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Aus dem Fenster gucken

Aus dem Fenster gucken

Viele Lehrpersonen und Eltern meinen, ein ADHS-Kind sollte im Unterricht und daheim beim Lernen möglichst gut vor allen ablenkenden Reizen abgeschirmt werden. Sie wundern sich dann, dass es mit der Konzentration noch schlechter klappt als zuvor.

Vorweggesagt: Es gibt tatsächlich einige wenige ADHS-Betroffene, welche erst unter weitgehender Reizabschirmung in der Lage sind, einigermassen gut und konzentriert zu lernen. Bei der Mehrheit jedoch verhält es sich gerade umgekehrt.

Ich höre von Kindern mit einer ADHS immer wieder, dass ihnen ein gewisses Mass an Ablenkung hilft, sich auf den Unterricht konzentrieren zu können. Tatsächlich kann eine gewisse visuelle Ablenkung und/oder ein akustisches Hintergrundrauschen neuronal stimulieren und zu einer Aktivierung der fokussierten Aufmerksamkeit führen (siehe dazu auch hier).

Wenn Kinder also behaupten, dass sie sehr wohl aus dem Fenster gucken und gleichzeitig der Lehrperson zuhören können, kann das also durchaus zutreffen.

Es lohnt sich, bei jedem ADHS-Kind individuell herauszufinden, wie viel an externer Stimulation gut tut. Es darf nicht zu wenig, aber natürlich auch nicht zu viel sein. Dies kann auch dazu beitragen, dass die Dosierung der Stimulanzien so niedrig wie möglich gehalten werden kann. Ein gewisses Mass an positiver Ablenkung stimuliert und kann die gleiche Wirkung haben wie Stimulanzien.

Konsequent zu Ende gedacht bedeutet dies, dass Schüler-/innen mit einer ADHS ein möglichst kurzweiliger und subjektiv spannender Unterricht geboten werden sollte.

Toll wäre es, wenn all diejenigen, welche so vehement gegen Stimulanzien Sturm laufen, mit dem gleichen Engagement dafür kämpfen würden, dass der Schulunterricht so gestaltet wird, dass er für möglichst viele ADHS-Kinder zu einem stimulierenden Erlebnis wird. Das könnte nämlich in einigen Fällen tatsächlich dazu führen, dass auf eine medikamentöse Therapie verzichtet werden könnte.

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Was gut wirkt in der ADHS-Therapie (Teil 2)

Viele Erwachsene mit einer ADHS kennen eine innere Unruhe, welche sie nicht zur Ruhe kommen lässt und sie unentwegt weitertreibt. Das zeigt sich unter anderem daran, dass sie Mühe haben, innezuhalten und zu geniessen. Genau genommen sind sie in einem gewissen Sinn durchaus genussfähig, aber halt nur dann, wenn dieser Genuss mit Aktion (oder besser mit „Action“) verbunden ist. Oder etwa dann, wenn sie „unter Strom“ stehend, hyperfokussierend auf etwas „abfahren“.

Passiver Genuss im Sinne von entspannter, kontemplativer Hingabe an eine Sache kennen die meisten ADHS-Betroffenen nicht. Mit kontemplativ meine ich einfach nur beschaulich, also sanfter Genuss ohne Action. Und dies alles ohne religiösen, spirituellen oder mystischen Hintergrund.

Kontemplative Hingabe ist nicht zu verwechseln mit dem auf den ersten Blick ähnlich erscheinendem Konzept der Achtsamkeit, welches zur Zeit Hochkonjunktur hat („Mindfulness“). Letzteres meint – sofern ich es richtig verstanden habe – ein offenes und nicht-wertendes Gewahrwerden dessen, was in jedem Augenblick um uns herum geschieht. Kontemplative Hingabe heisst demgegenüber, dass man das, was man gerade zu seinem Wohlbefinden tut, mit Hingabe, in Ruhe und mit Genuss macht.

Beispiele einer kontemplativen Hingabe sind:

  • Einen Roman lesen, ohne Turboantrieb und Überspringen von ‚langweiligen‘ Absätzen oder Kapiteln.
  • (Klassische) Musik hören und dabei Passagen, welche einem keine Hühnerhaut den Rücken jagen, geduldig über sich ergehen lassen und sich bereit machen auf die sich bald wieder steigende Dynamik/Dramatik.
  • Beim Malen eines Aquarells in der Natur sich beim Finden eines tollen Sujets lange genug einen günstigen Standpunkt zu suchen, statt überhastet mit dem Skizzieren und Malen zu beginnen, dann unruhig zu werden, einen nächsten Standpunkt zu suchen, wieder hibbelig zu werden und am Schluss frustriert von dannen zu ziehen und/oder beim späteren Betrachten des Bildes zu denken: „Hätte ich doch …“.
  • Einem Kochrezept ‚gehorchen‘, es also einmal Schritt für Schritt zu befolgen, statt nach der Methode „Ich mach’s mal doch lieber so …“ vorzugehen (und nachher über den verkorksten Kuchen und sich selbst enttäuscht zu sein).
  • Beim Wandern (und ähnlichen Projekten) auf Abkürzungen zu verzichten. Diese sparen zwar Zeit, sind aber meist unverhältnismässig ermüdend (dazu passende Stichworte: „Der Weg ist das Ziel“ oder: „Der Weg ist klüger als der Mensch“).
  • Seite für Seite die Bedienungsanleitung der lange ersehnten Nähmaschine zu lesen, statt wie wild darauf loszunähen und dann innerlich zu fluchen, wieso jetzt plötzlich dies oder jenes nicht funktioniert und daüber sauer zu sein, dass man wohl ein Montagsmodell erwischt hat.
  • Beim Reinigen des geliebten Fahrrades auch einmal Unnötiges zu putzen, dass es einer Schnellbleiche zu unterziehen.
  • Seiner oder seinem Geliebten lange genug passiv Aufmerksamkeit zu schenken, anstatt in Gedanken und/oder im Verhalten schon wieder woanders zu sein.
  • Im Supermarkt in der Schlange an der Kasse stehen bleiben und an etwas Schönes denken, statt gierig und nervös nach einer etwas kürzeren Warteschlange Ausschau zu halten und womöglich mit dem Einkaufswagen im Zickzack-Kurs eine Kasse nach der anderen anzusteuern.

Menschen mit einer ADHS wünschen und suchen diese Ruhe- und anhaltenden Genussmomente und möchten im Grunde genommen das, was sie tun, richtig tun. Kaum haben sie sie gefunden oder mit etwas Angenehmen begonnen, zieht es sie jedoch wie in einem Zwang weiter zum nächsten Kick. Dies wohl (oder bald darauf) wissend, dass sie jetzt einmal wieder zu schnell weg oder zu schnell beim Nächsten waren. Ihr innerer Kompass weist und treibt sie halt syndromtypisch ständig in Richtung Stimulationsgewinn.

Dieses Vorwärtsgetrieben sein kommt nicht nur bei der ADHS vor, es tritt bei Vorliegen einer ADHS aber als Kernsymptom in Erscheinung (und nicht nur als Nebeneffekt, wie etwa bei Narzissten oder bei Angststörungen).

Bei allen Vorteilen, welche ein hoher Energielevel mit sich bringen kann, überwiegen bei ADHS-Betroffenen mittelfristig die Nachteile. Negative Auswirkungen der chronischen inneren Unruhe und des Vorwärtsgetriebenseins sind vielfältig. Sie können sich in einer Hypertonie zeigen oder in anderen Stresssymptomen. Burnout ist eine mögliche Folge.

Während einige ADHS-Betroffene die Ruhe durchaus mehr oder weniger aktiv suchen, vermeiden andere die Situationen wohlwissend, dass sie es eh nicht aushalten und wieder die Flucht nach vorne antreten.

Was tun? Theoretisch ist es einfach: Man lernt etwas nur dann, wenn man es tut. Dazu kann eine Psychotherapie hilfreich sein. Oder das Engagement in einer ADHS-Selbsthilfegruppe.

Um keine falschen Hoffnungen zu wecken: Das Erlernen von heilsamer, kontemplativer Hingabe kann eine medikamentöse Basis-Therapie nicht ersetzen. Im Gegenteil: Gewöhnlich ermöglicht erst eine Behandlung mit Stimulanzien, dass ADHS-Betroffene aus den therapeutisch angeleiteten Erfahrungen lernen und Hingabe einüben können.

Positive Effekte von Hintergrundgeräuschen bei ADHS

Unaufmerksame Schüler/-innen mit einer ADHS von externen Reizen abzuschirmen erweist sich meistens als unproduktiv. Die Erfahrungen zeigen schon lange, dass ein gewisses Mass an Hintergrundstimulation bei vielen ADHS-Betroffenen zu einer verbesserten Konzentration führt.

In der Studie: „The effect of background white noise on memory performance in inattentive school children“ vom Herbst 2010 gingen Göran B.W. Söderlund und Mitarbeiter diesem interessanten Phänomen nach. Von science.ORF.at gibt es eine verständliche Zusammenfassung der Studienergebnisse.

Fazit:

  1. Mütter von ADHS-Kindern sollen deren Wunsch nach Musik beim Erledigen der Hausaufgaben ernstnehmen.
  2. ADHS-Schüler/-innen sollte im Unterricht bei Stillarbeiten probehalber erlaubt werden, per Kopfhörer Musik zu hören (wer weiss, vielleicht ist es mit diesen Studienergebnissen in der Hand etwas leichter, Lehrkräfte von ADHS-Kindern für diese Massnahme zu gewinnen. Meistens stiess ich mit diesbezüglichen Vorschlägen bisher nämlich auf Granit).