lehrkräfte Sportunterricht immer weiter eingeschränkt. Bewegungspausen gibt es immer seltener. Schon gar nicht systematisch angeleitet durch Fachkräfte.

Der Effekt von Bewegung auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns wäre nun vergleichbar mit den Auswirkungen von Verhaltenstherapie durch qualifizierte Fachkräfte. Das ist schon mal eine Ansage.

Könnte aber auch aussagen, dass eben die Effekte der Verhaltenstherapie in einer Studienpopulation im Giesskannenprinzip auch nicht so dolle sind. Immerhin kann bisher in Metastudien die behaviorale Intervention bei ADHS nicht statistisch überzeugen.

Was man aber schon längst weiss: Bewegung von 20-30 Minuten und besonders auch Unterbrechungen des Unterrichts durch Bewegungspausen haben einen positiven Effekt auf die Stimmung. Bewegung wirkt genauso gut wie Antidepressiva oder Psychotherapie bei Depressionen.

Und ich habe keinen Zweifel, dass dies im Kern auch für ADHS gilt.

Man müsste nur in Bewegung kommen und in Bewegung bleiben, solche Bewegungsangebote bzw. Bewegungspausen auch anzubieten !

Die Frage wäre daher eher: Wie bringe ich Bewegungspausen in den Unterricht? Und noch spezieller: Sind die bisherigen Konzepte dazu dann auch ADHS-gerecht?

Einmal Google benutzt ergibt,  dass die Idee von Bewegungspausen mehr oder weniger so alt wie Schule ist. Wie immer kann man hier locker behaupten, dass früher ALLES anders und damit besser war.

Die Bosch-Stiftung hat 2005 dazu Gelder bereit gestellt und Anregungen für aktive Bewegungspausen gibt es dann u.a. hier  oder hier.

Anders ausgedrückt  Material und Anregungen für Bewegungspausen gibt es in Hülle und Fülle. Es muss auch nicht immer ein ganzer Zumba-Kurs sein.

Die Frage ist also eher: Wie könnte man Lehrerinnen und Lehrer dazu motivieren, dass sie an die Bewegungspause denken und sie anbieten? Und zwar nicht nur in der 1. oder 2. Klasse, sondern in allen Schulklassen?

Welche Ideen für Bewegungspausen im Unterricht bzw. Alltag habt Ihr?  Welche Ansätze an den Schulen haben sich als hilfreich herausgestellt, auch wenn ein Förderprogramm einer Versicherung oder einer Stiftung beendet wurde?

 

Advertisements

Achtsamer Sport machen dank MPH?

Es mag ja eine merkwürdige und zunächst trivial erscheinende positive Wirkung von Methylphenidat sein: Eine meiner Patientinnen schilderte mir vorhin, dass sie unter dem Psychostimulans zum ersten Mal in ihrem Leben Spass am Sport hatte. Sie habe sich auf den Sport als Selbstzweck konzentrieren und ihn erleben können. Und nicht wie sonst beim Laufen an alle möglichen sich selbst gestellten Zusatzaufgaben (Beobachten von Autokennzeichen mit bestimmten Buchstaben, Blumen, Anzahl von Papierkörben etc.) denken musste.

Sie habe mit Sport angefangen, weil ihr Arzt es ihr so gesagt habe. Aber Spass, Erfolg, innere Zufriedenheit oder sowas habe sie nie erlebt.

Bis gestern.

Nun muss man dazu sagen, dass die Diagnose ADHS ganz neu für sie ist. Sie war als Kind schon in kinderpsychiatrischer Behandlung. Und dann bei sehr guten Kollegen (ohne ADHS-Verdacht) zur psychiatrischen Behandlung. Dort u.a. wegen vielen Ängsten, auch der Angst vor Kontrollverlust oder Probleme beim Autofahren mit Koordinationsstörungen oder Konzentrationsstörungen und auch wegen Entfremdungserleben.  Auch bei der Arbeit sei sie wegen Konzentrationsproblemen schon aufgefallen.

Wobei sie aber eben immer leicht ablenkbar war bzw. sich immer zusammenreissen musste. Da ihr aber der Vergleich zum Erleben von anderen Menschen fehlte, hat sie dies für normal angesehen.

Jetzt erlebt sie unter der Medikation den Unterschied zwischen „normal“ und „normal“ aus Sicht der Normalos ohne ADHS …

Nicht nur beim Sport. Aber eben auch dort.

Bewegungspausen bei ADHS

Eine Binsenwahrheit bei ADHS ist, dass Kinder Bewegung und „Aus-Zeiten“ benötigen. Gut, sie können mit ungelenkter Freizeit bzw. Pausen vielleicht nicht gut umgehen. Aber sie benötigen eben Bewegung, Sport bzw. einfach Toben, um sich „richtig machen zu können“.

Nun ist es ein häufiges Phänomen, dass in der Schule bzw. bei Hausarbeiten gerade gefordert wird, dass man solange ruhig sitzen bleiben soll, bis die Aufgabe erledigt ist. Wir wissen, dass ADHSler länger brauchen, um gerade simple oder langweile Aufgaben erledigen zu können. Häufig bestraft man sie dann auch noch mit Nachsitzen, statt ihnen Bewegungspausen zu ermöglichen.

Das gleiche Phänomen tritt dann bei den Hausaufgaben auf, bei denen sie länger als die Klassenkameraden brauchen und damit weniger Zeit für Bewegung und Toben haben.

Leider wird dann häufig gerade das an Freizeit gestrichen, was ihnen Spass, bzw. auch Abhilfe gegen den inneren Druck bringen würde: Sport und Bewegung.

Eigentlich müsste man genau umgekehrt vorgehen: Statt eine Begrenzung von Bewegung zu versuchen, sollte man als Belohnung Bewegungspausen von fünf oder 10 Minuten abmachen. Also mehr statt weniger Bewegung. Und natürlich Hausaufgaben so gestalten, dass sie nicht zur Einschränkung von Freizeit führen.

Mehr dazu auch in diesem interessanten englischsprachigen Beitrag.

ADHS und Bewegung

Es ist schon merkwürdig: Gerade bei Kindern mit einem hyperkinetischen Syndrom scheinen Bewegung und Bewegungsmangel ein neu entdecktes „In“- Thema zu sein. Der amerikanische ADHS-Experte John Ratey vermarktet nun Bewegung sowie sportliche Aktivität als „Revolution“. Hintergrund dabei ist, dass sehr wohl ein Zusammenhang zwischen Vernetzung im Gehirn, Stress(abbau) und eben Lernen besteht. Was ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Und ein Zusammenhang ist, der ganz sicher nicht nur für ADHS-Kids gilt. Aber dort schneller und stärkere Auswirkungen haben kann.

20-30 Minuten Bewegung am Tag (viermal bis fünfmal die Woche) wären eine gute Medizin. Das hat auch Sabine Kubesch als Sportwissenschaftlerin an der Uni Ulm (bei Prof. Spitzer) schon vor einigen Jahren festgestellt. Siehe hier . Umgekehrt ist es aber nicht so, dass nun ein Sportmangel ADHS verursacht. Im Gegenteil: Viele ADHSler machen ja gerade gerne Sport.

Aber nur etwa sechs Prozent der amerikanischen Schulen bieten täglichen Sport (wenn man mal von der Footballmannschaft beziehungsweise dem Basketball-Collegeteam) absieht. Auf der einen Seite haben wir also einen Trend in den USA, der zu immer mehr Adipositasproblemen mit allen möglichen und unmöglichen medizinischen Komplikationen führen muss. Und andererseits dann schon das Phänomen, dass nun Bewegung in Form von vermarkteten Programmen verkauft werden muss. Und auch bei uns wird die Zeit für Schulsport eher eingeschränkt, durch Ganztagesschulen dann Vereinsarbeit im Sportbereich reduziert. Mist.

Churchill soll von seinem Lehrer immer wieder um das Schulgebäude gejagt worden sein, um seinen Bewegungsdrang abzubauen. Sicher eine gute Idee. Und nicht besonders neu.

Gerade ADHS-Kinder benötigen ein rechtes Maß zwischen Aktivierung und eben Abbau von Energie. Was sie  aber dagegen nicht gut aushalten können, sind Aktivitätslöcher. Also ungenützte Pausen bzw. Unterbrechungen. Sport und regelmässige Bewegung ersetzt dann nicht eine ADHS-Medikation. Sport trägt dann aber – ebenso wie frische Luft und Naturerlebnisse – dazu bei, dass die Medikation auch wirken kann. Sport bzw. Bewegung baut aber auch Spannungsbögen auf, bzw. eine Aktivierung des Arousals (innere Anspannung), um dann wieder abzubauen. Das ist auf jeden Fall eine wichtige Übung.

Schwieriger ist aber, hier einen Sport zu finden, den die Kids durchhalten und sich nicht durch syndromtypische Probleme selber wieder ausgrenzen. Sehr häufig spielt hier die Person des Trainers/der Trainerin eine ganz entscheidene Rolle. Nicht allein die Sportart entscheidet, sondern die Fähigkeit der Anleiter, die Kinder zu integrieren.

Daher kommt es nach meiner Erfahrung weniger auf die Sportart, als vielmehr auf die Trainer an.

Letztlich muss man sich klarmachen, dass das Vereinswesen massgeblich auf den Einsatz und Hilfsbereitschaft von ADHSlern fusst. In vielen Vereinen sind (bewusst oder meist unbewusst) ADHS-Betroffene Jugendleiter bzw. übernehmen eben für den Erhalt der Vereine Aufgaben. Keinesfalls selbstverständlich…