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Radio-Feature: Klarheit im Kopf …

Auf einer Autofahrt habe ich am Sonntag ein interessantes Feature im DLF gehört.

Es ging u.a. um Tätigkeiten bzw. auch Berufe, die mit Monotonie bzw. langer Dauer der Aufgabe verbunden sind. Und die eine Art innerer Zufriedenheit gerade dadurch auslösen. 10 km zur Schule laufen und wieder zurück. Socken stopfen in der DDR, Perlen ansticken an einen Hut … Strassenfegerin …

Eine Art Entschleunigung, die dann eine Klarheit im Kopf erzeugt. Eine 99 Jährige sagte dann sinngemäss : Ich bin ganz klar im Kopf. Das Gegenteil wäre ja, dass alles verschwommen bzw. unklar wäre, dann wäre sie ja unruhig …

Ich finde, dass es hörenswert ist. Und man auf die Suche nach Aufgaben gehen sollte, die Klarheit im Kopf machen.
Zur DLF Seite des Beitrags ->  DLF

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Belohnungen und Langeweile bei ADHS

Es gibt Tage, da können einen gemeinen ADHSler eben nur besondere positive Erlebnisse aus dem Zustand der Trägheit herausreissen. Oder eben andere Menschen, die eine positive (mitreissende) Atmosphäre verbreiten.

In diesem Zusammenhang bin ich auf eine Studie gestossen, die sich diese Problematik von Belohnungen (oder Psychostimulantien) bei ADHS-Kindern und Jugendlichen genauer in Hirnscans anschauen wollte.

Wenig überraschend war dabei, dass Kinder mit ADHS bei einem Spiel-Test entweder deutlich höhere Belohnungen als Vergleichspersonen ohne ADHS brauchten oder aber auf eine gut eingestellte Psychostimulantien angewiesen waren. Soweit bekannt.

Mir nicht so bekannt war, dass es im Gehirn quasi ein neuronales Netzwerk gibt, das besonders bei Langeweile bzw. Monotonie aktiv ist und eben aktiv „ausgestellt“ werden muss, damit man bei Aufgaben am Ball bleibt.

Dieses DMN (Default Mode Network) ist dann aktiv, wenn wir NICHTS tun bzw. eben im Tagtraummodus sind. Es wird ausgestellt (oder unterdrückt), wenn wir auf eine Aufgabe fokussiert sind.

ADHS-Kinder können nun dieses DMN eben nicht wirksam „ausstellen“, wenn es drauf ankommt.

Hier wirken starke Belohnungen ähnlich wie Stimulantien positiv auf dieses System. Interessant.

Jetzt kann man natürlich sagen, dass ADHS-Kinder starke bzw. stärkere Belohnungen und Erfolge brauchen. Ganz klar.
Aber es macht auch deutlich, dass ADHS-Kids eben einen Nachteil haben, weil sie eben auf normal starke Belohnungen eben nicht reagieren werden bzw. eben im Störrauschen des nicht-supprimierten DMN-Modus verharren.

Mehr zu dieser Studie (auf Englisch) hier.

Mehr zu diesem System hier (englisch):

Domino-Day und ADHS

Erinnert sich noch jemand an die RTL-Trash-Sendung „Domino-Day“? Es ist November und ich habe mich beim Laubharken gefragt, wo denn wohl diese Sendung abgeblieben ist. Seit 2009 wegen finanzieller Schwierigkeiten nicht mehr fortgeführt …

Eigentlich ist (war) es eine total sinnfreie Veranstaltung über Monate in einer speziell präparierten Halle ca 4,8 Millionen Dominino-Steine aufstellen zu lassen bzw. dann penibel zu kontrollieren. Und dann sog. „Challenges“, also erschwerende Aufgaben einzubauen. Und natürlich alle möglichen und unmöglichen „Rekorde“ damit zu verknüpfen.

ADHSler lieben aber Wetten, Herausforderungen und unsinnige Wettbewerbe. Na ja, Ausnahmen bestätigen die Regel.

Weshalb ich auf Domino-Day komme? Keine Ahnung. Mir geisterte die Idee der „Aorta“ durch den Kopf. Das war eine Art „Sicherheits-Linie“ von Dominosteinen für den Fall der Fälle (besser beschrieben: Für den Fall, des Nicht-Fallens) mit Unterbrechen der Kettenreaktion der Dominosteine. Nun fehlte mir schon 2010 und 2011 die Sendung nicht und vermutlich habe ich sie sogar 2009 nicht gesehen. Mit dem Zeitgefühl ist es bei mir halt auch so eine Sache …  Aber dennoch eine sehr erfolgreiche Fernsehsendung, die es halt Jahr für Jahr gab.

Das wäre bei einem Werbesender wie RTL natürlich zu blöd, wenn dies in den ersten paar Minuten passieren würde. Man denke sich einen Klitschko-Boxkampf, der in der 2. Runde beendet wäre, oder Stefan Raab (anderer Sender), der schon nach 1 Std.  seine „Gegner“ in Grund und Boden gespielt hätte. Undenkbar. Hier geht es ums „Aushalten“ (der unzähligen Werbeeinblendungen und sinnfreien Sendungen). Aber auch sonst im Leben ist „Daueranstrengungsbereitschaft“ eben nicht eine der herausragenden ADHS-Eigenschaften. Es sei denn, man hat ein Ziel vor Augen, für das „man brennt“.

Aber auch im noch „echteren“ Leben (als unsere Fernseh-Reality), sind Unterbrechungen für ADHSler meist übel. Ist schon das „Anfangen“ schwierig, so sind Unterbrechungen meist die absoluten Motivations-Killer.

Nun stellt sich natürlich die Frage, WER oder WAS könnte nun auch als eine Art „Impulsgeber“ bzw. positiver Anstoß herhalten, wenn es mal wieder „klemmt“ bzw. der Gefühlsabsturz droht oder eingetreten ist ?

Das Schreiben eines Blogs (wie diesen hier) kann eine Art „regelmässiges Ritual“ sein. Auch Sport bzw. das Üben für das Erlernen eines Musikinstrumentes sind da so Ideen. Sich um Pflanzen oder ein Tier kümmern… Sich Menschen suchen, die gut tun.

Welche „emotionalen Sicherheitsnetze“ helfen Euch ?

ADHS bei Erwachsenen: Verhaltenstherapie (Teil 1 von x)

Kurz vor Silvester gab es das Journal Atten Def Hyp Disorder für lau im Netz. Sorry, dass ich darauf nicht aufmerksam gemacht habe. Dort fand ich den ausgesprochen lesenswerten (englischsprachigen) Artikel von zwei (weiteren) Schweizern. Patricia Newark und Rolf-Dieter Stieglitz von der Universität Basel haben in dem Artikel „Therapy-relevant factors in adult ADHD from a cognitive behavioural perspective“ bereits im Jahr 2010 (2:59-72) eine Fleissarbeit zum Thema ADHS-Psychotherapie bei Erwachsenen zusammengestellt. Eigentlich primär aus der Sicht der (mir eigentlich eher als Auslaufmodell geläufigen Schematherapie nach Piaget) und eben im Sinne einer eher kognitiven VT nach Beck.

Ich finde den Artikel gut. Ich muss ja den Inhalt nicht gut finden, da es ja nur eine Zusammenstellung des Wissens über die Grundlagen der VT bei ADHS ist. Die Autoren können ja nichts für die Inhalte des Reviews.

Ähnlich wie mir manchmal in der Diagnostik nicht so recht klar ist, worin mein Unbehagen eigentlich liegt, so ist es bei diesem Artikel auch. Eigentlich bin ich (eher) Verhaltenstherapeut (vielleicht mit Schwerpunkt DBT = dialektisch-behavioraler Therapie) mit besonderer Vorliebe für Immaginationsverfahren (die man als VTler durchaus benutzen darf). Aber so ganz warm bin ich mit der VT bei ADHS im Erwachsenenalter bisher nicht geworden. Vielleicht, weil ich es nicht richtig verstanden habe. Vielleicht, weil mir die vorliegenden Therapiemanuale eben nach einer gewissen Zeit nicht so richtig von der Hand gehen wollten, eher also so innere Widerstände erzeugten.

Ich möchte versuche, mich an der Struktur der Übersicht von Newark und Stieglitz dem Thema Therapierelevanz in der Psychotherapie bei ADHS zu nähern. Wie so häufig bei mir, wird es mehr Fragen als Antworten aufwerfen. Befürchte ich jedenfalls.

Fangen wir mit dem Anfang an, den man (die Autoren) Introduction nennt. Da kann man schon einmal nicht so viel falsch machen, wenn man ADHS als eine neurobiologische und hochgradig vererbbare Störung mit chronischem Verlauf seit der Kindheit bezeichnet. (Nun ja, ob nun Störung oder Krankheit oder Veranlagung …).

Als überdauernde neuropsychologische Einschränkungen werden:
– Aufmerksamkeitsprobleme
– emotionale Instabilität (sic!)
– desorganisiertes Verhalten
– unzureichende Selbstregulation
– mangelnde Disinhibition (Selbstbeherrschung)
angegeben.
70-75 Prozent der Patienten in Behandlung weisen dabei mindestens eine psychiatrische Begleit- oder Folgeerkrankung auf.

Nun ist offenbar die Grundannahme der Autoren, dass die Ansammlung von negativen Erfahrungen sich negativ auf die Entwicklung von Selbstwertgefühl bzw. Selbstwirksamkeit auswirken. Schlimmer noch, es werden sogenannte innere Schemata bzw. Grundüberzeugungen über sich selbst und das Leben an sich erzeugt, die ungünstig sind. Vereinfacht ausgedrückt: Man sieht sich als Versager (sorry, das ist jetzt unfein, aber es ist ja auch meine persönliche Lesart des Artikels).

Nun sollen diese negativen Überzeugungen dazu führen, dass man in stressigen Lebensmomenten und ebensolchen Anforderungen ungünstige Bewältigungsstrategien anwendet. Hierzu zählen die Autoren Vermeidung und Prokrastination (Aufschieberitis). Weil man damit nun im verhaltenstherapeutischen Sinne keinen Blumentopf gewinnen kann (also keine Belohnungen, sondern eher negative Erfahrungen lernt) führt dies zur Aufrechterhaltung und Verstärkung von negativen Abläufen bzw. Teufelskreisen. Gefangen in diesem Mühlrad der negativen Erfahrungen verfestigen sich die negativen Selbstüberzeugungen.

Dann ist die Lösung aus VT-Sicht einfach und naheliegend: Da die ADHSler ja über jede Menge Ressourcen und Kreativität verfügen, muss man diese nur wieder für den Klienten nutzbar machen und damit schwupps halt mal die Teufelskreise auflösen. Wie das geht, lernen wir dann noch …

Mein Kommentar: Eigentlich kann man doch nicht auch bei diesen Grundweisheiten eine abweichende Meinung haben, oder?

Und doch …  Stimmen denn überhaupt diese Grundannahmen im Ansatz?

Ist ADHS eine erlernte (und damit durch Therapie verlernbare) Störung? Und sind nun die Erfahrungen erlernt oder eher erschreckt (= wiederkehrende traumatische Erfahrungen)? Das wäre hochgradig relevant, weil man Traumata eben völlig anders angehen müsste.

Wie berücksichtigt die VT von ADHS im Erwachsenenalter beispielsweise die sog. „Organismusvariable“, d.h. die ja beschriebene neurobiologische Disposition? Stimmt es überhaupt, dass ADHSler eine zu negative Selbstbeurteilung haben (oder überschätzen sich viele Betroffene nicht auch ?). Möglicherweise eckt man ja sogar gerade deshalb an, weil man eine „klare“ Sicht hat, diese aber in der Kommunikation und Interaktion falsch kommuniziert?

Fragen über Fragen, die ich jetzt nicht beantworten kann / will.

Zunächst also demnächst mehr über die Definition von Schemata bzw. Grundüberzeugungen nach Piaget / Young und Beck …

Sorry, jetzt haben wir gleich zwei Fortsetzungsromane parallel in diesem Blog.

ADHS: ein ganz normales Leben

Manchmal könnte ich platzen vor Wut, dass ich nicht so bin wie andere. 
Manchmal bin ich darüber sehr, sehr traurig. 
Manchmal möchte ich aufgeben, denn es hat doch alles keinen Sinn. 
Manchmal kann ich herzlich über mich lachen. 
Manchmal liebe ich mich für mein anders-sein. 

Maike auf Xing 30.10.2009

Das Leben mit ADHS ist alles andere als langweilig. Aber eben auch alles andere als leicht. Ein „ganz normales Leben“ führen ist Wunschtraum und Horrorvorstellung zugleich, wenn man eine ADHS-Disposition hat. Statt lebenslang sich an die „STINOS“, die stinknormalen „Normotypiker“ anpassen zu sollen und häufig gar nicht wahrnehmen zu können, wo man wieder in ein Fettnäpfchen getappt  ist oder aber durch seinen besonderen Wahrnehmungs- und Reaktionsstil Probleme für sich oder andere verursacht hat, ist Stabilität für viele ADHS-Betroffene ein Fremdwort.

Nun ist Anpassen an sich eine Anforderung im Alltag, die nicht für jeden ADHSler als erstrebenswert gilt, weil sie immer und immer wieder nicht gelingt. Häufig genug sind Stolpersteine oder Poller im Wege, die uns verzweifeln lassen und selbst das stärkste Stehaufmännchen zum Liegenbleiben und in die Resignation treiben könnten. Aber Nicht-Anpassung ist nur für wenige Exoten mit ausreichendem finanziellem Background möglich, wenn man auf diesem Planeten leben will. Die Forderung, dass sich nun die Stinos anpassen sollen, ist natürlich eine Utopie. Und ehrlich gesagt bin ich mir auch nicht sicher, ob ich nun auf einem reinem ADHS-Planeten leben möchte. Die Vielfalt machts und ein Leben nur mit ADHSlern ohne Anpassungsbereitschaft wäre sicher ein Graus.

Die Medikation und ein Strategietraining eines Coaches oder Verhaltenstherapeuten ist für viele von uns erst die Grundlage dafür, zu merken, was im Leben ständig daneben läuft. Mit Medikation und konstruktivem Feedback von Anderen gelingt es zu erkennen, warum man immer und immer wieder die falschen Wege direkt durch die Wand versucht, statt die offenen Türen zu wählen. Erst dann können viele ADHSler eben ihre Stärken und Ressourcen überhaupt erkennen und damit dann auch Schritt für Schritt in die Tat umsetzen.

Ich denke hier gerade an eine meiner derzeitigen Patientinnen im Essstörungsbereich unserer Klinik, bei der lebenslang ein ADHS mit schwerer Störung des Sozialverhaltens nicht erkannt wurde. Sie ist regelrecht nicht wieder zu erkennen, wenn sie Medikation hat. Einsichtiger im Sinne von: Sich selber nach innen sehen können und nicht sofort auf jeden inneren oder äußeren Reiz reagieren müssen und impulsiv handeln zu müssen (und damit immer und immer wieder anecken zu müssen). Was ihr aber fehlt, ist ein normales Leben. Weil sie es in den letzten Jahren nicht leben konnte, nicht leben durfte. Schlicht nicht weiss, was „normal“ ist. Was andere Menschen mit und ohne ADHS-Konstitution denn so im Leben machen. Wie es geht, soziale Beziehungen zu leben. Wie man mit Langeweile umgeht oder sich selber bei Stress und Anspannung wieder beruhigt. Welche Tricks es gibt, wenn man eben den eigenen „An-Schalter“ nicht findet und das Gehirn auf Standby läuft, was einen zum Wahnsinn treiben kann. Wie schön das Leben auch oder gerade mit ADHS sein kann.

Zu erleben und ausprobieren zu dürfen, wofür sie Feuer und Flamme ist. Wofür ihr ADHS-Gehirn „brennt“, soviel tolle Energie hat bzw. eben ein „Turbo-Gehirn“ ist. Wenn aber das Getriebe nie gelernt hat, richtig und situationsangemessen „einzurasten“ statt immer Ausraster zu leben, wird es schwierig.

Sie lebt seit der Pubertät als eine besondere Form des gestörten Sozialverhaltens eine lebensgefährliche Anorexie. Sie kennt nichts anderes als schädigendes Verhalten. Zwar nicht wie antisoziale Menschen gerichtet gegen Andere, wohl aber gegen den eigenen Körper, gegen ihre Familie und letztlich auch gegen Beziehungen und Nähe an sich. Weil sie es eben nie erlebt hat, dass Anpassung im Leben mit ADHS sich lohnt.

Es ist nicht zu spät, aber eben mit 28 oder 30 wesentlich schwerer, da einen Lebensentwurf zu entwickeln. Wenn man sich gegen die Existenz von ADHS, gegen neurobiologische Grundlagen von ADHS und daraus abgeleitete multimodale Behandlung ausspricht, sollte man sich die Folgen der Nicht-Behandlung von ADHS vor Augen führen. Diese Nebenwirkungen können lebensgefährlich sein und ein Leben leben verhindern!