ADHS und schwere Adipositas

Aus mehr oder weniger sehr aktuellem Anlass beschäftige ich mich gerade mit Themen aus meiner „Vergangenheit“ in Sachen ADHS.

Treue Leser wissen, dass Essstörungen und Adipositas zu meinen besonderen Interessen gehören. Und das nicht, weil ich zu viele Kilos auf die Waage bringe, sondern weil ich sehr lange in diesem Bereich gearbeitet habe. Wer weiss, vielleicht holt mich ja die Vergangenheit auch da mal wieder ein 🙂

Eines der Themen ist der ja inzwischen nicht mehr zu leugnende Zusammenhang von schwerer Adipositas (Grad 2 und 3) und dem Vorliegen einer ADHS-Konstitution.

Eben bin ich auf eine ältere Studie gestossen (2009), die noch einmal sehr eindringlich vor Augen führt, dass bei einer sog. therapie-refraktären Adipositas UNBEDINGT und natürlich auch vor (meist dennoch unbedingt zu diskutierenden) operativen Massnahmen das Vorlegen von ADHS sehr sehr sehr gut untersucht werden sollte.

Um hier ganz klar zu sein : Das bedeutet MEHR als einen Screeningfragebogen oder die ICD-10 Fragen abzufragen. Gerade bei ADHS bei Frauen bzw. in dem hier diskutieren Zusammenhang ist die zugrundeliegende Störung der höheren Handlungsfunktionen, der Impulskontrolle und der Selbstregulation eben nicht mal eben mit 6 oder 18 Fragen ermittelt. Und es kann sehr wohl so sein, dass eine Patientin oder ein Patient eben gerade NICHT durch Lernstörungen oder andere Verhaltensprobleme auffällig wurde.

Die Studie zeigt, dass die Berücksichtigung von ADHS und die Einleitung einer suffizienten Pharmakotherapie entscheidend und damit möglicherweise lebensrettend sein kann :

In der gut behandelten Gruppe war eine Gewichtsabnahme um 12,4 Prozent zu berichten. Das ist eine Sensation, da in der Adipositas-Behandlung sonst eine Gewichtszunahme unter 5 Prozent im nächsten Jahr als „Erfolg“ definiert ist.

Die Kontrollgruppe hatte dementsprechend eine „gute“ Gewichtszunahme von „nur“ 2,8 Prozent.

Hier zum Abstract

Fazit : Adipositas – gerade mit Beginn im Kindes- und Jugendalter – muss nicht immer eine Krankheit sein. Wenn es aber trotz intensiver Bemühungen nicht gelingt, in den Prozess der Gewichtsabnahme zu kommen, sollte an das Vorliegen von ADHS gedacht werden.

 

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7 Gedanken zu „ADHS und schwere Adipositas

  1. Pingback: Update: Ausgezählt! – Fettlogik überwinden.

  2. lin

    Da bei ADS viele Hormone nicht richtig arbeiten kommt es bei Frauen gerne zu PCO. Das führt zu Problemen mit dem Insulin und damit zu Adipositas.

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      1. lin

        Ich nehme an das ist grösstenteils eine Folge. Wenn diese ADSlerin sich mit Essen zudröhnt um sich ruhigzustellen (auch Liebesersatz), hat sie in der Pubertätsphase/Mensbeginn eine dicke Taille und das begünstigt das PCO (- ich habe einmal gelesen, dass alle Frauen zu 60% zu PCO neigen). Ob die Hormone „schwächer“ sind als bei anderen, ist zusätzlich zu befürchten.

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  3. Unsinnstifter

    Hallo nochmal. Dieser Beitrag stieß mir grad ins Auge, wie bestellt passend zum Thema.

    Betrachtet man andere Studien, die über 40% der Adipositaspatienten in die Näher einer ADHS bringen, wird klar, wieso man solche neurologischen Auffälligkeiten finden muss.

    http://www.heise.de/tp/artikel/48/48887/1.html

    Dicke haben angeblich weniger weiße und graue Gehirnsubstanz
    Florian Rötzer 20.07.2016
    Nach einer neurowissenschaftlichen Studie neigen Übergewichtige zu „reduzierter kognitiver Leistung, größerer Impulsivität und veränderter Belohnungsverarbeitung“

    Klingt ja schon nach einer Suchanzeige für ADHS-Patienten 😉

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  4. Unsinnstifter

    Das ist ein besonders wichtiges Thema. Die ADHS ist mit ihren konstitutionellen Kontexten dazu prädestiniert eine hohe Gewichtszunahme zu fördern. Aus verschiedenen Gründen heraus. Nicht nur die Symptome der ADHS selbst wie Impulsivität, fehlender Belohnungsaufschub, Dopaminmangel, sondern auch die Komorbidiäten mit Schlafstörungen, sozialen Probleme. Diese insbesondere in belasteten Familien mit mehreren Generationen ADHS unter einem Dach. Jeder dieser Faktoren ist für sich genommen schon eine mögliche Ursache für erhebliches Übergewicht. Besonders emotionaler Streß ist mit erheblichem Übergewicht / Untergewicht assoziiert. Schlafprobleme fördern Übergewicht ebenfalls. Hohes Übergewicht fördert je nach anatomischen Begebenheiten auch Schlafstörungen bis zur Schlafapnoe.
    Schlafapnoe selbst ist erheblich belastend für die physische und vor allem psychische Konstitution und muss bei der ADHS-Diagnostik auch berücksichtigt werden, kann die Symptome verschärfen oder vorgaukeln, was ja allgemein bekannt ist aber doch meiner Auffassung nach im Alltag nicht genügend Beachtung findet. Wie auch allgemein Ärzte keinen Blick für komplexe Erklärungsmuster suchen, sondern im Gegenteil immer die einfachste Erklärung für ein Störungsbild.

    Wenn das Augenmerk mehr auf Störungsbildkombinationen gelegt wird, und Essen als meist unbewußte Kompensationsstrategie betrachtet wird, wird eher ein Schuh daraus.

    bei zuviel Müdigkeit als Wachmacher
    bei sozialem Streß mit seiner antidepressiven Wirkung
    bei der ADHS als Beruhigungsmittel (sehr große Portionen, viel Essen gegen ADHS Unruhe)
    um dem ADHS typischen Dopaminmangel entgegen zu wirken
    um durch Hungern die Endorphine und darüber das Dopamin zu erhöhen

    Ausserdem müsste die Milchmädchen-Gleichung von zuviel Essen = Übergewicht genauer hinterfragt werden, das machen aber gerade Vertreter der „Friss weniger, dann nimmste ab!“ eben nicht. Denen gehts dabei zu oft um Abwehrverhalten und Verachtung gegenüber den „dicken Versagern“ und eigenen Ängsten vor Unzulänglichkeit und Ablehnung. Davon sind auch gerade Ärzte und medizinisches Personal nicht ausgenommen, über deren Fehlverhalten und Fehltherapien dicke Menschen oft Bücher schreiben können.

    Es wird in unserer Gesellschaft der Dicke heute extrem als moralischer Versager betrachtet. Das ist erheblich verbreiteter und salonfähiger als das, was wir bei der ADHS oder bei Depression erleben und führt selbst dazu, das Adipositaspatienten zu Fressern stilisiert werden und in vielen Köpfen geistert das alleinige Prinzip „Übergewicht = zuviel Essen“ herum. Die verschiedenen Probleme, die zu einem Übermaß an kompensatorischem Essen führen, werden ausgeblendet oder zu wenig beachtet und sollen mit Selbstdisziplin überwunden werden. Durch Fleiss! Sport, extrem kontrolliertes Essen und aktivem extrovertiertem Lebensstil. Eine besonders perfide Anforderung an Menschen, die durch negative Prägung und viel Zurückweisung bis zum Mobbing dick(er) werden. Sie sind davon auch Betroffen, weil sie dick sind und durch handfeste psychische Störungen, Krankheit, Armut und Arbeitslosigkeit vom sozialen Leben fern gehalten worden und werden.

    Vor allem die Ignoranz gegenüber Menschen mit geringeren Möglichkeiten zur Gewichtskontrolle, wie es bei der ADHS bekannt ist.
    Planungsmangel, Strukturschwäche und Antriebsprobleme sind prädestiniert dafür, das eine Ernährung mit drei soliden, sich ergänzenden sorgsam zubereiteten Mahlzeiten am Tag nicht stattfindet. Für die braucht es gerade bei Geldmangel erhebliche Planungsfähigkeit und Selbstkontrolle. In ADHS Haushalten findet das oft nicht statt oder bleibt rudimentär und wird durch Fertigmahlzeiten oder kalorienreiches Imbissessen ergänzt. Das wird dann als Therapieresistenz, Widerstand oder Faulheit interpretiert und nicht als ein Ergebniss von wenig Ressourcen.

    Die Adipositaschirurgie und die rücksichtslose propagandistische Reklame über Selbsthilfegruppen und Medien dafür halte ich persönlich nicht für eine Lösung sondern für ein Verbrechen, einer modernen Form des Aderlass. Wenn der Magen erst klein ist, dann ist der Mensch gerettet? Unsinn, dann geht das Leiden für viele erst los. Nicht wenige haben Mangelzustände, brauchen Nahrungsergänzungsmittel. Bei einigen fehlt die Kompensation der psycho-sozialen oder physischen Mangelzustände durch überzogenes Essverhalten. Das erzeugt einen dermaßen großen Druck, das einige trotz der Risiken mehr essen als sie können und dürfen, oder das sie sich den kleinen Magen umgehen mit entsprechend hoher Kaloriendichte des Essens. In dieser Phase sind die Patienten, an denen nicht mehr soviel zu verdienen ist, klinisch dann allein gelassen. Wer dann stirbt, der stirbt statistisch nicht an Magenverkleinerung, sondern an der Adipositas.

    Man könnte fragen wieso Rauchen nicht mit Vernähen der Lippen oder dem operativen Verknoten der Arme hinter dem Rücken behandelt wird. Das wäre nur vorübergehend. Rauchen ist etwa 100-200 mal verbreiteter und genauso schädlich wie operationsfähige Adipositas. Aber reden wir nicht über 15-20 Mio Raucher, sondern über 300.000-600.000 Adipositaspatienten als Finanzgrab des Gesundheitswesens.

    Deshalb ist es so dringend und wichtig das die Adipositas insgesamt eine andere Betrachtung erfährt und mehr Augenmerk auf die wirklichen Ursachen gelegt wird und weniger verkürzt auf Ernärhungs“fehler“ abgestellt. Dann wäre auch eine Differenzialdiagnostik mit der ADHS selbstverständlich abgeklärt bei der individuellen Ursachensuche für eine erhebliche Adipositas.

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Sehe ich auch so. Und die Adipositas-Schwemme wird ja noch mit voller Wucht weiter und weiter zunehmen. Ein Umdenken passiert erst sehr langsam und müsste eben in ein Adipositas-Management führen. Gerade wenn die höheren Handlungsfunktionen und die Emotions- und Impulskontrolle „anders“ ist, wird man mit Ermahnungen und Bestrafungen nicht weiter kommen. Sondern nur Frustessen fördern

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