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ADHS und Bildschirmmedien (Teil 21)

Wie es weiter lief, können Sie sich vorstellen. Jeden Abend wurde im Internet bei Ricardo nachgesehen, wie der Stand der Dinge ist. Gemeinsam mit dem Vater wurden allfällige Fragen von Interessenten zuerst besprochen und dann per Internet beantwortet. Zwischenzeitlich seien sie schon recht gut ausgerüstet und mit dem Verkaufserlös würde das Taschengeld der Kinder mitfinanziert. Auch habe man mit dem Erlös habe neue Werkzeuge kaufen können.

Jan sei ein richtiger Profi in Sachen Bildbearbeitung geworden. Er bediene zwischenzeitlich das Programm „Photoshop Elements“, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Und Eric habe vor – auch wenn er noch nicht vierzehn Jahre alt sei – in den nächsten Ferien eine Schnupperlehre als Zweiradmechaniker zu absolvieren. Er möchte zwar diesen Beruf nicht erlernen, erhoffe sich aber, Knowhow zu gewinnen, um die Fahrräder noch besser reparieren zu können.

Auch wenn die beiden Buben nach wie vor Mühe bekundeten beim Erledigen der Hausaufgaben, schien sich die gesamte ADHS-Problematik doch ganz erheblich entschärft zu haben. Frau Hoffmann erzählte, dass Jan von sich aus begonnen habe, Bücher zu lesen. Es sei gar kein Thema gewesen, der Knabe habe einfach so damit begonnen.

Die Stimmung in der Familie sei entspannter und von den Lehrern beider Buben sind positive Rückmeldung gekommen. Herr Hoffmann berichtete stolz, wie schnell Eric begriffen habe, einen Lenkervorbau anzupassen und wie gut Jan schon den Gangwechsel bei einem Fahrrad mit Kettenschaltung einstellen könne. Schliesslich sagte Frau Hoffmann, dass auch das Eheleben eine erfreuliche Wendung zum Guten genommen habe.

Aufgrund der sehr positiven Entwicklung wurde auf eine Verlaufskontrolle mit den Buben verzichtet. Wir sind so verblieben, dass sich Herr und Frau Hoffmann wieder bei mir melden, falls erneut Probleme auftauchen. Ich hörte nichts mehr.

Einen Monat später erhielt ich noch eine E-Mail der Arbeitskollegin der Mutter, deren Tochter ebenfalls an einer ADHS litt. Beeindruckt durch die positive Veränderung habe auch sie in ihrer Familie einschneidende Umstellungen in Sachen TV und Computer vorgenommen, was sich extrem positiv ausgewirkt habe.

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Software-Tipp: Adobe Photoshop Elements 10 deutsch

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ADHS und Bildschirmmedien (Teil 20)

Die Fahrrad-Story
Weil alle Familienmitglieder bereits Fahrräder besassen, stellte sich dann bald die Frage, was mit dem reparierten Velo geschehen soll. Einer der Buben kam auf die Idee, dass es verkauft werden könnte, erzählte Herr Hoffmann.

Schliesslich entschieden Vater und die beiden Buben, das Fahrrad am Samstag bei Ricardo (ähnlich eBay) zu versteigern, was sie dann auch gemeinsam taten. Das erforderte eine gewisse Vorbereitung, da die Familie mit Versteigerungen bei Ricardo noch keine Erfahrungen hatte. Gemeinsam wurden die Bedienungsanleitung und die AGB ausgedruckt und studiert. Am darauf folgenden Samstagvormittag wurde das reparierte und herausgeputzte Fahrrad von Eric fotografiert.

Jan und sein Vater haben die Aufnahmen dann mit einem Fotobearbeitungsprogramm nachbearbeitet. Jan habe das zum ersten Mal gemacht und sei sehr begeistert gewesen. Eric habe schliesslich einen Textentwurf geschrieben, welcher dann im Team, wie Herr Hoffmann hervorhob, ergänzt und überarbeitet wurde.

Schliesslich wurde das Inserat in Ricardo erfasst und die Fotos auf den Server hochgeladen. Startpreis war ein Franken. Durch diesen niedrigen Startpreis sollten möglichst viele Interessenten angelockt werden, habe Eric argumentiert.

Am gleichen Samstagnachmittag suchten Herr Hoffmann und seine beiden Buben erneut den Werkhof auf und sind im Alteisencontainer – wie erhofft – aufs Neue fündig geworden.

Eine Woche später war die erste Versteigerung beendet, die zweite wurde gestartet. Am Sonntag holte der Käufer sein Fahrrad ab und der Vater und seine beiden Buben haben besprochen, was mit dem Erlös – es waren 46 Franken – passieren soll. Es wurde entschieden, für einen Fahrrad-Montierständer zu sparen.

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Buchtipp: Fahrrad – Wartung und Reparatur

ADHS und Bildschirmmedien (Teil 19)

Drei Monate später …
Wie vorgesehen habe ich nach rund drei Monaten Frau und Herrn Hoffmann wieder in der Sprechstunde gesehen. Sie schienen wie verwandelt, strahlten beide wie Maikäfer und vermochten fast nicht zu erwarten, mir erzählen zu dürfen, was zwischenzeitlich alles gelaufen ist. Folgendes ist geschehen:

Frau Hoffmann hat sich über das Thema Bildschirmmedienkonsum bei Kindern sachkundig gemacht. Ihre Freundin, eine Bibliothekarin, war ihr behilflich, an die entsprechenden Bücher und Informationen heranzukommen. Das Gespräch bei mir hätte ihr so viel Kraft gegeben, ihren Mann so lange zu bearbeiten, bis er in eine hundertprozentige TV-Diät eingewilligt habe. Fernseher und die Spielkonsolen seien an einem Freitagabend auf dem Dachboden versorgt worden. Eric und Jan seien dermassen überrascht und perplex gewesen und es sei alles so fix gegangen, dass es gar nicht zu Streit gekommen sei. Eric hätte sogar mitgeholfen und noch die Kabel des Fernsehapparates auf den Dachboden gebracht.

Am darauf folgenden Samstagnachmittag hätten der Vater und die beiden Buben zwei alte Gartenstühle und einen alten Rasenmäher in die Entsorgungsstelle der Gemeinde gebracht und dabei im Alteisencontainer ein noch gut aussehendes Fahrrad entdeckt. Man habe dies herausgefischt und nach Hause transportiert. Herr Hoffmann und seine Buben hätten dann angefangen, das alte Velo instand zu setzen. Da doch mehr zu tun war, als anfänglich gedacht, zogen sich die Arbeiten bis Donnerstag der kommenden Woche hin. Es waren aber nicht etwa Ferien, so dass die Reparatur-, Einstell- und Reinigungsarbeiten an diesem Fahrrad abends nach dem gemeinsamen Essen, gemacht wurden.

Beide Buben arbeiteten voller Elan mit, berichteten mir die Eltern. „Keine Lust haben“ war irgendwie gar kein Thema. Es schien, als würde die frei werdende Zeit automatisch gefüllt durch das Interesse an diesem Velo und die Freude an der Zusammenarbeit mit dem Vater, berichtete Frau Hoffmann.

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ADHS und Bildschirmmedien (Teil 18)

Was tun?
Bei der Besprechung der Untersuchungsbefunde geht es ja in allererster Linie darum, den Eltern konkrete Vorschläge zu unterbreiten, ihnen also mitzuteilen, was konkret sie tun können, um den Problemen der Kinder zu begegnen.

Wie vorhin gesagt, riet ich zu einer Reduktion des Fernsehkonsums und zu einer „Game Boy Diät“. Mein Rat lautete konkret: dreissig Minuten pro Tag TV, keine „Action“, keine „schnellen Inhalte“. Als positives Beispiel erwähnte ich die Wissenssendung „Nano“ auf dem Sender 3Sat. Und wie gesagt kein Game Boy und keine anderen Computer oder Konsolen-Spiele. Ich habe den Eltern zudem geraten, sich grundsätzlich mit dem Thema Bildschirmmedienkonsum zu befassen und habe ihnen das Ratgeberbuch „Vorsicht Bildschirm“ des Arztes und Psychiaters Manfred Spitzer, seines Zeichens Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, empfohlen. Vereinbart wurde, dass ich Jan und Eric zwecks Verlaufskontrolle in drei Monaten wieder in der Sprechstunde sehe und dabei unter anderem auch eine kurze testpsychologische Nachkontrolle durchführe.

Der Schock
Was dann passierte, hat meine Arbeit mit ADHS-Betroffenen nachhaltig verändert. Es war ein kleiner Schock, wie ich ihn schon einmal vor 15 Jahren erlebte. Damals realisierte ich bei einer erwachsenen Patientin zum ersten Mal, dass sich eine ADHS mit der Pubertät nicht immer auswächst und dass auch Erwachsene von der medikamentösen Therapie mit Stimulanzien profitieren können. Was ist passiert?

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Buchtipp: Vorsicht Bildschirm!: Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft

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ADHS und Bildschirmmedien (Teil 16)

Fernsehen vs. Lesen
Im weiteren Gesprächsverlauf kamen wir dann auf das Thema „Lesen“ zu reden. Eric und Jan lasen nie freiwillig. Ich zeigte den Eltern auf, dass viele Kinder, welche zu viel fernsehen, an mentaler Fantasiekraft verlieren (oder diese gar nicht aufbauen können, wenn der TV-Konsum schon in der Vorschulzeit die Hauptbeschäftigung der Kinder war).

Grund dafür ist, dass am TV alles fix und fertig präsentiert wird. Bild, Ton und eine meistens sehr simple Story werden in einem Guss serviert. Das Gehirn muss nicht aktiv werden. Es wird – wie man so schön sagt – angenehm berieselt oder eben „eingelullt“.

Beim Lesen ist es komplett anders: Der Sinn des Gelesenen erschliesst sich einem nur, wenn man sich das, was man gerade liest, auch vorstellt, wenn das Gehirn also aktiv ist und Bilder zum Gelesenen produziert und diese zu einem „inneren Film“ verknüpft. Für viele von Ihnen mag dies eine Selbstverständlichkeit sein. Für immer mehr Schülerinnen und Schüler ist es das leider nicht.

Viele der medienüberfluteten Kinder „sehen“ einfach nichts, wenn sie versuchen, zu lesen. Sie haben es schlicht und einfach nicht ausreichend lernen können, sich selbst Sachen auszudenken und sich diese vor dem inneren Auge auszumalen. Dies unter anderem, weil ihnen der Zeitfresser TV die Möglichkeit raubte, reale Erfahrungen mit realen Dingen und Abläufen zu gewinnen.

Beim normalen Spielen mit dem Puppenhaus, mit Lego, mit Spielzeugautos und beim Basteln mit Holz, Karton oder anderen Materialien trainieren die Kinder automatisch ihre Fantasie, also etwas nach ihren Vorstellungen entstehen zu lassen. Dabei machen sie wichtige Lernerfahrungen. Zum Beispiel, dass es mühsam sein kann, es Geduld und manchmal mehrere Anläufe braucht, um eine Burg aus Karton sauber auszuschneiden und zusammenzukleben. Beim Fernsehen hingegen lernen sie genau das nicht. Und je mehr die Kinder Bildschirmmedien konsumieren, umso weniger Zeit bleibt ihnen für diese realen Lernerfahrungen.

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ADHS und Bildschirmmedien (Teil 15)

Der gefrorene Blick
Wenn das Gehirn nicht „nicht lernen“ kann, was lernt es dann beim Schauen der TV-Serie „Cobra 11“, was bei „Sponge Bob Schwammkopf“ und was bei den „Simpsons‘?“, fragte ich die Eltern. „Nichts!“, sagte daraufhin Frau Hoffmann, sie habe ja immer schon gesagt, dass der Fernseher den Kindern nicht gut tue. Darauf ich dann wieder: „Doch, doch das Gehirn des Kindes lernt – und wie! Nicht vergessen: Man kann nicht ‚nicht lernen‘! Nur was lernt das Kind?“

Also: Es lernt beispielsweise, sich entspannt und sehr wohl zu fühlen, obwohl es nichts dafür tun muss. Während der TV- oder DVD-Zeit lebt das Kind in einer anderen Welt. Es identifiziert sich mit den Protagonisten, fiebert, freut sich und leidet mit und das alles, ohne dass es dafür auch nur einen einzigen Finger krümmen muss. Das Kind liegt auf dem Sofa, knabbert Chips, bewegt sich kaum und muss sich nichts kreativ ausdenken. Alles wird fixfertig serviert. Selbst beim spannendsten Krimi ist alles vorprogrammiert. Und das selbst dann, wenn uns der Regisseur quasi „auf die falsche Fährte“ schickt und uns scheinbar etwas an Nachdenken abverlangt.

Dass Kinder und Erwachsene den Konsum von TV so entspannend und wohltuend erleben, liegt unter anderem daran, dass der passive TV-Konsum und unser starrer, „gefrorener“ Blick auf die Mattscheibe dazu führen, dass unser Gehirn viele langsame Alphawellen produziert. Man kann sagen, das kognitive und vegetative System wird etwas „heruntergefahren“. Dies erklärt auch, warum man beim Fernsehen weniger Kalorien verbrennt, als beim Nichtstun. Und es erklärt auch, warum die Aufnahme- und Lernfähigkeit vor dem TV deutlich reduziert ist. Ein gedämpftes Hirn kann Informationen nicht aktiv verarbeiten und auch nicht gut im Langzeitgedächtnis abspeichern. Oder wissen Sie noch, was vorgestern das Hauptthema in der Tagesschau war?

Während Herr Hoffmann meistens schweigend zuhörte, lieferte die Mutter viele Beispiele aus dem Familienalltag, welche das von mir Ausgeführte bestätigten. Unter anderem erwähnte sie, dass ihrer Meinung nach auch ihr Mann fernsehsüchtig sei. Eigentlich, so bemerkte sie, drehe sich in ihrer Familie  alles nur noch um TV, PC- und Konsolenspiele.

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Buchtipp: Der gefrorene Blick: Physiologische Wirkungen des Fernsehens und die Entwicklung des Kindes

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